Serian Torsten Kallweit – Ein ungewisses Nordlicht

 

Serian Torsten Kallweit mit dem Foto "Nordlicht"

Foto: Serian Torsten Kallweit

Eine Reise nach Mittelschweden ins schöne Jämtland ist zu allen Jahreszeiten tief beeindruckend und wenn es nachts dunkel wird (Mitte August bis Ende April) kann man mit etwas Glück auch Nordlichter bestaunen.

Ich fahre seit 2002 jährlich einmal für drei Wochen in die jämtländische Wildnis, oft Mitte März bis Anfang April, weil dann das Wetter häufig sehr gut und noch ausreichend Schnee für Ski-Langlauffreuden vorhanden ist. Außerdem sind die meisten kleineren Seen noch dick zugefroren und bieten in so mancher Nacht eine tolle freie Fläche, von der sich der atemberaubende Sternenhimmel wunderbar betrachten lässt. Auch Nordlichter zeigen sich ab und an am nördlichen Horizont.

Unvergesslich werden Nordlichter jedoch dann, wenn sie durch Sonneneruptionen ausgelöst wesentlich intensiver werden und auch in Mittelschweden himmelfüllend im Zenit betrachtet werden können. Denn je intensiver eine Aurora wird, desto südlicher ist sie auch zu sehen.
Solche Ereignisse sind jedoch selten.

Deshalb ist es für mich als Nordlicht-Fotograf immer ungemein aufregend, während dieser drei Wochen im Jämtland die Sonne genau zu beobachten (auch in der schwedischen Wildnis gibt es inzwischen Internet…). Taucht genau dann auf der Sonne eine aktive Sonnenfleckengruppe auf, die eine Sonneneruption auslösen könnte, wird es besonders spannend.

Um ein himmelfüllendes Nordlicht in Mittelschweden betrachten zu können, braucht es schon eine gewisse Stärke einer Sonneneruption, die dann den Sonnenwind zu einem Sonnensturm anschwellen und dadurch besonders intensive Polarlichter möglich werden lässt.

Diese Eruptionen („flares“) werden in mehreren Klassen eingeteilt: Ab einer Eruption im „C“-Klasse Bereich kann es schon interessant werden. Besser und 10mal stärker ist eine „M“-Eruption oder (wieder 10fach stärker) eine im „X“-Bereich.
Diese Eruptionen müssen natürlich auch erdgerichtet sein, sonst verpufft die Plasmawolke, die von diesen flares ausgeht (der sogenannte „CME“) im Weltall.
Trifft ein CME die Erde, kommt es darauf an, wann dies geschieht (am besten am späten Nachmittag, dann hat man manchmal die ganze Nacht über Nordlichter) und natürlich muss es auch sternenklar sein, sonst verschwinden die Lichter hinter den Wolken.
Trotz allem ist eine Vorhersage über die Intensität einer anstehenden Nordlichtsichtung nur schwer möglich, da noch andere, komplexere Vorgänge in der Erdmagnetosphäre hier eine große Rolle spielen.

Kurz nach meiner Ankunft im schönen Häuschen direkt am zugefrorenen, einsamen Schweden-See freute ich mich am 15. März 2015 über einen lang anhaltenden „C-flare“ auf der Sonne in Erdrichtung und dachte mir, dass es zu recht schönen Nordlichtern kommen könnte, wenn die Plasmawolke dieses relativ schwachen flares denn zeitgünstig auf die Erde trifft.

Völlig überraschend traf der CME viel früher als berechnet auf die Erde, und zwar schon am frühen Morgen des 17. März. Eine denkbar ungünstige Zeit, da bei einer CME-Ankunft am frühen Morgen bis zum Abend oft schon alles gelaufen ist.

Das unerwartet frühe Auftreffen zeigte aber auch, dass die Plasmawolke (der CME) viel schneller von der Sonne aus die Erde erreichte, als es für einen „normalen“ C-flare üblich ist. Je schneller eine Plasmawolke unterwegs ist, desto mehr Energie ist im Spiel, so dass auch mit einem größeren Nordlicht-Event gerechnet werden kann.

Nun begann ein ungemein spannender Tag. Wie würden sich die verschiedensten Werte des Sonnenwindes und des Erdmagnetfeldes entwickeln? Wird alles bis zum Abend wieder vorbei sein?

Wie für einen flare dieser Stärke erwartet, kam es alsbald zu einem mäßigen „geomagnetischem Sturm“, der in Kanada und Alaska schöne Nordlichter erzeugte.

Völlig überraschend klangen die Werte dann aber nicht langsam ab, sondern zogen gegen Mittag des 17. März nochmal deutlich an und erzeugten –für einen C-flare sehr ungewöhnlich – plötzlich einen geomagnetischen Sturm der Stärke „G4“ (Skala G1 – G5).

Hier war also nun doch was Ordentliches über die Erde hereingebrochen. Damit stiegen auch die Chancen, dass dieser Sturm bis zur kommenden Nacht anhalten und auch in Mittelschweden intensive Polarlichter sichtbar werden könnten.

