Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren und die Zugriffe auf unseren Webseiten zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Deiner Nutzung unserer Webseiten an unsere Partner für Emails, Werbung und Analysen weiter. Details ansehen

Was ist neu?
Neuhaus Oberfranken - (Bild und Text)

Neuhaus Oberfranken - (Bild und Text)

7.805 15

Udo Walter Pick


Free Mitglied, Gersthofen

Neuhaus Oberfranken - (Bild und Text)

In diesen Dörfchen bin ich geboren, dort und in Selbitz
habe ich meine Wurzeln.

Selbitz im Frankenwald mit Döbraberg
Selbitz im Frankenwald mit Döbraberg
Udo Walter Pick
Selbitz in Oberfranken
Selbitz in Oberfranken
Udo Walter Pick
Tief im Frankenwald .....
Tief im Frankenwald .....
Udo Walter Pick




Unten kommt ein etwas längerer Text
von mir der mittlerweile auch schon wieder einpaar Jahre drauf hat und Dich einläd eine kurze Reise durch Zeit und Raum zumachen
und dabei auch etwas über mich und meinen Bezug zu Bildern zuerfahren.



Von einem der auszog.....

Es gibt keinen richtigen Winter mehr ! - diesen und ähnliche Sätze, hört man oft, wenn man sich mit jenen, die es noch erlebten, über diese Zeit unterhält.

Jene Zeit, die ihren Anfang findet, wenn die Äcker abgeerntet sind und das letzte Laubblatt wippent von den Bäumen fällt - und ihren Ende entgegen geht, wenn die ersten Blumen ihre Blüten nach den Lauf der Sonne drehen.

Dazwischen:
... eine Epoche der Ruhe und Besinnung aber auch der Nähe
da das meiste unweit des wärmenten Feuers geschiet.
... die Phase des Aufarbeitens und Wiederherstellens,
in der defektes, repariert wird; in der sich neue Kraft ansammelt
und das Geltung erlangt, was unter dem Jahr vernachlässgt wurde.
... der Intervall, des Bewußt werdens - darüber, das jedes Ding
sein Ende findet um in neuer Form andere Wege zugehen
und so sein Ziel erreicht.

Ich selbst, der diese Zeit nicht mehr erlebte, bringe diese Jahreszeit im Rückblick nach meiner Kindheit,
mit verträumt ländlicher Gegend, Reinheit und Klarheit in Verbindung.
In Erinnerung daran, wird mir das Damals; gegenwärtig zum ;Seienden; und ich schmecke wieder die süße Naivität meiner Kindheit und ein Hauch
von Unschuld macht sich breit:

Ich laufe mit Freunden den Schneidersweg hinunter,
nicht das er so heißt ,
aber um die zahlreichen Wege die von der Landstraße abzweigen
- welche unser Dorf mit leichten Kurven durchzieht -
zu unterscheiden,
haben die Einwohner einen jeden dieser Wege,
die zumeist ungeteerte steinige Hohlwege sind,
nach einen unverwechselbaren Merkmal benannt.
So gibt es den Grindlersweg, benannt nach einen Bauernhof,
den Synderhaufsweg, er heißt nach den Postvorsteher der dort wohnt;
und unter anderen auch den Schneidersweg - der Name kommt von Herrn Wölfel
der früher hier seine Schneiderstube hatte und nun schon Greis uns gegenüber wohnt.

Während wir den Schneidersweg hinunter gehen, bis er mitten in der Wiese,
bei den Holunderstauden endet,
zieht sich an der linken Seite des Weges,
ein kleiner stinkenter Graben entlang, der die Funktion
des Abwasserkanals inne hat.
Die wenige Brühe von Waschmaschienen und Gullys,
von der Dachentwässerung und den Waschbecken,
verläuft sich, nach dem sie uns begleitete, auf der Wiese.
Die Abfälle der Toiletten aber sind nicht mit dabei, sie werden in Gruben gesammelt und bei Bedarf von den Bauern abgeholt und dienen ihnen als Dünger für ihre Felder.

