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Mr. Z.


Basic Mitglied, Hannover

Blue In Green

Diese Einsicht kam von heute auf morgen. Ja, sie war die Besitzerin des Restaurants, und er verstand von diesem lächerlichen Geschäft so wenig wie vom Leben im Flohzirkus, aber was machte das schon? Sie zwängte ihren allmählich wie Teig auseinanderlaufenden Körper in eng anliegende Kleidung und lief jeden Abend in Sakko und Hose in der Pose eines verfetteten, grießgrämigen Herrenreiters durch das Lokal und schikanierte die Angestellten. Nachts sah er ihr fahles Gesicht neben sich, die fremde Landschaft, die ihm sogar aus dem Schlaf heraus ihre kalte "Rühr-mich-nicht-an-Botschaft" monoton aufsagte. Die viel zu kleine Nase reckte sich wie eh und jeh empor und blies ihn an. Fast wie früher. Fast.

Dann kam aus der Vergangenheit ihre Stimme zurück. Es war ein Abend mit rot angestrahlten Wolken, die Sonne sank brennend. Da stand diese junge Frau. Schwarze, schulterlange Haare schlängelten sich ihm zu und aus dem kurzen Rock wuchsen weiße, feste Waden. Sie stand barfuß vor ihm, die Schuhe in der Hand. Sie hatte aufgescheuerte Fersen, aber in ihren Augen fand er dasselbe Lachen wieder, das seiner Frau fortgesprungen war. Jetzt hatte es einen Weg zurückgefunden und die Stimme war auch da. Er lächelte.

Anfangs fand er es belustigend. Ja, belustigend. Mit zwanzig klang sie guttural und irgendwie albern zugleich, fand er. Wie eine geübte Radiosprecherin in Sektlaune. Das Kichern von einst hüpfte auf Zehenspitzen. Später raunte sie ihm ihr Gedicht von damals ein, und er liebte es auf Anhieb wieder.

Ausatmen

blind sein dich besser zu hören
taub dich nur zu lesen und hungrig
deines warmhautglimmens taste ich dich
einwärtsblicks als wärst du da

ich habe dich nie gesucht
du warst immer schon
moll in mir
und end-endlich kommt unser langsamer tag

Nun war klar, sie beide würden das Restaurant nicht mehr brauchen. Er spürte Zerfließen nahen. Grün würde sich mit Blau mischen. Diesmal für immer. Beinahe hätten sie sie aufgehalten mit ihrem starrsinnigen Klingeln. Aber ihr WIR entkam so leicht, fast war es zu einfach. Es waren die Nachbarinnen an der Tür, der letzte Gruß geendeter Zeit. Hey, klasse, sagte er. Kommt doch herein, wir rauchen zusammen einen Joint und sehen uns einen Porno an, und sein Schelm aus Kinderzeiten, soldatisch ihm stets zu Diensten, blinzelte sie verschwörerisch aus seinen Augen an. Natürlich wollten sie nicht, die prüden Schwestern. Er schloss die Tür. Sie taten ihm leid. Sie würden ihre Stimme nie hören.

Jetzt klang sie zitronig und gläsern und hallte in ihm ungehindert wie in einem leeren Haus mit weißen Wänden. Ihr Haar war wieder blond und nahm ihm die Sicht. Er tastete nach ihr. Liebling, natürlich liebe ich dich, wiederholte sie, aber sie entzog sich nach oben und kurz, nur kurz wurde er unruhig. Aber dann verstand er sie intuitiv. Wie früher. Oben. Und dann ließ er sich himmelwärts von diesem sanftblauen Freiheitsgefühl ziehen und aus der Brust flatterten Spatzen südwärts.

(Mr. Z, 2005)

Kommentare 1

  • Dr. Knoppers 1. Januar 2006, 22:45

    ich finde es eine beeindruckende Arbeit..Bild und auch den Text dazu! einzig die weißen Bartpunkte wirken auf meinem Monitor ein wenig störend aber das kann auch an meinen Bildschirmeinstellungen liegen...finde es insgesamt richtig klasse!

    lg hendrik

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