"Wie ist denn Dein Name?"

fragte Hannah, das kleine Mädchen, das fliegen konnte, die Möwe.

Wir lernen das Mädchen, das fliegen konnte, kennen

»LaLaLaLaLa«, sprach sie vor sich hin, die Augen geschlossen und die Ohren fest mit den Zeigefingern verstopft, um ja nicht zu hören, was im Nachbarzimmer geschah. Wieder einmal schrien sich ihre Eltern an, schon beim Abendessen war es hoch hergegangen. Als sie versehentlich ihr Wasserglas umgeworfen hatte und prompt eine schallende Ohrfeige von ihrer Mutter bekam, war sie weinend vom Tisch aufgesprungen und hatte sich in ihrem Zimmer eingeschlossen. Noch in ihr Weglaufen schrie ihr Vater die Mutter an, die ebenfalls sofort zu schreien begann. Als das erste Geschirr zu Bruch ging, konnte sich Hannah nur noch zu helfen, indem sie Augen und Ohren verschloss und versuchte mit dem »laLaLaLa« den Streit, den Lärm der realen Welt auszublenden, um in ihre eigene Welt zu flüchten. »Wenn die wüssten!«, dachte Hannah. Hannah hatte nämlich ein großes Geheimnis, sie konnte fliegen. Ein geheimer, kleiner Knopf an ihrer rechten Seite, den nur sie zu finden wusste, schaltete diese Fähigkeit ein. Doof nur, dass sie, um diesen Knopf zu drücken, die linke Hand brauchte. Also musste sie den Zeigefinger aus dem Ohr nehmen. Von nebenan dröhnte immer noch der Lärm des immer schlimmer werdenden Streits. Schnell drückte sie den Knopf und steckte den Finger wieder in das Ohr, um nichts zu hören.
Nun war sie frei, das Geschrei aus dem Nebenzimmer egal. Nun konnte sie entkommen, alles hinter sich lassen. Gut war, dass sie einfach durch Decken und Wände hindurch fliegen konnte. Schnell schwang sie sich nach oben und war schon über dem Haus, in dem sie lebte.
Kurz überlegte sie, wohin sie fliegen sollte, dann entschied sie, zuerst zu dem großen Fluss zu fliegen, der im Mondlicht sicherlich herrlich silbrig glänzen würde. Bald schon war sie über dem großen Fluss, ein kleines, schnelles Schiff fuhr aus der Stadt hinaus in Richtung des Meeres, teilte dabei den Fluss, der wie flüssiges Silber schimmerte.
»Wie schön«, dachte Hannah. Ein paar Tränen rannen aus ihren Augen und tropften unten in den großen Fluss.
Ihr müsst wissen, in so einem Fluss findet man immer auch Tränen. Tränen der Freude und der Trauer, Tränen der Wut und der Schmerzen. An den Ufern der Flüsse nahmen Menschen Abschied voneinander, begrüßten Frauen ihre Männer und Kinder ihre Eltern, manche gingen in den Fluss, um zu sterben, weil sie das Leben nicht mehr ertrugen. Flüsse sind wie das Leben, immer voranschreitend, jeder Tag, jede Stunde, ja jede Sekunde anders als die vorhergehende. Nicht gerade, sondern in Kurven unterwegs, so wie auch unser Leben nicht gerade verläuft, sondern in Kurven, manchmal sogar von einem Damm gestoppt, aufgestaut, bis der Fluss, bis das Leben wieder weiter fließt und irgendwann das Meer erreicht. Hannah wollte auch zum Meer. Also flog sie immer den Fluss entlang, überholte viele Schiffe, die unten langsam dem Meer entgegenfuhren. Ihre tuckernden Motoren klangen bis hoch zu Hannah, ein Rhythmus wie ein Lied. Der Fluss wurde immer breiter, schließlich traf er auf das unendlich scheinende Meer. Die Luft roch nun nach Salz und Seetang, ein ziemlich starker Wind schüttelte Hannah durch und ließ sie ein wenig frösteln. Jedoch der Anblick dieser Weite, des weiß-silbern glänzenden Meers, dieser herrlich frische Geruch, der so anders war, als der Muff in der Stadt, machten Hannah glücklich und dafür fror sie gerne ein wenig. Lieber frieren in kalter Luft als vor Angst zitternd im Bett oder in einer Zimmerecke zusammengekrümmt sitzend, während nebenan der Krieg der Eltern tobte.
Sie begann nach unten zu sinken, der Gedanke an die Eltern ließ sie fast abstürzen. Schnell konzentrierte sie sich wieder auf den Flug, schüttelte die Gedanken an den Horror zu Hause ab.
Eine Möwe flog plötzlich neben ihr und sah zu ihr herüber.