Nun an den Holunderstauden angekommen, geht der Blick über Wiesen und Felder., in leichter Neigung nach Selbitz hinunter. Dieser für diese Gegend typische Wiesengrund zieht sich bis zum Rothenbach hin, der in Selbitz in die Selbitz fließt, die rechte Anhöhe nennt man dort Galgenberg, die linke den Wildenberg.
Am tiefsten Punkt zieht sich ein kleines geschlängeltes Rinnsal durch den Auengrund, das eingebettet in seinen tiefen Grün der Wiesen ein herrliches Forellenwasser ist.

Dieses namenlose Rinnsal im Sommer wandelt sich vor meinen Augen zum Rinnsal im Winter. Der grüne Wiesengrund kleidet sich weiß ein, der Holunderstrauch verliert seine Blätter und verbirgt sie unter hohem Schnee - Erinnerung macht`s möglich - und wieder stehe ich an den Holunderstauden mit meinen Freunden, nur dieses Mal im Winter.

Wir stampfen durch den tiefen Schnee querfeldein, gestern kam die Sonne einmal kräftig heraus und schmolz den Schnee an, der über Nacht wieder gefror und so an seiner Oberfläche krustig vereiste. Bei jedem Schritt hält nun die Oberfläche zunächst vor dem Einbrechen stand, wenn man den Fuß darauf setzt, jedoch in dem Moment, in dem man sein Gewicht nach vorne verlagert, bricht die Eisschicht über dem Schnee zusammen und man sinkt so seine 30-40 cm ein.
Hier vorwärts zu kommen ist eine beschwerliche Sache und die Anstrengung erhitzt mich, fordert mich heraus, diese Tücke der Natur zu überwinden. So kämpfe ich mich Schritt für Schritt vorwärts und fühle mich wie ein Polarforscher im Packeis, mein Kampf führt mich dabei in die Nähe des Wiesenhauses.

Das Wiesenhaus ist ein großer Bauernhof, der zwar zu Rodesgrün, unserem Nachbardorf gehört und von dort auch angefahren werden kann, jedoch genau zwischen Neuhaus und Selbitz liegt. Der Hof ist etwa 500 Meter vom Rinnsal weg, und ab dort zieht sich der Wiesengrund auch etwas flacher in Richtung Selbitz fort.
In inmittelbarer Nähe, wo Hecken und Büsche dem Rinnsal in seinem Lauf folgen, vis á vis vom Wiesenhaus, halten wir an. Das kleine Bächlein ist dort vielleicht 40-50 cm breit und jetzt im Winter kaum tiefer als 20 cm. Am Rand befinden sich viele ausgespülte Wurzeln, die ihr Wasser direkt aus dem Bächlein beziehen und sogleich die natürliche Üferbefestigung bilden.
Um das Wurzelwerk spielt beständig das Wasser und sptitzt ein paar Tropfen hoch, die an den Wurzeln sofort wieder gefrieren, dabei bilden sich fantasievolle Formen aus Holz und Eis. Diese natürlichen Kunstwerke werden laufend durch das glucksende Wasser, das unter ihnen hinwegrinnt, benetzt. So wird das Eis transparent wie Glas, und die Wurzelsystem oberhalb des Wassers sind eingesperrt wie eine Fliege in Bernstein, wodurch das Ganze einen Hauch von Ewigkeit und Unvergänglichem für den Betrachter bekommt.