Die Nachmittagsstunden zogen sich wie Gummi: Ich versuchte mir die Zeit mit einem Milchkaffee nach dem anderen auf der schönen Veranda mit Seeblick zu vertreiben. Trotzdem rannte ich alle 5 Minuten zum Laptop, um mir die entsprechenden Daten im Internet anzuschauen. Diese blieben langfristig sehr stabil und waren außerordentlich günstig. Der geomagnetische Sturm hielt an!

Ein Blick in den ganz langsam dämmernden Himmel am frühen Abend zeigte allerdings etwas sehr unschönes: Es zog zunehmend zu. Erst wurde es dunstig, dann erschienen vermehrt Wolken, die den sonst häufig strahlend blauen Himmel in dieser Jahreszeit bedeckten. Was für ein Ärger!

Ich gab nicht auf und schaute nun im Netz nach Wolkenprognosen für die nähere Umgebung. Ich kannte das von der Gegend hier: Manchmal war es bewölkt und 20 km weiter wieder sternenklar. Und ich wurde fündig: 40 km östlich von meinem Standort sollte es sternenklar sein.

Als es gegen 18.30 Uhr immer weiter zuzog, packte ich meine Ausrüstung und fuhr los.

Da, wo ich nun hinfuhr, zeigte sich alsbald der Himmel klar und die ersten ein, zwei hellen Sterne tauchten auf. Nun galt es einen geeigneten Beobachtungsplatz zu finden.
Das erwies sich als schwieriger als gedacht, da ich mich nun in einem dichten Waldgebiet befand. Ich fuhr weiter als ich eigentlich wollte, während es immer dämmriger und dämmriger und ich entsprechend nervöser wurde.

Diese Nervosität hatte insbesondere den Grund, dass ich bereits zwei Jahre zuvor, im März 2013, ein Nordlicht in der Dämmerung gesehen habe, das sich durch entsprechende Daten sehr früh ankündigte. Gerade noch rechtzeitig hatte ich damals auf dem See Stellung bezogen, und kaum dass die Kamera aufgebaut war, kam es zu einem kurzen Nordlichtausbruch genau über mir, bei dem ich einige wunderbare Fotos machen konnte.
Es gab zwar die ganze Nacht noch weitere Nordlichter zu sehen, aber dieser 10minütige Ausbruch in der Dämmerung blieb farblich einzigartig.

Sollte es heute ähnlich ablaufen, und die Daten waren mindestens so gut wie 2013, wollte ich ein eventuell sehr früh einsetzendes Schauspiel nicht verpassen, zumal ich erstmalig mit dem Nikkor 14-24, 1:2,8 unterwegs und damit natürlich noch besser ausgerüstet war als 2013 mit dem Nikkor 28, 1:1,8. Insbesondere himmelfüllende Polarlichter sind natürlich mit dem Ultraweitwinkel-Zoom besser zu erfassen.

Ziemlich hibbelig fuhr ich weiter auf der Hauptstraße durch das Waldgebiet.

Links ging auf einmal ein kleiner Waldweg ab, in den ich sofort einbog. Ich fuhr ihn eine Weile, dann schlängelte er sich zunehmend ins Tal und ich konnte keinen Fotostandort finden. Also gedreht und zurück auf die Hauptstraße. Wieder 10 min verloren und es dämmerte zusehends.

Dann erschien plötzlich rechts ein kleiner Waldweg, der schneefrei auf eine Anhöhe führte.

„Hier oder nirgends“, schoss es mir durch den Kopf.

Ich fuhr den Weg hinauf und landete nach einem Kilometer auf einer etwas höheren Ebene mit geringem Baumbestand. Einige Sterne waren nun schon sichtbar und ich beschloss, Stellung zu beziehen.
Von hier konnte ich zwar schon das nahe Städtchen „Bräcke“ mit entsprechender Lichtverschmutzung des Himmels in östlicher Richtung sehen, aber nach Westen und Norden (und auch nach Süden, was in dieser Nacht nicht unwesentlich sein sollte), hatte ich freie, dunkle Sicht. Außerdem versprach das östliche Städtchen am gegenüberliegenden Ufer eines langgezogenen, nicht mehr zugefrorenen Sees vielleicht nette Fotomotive.

Ich wendete den Wagen, parkte dann am Wegesrand und stieg schnellstens aus. Sofort schaute ich senkrecht in den Himmel und konnte keinerlei Nordlicht sehen. Das beruhigte mich erst einmal, und so baute ich in Ruhe zwei Stative, meine Nikon D700 mit dem besagten Objektiv sowie eine alte Leica RE mit dem Summilux 35mm, 1:1,4 und echter Dia-Bestückung auf. Ersatzakkus, Stirnlampe, Filme und eine warme Pudelmütze legte ich im Kofferraum bereit.

Als ich damit fertig war, kam ich endlich zur Ruhe. Nachdem ich mir auch die Zeit nahm, etwas Milchkaffee wieder loszuwerden, hatten sich meine Augen schon gut an die zunehmende Dunkelheit gewöhnt. Über mir zeigten sich erste, leichte Nordlichtspuren, die aber noch nicht sehr hell waren und ein Laie vielleicht für Cirruswolken gehalten hätte. Von einem kräftigen Nordlichtausbruch war noch nichts zu sehen.

