Wir verwenden Cookies, um Inhalte und Anzeigen zu personalisieren und die Zugriffe auf unseren Webseiten zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Deiner Nutzung unserer Webseiten an unsere Partner für Emails, Werbung und Analysen weiter. Details ansehen

Was ist neu?

Matthias von Schramm


World Mitglied, Hamburg

Marmorliebe

Sie zieht heute dieses Geschirr an, welches ich ihr einst per jungreifen Boten überbrachte. Aus Blech, Eisen, Kohle und Gold. Ich stehe am Fenster. Die Atemwege beschlagen das Sicherheitsglas zur Außenwohnanlage. Menschen mit dem ausgeprägten Sinn für das Schöne haben hier einen Park angelegt. Mit Rabenskulpturen. Mit Menschen mit gepflegten langen Haaren und Spangen. Ein paar von uns sitzen auf neuen kalten Bänken und bedanken sich für die Schmerzen. Manche trinken aus Kelchen geweihtes Wasser. Andere leeren sich in Pokalen. Sie steht da mit ihrem Geschirr und zeigt sich der Allgemeinheit. Sie trägt einen Stahlhut mit roten Federn. Sie möchte bewundert werden. Nein: sie will bewundert werden. An Herzverfettung leidende Singvögel umkreisen sie. Wir alten Menschen neigen dazu, die Vögel mit Speck zu füttern. Sperlinge z.B. sterben daran.

Sie zeigt sich allen. Das macht mich eifersüchtig. Schließlich überbrachte ich ihr dieses Geschirr. Das Geschirr ist quasi ich. Und sie ist in diesem Geschirr. Sie ist dabei so unvergleichlich endgültig. Sie schreitet mit Marmorblöcken an den Füßen. Sie schreitet mit diesen Marmorblöcken und trotzdem fast lautlos. Sie lässt sich mit Rabenskulpturen fotografieren. Keith ist einer ihrer Fotografen. Er war früher Gitarrist. Er machte aus dem Entengang den Sprung in den Atlantik.

Mich hält es nicht mehr am Fenster. Ich schleiche mich an den Pflegern vorbei und besorge mir Amadeus Salz. Es beruhigt die Nerven. Wir nennen es so: Amadeus Salz. Keiner weiß warum. Es ist einfach so, dass in Sozialstrukturen wie dieser eine eigene Sprache entsteht. Dr. Schmidt hat immer genügend da. Wie der Doktor wirklich heißt, dass wissen wir nicht. Auch nicht, ob er ein Doktor ist. Wir nennen uns irgendwie. Mich nennen sie Jonathan. Dies war aber auch schon früher so. Ich will zur Marmorliebe - ihr Geschirr mit meinem Brillentuch putzen. Ich will den Goldpreis eruieren. Ich will sie fragen, ob sie mit mir den heiligen Gral der goldenen Sonntagsbrötchen betreten will. Oder ob sie später als Baumschmuck am großen Baum der Liebe gefesselt sein mag. Er steht mitten in der Empfangshalle für Angehörige. Es ist Vorweihnachtszeit. Und Weihnachten ist schließlich das Fest der Liebe.

Bruno, dieses brutale Schwein – stellt sich mir in den Weg. Bei Scha - weinske gab es immer Italoschwein – dies waren noch Zeiten. Bruno ist der Aufpasser. Er möchte, dass ich nicht wieder Rabatz mache da draußen und über Miederinhalte singe. Dabei ist mein Gesang durchaus beachtlich. Ich kann den ganzen Scheißladen zusammenscheißen und auch schreien. Er packt mich immer am dünnen Oberarm und macht mir Blutergüsse. Wenn er mich jetzt nicht durchlässt, spucke ich ihm Blut auf den weißen Pflegekittel. Dies mache ich solange, bis der Arzt kommt. Aber Bruno lässt mich durch, nachdem mir doch noch das Passwort einfällt. Er streichelt mir sogar die Wange und berührt mich mit seinem hart beharrten Gesicht. Ein Gesicht ohne Empathie und soziale Intelligenz, wie man hier sagt. Dem haben sie nur den Job gegeben, weil er drei bis vier renitente Menschen gleichzeitig physisch in den Begriff bekommt. Seine dienstlichen Umarmungen verursachen schwere Verletzungen, besonders an der Seele.

Ich stehe nun also auch in unserem Garten, unserem Park und kann zu meiner Marmorliebe, die bis eben grade noch vor Keith und seiner Kamera posierte. Keith sitzt jetzt auf einer Bank und schlägt die Laute. Selbst dabei sieht er so geil aus wie früher auf der Bühne.

Ich stehe vor Marmorliebe. Sie spendet mir ein wenig Blut aus ihrem Mund. Schwester Irmgard berührt zart meine Hand und bittet mich wieder reinzugehen. Zuviel Emotionen wären nicht gut – Marmorliebe verwelke grade.

„Sie sind doch gar keine examinierte Kraft!“, empöre ich mich. Doch Irmgard lächelt mich so überzeugend und lieb und porzellangleich an, dass ich nicht anders kann, als ihr zu folgen.

Es ist bald Weihnachten. Und Kinder singen im Chor. Im Fernsehen läuft bestimmt wieder Winnetou, oder „Die drei von der Tankstelle“ oder ein altes Konzert mit Keith und seinen Mannen von früher.


14. Dezember 2017

Kommentare 2