Im Nachhinein wird mir klar, worin der Unterschied zwischen Einst und Jetzt, zumindest für mich besteht: Damals konnte man noch entdecken, erforschen, in ruhiger beschaulicher Art Zusammenhänge begreifen, die Welt war woll Wunder, Hoffnung und Zukunft.
Feuerwehrmann, Ballettänzer und Forscher wollte ich werden, absolut Neues wollte ich finden, neue Horizonte erschließen.
Mich interessiert von je her alles und jedes, das nicht alltäglich ist. Meine Forschungsreisen als Kind führten durch diverse Dachböden, Scheunen, Keller, Müllhalden, Steinbrüche, Wälder und Tümpel, und oft wurde meine Rückkehr mit einer Tracht Prügel bedacht - von denen, die nichts davon verstanden.
Auch heute noch findet sich der Forscher in mir, der Phantast, der Beschauer und Beobachter. Heute noch recherchiere ich der Vergangenheit hinterher, um sie zu analysieren.
Stundenlang kann ich mir Bilder anscheuen von Landschaften, vergangenen Epochen und der Natur. Durch sie wird in mir die Vergangenheit lebendig und erlaubt mir den Vergleich mit jetzt.
Bilder lassen der Phantasie im Ablauf des Geschehens alle Möglichkeiten offen. Ich mag es, wenn die Dinge Platz lassen für Phantasie, wenn sie improvisationsfähig sind. Dieses Spiel mit vergangenen Momenten macht meine Erinnerungen intensiver, frischer und lebendiger, nicht nur die Visionen tauchen dann auf, von irgendwelchen Momenten, nein die Geräuschkulisse ist wieder dabei, und selbst die Gerüche ziehen durch meine Nase in einer Stärke, die mir glauben machen will, ich hätte Nüstern.

Der Schnee schmilzt, die wärmenden Sonnenstrahlen scheinen dem alten Gatterschuppen auf das verwitternde braune Holz, das ganz unten zum Teil schon verfault und von Algen und Pilzen ganz grün ist, die Sägespäne, die durch die Sonne aus dem Schnee herausgeschmolzen und nun aufgeweicht sind, legen ihren ureigenen Geruch frei. Der Duft der erwärmten Bretter am Schuppen, der des schmelzenden Schnees, des Sägemehls sowie der trocknenden Teerpappe auf dem Gatterdach, vermischt mit dem Schmelzwassergeruch der Selbitz, die 10 meter weiter am Gatterschuppen vorbeiläuft und Walderde, Humus und Schwemmgut mit sich führt, ergeben eine Symphonie der Gerüche, die in mir die Lebensgeister wachrütteln und zu neuen Taten rufen. Es richt nach Optimismus, als wollten die Gerüche nachholen, was sie im Winter versäumten.
Das Wasser steigt, überschwemmt den Holzlagerplatz des Sägewerkes, an dem ich wohne, es kommt der dominierende Geruch von Fisch hinzu - gemixt mit etwas Diesel, welcher aus einem Lagerschuppen rinnt und dabei seine synthetisch marmorierten Linien elegant stets mit anderen schillernden und strukturierenden Gebilden auf der Wasseroberfläche dahingleiten läßt.
Das Wasser geht zurück ins Flußbett, losgerissener Tang der Selbitz, welcher sich in der Flut um Pfosten und Lagerholz gewickelt hat, trocknen. Dieser Geruch und das Harz aus den sonnenbestrahlten Lagerstämmen mixen sich zusammen zum Ende der Frühlingsgeruchsprozession.
Die Sonne prallt auf heißen Stein, aufgeheiztes Holz.
In der Selbitz verschwindet das Wasser, und die Fische ersticken in den kleinen Tiefen des Flußbettes - halten der Sonne ihre Bäuche zum Sonnen hin, und der Wind verbläst in die nähere Umgebung einen Hauch des sommerlichen Geschehens, Teertränen laufen das Gatterdach hinab, Gewitter grollen zänkisch heran, Regen reinigt die Gegend vom Fischgeruch, der Sturm knickt dabei einen Baum am Selbitzufer.

Beregnetes Heu trocknet auf, verdorrtes grünes Laub des gefallenen Baumes - der seine Wurzeln hilfesuchend gegen den Himmel streckt - zerbirst unter meinen Schritten.
Meine Nase sagt mit, daß es Herbst wird, schon liegt der Rauch von Kartoffelfeuern in meinem Geruchszentrum, gemixt mit dem Aroma von schwarzem Kaffee, der aus meiner Tasse strömt und auf dem die Fettaugen träge dahinschwimmen, wobei mir der Rücken vom Kartoffellesen schmerzt.