War etwa alles schon vorbei?

Nun, der Nordlicht-Beobachter gehört zur Spezies der geduldigen Menschen, sonst hätte er sich ein anderes Hobby ausgesucht. Und so stellte ich mich auf eine lange Nacht ein.

Als es dann bald völlig dunkel war, konnte ich die leichten Nordlichtspuren über mir sehr gut erkennen, und ein diffuser Nordlichtbogen hing in 60° (vom Horizont aus gemessen) südlicher (!) Richtung von Ost nach West quer über dem gesamten Himmel.
Die Sichtbedingungen waren nicht wirklich optimal. Vom Standort her zwar o.k., war doch auch etwas Dunst in der Luft und im Osten erzeugte das erwähnte Städtchen eine wahre Lichtglocke in der feuchten Luft.

Das diffuse Nordlichtband im Süden wurde langsam erkennbar grün und im Norden erschienen bald sanfte, hoch in den Himmel ragende Strahlen. Erste Bilder hatte ich bereits gemacht, doch nun war mein Platz stets bei den Kameras, denn das Nordlicht wurde zusehends intensiver.

Das könnte wirklich eine lange Nacht werden, dachte ich bei mir.

Und in der Tat, das wurde sie.

Zwischen 21.30 und 22.30 Uhr gab es den ersten intensiven Nordlicht-Ausbruch mit faszinierenden Formen und Farben. Direkt über mir tanzten die Strahlen und gestalteten eine sich stetig wandelnde Szenerie aus Licht, die mich in tiefer Ehrfurcht völlig gefangen nahm.

Mehrere, sich wie im Winde wiegende, manchmal teilende Strahlenvorhänge reichten vom westlichen bis zum östlichen Horizont. In südlicher Richtung befand sich immer noch das diffuse, grünliche Nordlichtband und im Norden stieben einzelne hohe Strahlen weit ins Firmament. Im Zenit entsteht dabei durch eine optische Perspektivwirkung der Eindruck, dass alle Strahlen genau über dem Betrachter auf einen Punkt zuzulaufen scheinen: Es erscheint der Anblick einer sich stetig verändernden Nordlichtkorona.

Sich direkt unter einer solchen Aurora zu befinden, ist ein unglaubliches, unvergessliches Erlebnis.

Zwischen 22.30 und 23.40 Uhr machte das Nordlicht eine kleine Pause, in der allerdings überall im Himmel weiterhin grüne, pulsierende Strahlen und Bänder sichtbar waren. Faszinierende Fotos von rein grünen Nordlichtkoronen entstanden.

Eingeleitet von einer zunehmenden, prägnanten Strahlenbildung in unterschiedlichen Himmelsrichtungen brach gegen Mitternacht der inzwischen weit im Süden hängende, diffuse Nordlichtbogen los und produzierte intensive grün-violett/rote Vorhänge, die sogar von (Nord-) Deutschland aus gut zu sehen waren.

Zu dieser Zeit wusste ich oft nicht in welche Richtung ich schauen und fotografieren sollte, denn hier in Mittelschweden verzauberten die Nordlichter nun tanzend und wabernd weite Teile des Firmaments. Selbst die Lichtglocke von „Bräcke“ wurde von intensiven Strahlen in grün (unten) und violett (über dem grün) überstrahlt.

Gegen 1.30 Uhr beruhigte sich die Aurora und es zeigte sich wieder ein ähnliches Bild wie zwischen den beiden Hauptausbrüchen. Das schien ein guter Zeitpunkt zu sein, um zum gemieteten Haus am See zurück zu fahren.

Dort angekommen war es zwar ziemlich diesig und auch leicht bewölkt, aber das immer noch aktive Nordlicht, das die ganze Gegend in unwirklich grünes Licht tauchte, konnte ich weiter gut bestaunen. Nun hatte ich aber die Hütte im Rücken, in der ich mich mit heißem Glühwein und knisterndem Bollerofen auch ab und zu aufwärmen konnte.

Erst als die Morgendämmerung letzte Reste von pulsierenden, grünen Strahlen langsam auflöste, fiel ich voller Dankbarkeit ins Bett. Nicht ohne vorher alle Aufnahmen gesichert und kopiert zu haben.

Die Fotografien dieser Nacht gehören sicher zu den spektakulärsten, die ich während meiner bisherigen, zahlreichen Nordlichtsichtungen aufnehmen konnte.
Zu sehen sind einige auf www.galerie-art21.de.

Das Bild der sich zum Zenit hin mehrfach teilenden, tanzenden Nordlichtbänder entstand beim ersten Nordlichtausbruch gegen 22°° Uhr in westlicher Richtung und deckt das Sichtfeld vom Horizont bis ca. 20° über den Zenit (da wo die Strahlen zusammenlaufen) ab. Es wurde mit 14mm bei Blende 2,8 vier Sekunden bei ASA 3200 belichtet.

Autor: Serian Torsten Kallweit
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