Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren und die Zugriffe auf unseren Webseiten zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Deiner Nutzung unserer Webseiten an unsere Partner für Emails, Werbung und Analysen weiter. Details ansehen

Das Innerste, außen.

Das Innerste, außen.

5.430 56

Das Innerste, außen.

Ablösungen an einem Baucontainer
________________________________________________

Rückzug

Meine Rechte (wer glaubt es ihr heut?)
war einstmals eine offene Rose
voller Schmetterlinge.
Plötzlich, fast ohne Vorbereitung,
wie einer gestoßen wird und fällt,
hat sie ihre Blätter verloren
und war blaß und nackt :
eine Menschenhand
wie alle andern.
Du erinnerst dich.
Die Schale meiner Linken,
die deine Vögel tränkte,
zerbrach.
Du weißt, wie lange die Scherben
in unserem Garten lagen.
Es ist wahr, ich konnte mich damals
in eine Wand von blühendem Wein verwandeln
für deine Bienen.
Die Jahreszeit war
kaum von Bedeutung –
vor diesem Tag,
an dem ich meine Hände
auf den Tisch legte,
und sie leer waren.

Seither bin ich bescheiden geworden,
ich gehe mit einem Netz auf den Markt,
wo gewogen und abgeschnitten wird,
und habe dir Tassen und Teller gekauft
wie eine richtige Hausfrau.

Aber wenn du weinst
und dich hilflos
im Schlafe beklagst,
dann wachsen meinem Herzen
kleine schmerzende Flügel,
und ich fühle seine Ungeduld
in meinem Hals,
daß mir der Atem vergeht.

(Hilde Domin)

Kommentare 56

  • Arnd U. B. 11. Juni 2019, 20:12

    Es blättert ab wie Schalen der Unreife. In der untersten Schicht lauert das Böse, lange bedeckt durch lebensbejahendes Rot. LG Arnd
  • felipe Martínez Pérez 9. Juni 2019, 17:28

    Muy interesante.
  • Christoph Beranek 9. Mai 2019, 12:31

    Das wirkt auf mich, wie eine großflächige Brandverletzung der menschlichen Haut. Die Frage die sich aus meiner Betrachtung ergibt : Kann sich der Mensch mit der Natur versöhnen, sich selber als Teil von ihr verstehen, begreifen und auf diese Weise seine Lebensgrundlagen erhalten ? Angesichts der massiven Umweltprobleme ( Artensterben , Klimawandel etc.) ist Skepsis angesagt. 
    Eine eindringliche Bild-Text Geschichte, die das Innerste berührt. 
    LG Christoph
  • Alfons Gellweiler 8. Mai 2019, 10:29

    Wenn die Hitze von innen nach außen drängt ...

    Grüße
    Alfons
  • Zockel 7. Mai 2019, 11:10

    Gedicht passend zum beängstigenden Artensterbenbericht.
    Das Foto zeigt, dass der Lack ab ist...
    ;-)
    • Kerstin Stolzenburg 7. Mai 2019, 17:42

      Das kann man wohl sagen. Nur, das allein macht es nicht besser. Im Alltag machen die Menschen jeden Tag so weiter wie bisher. Es ändert sich zu wenig, als das man feststellen könnte, dass wirklich bereits ein ernsthaftes Umdenken stattgefunden hätte.
      LG. Kerstin
  • Michael Jo. 5. Mai 2019, 14:09

    wollte ich eigentlich auch kommentieren,
    diese Ablösungs-Geschichte ... ;
    komme ich - wenn mehr Musse - vielleicht
    nochmal drauf zurück
    (stattdessen ich mich genüsslich gezielt  an
    bestimmten ' Entblätterungs'-Ablichtungen delektiere ..;
     - mit  aus rein ästhetischem Anspruch selbstverständlich ..)