Mit 1 Zentner und 5,-- DM komme ich zuhause an, meine Nüstern singen Weihnachtslieder - der Mandarinenschalen halber, die wir auf den Ofen legten und des Punsches, der auf der Platte warm gemacht wird, um uns zu erwärmen. Die 20 kg frischgebackener Stollen - wir machten den Teig und der Bäcker backte ihn für uns in seinem Ofen - warten sehnsüchtig im geflochtenen Wäschekorb darauf, daß sie mit zerlassenem Butterschmalz bepinselt werden und mit Puderzucker bestreut ihrer Vollendung entgegen gehen, während beim Bauer Korb die Odelgrube überläuft und in der festgefahrenen Spur im Schnee des Schneiderwegs die Flucht nach vorne antritt und dann doch in der eisigen Kälte erstarrt, und so Schicht für Schicht übereinander gefriert und sicherlich weiß, daß wie jedes Jahr bald heiße Ofenasche auf ihn gestreut wird, um seine tückische Glätte dort am Bergchen abzustumpfen.
Der erste warme Sonnentag der Schnee, Eis, Odel und Asche wieder auftaut, erzählt meinem Zinken davon, im selben Moment, da in Selbitz die Sonne den Gatterschuppen anstrahlt.

So stellt sich für mich ein Nasenjahr; dar, jedes Jahr wurde der Geruch etwas schwächer, heute rieche ich es in Erinnerung, und nur ganz selten manchmal beim Spazierengehen.
In Neuhaus - so hieß das Dorf mit dem Schneidersweg - roch ich natürlich nicht nur, ich träumte dort auch, wie fast alle Jüngeren von der Stadt, nein, nicht von Selbitz mit seinen 5.000 Einwohnern, auch nicht von Hof mit seinen 60.000. Wir träumten von München, Frankfurt, Nürnberg, Hamburg und Berlin. Den Lastwägen, die durch unser Dorf fuhren, schauten wir manchmal sehnsüchtig hinterher. Auf ihren Planen stand: täglich Hof - Hamburg und so weiter.
Es muß toll sein hinauszufahren, aus der einengenden Vertrautheit unseres Dorfes, wo jeder jeden kennt und jeder so ziemlich alles weiß, was andere betrifft. Dort draußen, der Straße entlang, geht es zur Freiheit, die Städte - ja, die sind die Freiheit, dort kann man machen, was man will, ohne daß es der Nächste gleich weiß. Dort sind Kinos, Discotheken, Pizzerias und viele Menschen zum Kennenlernen, dort ist was los.

Freiheit und Wahrheit, das sind Themen, die mich schon seit langem beschäftigen. So mit 13 oder 14 - nachts, als ich wieder mal am Grübeln war, kam ich zu dem Schluß, daß das Detail, also die kleine Wahrheit, in der wir uns verstricken und verwickeln, wertlos, ja oft auch falsch ist, wenn man die Funktion oder Bedeutung derselben nicht in dem Zusammenhang der großen Wahrheit sah.

Die Suche nach der Wahrheit ist letztlich doch nichts anderes als die Suche nach dem Sinn. Zusammenhänge muß man finden, wenn man den Sinn, also die Wahrheit erkennen will.

Ich wollte nicht das Wissen, sondern den Inhalt, die Strukturen, das Wesentliche finden, das, was das Objekt ausmachte - also die Seele der Dinge erfassen.

Die Stadt, also die Freiheit als solches, mit ihrer Komprimiertheit, muß Zusammenhänge besser erkennen lassen.

