Andreas Beier


Premium (Basic), Metropole Ruhr

Vattenfall Boxberg

So viele Kaminkühler gibt es in Mitteleuropa wohl nur im Braunkohlekraftwerk Boxberg. Das erste Kraftwerk am Standort Boxberg wurde 1966 errichtet. Anfang der achtziger Jahre waren bereits 14 Kraftwerksblöcke mit einer installierten Leistung von 3520 MW in Betrieb.
Zu dieser Zeit war Boxberg das größte Kraftwerk der DDR und das größte europäische Kraftwerk auf Braunkohlebasis. Bei Volllast wurden täglich etwa 120.000 Tonnen Braunkohle aus dem benachbarten Tagebau Nochten verstromt. Im Winter 1986/1987 herrschte in weiten Teilen der DDR eine extreme Kälte, wodurch einerseits ein erhöhter Kohle- und Strombedarf sowie andererseits Probleme bei der Beschickung der Braunkohlekraftwerke resultierten, da die mit Erde vergleichbar feuchte Rohbraunkohle auf Halden lagerte und größtenteils gefror. So wurde 14. Januar 1987 beschlossen, den Block 13 vom Netz zu trennen und herunterzufahren. Da in dem Schalterhäuschen eine Fensterscheibe eingeschlagen war, gefror in der Druckluftleitung eines Leistungsschalters Kondenswasser, wodurch ein Schaltschütz des auslaufenden Generators nach einiger Zeit wieder zurückschaltete und dieser auf einer Phase wieder Leistung aus dem Netz bezog und somit zum Motor wurde. Durch diese asynchrone Belastung zersplitterte die Verbindungswelle (bester „Russenstahl“ von ca. 50 cm Durchmesser) vom Generator zur Turbine. Die umherfliegenden Stahlsplitter zerfetzten zahlreiche Leitungen, unter anderem die des Wasserstoffs, welcher als Kühlmedium im Generator eingesetzt wurde. Aufgrund dessen kam es zu einem gewaltigen Brand, der die gesamte Maschinenhalle mit zwei 500-MW-Blöcken erfasste. Das Dichtölsystem des Generators war steuerungstechnisch so sicher, dass sich weder die zwei Drehstrommotoren (Pumpen), noch die Gleichstrompumpe ausschalten ließen. Es dauerte ca. zwei Stunden, bis sich ein Elektriker gefunden hatte, der die drei Pumpen mittels Freischaltung außer Betrieb genommen hat. Infolge dieser enormen Hitze knickten die nun erweichten Stahlträger der Dachkonstruktion ein und es kam zum Einsturz des etwa 22 m hohen Gebäudes. Eine Explosion an sich gab es nicht, obwohl es als solche in den Medien beschrieben wurde.
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Kommentare 495

  • Ludo 8. September 2020, 20:41

    Faszinierende Sichtweise.
    Ich weiß, dass mein Vater während des Zweiten Weltkriegs in einer solchen Einrichtung in der Nähe von Leipzig gearbeitet hat. Er sprach oft darüber.
  • RaiGeb 1. März 2020, 21:07

    Da kommt die Wucht dieses Monstrums richtig zur Geltung!
  • Michael Jo. 28. Februar 2020, 12:25

    rein technisch liest sich diese folgenschwere
    Auslösekette höchstinteressant ... !
    Doch hätte ich damals (ich erinnere mich an diese
    frostige Kälte jenes Winters auch noch sehr genau)
    nicht in der Haut eines der beteiligten Werktätigen
    stecken mögen (bei dieser Kälte im Tagebau schon
    garnicht ... !!!), als die Parteisekretäre vermutlich
    vor lauter Galle hilflos frustriert nach oben hin über
    diese ' Havarie ' Meldung erstatten mussten ...

    gefrorenes Kondenswasser in  Schützschaltkästen
    und Motorschutzschaltern ... - davon konnte ich
    damals auch ein Lied singen ... ;-(((
     und das Hydrauliköl in einigen ungeschützten
    Outdooranlagen bekam so eine milchig-dünnflüssige
    Konsistenz, dass ich zudem noch schleunigst
    Spezialöl besorgen musste ..., damit die Müllbunker
    der Gropiussiedlung im Süden (West-)Berlins
    zumindest zum nächsten  Abfuhrtermin wieder
    geöffnet werden konnten ...