»Hallo Möwe!«, rief Hannah der Möwe zu. »Fliegst du auch vor etwas weg?«
»Nein Kind, ich wohne hier im Wind. Ich wollte mal sehen, wer mich hier besuchen kommt. Du bist auf der Flucht?«
»Ja, meine Eltern streiten nur noch. Und wenn ich nur einen kleinen Fehler mache, dann schlagen sie mich.«
Wieder tropften ein paar Tränen aus Hannahs Augen.
»Ich verstehe. Manchmal sehe ich unten am Strand streitende Menschen und weinende Kinder. Das macht mich immer wütend! Gestern erst habe ich vor Wut so einem Vater seine Mütze im Flug vom Kopf gestohlen und dann ins Meer fallen lassen. Und meine Familie und andere Möwen haben ihn ausgelacht.«
»Ihr seid wohl Lachmöwen?«, fragte Hannah, und die Tränen versiegten und die Möwe bemerkte ein kaum erkennbares Lächeln in Hannahs Gesicht. »Wir lachen gerne, ja. Ich bin aber eine große Sturmmöwe. Lachmöwen sind kleiner und um ehrlich zu sein, auch die lachen nicht den ganzen Tag. Auch für uns Möwen ist das Leben nicht immer leicht.«
»Aber ihr habt es doch gut hier am Meer, ihr könnt fliegen, ihr habt einander, seid nicht alleine, das ist doch wunderschön!«
»Ja das stimmt. Aber du kannst doch auch fliegen! Bis ans Meer und wenn du einsam bist, komm doch einfach mal wieder vorbei.«
»Und wie finde ich dich dann?«
»Keine Sorge, ich finde dich! Du bist so ein komischer Vogel hier am Himmel, du bist einfach zu finden.«
Nun musste Hannah lachen, die Möwe hatte recht. Für einen Vogel war sie, das Menschenkind, ganz sicher ein extrem seltsamer Vogel.
»Du kannst ja auch lachen!«, sagte die Möwe. »Vielleicht bist du ja eine besondere Art von Lachmöwe!«
Nun mussten beide lachen.
»Haben Möwen eigentlich Namen?«, fragte Hannah.
»Was denkst du denn? Hast du denn einen Namen?«
»Ja klar!«, antwortete Hannah. »Ich bin Hannah!«
»Ein schöner Name. Weißt du, dass du einen ganz besonderen Namen hast?«
»Nein?« Fragend sah Hannah die Möwe an. »Aber zuerst sag mir deinen Namen!«
»Ich bin Nadja, die Sturmmöwe, Tochter von Janina und Alexander.«
»Hallo Nadja!« Hannah winkte zu ihrer Freundin herüber. »Nadja, das ist ein schöner Name!«
»Ja, ich bin recht zufrieden damit!«
»Und was ist nun an Hannah so besonders?«
»Hannah ist ein uralter Name. Schon vor über tausend Jahren lernte eine Möwe eine Hannah kennen. Der Name hat eine Bedeutung, weißt du welche?«
Hannah überlegte. Aber niemand hatte ihr gesagt, dass ihr Name auch etwas bedeutete.
»Nein, die Bedeutung kenne ich nicht!«
»Die Hannah, die vor über tausend Jahren eine Möwe rettete, du musst wissen, diese Möwe hatte sich in einem Netz verheddert und konnte sich nicht befreien. Diese Hannah befreite die Möwe aus dem Netz und tat genau das, was ihr Name bedeutet. Hannah bedeutet nämlich Gnade oder Barmherzigkeit!«
»Das ist ja schön!«
»Kein Grund zu weinen!«
»Das ist ok!«, meinte Hannah, Menschen können auch vor Glück weinen und du hast mich gerade sehr glücklich gemacht. Ich wusste nicht, dass ich so einen schönen Namen habe.«
»So kann man sich irren!« Die Möwe lächelte zu Hannah herüber und sah, dass auch Hannah lächelte.
Noch einige Zeit flogen sie gemeinsam über das Meer, die Möwe zeigte Hannah, wie man im Sturzflug bis fast ins Meer stürzen kann und wie viel Spaß man dabei haben kann.
Dann verabschiedeten sie sich, bald darauf war Hannah wieder zu Haus. Nebenan war alles ruhig und schnell kuschelte sie sich in ihr Bett und schlief ein.
Heute ist Hannah groß, das Meer und die Möwen liebt sie immer noch, nur geflogen ist sie schon lange nicht mehr. Der Knopf scheint nur zu funktionieren, wenn sie unglaublich traurig ist. Und wenn man sein Glück gefunden hat, so wie Hannah, dann will man auch nicht mehr wegfliegen, dann ist man froh, da zu sein, wo die Freunde, die Familie und der Partner sind.
Manchmal träumt sie noch von der längst vergangenen Zeit, von Nadja ihrer Möwenfreundin und den Nächten im Wind über dem Meer.

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