So und auf noch anderen Wegen idealisierte ich Großstädte. Und ich kam in die Stadt, ich sehe es genau vor meinen Augen:

Es ist Samstag 3 Uhr morgens, ich stehe am Haupteingang des Hauptbahnhofs. Die Straßenbahn zum Stadionhotel fährt erst gegen 6 Uhr wieder. Mir schmerzen die Beine und der Rücken von der siebenstündigen Fahrt mit dem Zug von Hof über Würzburg nach Frankfurt.
Ich schließe meinen Koffer - der voller gewichtiger Papiere für die morgige Sitzung ist - in ein Schließfach ein.
Merkwürdige Menschen in der Bahnhofshalle, viele sind verschmuddelt. Die nächtliche Bahnhofsatmosphäre bedrückt mich und erinnert mich an lustlose Tage zuhause - die mein kleines Zimmer ebenfalls zur Bahnhofshalle aufblasen und mich nur Störendes sehen läßt - und ich fühle mich dabei alleingelassen und ohne Hoffnung und warte. Heute keine Depressionen, denk ich mir und gehe geradeaus durch den Ausgang der Halle ins Kaiserviertel dem Zentrum der Stadt - ins Zentrum der Freiheit.

Die Gehsteige sind mit Müll verschmutzt, der kühle Sommernachtswind spielt mit ein paar Papierfetzen. Die Polizei fährt Streife, und die Beamten spähen wißbegierig und musternd aus dem Wagen.
Ich gehe die Straße hinunter an einer Telefonzelle vorbei, in der sich ein Penner befindet. Auf der Straße halten sich Prostituierte feil - das alles kenne ich schon aus dem Fernsehen - die alten Geschäftshäuser verraten mir durch ihren Baustil, daß sie schon bessere Zeiten erlebt haben, jetzt sind sie geschmückt mit Neonlichtern und Flacker-Reklamen - SEX-Life-Strip-Show, Eros-Center, Bei Lola - steht da geschrieben. Die roten Lichter herrschen vor und bringen in Verbindung mit dem schwarzen Asphalt der Straßen und den grauen, zum Teil beschädigten Häuserfassaden, eine Stimmung der Verderbtheit und Schwulitäten zustande.
Dann und wann höre ich Polizeisirenen, Türsteher versuchen mich anzuwerben, ich aber will in eine Discothek, jedoch finde ich keine. Mitten in der Stadt keine Disco - das darf doch nicht wahr sein!

So wandelte ich 2 ½ Stunden durch das Zentrum der Freiheit.

Ich gehe zurück zum Bahnhof und komme an jener Telefonzelle mit dem Penner vorbei - nur der Penner steht immer noch drin, gerade so, als wäre die Zeit stehengeblieben. So ein verrückter Typ, ich muß der Sache auf den Grund gehen, so gehe ich näher an die Zelle heran.
Er steht da, mit seinem alten grauen Mantel und festem Schuhwerk, mit der rechten Hand seines leicht angewinkelten Armes nimmt er ein e Position auf der rechten aufgeschlagenen Telefonbuchhälfte ein, als würde er mit seinem Zeigefinger eine Telefonnummer suchen oder deren Platz festhalten. Mit der linken Schulter am Apparat abgestützt und mit der Hand die linke Telefonbuchhälfte auf 90 Grad aufgewinkelt haltend, vermittelt er den Eindruck eines Telefonierenden.
Die starre Haltung jedoch sagt mir, daß hier was nicht stimmt, so sehe ich von der Seite her ins Zelleninnere. Was ich sehe, läßt mich ekeln: Er steht da und schläft - wäre er erstochen worden oder einfach nur krepiert - es wäre für mich nicht so schlimm gewesen, sowas kam über einen, im Stehen schlafen - das mußte man schon selbst tun.
Mich ekelte wirklich, nicht vor diesem Mann - mich ekelte vor mir mitsamt meiner Gesellschaft, mich ekelte es, daß es so etwas in meiner Welt gibt.
Es ist eine besondere Art von Ekel, am besten damit zu vergleichen: wie wenn man einen guten Wein aus seinem Glas trinkt und nach reichlichem Genuß feststellt, daß jemand ausgiebig reingespuckt hatte.