    Von den Sondereinsätzen der ' Helden der Arbeit '
     in den Tagebauen der Lausitz (auch die Volksarmee
    wurde hinbeordert zum Kohle auftauen ...) und den
    Kraftwerken hörte ich in den Sondernachrichten
    des DDR-Rundfunks.

    Gut, dass diese vorgestrigen Dreckschleudern
    bald Geschichte sind .. !!!!!
    Doch immer noch mein Kopfschütteln über Merkels
    viel zu überstürzten Ausstiegsbeschluss über die
    damals  bei uns doch (noch) relativ sichere
    Nuclear-Verstromung und die anschliessend
     höchstdilettantsichen Versuche, die sogenennte
    ' Energiewende ' hinzubekommen ...
    (mindestens 10 Jahre mehr Planungszeit dazu
    hätten uns etliche Mehrkosten und noch mehr
    Frust erspart ... !!!
     10 Jahre - diese Zeit wird allein in unserer  demokratischen
    Bürokratie nur für die Planung einer künftigen GS-Höchst-
    spannungs-Neubautrasse benötigt .. ; und davon gleich
    vier Trassen, und die aber niemals mang unserer Gartenzwerge-
    Siedlungen ...)
    So aber wurde uns diese allzu plötzliche  ' Energiewende ' von
    beratungsresistenten Politikern  aufoktroiert  .. und nicht von
    kundigen Fachleuten begleitet ...
     - Flickschusterei war (und ist immer noch)
    die Folge, wie am BER-Fluch(!)hafen exemplarisch zu erleben .....

    LG., aus der Republik Schilda .., wo in den nächsten
    10- 20 Jahren vermutlich allein Tausende LKW-Ladungen
     an Styropor und Styrodur-Sonderabfällen  von erneut zu
    sanierenden Hausfassaden anfallen ...
    und in NRW just nach Greta's Future-Apellen - der  Braunkohlemeiler-
    Neubau Datteln an's Stromnetz gehen soll .....
    Michael
  • Hans-Hellmut Ernst 17. Februar 2020, 22:51

    Ein Foto wie aus einer anderen Welt.
    Eine bedrückende Wirkung.
    L.G. Hans
  • Frank_Richter 23. November 2019, 12:02

    ....krasses Konstrukt fein in Szene gesetzt ! TOP..
    Gruß Frank
  • noblog 22. April 2019, 9:31

    klasse Aufnahme
    Dir noch einen schönen Ostermontag
    LG Norbert
  • onno 22. Januar 2019, 11:35

    Top !!! HG onno
  • Rothe 9 14. September 2018, 13:17

    Erstklassige Perspektive!

    Gruss aus Hamburg
    Ake
  • ange58 31. März 2018, 21:57

    Der ganze Weg der Kohle von der Erde bis zum Abgas in der Luft. Genial eingefangen!
  • Mario Fox 5. März 2018, 17:05

    Apokalypse...mythisch
  • Robert Steve Taylor 3. November 2017, 19:34

    Das ist stark!
  • glauberSTEINs 22. April 2017, 22:04

    Originalton bei ersten Betrachten, laut ausgesprochen: "Hammer!"
    Ästhetisch, bedrückend, Endzeitstimmung. Ich finde es klasse.
  • helu559 25. November 2016, 20:33

    trotz der späten Besichtigung deines Fotos,nebst bestens erklärenden Textes... hier noch ein Lob für beides .. in schriftlicher Form
    gr heinz
  • Dü49 12. Juli 2016, 21:02

    Großartige Tiefe, toller Blick.
    Kompliment.
    LG
    Reiner
  • Ralph Quarten 7. Februar 2016, 9:05

    mutig, mutig!
    LG Ralph

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