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Robert Bauer


Premium (World), Bad Homburg (davor 45 Jahre Stuttgart)

SYSTEMRELEVANZ

Als wir 2008/2009 in die Finanzkrise geschliddert waren, erlangte das Wort der Systemrelevanz eine herausragende Bedeutung. Es war nämlich die Begründung dafür, warum alle Banken gerettet werden mussten und Geld kein Hindernis darstellte. Die Banken waren im Juristendeutsch quasi die conditio sine qua non; eine Institution, die nicht hinweggedacht werden konnte, ohne dass das Ganze zusammenbrechen würde. Im Neudeutschen heißt das in Ansehung der Großbanken: Too big too fail! Aus der Sicht des Steuerzahlers jedoch eher: Too big to rescue, sodass wir mittlerweile - über 10 Jahre danach - aufgrund einer geänderten Regulierung eher von einer Zerschlagung ausgehen wollen als noch einmal öffentliche Gelder in die Hand zu nehmen, um das Spiel-Kasino erneut zu verstaatlichen.

Das galt noch bis vor Kurzem, doch seit Corona ist alles anders. Denn als systemrelevant erweisen sich nunmehr weniger die Banken, die diese Pandemie ganz sicher nicht verursacht haben, sondern ALLE, die in diesen Wochen im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod kämpfen sowie unsere Grundversorgung sicherstellen müssen. Die Rede ist von den Ärzten und Pflegern in den Krankenhäusern und Pflegeheimen, von den Apotheken, von allen Beschäftigten im Lebensmittelhandel und denjenigen, die im öffentlichen Dienst im weitesten Sinne die sogenannte öffentliche Ordnung aufrechterhalten. Respekt, Anerkennung und großer Dank an alle, die sich für andere Menschen nahezu aufopfern.

Was ist eigentlich nicht systemrelevant? Wo wollen wir künftig auf etwas verzichten, weil wir es kaum vermissen würden? Ich habe mich mal von meinem Bildarchiv inspirieren lassen und will Euch ein paar Bereiche aufzählen: Wohnen, Beruf und Einkommen, Ernährung, Mobilität, das Auto, Digitalisierung, Reisen, Kultur, Freizeitaktivitäten ... oder etwas allgemeiner formuliert unsere Staatsform, die freiheitlich-demokratische Grundordnung (zugunsten einer Autokratie), eine stabile Währung, das Ersparte, eine gute Altersversorgung, Natur und Naturschutz, die freie Religionsausübung oder am Ende des Jahres die Weihnachtsgeschenke? Die Gesundheit habe ich mal ausgeklammert, darüber besteht hoffentlich Einvernehmen. Die einzige Alternative, die ich Euch für einen fast problemlosen Verzicht anbieten kann, wäre die Option rechts unten in der Ecke: das Klopapier! Und selbst das scheint zumindest bei der Mehrheit der Hamsterkäufer fraglich.

Wahrscheinlich wird nach Carona alles anders sein, weil das System als solches grundlegend in Frage gestellt werden wird. Für manche ist das jetzt ein Hoffnungsschimmer, der in der Krise a bissle Trost spendet. Ich persönlich bin allerdings skeptisch. Weshalb sollte die Menschheit zu solchen radikalen Erkenntnissen gelangen? Im letzten Jahrhundert gab es kurz hintereinander zwei Weltkriege. Der letzte ist aber über 75 Jahre her. Wer weiß noch aus eigener Erfahrung, was Krieg und Elend bedeuten? Wer heute 30 Jahre alt ist, hat die Berliner Mauer nie gesehen. Daher verwundert es kaum, dass jetzt wieder neue Mauern errichtet werden, vor allem in den Köpfen.

Ich weiß nicht, wo wir und die Welt insgesamt am Ende des Jahres stehen werden. Man kann nur hoffen, dass möglichst bald Medikamente und ein Impfstoff gegen das Virus bereitstehen und die Angst nicht zur Phobie ausartet. Angst und Panik sind ein schlechter Ratgeber. Lebensentscheidungen für die Zukunft kann man nur treffen, wenn der Kopf wieder frei ist. Möge genau dieses so schnell wie möglich passieren. Denn die Zeit läuft leider gegen uns.

Kommentare 1

  • anne47 2. April 2020, 22:49

    Was Systemrelevanz hat, muss wohl jeder nach dieser Krise für sich selbst entscheiden. Auf was kann ich dauerhaft verzichten? Was brauche ich unbedingt für ein lebenswertes Leben? Eine pauschale Antwort gibt es nicht, aber ich bin sicher, jeder weiß etwas, was er nicht wirklich haben muss und man sollte vielleicht auch mal so etwas wie eine Liste machen, was Prioritäten angeht. Die Gesundheit sollte auf jeden Fall einen oberen Stellenwert haben, da ist in der Vergangenheit vieles kaputt gespart worden.
    Deine Collage ist sehr gut geworden, es gibt vieles, auf das ich da nicht verzichten möchte.
    LG Anne