Ich kam noch öfters in Städte und landete selbst halbwegs in der Gosse und habe noch etliches mehr gesehen - in Frankfurt aber zerbrach damals meine heile Welt.
In den Städten lernte ich viel über Freiheit und Zusammenhänge, nicht daß es dort welche gegeben hätte, gerade das Gegenteil war der Fall: in den Städten war alles aus dem Zusammenhang genommen und voneinander getrennt. Von den Waren über die Arbeit bis zu den Menschen selbst. In der Stadt erkannte ich, wie frei ich gewesen bin, wie alles dort zusammenhing und überschaubar und verfolgbar war. In Neuhaus sah man, was man tat und wie es wirkte, in der Stadt jedoch wußte wohl keiner, was er tat.
In der Stadt zählte mein Name, das Alter - kurzum meine technischen Daten, - ich - zählte nicht.
Was besagen schon diese Allgemeinplätze - macht mein Name mich aus? Oder das, was ich erlebt habe, das, was ich fühle, denke und wovon ich träume? Ist Letzteres nicht das, was mich zu Mich macht?
Und in der Stadt gab es keinen Winter, nur Schnee und Matsch, weiße Streifen an den Schuhen und Hosen, und jede Ruhe wurde einem gründlich versalzen.

Ich lernte: Stadt - man verkauft sich und kauf ein, sie saugt Menschen ein und spuckt sie aus, wenn sie ausgesaugt sind. Kein Geben und Nehmen, kein Für- und Miteinander.

Bei Besuchen in Neuhaus sah ich es, es gab kein Zurück für mich mehr, nicht als der Junge in dem Dorf von Damals, ein Zurück nur als Außenseiter.

Der Geist der Stadt breitete sich aus über das ganze Land, auch nach Selbitz und Neuhaus kam er schon.
Isolation und Konkurrenz machen sich breit, Desinteresse, Ablehnung, Prestige und Schulden.

Aus dem Sägewerk wurde ein Großmarkt mit Parkplätzen, das namenlose Rinnsal ist verrohrt.
Die Stadt Selbitz nähert sich dem Wiesengrund hinauf Neuhaus.
Der Schneidersweg ist noch, doch bald kommen Kanal und Asphalt.

Der Winter ist gestorben - es lebe das Streusalz - Kleinstädte stellen Ampeln auf, die dir sagen, wann du laufen darfst und klotzen Hochhäuzser aus dem Boden, wie wenn sie sagen wollen: So klein wie wir sind, sind wir nicht!

Sie träumen noch von der Stadt, voller Illusionen und merken nicht, daß ihr Winter nicht mehr ist, können es kaum erwarten, sich zu prostituieren!
Ich wollte Städter sein und wurde es, so wie ich älter werden und Zusammenhänge erkennen wollte, ich hab das Ziel erreicht, doch ein Zurück im Geschehen gibt es nicht.
Nun bemühe ich mich darum ......

der zu werden,
der er ist
!
selbst
selbst
Udo Walter Pick


Nachtrag:Mittlerweile ist seit Jahren der "Schneidersweg" kanalisiert und asphaltiert
und heißt heute "Unterer Haag"

Unterhalb der Holunderstauden verläuft nun nahe am Wiesenhaus die Ortsumgehungsstrasse der B173
von Selbitz auf einen Wall der dort das Tal quert!
http://www.literaturzone.org/?user=431&kat=4&seite=1

Kommentare 15

  • deaddiver 17. Februar 2009, 16:47

    tolles bild herr namensgenoss^^

    lg patrick pick (DD)
  • Volker Munnes 15. Januar 2003, 20:17

    ......ich bleibe drann, aus Interesse & Gefühlen.....
    knapp, aber wesentliches und wunderschön, wie @Monika Paar sich äusserte ! ! !

    von mir den ,,verschachtelten" Goethe ; - )))

    und vlG-------------------------volker-<

    Wär nicht das AUGE
    SONNEN-haft;
    WIE könnten wir
    das LICHT erblicken.

    Lebt' nicht in UNS des
    Gottes EIGENE Kraft;
    WIE könnt uns
    GÖTTLICHES entzücken.

