Klaus Paier:...sagt NEIN - Nie wieder Krieg, inoffizielles Mahnmal am Bunker Wittekindstraße, Aachen

Klaus Paier:...sagt NEIN - Nie wieder Krieg, inoffizielles Mahnmal am Bunker Wittekindstraße, Aachen

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Franz-Josef Wirtz


kostenloses Benutzerkonto, Düsseldorf

Klaus Paier:...sagt NEIN - Nie wieder Krieg, inoffizielles Mahnmal am Bunker Wittekindstraße, Aachen

Die Aufnahme ist von Anfang 1997. Aus aktuellem Anlass lade ich sie doch noch hoch. Das Bild zeigt zwei Jungen, deren Augen mit roten Tüchern verbunden sind. Ihre Hände sind gefesselt. Gewehrsalven lassen die beiden nach hinten stürzen. Die Salven kommen aus einer Fläche in der Art einer Hakenkreuzflagge. Oberhalb gibt es noch eine verzweifelt schreiende fliehende Mutter, die einen Säugling hält und das Textfragment "...sagt NEIN" aus dem hinlänglich bekannten Wolfgang Borchert Text. In der ursprünglichen Wandbemalung war auf einem Textblock (hier rechts am Rand teilweise zu sehen) folgendes zu lesen:

"Am 14.09.1944 wurden hier zwei Jungen von deutschen Soldaten ermordet."

Oberhalb des Ereignistextes steht noch "Nie wieder Krieg" (hier rechts am Rand nur noch als Anfang zu sehen).

Sowohl die Hakenkreuzflagge als auch der Textblock und die Figuren selbst wurden immer wieder übermalt oder überklebt und teilweise wieder versucht wiederherzustellen.

(Tatsächlich fand die standrechtliche Erschießung der 14jährigen Karl Schwartz und Johann Herren durch Soldaten der 116. Panzerdivision bereits am 13. September statt. Sie werden damit nicht etwa Opfer von Kampfhandlungen, sondern Opfer der Willkür und Versuchen der Machtdemonstration eines sich auflösenden Regimes, das gerade in der Kriegszeit auch die eigene Bevölkerung terrorisiert hat. Am 12.09.1944 hatten amerikanische Truppen die Grenze Aachens im Stadtwald erreicht. Der Großteil der Bevölkerung war aus der Stadt verbannt worden, um sie wie eine Festung nutzen zu können. Am 21. Oktober war der Krieg in Aachen zuende.)

Der Sanitätshochbunker an der Einmündung der Wittekindstraße in die Saarstraße in Aachen wurde vor kurzem neutral neu gestaltet, womit ein weiteres Bild des in den Achtziger Jahren in Aachen tätigen 'Aachener Wandmalers' Klaus Paier verloren gegangen ist:


Lediglich die Bemalung oberhalb ist nun noch blass erhalten.

Im Rahmen der vielfach von der Stadt behinderten und verschleppten Aktion "Wege gegen das Vergessen" wurde für dieses Geschehnis eine Gedenktafel geplant. Dass auf ersten Textentwürfen die beiden Jungen als Plünderer hingestellt wurden war ein Stein des Anstoßes. Ob und in welcher Textfassung sie aktuell tatsächlich vor Ort zu finden ist weiß ich leider nicht.
http://www.wgdv.de/bunkersaarstr.htm

Erst 2004 wurden die damals wegen angeblicher Plünderung erschossenen Jungen als unschuldig rehabilitiert und das willkürliche Todesurteil aufgehoben.

Die Pressemitteilung der RWTH gibt eine kurze Zusammenfassung des Gutachtens, insbesondere auch der Rolle von Generalleutnant Gerhard Graf von Schwerin als Verantwortlichen. Schwerin hatte es geschafft, lange Jahre ein positives Image zu mythisieren:
http://www.rwth-aachen.de/aw/main/deutsch/Themen/Einrichtungen/Verwaltung/dezernat/Pressemitteilungen_der_RWTH/_/~nxi/Gutachten_der_RWTH_Aachen_bildet_wissens/

Zum Gutachten, erstellt im Auftrag der Stadt Aachen (kostenpflichtig):
http://www.shaker.de/OnlineAutoren/Katalog/details.asp?DID=192&AID=218

Eine Verfassungsbeschwerde mit dem Ziel eines regulären Freispruchs wird 2006 nicht zur Entscheidung angenommen:
http://www.bundesverfassungsgericht.de/entscheidungen/rk20060308_2bvr048605.html

Zum Beschluss des OLG Kölns 2005 (Pressemitteilung):
http://www.olg-koeln.nrw.de/home/presse/archiv/2005/Standgericht.pdf
Beschluss selbst:
http://www.olg-koeln.nrw.de/home/presse/archiv/urteile/2004/2Ws540-04b_ad.pdf

In der Stadtchronik erfolgt 2004 der Hinweis auf das Urteil, mit dem das damlige Todesurteil aufgehoben, jedoch noch kein Freispruch erreicht wurde (darauf zielten die weiteren Gerichtstermine):
http://www.aachen.de/DE/stadt_buerger/aachen_profil/chronik/pdfs_chronik/chronik2004.pdf

Ein Augenzeugenbericht wird in einem Beitrag des Bayrischen Rundfunks 10.05.2004 wiedergegeben (Seite 28):
http://www.ekd.de/download/reader_8_mai_1945.pdf

2003 erschien die ausführliche Dokumentation 'Die Tragödie von Aachen: Die Hinrichtung von zwei Kindern' von Guido Baumann, Otto Bönnemann und Walter Meven, die die Dinge wieder ins Rollen brachte:
http://www.amazon.de/Die-Tragödie-von-Aachen-Hinrichtung/dp/3921295513

Zur Lage in der Stadt:
N50 46.911 E006 04.765

http://maps.google.com/maps?f=q&hl=de&geocode=&q=wittekindstra%C3%9Fe,+aachen&sll=37.0625,-95.677068&sspn=61.669968,66.533203&ie=UTF8&ll=50.781767,6.079174&spn=0.000765,0.001015&t=h&z=20&iwloc=addr

Die Jungen, zunächst am Fuss des Bunkers begraben sind nun auf dem Waldfriedhof in Aachen beigesetzt.

(Anfang und mehr Infos zum 'Aachener Wandmaler' im fotohome-Ordner)

Klaus Paier: Zwischen den Tagen
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Franz-Josef Wirtz

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Klaus Paier: Schwimmer
Klaus Paier: Schwimmer
Franz-Josef Wirtz

Kommentare 4

  • Franz-Josef Wirtz 9. September 2008, 0:07

    Nachtrag (Zustand vor der 'Neugestaltung'):
  • Angela DS 20. Juli 2008, 20:26

    Hallo Franz-Josef,
    heute habe ich mit eigenen Augen gesehen, dass das Paier-Graffiti total verschwunden ist, und bin entsetzt. Wie kann man dazu nur das Einverständnis geben?
    Viele Grüße, angela
  • Frank Eberius 15. Juli 2008, 20:27

    Vielen Dank für diese ausführliche Ausführung. Immer wieder ungeheuerlich, wie das Vergangene verklärt wird.
    Gruß FRank
  • Angela DS 15. Juli 2008, 12:44

    Zur Zeit ist meines Wissens keine Tafel am Bunker angebracht.
    LG, Angela