    LG., Michael
  • Annelie S. 3. Mai 2019, 18:19

    An solchen Bildern mag ich, dass man so viel hinein interpretieren kann, wenn man mag, auch das eigene Innere nach außen kehren kann, sich öffnen kann für Gedanken und Assoziationen. Du hast die Verbindung zur Lyrik von Hilde Domin geschaffen. Ich habe daraufhin über sie und ihr Leben nachgelesen und kann diese Symbolik gut nachvollziehen.
    Der Untertitel holt den Betrachter zurück in die Realität, das gefällt mir auch. Ich suche und finde dann Figuren, Tiere, Inseln auf einer Landkarte - wie gesagt, vielerlei ist möglich für den, der sich darauf einlassen kann.
    Liebe Grüße
    Annelie
    • Kerstin Stolzenburg 5. Mai 2019, 10:40

      Liebe Annelie, ich finde ja immer sehr schön, wenn hier jeder das schreibt, was er beim Betrachten selber empfindet. Das ist für mich immer eine Bereicherung und lässt über den eigenen Tellerrand hinausschauen.
      Danke Dir und liebe Grüße. 
      Kerstin
  • manfred.art 3. Mai 2019, 7:59

    ein lauf der zeit,  ständige pflege kann dies verhindern,  dein bild:  fast kunst!  dir alles gute,  bis bald wieder, MANFRED
    • Kerstin Stolzenburg 3. Mai 2019, 8:01

      Ja, lieber Manfred, alles bedarf einer beständigen Pflege, wenn es erhalten werden soll. Manchmal vergisst man das oder ist sich der Dauerhaftigkeit zu sicher. 
      Liebe Grüße und vielen Dank! 
      Kerstin
  • Hanne L. 1. Mai 2019, 21:46

    Besser, man kratzt nicht an der Oberfläche …  Kunst in drei Farben!
    Herzliche Grüße an dich, Hanne
    • Kerstin Stolzenburg 1. Mai 2019, 22:38

      Liebe Hanne, danke Dir! Ja, das ist sicher besser so, allerdings reißt so etwas mitunter von allein auf. :) "Kunst in drei Farben" ... Na ja, vielleicht eine Tricolore der etwas anderen Art.
      Herzliche Grüße, Kerstin
  • Neydhart von Gmunden 1. Mai 2019, 11:52

    Moin, abweichend von dieser wunderbaren Kurzgeschichte sehe
    ich in diesem "Innersten" einen Bären, der sich entschlossen hat,
    mal seinen Herren tanzen zu lassen; und, er bekommt nicht ge-
    nug, von diesem schönen aussergewöhnlichen Anblick und hat
    sichtlich Spaß, Bären-Spaß ... sozusagen.
    • Kerstin Stolzenburg 1. Mai 2019, 11:55

      Lieber Neydhart, danke Dir! Ich merke gerade, dass ich beim Lesen einen Bärenhunger bekomme und etwas zum Mittagessen kochen sollte. Ich antworte also ein bisschen später. :))
      Gruß, Kerstin
    • Kerstin Stolzenburg 1. Mai 2019, 16:52

      So, ich war gerade auf der Spur des großen Bären ... meine aber, dass das wohl eher ein ausgewachsener Fuchs sei und der Bär seinem Herrn möglicherweise auch aufgebunden werden sollte. Wie auch immer, beim Tanzen um diese Jahreszeit sollte man vorsichtig sein und genau hinschauen, mit wem man da ein Tänzchen wagt. :))
      LG. Kerstin
    • Neydhart von Gmunden 6. Mai 2019, 10:50

      Hm .... Der pummelige Tanz-Bär sitzt auf dem Po und schaut in den Himmel. Die Schnauze zu einem melodischen Brummgesang gespitzt. Die Arme schwenkend, wie ein Dirigent mit einem Taktstock. Der alte magere Bär-Besitzer dreht sich im Kreis und tanzt zur Bärenbrummmusik. Gut, wenn der Bär-Besitzer ein Fuchs ist/war, dann soll es halt auch ein Fuchs sein, der mit seiner angedichteten Schlauheit am klugen Bären gescheitert ist.
    • Kerstin Stolzenburg 6. Mai 2019, 11:21

      Daraus könntest Du jetzt fast eine Fabel machen.
      Fabelhaft, würde ich sagen. :) 
      LG. Kerstin
    • onno 1. Mai 2019, 10:58

      ...aber gerne, Deine Arbeiten sind Inspirationen, exorbitant u.v.m. Danke! HG Roland
    • Kerstin Stolzenburg 1. Mai 2019, 11:03