    (Goethe)
  • Monika Paar 15. Januar 2003, 1:26

    hallo udo,
    alles fließt.. ein zurück gibt es nicht, nur in der erinnerung. dort lebt unsere kindheit weiter und die wiesen bleiben grün. du selbst bist den weg weiter gegangen...den weg zu dir? vielleicht mit kleinen umwegen, aber immer folgend dem fluss deines lebens. nostalgie ist schön, heimat ein "heimeliges" wort - du findest sie - wie du weißt - nur in dir..
    liebe grüße
    monika
  • Monika Die 14. Januar 2003, 22:26

    @Rüdiger: Ja stimmt, einiges kam mir auch bekannt vor. Als Kind war ich oft auf dem Hof meiner Tante, der realtiv einsam liegt und bin mit meiner Cousine immer in den Wald gegangen und wir haben Reisig gesammelt, damit ein Feuer gemacht und darin Kartoffeln gebraten. Was waren die lecker, mhhh und mit der schwarzen Schale haben wir uns die Gesichter eingerieben :-) Das kam mir gestern so z.B. in den Sinn oder daß wir in der Scheune im Heu geschlafen haben und am Morgen wie eine junge Katze gerochen haben.
    Monika
  • Kurt Salzmann 14. Januar 2003, 13:54

    Ach ja... so muss man sich die Umgebung zu meinem Text voestellen. vg ks

  • Petra Dindas 14. Januar 2003, 13:09




    .... ok, ich habe es ausgedruckt und gelesen.....

    und habe folgenden Satz dafür:

    *Du bist in dir selbst Zuhause oder nirgendwo*

    in diesem Sinne die d@rk rose

    P.S.... das ich auf Deiner Buddy-List stehe, war eine Überraschung für mich und danke für das nette Mail!

  • Udo Walter Pick 14. Januar 2003, 13:09

    Danke für die zahlreichen und tiefen Anmerkungen !

    Der Text entstand schon vor einigen Jahren (ca 15)
    das Bild im letzten Jahr und nach dem laden des Bildes viel mir der Text wieder ein und dann kam die Idee beides zuvereinigen.

    Mittlerweile führt dort tatsächlich eine Ortsumgehung
    durch den Grund und der Schneidersweg und alle anderen Wege sind auch schon kanalisiert und asphaltiert und heißen jetzt Haag und so.

    Und weil es in diesen Text soviele innere Bilder hat,
    dachte ich das der Platz hier garnicht so unrecht ist.

    Gruss an Alle und eine gute Zeit - Udo!




  • Kurt Salzmann 14. Januar 2003, 10:28

    Interessante Geschichte. Teile davon kommen mir bekannt vor. Vor allem wenn ich von Abenteuern in Scheunen, Dachböden und Wäldern lese. Das war Freiheit, die ich meinem Sohn (8) heute nicht zugestehe, aus Angst... ich bin als Bauernsohn auf einem Hof aufgewachsen und so ein Bauerngut war bis in die 80ziger Jahre ein Königreich. Die Bauern kannten weinig Zwänge, und waren zum grössten Teil Selbstversorger. In dem Emmentalerdorf wo ich meine ersten 11 Jahre verbrachte, bestand eine weitgehend unabhängige Gesellschaft. Mit einem ausgeklügelten Nachbarshilfe System. Wo alle Risiken (Viehseuchen, Armut, Krankheit, Alter, Feuer, Unwetter) geschickt auf eine in sich geschlossene Einheit verteilt wurden. Ohne dem Einzelnen die Freiheit zu nehmen.
    Auch ich kenne noch die zeit als ich mit Vater zum Schneider ging. im Herbst der Metzger auf den hof kam, und kurz danach der Schnapsbrenner (Schnaps war Medizin für, Mensch und Tier)
    Kühe bekamen bei uns nach der Geburt eines Kalbes, eine Brühe aus starkem Kaffee und Obstler (halb/halb!) dazu zwei rohe Eier samt Schale, zwei Suppenlöffel Salz und zwei Scheiben Brot.
    Es gab Besenbinder, Rechenmacher, Hebamen, Wassermüller, Käser (die Milch wurde bis etwa 1970 oft mit Bernhardinerhunden zur Käserei gefahren, auch ich machte diese 'Kinderarbeit') , ein Lehrer für alle Schüler, ein Schreiner und Zimmermann, ein Schindelmacher, ein Krämerladen mit Bäckerei, ein Wagner, keine Polizei die kam aus der Stadt (40km) wenn etwa mein Vater auf streunende Hund schoss, diese auch traf. Kein Vergehen damals wenn du nicht die Armeewaffe benutzt...
    Da wäre noch viel zu erzählen von der Eierfrau, die den ersten Fernseher besass.
    Dass Vater bis 1974 keinen Traktor besass und alles mit einem Pferd erledigte oder mit Hilfe der Nachbarn.
    Ich bin 1963 geboren, Licht, zentral Heizung, warm Wasser, WC und Bad im Haus, und Auto besassen meine Eltern da schon. Aber keinen Traktor.
    vg ks
  • Jürgen Machulla 14. Januar 2003, 9:04

