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Ralf Horst


Premium (Pro), Berlin

Seele gesucht

Du schaust grad dieses Bild und dieses Wort.
Doch der Bildschirm und dein Auge sind an verschied'nem Ort.
Das Licht ist es was das Bild zu deinen Augen hin transportiert.
Wonach es dann im Gehirn als Sonnenuntergang wird interpretiert.
Doch so schnell es auch ist das Licht,
ohne Zeit zu brauchen geht es nicht.

Knapp 3 Milliardstel Sekunden braucht's zwar nur zur Netzehaut,
aber das ist nicht sofort, sondern eben etwas später, halt darauf.
Auch das Hirn braucht vielleicht so drittel Sekund bis es hat verdaut.
So ist denn alles was du nimmst so in dich auf
immer nur Vergangenes, vor mehr oder weniger kurzer Zeit Gewesenes.
Glauben musst du dass das Bild jetzt noch ist wie eben noch gesehen es.

Die Gegenwart ist - das folgt dann wohl daraus -
nur an einem winzig kleinen Ort in deines Hirnes Teilchen.
Alles drumherum, egal, ob Chef, Partner oder Wetter dir macht den Garaus
muss stets gewesen sein; das Licht braucht stets ein wenn auch noch so kleines Weilchen
und Einstein fand dass nichts kann schneller reisen,
weshalb jedes Sehen, Fühlen, Berühren ist ein Ruf aus Vergangenheit.
So ein jedes Ich ist die jüngste Sache weil auf des Lichtes Gleisen
stets verbunden ist der Lauf der Zeit.

Das wird für jedem seine Seele, seinem Ich eben so wahrhaftig sein,
denn wie auf 'ner Kugel wo immer man grad auch steht,
stets ist man auf dem höchsten Punkte, wohin man richtet ringsherum sein Augenschein,
geht es abwärts; denk dir einen Fußball, auf dem ein kleines Bienchen geht:
Immer blickt es ringsherum auf tiefere Gefilde
auf diesem kleinen Erdenabgebilde.
Dies auch für jedes weit're Bienchen so gelt,
egal wie viele noch weilen auf des Balles Welt.

Was sind schon 3 Milliardstel Sekunden mag man sagen
doch ganz real kommen diese kurzen Zeiten sehr wohl zum Tragen:
Das Gerät mit dem du gerade schaust auf diese Zeilen
hat 'nen Mikroprozessor der kann sich arg beeilen:
Ein, zwei oder mehr Gigahertzen Taktgeschwindigkeit kann der sehr wohl gut machen,
aber viel mehr ist da derzeit nicht mehr drin, mit den technisch derzeit'gen Sachen:
So groß Schnelligkeit hat sehr wohl unter andrem dies Gewicht:
Auf zwei oder mehr'ren parallelen Leitungen, die zu verschieden in der Länge sind,
braucht das Signal, ein Strom, der ähnlich wie das Licht,
halt verschieden lange Zeit, auch wenn's ist noch so geschwind,
ein Signal kommt nicht rechtenzeitig an
und das war es dann...

Die großen Sternenguckeraugen,
die das fernste Weltenlicht in ihre Teleskope saugen,
sehen Licht von vor vielen, ja Millionen Jahren,
weil es braucht so lang um zu uns zu fahren.

Also alles braucht so seine Zeit um dich zu erreichen
und dein Ich muss dann wohl sein die gegenwärtigste Gegenwart,
vielleicht ja eben deine Seele, wenn es dieser mag überhaupt zu derart Sinn gereichen.
Doch da ist ja noch die Zukunft, mag's dir nun entfleuchen mehr oder wen'ger zart.
Aber: hast du je die Zukunft wirklich sehen können?
Man weiß, wenn das Datum zeigt 365 Tage nach dem Heute,
ist ein Jahr vergangen; aber, liebe Leute,
weil das doch nie so absolut genau vorher zu sehn gewesen,
gibt es Schaltsekunden, die dem realen Ungenauigkeiteswesen
letztlich immer aushelfen werden müssen.
So ist die Zukunft - wenn auch wissenschaftlich wohl fundiert - immer Ergebnis von unsren nie perfekten gedanklichen Ergüssen.

So ist dein Ich, dein Seele dann der jüngste Punkt für dich,
stets gegenwärtig - denn jetzt ist Jetzt und jetzt ist auch nur Jetzt,
egal wann immer du aktiv, bewusst dich fühlst, wahrnimmst, wie immer die Zeit auch wetzt.
Älter wirst du so gesehen auch niemals nich.
Nur dein Drumherum, dein Körper, dein Erleben schreitet irgendwie voran,
wie das geht und was das ist, wär' ein andres Thema dann.

Aber ein winzig kleiner Teil in dir macht das nicht mit, bleibt ewig jetzt und gleich.
und dein Drumherum ist auch nicht letztlich dein wahres Reich:
Egal ob Chef, Partner oder Wetter sind mal nicht mehr da,
oder wenn ein Arm, Bein oder manch weit'res deines eignen Fleisches geht verlustig,
dein Ich kann oft dennoch sein ganz rüstig.

Wer weiß, Seele ist vielleicht, was bleibt, wenn man Chef, Partner, Wetter gleicherweise
entnimmt wie Arm, Bein und alles dein Gefleische.
Vielleicht ist dann was bleibt das Ziel der langen Reise:
Pure Gegenwart ohne Licht, Dunkel und all Geräusche...
Und die Dinge, die wir jetzt noch gar nicht kennen.
Doch sie kommen, man muss nicht hinterher da rennen.

Drum lebe man sein Leben vielleicht besser nicht wie im Fernsehn heutzutage:
Schon im gegenwärt'gen Film die Vorschau auf den nächsten Streifen,
was das gegenwärtig' Gefühl macht leer und allzu vage,
du rennst voran, das Hirn, die Lungen pfeifen
und merkst nicht deine Gegenwart.
Das macht dich und dein Leben doch recht hart.

Kommentare 6

  • Carsten Lücke 25. Juli 2009, 18:41

    Wunderbare Zeilen....
    wundervolle Aufnahme...
    superschöne Stimmung...
    LG
    Jeanette
  • Rollmöpchen 7. Juli 2009, 22:28

    Das schaut ja allerfeinst aus und deine Zeilen dazu Wow !!!!
    Klasse gemacht !!
    LG Gabriele
  • Alluem 26. Dezember 2008, 12:40

    Una bellísima fotografia
    Recibe un saludo
  • K.Forster 21. Dezember 2008, 8:42

    Sehr schöne farbenprächtige Aufnahme gefällt mir
    Gruß aus Idar-Oberstein
    Klaus
  • Sonja Losberg 9. Dezember 2008, 12:51

    Solche Himmelsfarben sind immer wieder eine Augenweide. Schöne Aufnahme.
    Der Text gefällt mir sehr.
    LG Sonja
  • † Thom Arnold 3. Dezember 2008, 0:37

    Jetzt bin ich am Ende. Da bringt dieser Horstchen nicht nur wieder ein ganz tolles Bild in die fc,....nein er dichtet auch noch und zwar gut. Und nicht ein Vierzeiler, nein, er würde damit bei Elke Heidenreichs Sendung "Lesen" die ganze Sendung ausfüllen.
    Bin begeistert!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
    Liebe Grüße
    Thomas