      Oh, vielen Dank! Eigentlich sind das ja nur bescheidene Amateurknipsereien... Im Gegensatz zu vielen professionellen Aufnahmen hier.
      Freue mich aber natürlich sehr über deine Einschätzung!! 
      LG. Kerstin
    • onno 1. Mai 2019, 15:06

      ...m.E. hast Du profunde Kenntnisse in Farb- und Formenlehre, Gestaltung. Deine Arbeiten  inspirieren mich....LG Roland
    • Kerstin Stolzenburg 1. Mai 2019, 16:58

      Das ist einfach, was sich im Leben an Kenntnissen so ansammelt. Das fließt, meist unbewusst, natürlich auch in die eigene Sicht der Dinge mit ein.
      Danke Dir - und natürlich freut es mich.
      LG. Kerstin
  • ha.sande 29. April 2019, 21:39

    Flächenbrand!!! ....Gedankenspirale .."daß mir der Atem vergeht"
    Herzlich, Hanne
  • Horst Schulmayer 28. April 2019, 21:55

    Nichts ist ohne tieferen Sinn im Leben ...
    Gruß Horst
    • Kerstin Stolzenburg 1. Mai 2019, 9:28

      Manchmal denke ich auch so, Horst, - zumindest, was die eigenen Erfahrungen und die eigene Entwicklung dadurch betrifft -, aber meist ich bin mir da nicht so sicher. Worin soll der tiefere Sinn liegen, wenn Menschen in Auschwitz im Gas umkommen, wenn religiös Verblendete Andere durch Terroranschläge mit in den Tod reißen, wenn Kinder ohne Eltern aufwachsen müssen, weil diese bei einem Autounfall ums Leben kamen usw.. Für die Getöteten ist das sinnlos und für die Überlebenden und Hinterbliebenden oftmals lebenslang mit einem Trauma verbunden.
      LG. Kerstin
  • Marina Luise 28. April 2019, 21:26

    Eine offene Wunde - und das Gedicht passt perfekt! Tut weh!
    • Kerstin Stolzenburg 1. Mai 2019, 9:20

      Solche offenen Wunden sieht man ringsum, wenn man nur hinschaut, also nicht nur bei Menschen und Baucontainern, sondern auch in der Natur, beim Klima usw.. Man kann das also durchaus weit fassen - und auch das tut weh, weil man als Einzelner kaum etwas dagegen ausrichten kann.
      LG. Kerstin
    • Marina Luise 1. Mai 2019, 10:42

      Aber wenn alle oder die meisten Einzelnen was tun, kann sich oft was ändern - ich versuch's zumindest für die Natur!
    • Kerstin Stolzenburg 1. Mai 2019, 11:08

      Mache ich natürlich auch - und sogar beruflich. Aber gerade aus dieser Perspektive kann ich sehen, wie schwierig es ist, wirklich - und vor allem ernsthaft und nicht nur mit Worthülsen - etwas nachhaltig zu ändern.
      LG. Kerstin
  • dannpet 28. April 2019, 19:26

    .
    Starker Bild-Auf-Bau
    Der Titel superb... frei 'übersetzt' handelt er vom Entblättern und genau das ist es dann auch, was die Worte von Hilde Domin darunter unterstreichen.
    Zusammen eine gekonnte Aus-Stellung!!!

    Gruß Peter
    ***
    • Kerstin Stolzenburg 1. Mai 2019, 9:16

      Danke, Peter! Das freut mich sehr! Der Bild-Auf-Bau ergab sich dabei allerdings von selbst; daran hatte ich gar keinen besonderen Anteil. Dass das Motiv nicht mittig sitzt, ist dem Platz links davon in der realen Situation geschuldet; ich meine, da war entweder bereits die Kante des Containers oder irgendein anderer Aufdruck, der gestört hätte. Und es dann rechts auch so eng zu schneiden, hätte dem Motiv den Raum genommen. Aber Harmonie wäre hier sowieso gar nicht passend gewesen.
      Danke Dir und viele Grüße,
      Kerstin

Informationen

Sektionen
Ordner Philosophie
Views 5.430
Veröffentlicht
Sprache
Lizenz

Exif

Kamera Canon EOS 600D
Objektiv EF100mm f/2.8L Macro IS USM
Blende 3.2
Belichtungszeit 1/160
Brennweite 100.0 mm
ISO 100

Öffentliche Favoriten