Diese Website verwendet Cookies, um verschiedene Funktionalitäten bereitzustellen, Anzeigen zu personalisieren und Zugriffe zu analysieren. Durch die Nutzung dieser Website erklärst Du Dich damit einverstanden, dass Cookies verwendet werden. Weitere Informationen  OK

Was ist neu?

Rudolf Aloisius Wiese


Pro Mitglied, Berlin

Ein alter Mann in Bardsea

Bobby Patch
Bis zum 65. Lebensjahr arbeitete er in Manchester als Archivar, danach zog er auf einen kleinen Hügel hinter dem Strand von Bardsea an der Irischen See. Hinter ihm liegt auf einer Anhöhe ein Hochmoor, das zu Spaziergängen im Wind und über saftige Wiesen voller Schafe einlud. Er lebte von da an mit seiner Frau in einer Gegend, die ihre Flächen in Steinmauern einfasste und jene Welt in ein wunderbares grafisches Muster verwandelte, in dem Schafe und Menschen, Vögel und Füchse, Rinder und Wolken friedlich nebeneinander lebten und sich von menschenfreundlichen Hunden begleiten und bewachen ließen. Nur lernt irgendwann jeder, dass in jenem Landstrich die Diebe selten und Ganoven sich überhaupt nicht wohlfühlten. Die gingen lieber nach London oder Manchester oder Edinburgh oder Birmingham. Das war gut für ihre Hunde und deren Frieden.
Er hatte ein wunderbar großes Haus mit großen Garten, einer Obstwiese und vielen Bienen, war also nicht nur Gärtner, sondern auch Obstbauer und Imker. Seine Blumen verkaufte er auf naheliegenden Märkten, seinen Honig und seine Marmeladen auch. Cumbria war sein Zuhause. Er lebte mit seiner Frau, die Kinder kamen regelmäßig vorbei und besuchten ihn. Dann starb irgendwann seine Gattin an Alzheimer. Fortan ging er seinen selbst gesetzten Aufgaben alleine nach, pflegte Garten und Haus. Doch nicht lange nach ihrem Tod zog er um in ein kleines Anwesen. Zwei Schlafzimmer und ein Bad sind im Erdgeschoss, oben befinden sich eine Küche und ein Wohnzimmer. Hinter dem Haus ist ein kleiner Garten mit Obstbaum, einer kleinen Rasenfläche und mehreren Stauden. An der Wand zum Haus steht seine Sitzbank, über der sich jedes Frühjahr viele Clematis-Blüten zeigen und das Sitzen verschönern. Das Meer kann er nicht sehen von dort, auch nicht das Watt, die riesigen Sandflächen, die sich zeigten, wenn das Meer sich zurückzog. Nur, er ahnte, ganz weit auf der anderen Seite lag auch wieder Land auf Hügeln. Manchmal sah er es von der Bank auf dem Friedhof, häufig in leichtem Nebel versunken und mehr als Ahnung existierend denn als wirkliches Bild.
Jetzt ist er 103 Jahre alt, seine Frau schon lange tot. Seine Tochter betreut ihn zwei Tage in der Woche. Sie kommt mit dem Auto aus Manchester und reinigt den Haushalt, kocht und kauft ein. Manchmal begleitet er sie auf den Einkäufen, geht mit ihr zur Bank und holt Geld.
Er hört mittlerweile schlecht, sieht auch nicht mehr gut. Das Laufen klappt auch nicht mehr. Hunger plagt ihn selten. An seiner Treppe nach oben in den gibt es einen Sitzaufzug. Mit dem gleitet er bequem ins obere Geschoss, wenn er in seinem Wohnzimmer sitzen will oder in die Küche gehen möchte.
Ich besuchte ihn vor kurzem. Lächeln konnte er noch immer, sprach von seinem Fotografieren und zeigte mir alte Fotos auf Glasscheiben, erzählte von seinen Bienen, berichtete, dass Tulpen nie in seinem Garten gedeihen wollten, dafür aber die Narzissen in Massen.
All diese Beschäftigungen sind nichts mehr für ihn. Seine Kameras hat er verkauft, seine Bienen abgegeben, Narzissen wachsen nicht mehr in seinem kleinen Garten. Er ist allein mit seinen Erinnerungen, denn einen Fernseher hat er nicht, nur ein kleines Radio. Stille ist um ihn, den Wind spürt er nur, hören kann er ihn nicht mehr. Dennoch wirkt er glücklich. Dann entdeckte ich die andere Seite seines Alters. Dreimal sagte er an meinem Besuchsnachmittag: „ 103 Jahre alt zu werden, das ist eine Mühsal und macht nicht mehr so viel Spaß, wirklich.“, schaute mich an und blieb ernst oder lächelte. Sein Gehen ist mühsam geworden. Ein Holzstock unterstützt seinen Gang. Als er mich verabschiedet, schaut er wehmütig. Ob ich ihn noch einmal wiedersehen werde? Wer weiß?
Ich gehe über die Hauptstraße des Dorfes noch einmal auf den kleinen Friedhof von Bardsea. Alle Grabsteine zeigen auf die See, damit der Wind vom Meer die Namen der Verstorbenen lesen kann.. Auf manchen zeigt sich ein Alter von über 100 Jahren. Warum die Menschen hier so alt werden? So mancher vermutet, es liege an der Ruhe und dem Wind, der den Bakterien und Viren keine Chance gebe, sie alle kräftig hinwegblase über die Irische See, in der sie untergehen und kein Unheil anrichten können.

Kommentare 1

Schlagwörter

Informationen

Kategorie Menschen
Klicks 589
Veröffentlicht
Lizenz

Exif

Kamera NIKON D7000
Objektiv Unknown (8E 48 2B 5C 24 30 4B 0E)
Blende 11
Belichtungszeit 1/125
Brennweite 17.0 mm
ISO 100