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Was ist neu?

Marguerite L.


World Mitglied, Zürichsee

Altweibersommer

im Ried auf dem Zugerberg,
ich war fasziniert, und das Nebellicht passte




Die fünfte Jahreszeit

Die schönste Zeit im Jahr, im Leben, im Jahr? Lassen Sie mich nachfühlen.

Frühling?
Dieser lange, etwas bleichsüchtige Lümmel, mit einem Papierblütenkranz auf dem Kopf, da stakt er über die begrünten Hügel, einen gelben Stecken hat er in der Hand, präraffaelitisch und wie aus der Fürsorge entlaufen; alles ist hellblau und laut, die Spatzen fiepen und sielen sich in blauen Lachen, die Knospen knospen mit einem kleinen Knall, grüne Blättchen stecken fürwitzig ihre Köpfchen ... ä, pfui Deibel! ... die Erde sieht aus wie unrasiert, der Regen regnet jeglichen Tag und tut sich noch was darauf zugute: ich bin so nötig für das Wachstum, regnet er. Der Frühling -?
Sommer?
Wie eine trächtige Kuh liegt das Land, die Felder haben zu tun, die Engerlinge auch, die Stare auch; die Vogelscheuchen scheuchen, daß die ältesten Vögel nicht aus dem Lachen herauskommen, die Ochsen schwitzen, die Dampfpflüge machen Muh, eine ungeheure Tätigkeit hat rings sich aufgetan; nachts, wenn die Nebel steigen, wirtschaftet es noch im Bauch der Erde, das ganze Land dampft vor Arbeit, es wächst, begattet sich, jungt, Säfte steigen auf und ab, die Stuten brüten, Kühe sitzen auf ihren Eiern, die Enten bringen lebendige Junge zur Welt: kleine piepsende Wolleballen, der Hahn - der Hahn, das Aas, ist so recht das Symbol des Somemrs! er preist seinen Tritt an, das göttliche Elixier, er ist das Zeichen der Fruchtbakeit, hast du das gesehn? und macht demgemäß einen mordsmäßigen Krach ... der Sommer-?
Herbst?
Mürrisch zieht sich die Haut der Erde zusammen, dünne Schleier legt sich die Fröstelnde über, Regenschauer fegt über die Felder und peitscht die entfleischten Baumstümpfe, die ihre hölzernen Schwurfinger zum Offenbarungseid in die Luft strecken: Hier ist nichts mehr zu holen ... So sieht es auch aus ... Nichts zu holen ... und der Wind verklagt die Erde, und klagend heult er um die Ecken, in enge Nasengänge wühlt er sich ein, Huuh macht er in den Stirnhöhlen, denn der Wind bekommt Prozente von den Nasendoktoren ... hochauf spritzt brauner Straßenmodder ... die Sonne ist zur Kur in Abazzia ... der Herbst-?
Und Winter?
Es wird eine Art Schnee geliefert, der sich, wenn er die Erde nur von weitem sieht, sofort in Schmutz auflöst; wenn es kalt ist, ist es nicht richtig kalt sondern naßkalt, also naß ... Tritt man auf Eis, macht das Eis Knack und bekommt rissige Sprünge, so eine Qualität ist da! Manchmal ist Glatteis, dann sitzt der liebe Gott, der gute, alte Mann, in den Wattewolken und freut sich, daß die Leute der Länge lang hinschlagen ... also, wenn sie denn werden kindisch ... kalt ist der Ostwind, kalt die Sonnenstrahlen, am kältesten die Zentralheizung - der Winter-?

"Kurz und knapp, Herr Hauser! Hier sind unsere vier Jahreszeiten. Bitte: Welche-?"
Keine. Die fünfte.
"Es gibt keine fünfte."
Es gibt eine fünfte. - Hör zu:
Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernte in die Scheuern gebracht ist, wenn sich die Natur niederlegt, wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt, so müde ist es - wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist und der frühe Herbst noch nicht angefangen hat -: dann ist die fünfte Jahreszeit.
Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an; an andern Tagen atmet sie unmerklich aus leise wogender Brust. Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist, gewachsen ist, gelaicht ist, geerntet ist - nun ist es vorüber .
Nun sind da noch die Blätter und die Sträucher, aber im Augenblick dient das zu gar nichts; wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist: im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht.
Mücken spielen im schwarzgoldenen Licht, im Licht sind wirklich schwarze Töne, tiefes Altgold liegt unter den Buchen, Pflaumenblau auf den Höhen ... kein Blatt bewegt sich, es ist ganz still. Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt, es ist ganz still. Ein Boot, das flußab gleitet, Aufgespartes wird dahingegeben - es ruht.
So vier, so acht Tage - Und dann geht etwas vor. Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert - und doch alles. Noch ist alles wie gestern: Die Blätter, die Bäume, die Sträucher ... aber nun ist alles anders....
Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören... Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre. Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.


Kurt Tucholsky

Kommentare 46

  • Marlis E. 11. Dezember 2011, 20:03

    Sehr beeindruckend, ich liebe diese Jahreszeit sehr, diese riesigen Netze sieht man sonst ja kaum.
    LG Marlis
  • Tomeos 11. Dezember 2011, 12:15

    Einfach nur wunderschön, wäre auch eines meiner Lieblingsbilder
    LG THomas
  • Christiane S. 9. Oktober 2011, 17:55

    Herrlicher Altweibersommer!
    LG Christiane
  • dörte r. 3. Oktober 2011, 0:06

    ein wunderschönes bild - zum staunen schön ist die natur immer und immer wieder - genauso wunderschön ist dein tucholsky-text dazu, liebe marguerite.
    ich habe wohl die letzte woche in himmelpfort so etwas erlebt und intensiv erfahren - es hat einen wirklich grossen zauber.
    ganz liebe grüsse, dörte
  • De Kludi 2. Oktober 2011, 23:14

