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Matthias von Schramm


World Mitglied, Hamburg

Ein Pfundskerl



Juli 2008 im Stadtpark zu Hamburg - Foto Frau Fleck

Dazu ein kleiner Büroschwank

Ein Pfundskerl

Immer, wenn ich am Büro meines Chefs versuchte vorbei zu schleichen, rief er mich herein und verabreichte mir unkommentiert eine äußerst leidenschaftliche Ohrfeige. Manchmal traf er auch direkt mit dem Handrücken und dort mit der Spitze seines Siegelrings voll auf die Schnauze. Auch Schläge mit der Handkante in den Nacken oder Fausthiebe an die Kinnspitze beherrschte er sehr gut. Er begründete nie diese Behandlungen, ließ mich jedoch danach in Ruhe weiter arbeiten. Nur manchmal platzte er direkt in mein Büro hinein und zertrümmerte das gesamte Mobiliar.

Er war eigentlich ein recht umgänglicher Mensch, so einer, der einem schon mal einen anerkennenden Schulterklaps gab, oder einen derben Scherz mit einem machte und sich dabei voller Inbrunst den Bauch hielt, wenn er ablachte. Er prügelte nicht auf alle Kollegen ein, nur auf die, welche noch nicht solange für ihn arbeiteten. Seine Sekretärin und seine rechte Hand verschonte er freilich, gewährte denen sogar besondere Vergünstigungen. Er selbst war übrigens Linkshänder.

Ich mochte ihn. Er war kein Typ, der viel um den heißen Brei herum redete. Er handelte. Der Koch der Kantine bekam allerdings andauernd eins auf die Fresse, nur nicht, wenn es das Leibgericht des Chefs gab: Hühnerbeine in fetter Sauce mit viel Curryreis. Er konnte leidenschaftlich essen. Es war ein Vergnügen ihn dabei zu beobachten, wie er die geilen Hühnerbeine in die Sauce tunkte, der gelbe Reis dran kleben blieb und er mit einem zufriedenen Gesicht ein Bein nach dem anderen abnagte.

Eine bayerische Kollegin brachte es einmal auf den Punkt: er war ein echter Pfundskerl. Oft zog er Freitags Abend mit der gesamten Belegschaft durch die Kneipen der Stadt. Wir besoffen uns urig und schlugen uns aus dem geringsten Anlass die Gesichter blutig. Dennoch taten wir uns irgendwann einmal alle zusammen, um unseren Chef einen zünftigen Streich zu spielen. Wir bewaffneten uns eines Morgens mit Eisenstangen. So ausgestattet betraten wir dann das Büro unseres Chefs. Der ergab sich sofort, dennoch gab es bei dem einen oder anderen irgendwie diesen bislang vergrabenen Impuls, dem Pfundskerl wehtun zu wollen. Insbesondere unser Koch agierte recht ungestüm. Irgendwas in mir verhinderte auch, diesen Mann und meine anderen Kollegen zurück zu halten.

Ich habe immer Gewalt verabscheut und spritzendes Blut und brechende Knochen haben mich noch nie positiv aufgeregt. Doch in diesem Fall störte es mich seltsamer Weise gar nicht. Auch die Hilfeschreie des Chefs berührten mich nicht. Noch am Tag vorher hatte er mir meinen Unterkiefer zermatscht. Ich fand eben auch, dass er damit überzogen hatte. Meine Bewunderung für diesen Mann ging einfach nicht so weit, ihn auch noch für sein Jammern und Klagen anzuhimmeln. Dabei war ich durchaus bereit seine guten Seiten zu betrachten, zum Beispiel diese, dass er einem immer wieder eine neue Chance gab, auch wenn es wehtat. So muss ich sagen: im Moment als der Pfundskerl verging, tat es mir nicht weh.

Noch am gleichen Nachmittag begruben wir ihn auf unserem kleinen Firmenfriedhof neben dem Prokuristen und dem Exkoch. Wir bauten dem Pfundskerl ein Denkmal aus Gips. Und immer wenn wir dran vorbei gingen, verneigten wir uns vor ihm in voller Verehrung und mit Respekt. Der Pfundskerl hatte als Chef fast alles erreicht, was möglich war.

An diese Zeit denke ich noch heute gerne zurück.



27. Juli 2008

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