DDA


Premium (Basic), Berlin

Sterne schießen

Die Steuerleute der Seefahrt haben es über Jahrhunderte angewandt und in der Anwendung perfektioniert, ihren aktuellen Standort mit Hilfe der Stellung der Sterne zu bestimmen. Solang der Himmel klar ist, funktioniert dies an jedem Punkt der Erde ohne weitere bodengebundene Hilfsmittel. Diese Methode wurde in der Luftfahrt bei Flügen über unbekanntem oder funktechnisch nicht ausgebautem Territorium - wie es beispielsweise in den Weiten der Sowjetunion oder auch über der offenen See lange Zeit gegeben war- praktiziert. Dazu wurden die Höhen, manchmal auch die Seitenwinkel bestimmter Sterne gemessen , daraus kann man auch heute noch die eigene Position relativ genau bestimmen. In Flugzeugen waren dazu sogenannte "Astrokuppeln" installiert, Sichtfenster mit freiem Blick nach oben, in denen eine Art "Winkelmesser" installiert war. Der anzupeilende Stern wurde mit einem kleinen Fernrohr angepeilt und zentriert, die Position des Fernrohres ergab nach ein paar Umrechnungen die Lage des Sternes. Schon bei der Schiffahrt nannte man dies auch "Sterne schiessen"
Natürlich muß das Ganze von zukünftigen Steuerleuten auch erlernt und trainiert werden und dies am besten nicht nur theoretisch sondern auch während des Fliegens in der Praxis. Für diese Aufgabe nutzte man den Umbau eines Passagierflugzeuges, auf das gleich zwei dieser Astrokuppeln montiert wurden. So konnten mehrere Schüler während eines Ausbildungsfluges ihre Fähigkeiten ausbilden und den Umgang mit dem Meßgerät perfektionieren.
Im Museum der Zivilluftfahrt in Uljanowsk steht eine derartige Schulmaschine, eine Tu-124Sch (Sch von "Schturman" - Steuermann/Navigator), eigentlich als Verkehrsflugzeug, aber eben auch als Trainingsflugzeug. Im Inneren hat man die Kabine zurückgebaut, sie sieht wieder aus wie bei einem normalen Passagierflugzeug.
Im vergrößerten Ausschitt sieht man die beiden Astrokuppeln und beim genauen Hinschauen in der vorderen das Objektiv des Meßfernrohres.

Heute, im Zeitalter von Inertial- und Satellitennavigation hat dieses Navigationsverfahren stark an Bedeutung verloren und wird in der Luftfahrt auch nicht mehr gelehrt. Auch haben moderne Flugzeuge diese Astrokuppeln nicht mehr. Seine Hochzeit erlebte diese Art der Navigation in den 40iger bis 60iger Jahren des letzten Jahrhunderts.

Tu-124Sch, CCCP-45017, s/n 73506,10. Mai 2018, Museum Uljanowsk

Kommentare 5

  • Pixelpiet 23. November 2021, 19:30

    In moderner Version, mit Kameras und Computern, wird diese Technik aber in Luft- und Raumfahrt immer noch genutzt und eingesetzt (Astro-inertial navigation system, Star tracker z.B bei "smarten" Raketen und Bomben). Wenn auch nicht mehr mit diesen auffälligen Kuppeln. Zumal man weiß, dass die Navigationssatelliten auch mal "ausfallen" können ;-)
  • smokeonthewater 17. Dezember 2020, 20:42

    Hatte davon schon gehört. Aber so gut erklärt und gleich gezeigt findet man nur bei Dir.
    LG Dieter
  • juergi-p 17. Dezember 2020, 18:29

    Interessantes Detail, dass es Flugzeuge gab, die zu Ausbildungszwecken zwei Astrokuppeln hatten, wußte ich auch noch nicht. Danke für die Aufklärung!
    vg von juergi
  • Lutz Matthias Berger 17. Dezember 2020, 16:49

    Staun, habe ich nicht gewusst. Danke für die Tu-124-Astrokuppel-Aufklärung.

    Aber zum Flugzeug: Auch wenn die Tu in einem sehr ungepflegten Zustand ist,
    so ist aber bewundernswert, daß es immer noch eine zu bestaunen gibt.
    Ich persönlich habe dieses Muster nicht ein Mal gesehen.
    Laut Aussagen zweier mir bekannter Passagiere, die mit einer (CSA) 124 flogen,
    sollen die Triebwerksgeräusche in der Pax-Kabine "ordentlich" gewesen sein.
    Verwundert mich nicht bei diesen Konstruktionen (Tu-104, Tu-110, Comet u.ä.).
    Eine optische Aufarbeitung hätte der Flieger aber verdient.

    Gruß Lutz
    • DDA 18. Dezember 2020, 8:57

      Die Maschine ist gar nicht so ungepflegt, wie es scheint. Nur auf dem Rumpf hat sich ein wenig Bewuchs angesetzt, der ließe sich relativ schnell entfernen. Auch bei genauerem Hinsehen - die Gangway stand da zur Benutzung dran - sah die Maschine bei meinem Besuch noch gut aus.
      Ob ich eine Tu-124 im Einsatz gesehen habe, kann ich nicht so genau sagen, an mehr als eine Tu-104 (Landung mit Bremsschirm in Schönefeld) erinnere ich mich gut. Und der Klang der beiden kräftigen AM-3 war schon sehr beeindruckend. Die Tu-124 hatte jedoch Solowjow D-20, die müssen zumindest etwas leiser gewesen sein. Dafür findet sich im Cockpit der Maschine eine Anzeige, die man sonst eher selten findet - ein (besser zwei) Vibrationsindikator(en) [mit einer Skala bis 20 mm/s], weil die spezielle Anbringung der Triebwerke zu Schwingungen in der Zelle führten.