    Ja man sollte nie vergessen wo seine Wurzeln liegen!
    Ich habe genügend Verwande die hinaus in die Welt zogen und jetzt wieder zu ihren Wurzeln zurück wollen!
    Aus diesem Grund (naja es mögen auch andere gewesen sein) bin ich bei meinen Wurzeln geblieben und habe es auch nicht bereut.
    Danke für die Worte die einen die Augen wieder mal etwas öffnen.
    Gruß Jürgen
  • Volker Munnes 14. Januar 2003, 9:02

    .........hab es mir kopiert und als e-mail gesendet, aber leider ! ? *ggg*
    ......noch keine POST ; - ))))
    Es wird bestimmt........................ !!!
    ........wie ALLES !
    denke schon jetzt, über viele Flüchtlingsvölker und eine schlechte >Weltordnung<
    in punkto----------------->>> HEIMat

    vlG---------------------volker-<
    *ggg* der auch schon Flüchtling war !
  • Gerhard Brandstetter 14. Januar 2003, 7:02

    Na bumm - ist ja ewig lang geworden......
    Ein wenig kenne ich diese Ecke selbst, ich verbringe immer wieder ein paar Urlaubstage zwischen dem Fichtelgebige und Hof....... Ich kann daher ein wenig nachvollziehen, was sich dort alles verändert.....

    Aber dennoch: die Heimat - das kann einem keiner mehr wegnehmen - egal, wie es mal aussah, oder was noch alles kommt!
    Pfiat di, Gerhard
  • Karsten Skrabal 13. Januar 2003, 23:54

    So viel Text zu einer so spten Zeit. Ui, das wird anstrengend und eine lange Nacht.

    Karsten
  • Monika Die 13. Januar 2003, 23:54

    Ich hab es gelesen und einige der Gefühle auch verstanden und eigenen gleichgesetzt. Auch ich wollte immer hinaus in die weite Welt und bin wieder zurückgekehrt und fühle mich hier sehr viel wohler.
    Alles hat seine Vor- und Nachteile, aber Heimat ist Heimat, egal wie sie sich verändern mag. Daran können wir einzelne wohl wenig ändern...Die Welt verändert sich mit jedem Wimpernschlag, Erinnerungen sind sehr wertvoll, sei es auch nur das Grurgeln des Baches im Lauf der Jahreszeiten...
    LG Moni
  • Udo Walter Pick 13. Januar 2003, 23:53

    @Volker: gemach gemach bring Dir was zu Essen und zu Trinken auch noch mit ! :)
    @Otmar: Nochmal schöne Grüße ans Hemd
    Gruss Udo!
  • Volker Munnes 13. Januar 2003, 23:05



    ...........ich muss mal meine Brille suchen *ggg*
    Brillenlos und später mehr !!!

    vlG----------volker-