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Dy Tammy


Free Mitglied, Zürich

Zimmer 213

Auszug / Zitat:

...so grübelt der Professor bis spät in die Nacht, blättert und studiert die Akte, streicht sich den Kinnbart und steckt das Augenglas zurecht. Tiefes Seufzen und gramerfülltes Atmen säusselt durch den Raum, während das Ticken der Standuhr durch den dumpfen Gong zur Mitternacht ersetzt wird.
Professor Edwardson nimmt das Augenglas ab und dreht sich in Richtung Standuhr. Schwerfällig und erschöpft lässt er sich in seinen Stuhl zurück lehnen, der keinerlei Bequemlichkeit in Aussicht stellt. Dunkles schweres Holz, Ornamente und Strukturen in Arm und Rückenlehnen. Grob und massiv.
Gefleckte, faltige Haut spannt sich beim Druck der Hände, die im festen Griff um die Lehne kraftvoll zu bersten drohen. Edwardson hebt sich mühevoll aus seinem Stuhl und tritt an das Uhrenglas, öffnet es und zieht aus einer kleinen Ecke unter dem Ziffernblatt einen Schlüssel. Der Schlüssel aus schwarzem Eisen ist derb und grob, doch nicht sonderlich gross, mit einem Muster im Griff ähnlich eines Wappen.
Mit einem Griff und Druck auf eine Verriegelung, schiebt sich fliessend leicht die Standuhr in einer viertel Drehung von der Wand und legt ein dahinter verborgenes Fach im Gemäuer frei. Gerade mal die Breite der Uhr und die Höhe doppelt der Breite, mit einem verzierten Schlüsselloch, welches von einem metalligen Abdeckblättchen geschlossen ist. Auf dem Abdeckblättchen findet sich das Wappen ähnliche Muster des Schlüssels wieder, eingraviert und schwer erkennbar.
Der Klang des Blättchen und das Einschieben des Schlüssels in einem geschmeidig zarten Ton schwindet beim Drehen des Schlüssel, welcher einen derben Hall hervorbringt.
Die kleine Tür mit ihrem schweren Gewicht,die beim Öffnen ihre Doppelsicherheit zeigt, gibt nun ihr Geheimnis preis. Einige gebundenen Papiere, versiegelte Rollen und geschnürrte Briefe.
Edwardson entnimmt die Unterlagen und schliesst das Fach, lässt die Uhr zurück an die Wand drehen und begiebt sich über den knarzenden Holzboden zurück an seinen Tisch. Er hängt seinen Gehstock an die Tischkante, legt die Dokumente unter die Lampe in Mitten des Schreibplatzes und aufgestützt auf den Armlehnen lässt er sich langsam stöhnend nieder.
Beide Hände legt er flach auf die Unterlagen und sein Blick fällt auf den goldenen Siegelring an seinem Finger. Hat ihn diesen einst sein Vater vermacht, wie auch den Schlüssel zum Fach hinter der Standuhr. Mit geflüsterten Worten aus Anstrengung, die keine weitere Person im Raum seines Sterbebettes vernehmen konnte. Und ebenso dieser Ring trägt das Muster, eben erkennend im Licht der Lampe, ein Wappen.

Auf den Aktenund Papieren, die von Gilb schon getrübt sind, steht eine Nummernnotitz aus Tusche, in geschwungener Schrift. Sie befindet sich bei allen Akten im oberen rechten Viertel.
Es ist die Nummer 213.

In diesem Sanatorium hat jeder Patient eine Nummer.
Namen werden nicht genannt und nicht benutzt. Es sind Patienten mit Nummern die sie bei ihrer Einweisung, identisch zu ihrem Einzelzimmer zugewiesen bekamen.

Mit zitternden Händen öffnet Prof. Edwardson die erste Akte und beginnt zu lesen. Er schiebt sein Augenglas zurecht und dreht an der Schraube der Öllampe die Flamme höher.
Fühlt er es wird eine längere Nacht, wo an Schlaf nicht zu denken ist?
Um die Dringlichkeit des Patient 213 weis er und umso mehr um die unverständlichen Umstände dieses Patienten. Eine Verlegung ist nicht ohne Weiteres machbar, doch fand bei diesem Patient noch kein einziges Mal eine Verlegung statt, was jedoch umgehend durchgeführt werden sollte.
Nur weshalb vergass man dieses Zimmer am Ende des Ganges und vor allem, wie lange hat man dieses Zimmer und diesen Patient 213 vergessen?
Die Erklärung muss sich in den Akten des Vaters finden lassen, wie auch das genaue Krankenbild von 213, mit seiner unerkennbaren Diagnose.

...Zitatende

Kommentare 2

  • Holger Schimanke 17. Januar 2013, 21:54

    Nach dem Lesen finde ich, dass der sehr gute Text ein separates Kunstwerk darstellt und für mich hier in der FC - bei der man im Text eher eine Ergänzung zum Bild erwartet - das fast zu schwere Kost ist. Die FC möge dazu wohl die falsche Publikationsplattform sein, ich würde das lieber in einem Buch lesen wollen...

    Grosses Kompliment vom Doc
  • Holger Schimanke 17. Januar 2013, 21:48

    Minimalistisch schön...auch hier ist weniger mehr!
    ... ein sehr geniales Bild im Stil der mirauch in s/w top gefällt! (dies meine Eindrücke, ohne den Text zu lesen).