    Wunderbar in Text und Bild !!!
  • Juan Villalobos Cabrera 2. Oktober 2011, 1:59

    ¡¡¡maravillosa!!!!
    Un beso
  • Trude S. 2. Oktober 2011, 0:43

    dieser Herbst zeigt uns jetzt seine schönste Seite und Deine Fotos folgen ihm ganz großartig !!
    LG Trude
  • Susanne47 1. Oktober 2011, 23:04

    Wunderschön versponnen Marguerite Dein Foto und der Text gefällt mir auch.........da gehe ich mit Tucholsky einig, auch ich finde diese Zeit einfach schöööön...
    Grüessli Susanne
  • Rüdiger Kautz 1. Oktober 2011, 19:27

    Gefällt mir sehr, Aufnahme und Text.
    Gruß Rüdiger
  • carinart 1. Oktober 2011, 14:49

    Wundervoll, wie du hier die Umgebung mit einbezogen hast! Farblich auch sehr ansprechend!
    L.G. Karin
  • Mary Sch 1. Oktober 2011, 0:06

    Hier war eine Meisterweberin vor Ort und eine
    Fotografin, die ihr Handwerk versteht.
    LG mary
  • Joachim Kretschmer 30. September 2011, 22:27

    . . . fein getroffen, ein sehr schön erhaltenes Netz und die Wassertropfen tun ihr Übriges. Gelungen !!
    Viele Grüße, Joachim.
  • Leeb Monika 30. September 2011, 21:56

    Toller Text, aber noch viel großartigeres Bild. Schöne Stimmung durch den Nebel im HG und auch sehr schön das Sonnenlicht, das die Tröpfchen zum Glitzern bringt und die wundervollen Herbstfarben betont. Eine traumhaft schöne Präsentation, Marguerite!
    LG monika
  • Verena F. 30. September 2011, 18:17

    Sowas Perfektes fasziniert uns wohl alle, und dann noch im schönsten Morgenlicht aufgenommen. Das scheint der Lohn der Frühaufsteherin zu sein.
    Geniessen wir weiterhin die 5. Jahreszeit, die dieses Jahr nicht schöner sein könnte..
    Liebe Grüsse, Verena
  • Rainer Switala 30. September 2011, 15:58

    faszinirrendes netzt der natur
    bestens von dir ins bild gesetzt
    feine stimmung - schöner text dazu
    gruß rainer
  • DoroS 30. September 2011, 13:12

    Traumhaft schön liebe Marguerite, ich bin am
    We auch mal in der Schweiz bei meinem Sohn.
    Liebe Grüße Doro
  • LindeA. 30. September 2011, 7:34

    Wunderbar herbstlich und sehr stimmungsvoll.....auch der Text!

    LG
    Linde
  • Stefan Jo Fuchs 30. September 2011, 7:23

    so weit gespannt, dass der halm zu brechen droht:-)
    schönste herbstimpression!
    lg stefan
  • Dieter Behrens K.T. 30. September 2011, 4:54

    Sehr gut gesehen und grossartig fotografiert.
    Auch ein interessanter Anhang !

    Gruss aus Indonesien, Dieter
  • gIAN non 29. September 2011, 23:42

    Was die fünfte Jahreszeit nicht alles hervorbringt...
    Dieses Wunderwerk der Natur zeigst Du
    uns in eindrücklichster Art und Weise.
    Kurt Tucholsky Text unterstreicht Deine
    sehenswerte Aufnahme!!
    Grüaß di
    Gian
  • Marguerite L. 29. September 2011, 22:54

    @Danke Karin und Lohar,
    natürlich habt Ihr recht, ich habe mir folgenden Text vor
    Jahren einmal gespeichert:

    Gemeint ist mit dem Begriff "Altweibersommer" (mundartlich auch "Witwensommer", aber kein Sommerwetter für ältere Frauen. Der Ursprung dieser Bezeichnung führt weit in die Vergangenheit, in die germanische Mythologie. Mit „weiben“ wurde im Altdeutschen das Knüpfen von Spinnweben bezeichnet.
    An September-Tagen mit sonnigem Wetter kühlt es sich in den klaren Nächten stark ab, so dass in den Morgenstunden durch den Tau die Spinnweben deutlich zu erkennen sind. Die seltsam glänzenden Fäden (oder "Herbstfäden") glitzern im Sonnenlicht wie lange, silbergraue Haare. Früher glaubten die Leute, so erzählen es alte Sagen, daß alte Weiber (damals war das noch kein Schimpfwort für alte Damen) diese "Haare" beim Kämmen verloren hätten und daß dies das Wirken der "Nornen", der alten Schicksalsgöttinnen, die die Lebensfäden der Menschen spinnen, war. Alten Menschen, an denen solche Spinnfäden hängen bleiben, sollten sie Glück bringen.


  • Christa Kramer 29. September 2011, 22:27

    Ist da deine Häkeltischdecke hängen geblieben? Die gehört ja auf einen Tisch und nicht in die Wiese, wo sie ganz naß wird! ***Eine Traumaufnahme!***
    Liebe Grüße Christa
  • Stropp 29. September 2011, 22:02

    Eine tolle Reihe, meine Liebe - ein beeindruckendes Kunstwerk, dieses Netz mit Diamanten ...
    GLG Ana
  • TeresaM 29. September 2011, 21:54

    Fantastique et belle vision sur cette toile dans une très belle lumière.
    Excellent regard, Marguerite.
    Amicalement,
  • Michael Baltes 29. September 2011, 21:34

    wundervolle Aufnahme...LG micha

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Kategorie Natur
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