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Eckhard Meineke


Premium (Pro), Münster

Einsicht

Jena, Ernst-Abbe-Platz, 4. Mai 2009, 19.47 Uhr. Nikon D 90 mit Nikkor f/2,8 35-70 mm bei 70 mm. JPEG Fein. ISO 400. 1/400 sec f/5 bei Programmautomatik und Mehrfeldmessung. Bildbearbeitung: Ulead PhotoImpact X3. Schwarzpunkt auf 25. Kontrast +12. Nachschärfen des auflösungsreduzierten Bildes 20/100.


Franz Kafka

Ein Bericht für eine Akademie       
                  
Sie erweisen mir die Ehre, mich aufzufordern, der Akademie einen Bericht über mein äffisches Vorleben einzureichen.

In diesem Sinne kann ich leider der Aufforderung nicht nachkommen. Nahezu fünf Jahre trennen mich vom Affentum, eine Zeit, kurz vielleicht am Kalender gemessen, unendlich lang aber durchzugaloppieren, so wie ich es getan habe, streckenweise begleitet von vortrefflichen Menschen, Ratschlägen, Beifall und Orchestralmusik, aber im Grunde allein, denn alle Begleitung hielt sich, um im Bilde zu bleiben, weit vor der Barriere. Diese Leistung wäre unmöglich gewesen, wenn ich eigensinnig hätte an meinem Ursprung, an den Erinnerungen der Jugend festhalten wollen. Gerade Verzicht auf jeden Eigensinn war das oberste Gebot, das ich mir auferlegt hatte; ich, freier Affe, fügte mich diesem Joch. Dadurch verschlossen sich mir aber ihrerseits die Erinnerungen immer mehr. War mir zuerst die Rückkehr, wenn die Menschen gewollt hätten, freigestellt durch das ganze Tor, das der Himmel über der Erde bildet, wurde es gleichzeitig mit meiner vorwärts gepeitschten Entwicklung immer niedriger und enger; wohler und eingeschlossener fühlte ich mich in der Menschenwelt; der Sturm, der mir aus meiner Vergangenheit nachblies, sänftigte sich; heute ist es nur ein Luftzug, der mir die Fersen kühlt; und das Loch in der Ferne, durch das er kommt und durch das ich einstmals kam, ist so klein geworden, daß ich, wenn überhaupt die Kräfte und der Wille hinreichen würden, um bis dorthin zurückzulaufen, das Fell vom Leib mir schinden müßte, um durchzukommen. Offen gesprochen, so gerne ich auch Bilder wähle für diese Dinge, offen gesprochen: Ihr Affentum, meine Herren, soferne Sie etwas Derartiges hinter sich haben, kann Ihnen nicht ferner sein als mir das meine. An der Ferse aber kitzelt es jeden, der hier auf Erden geht: den kleinen Schimpansen wie den großen Achilles.

In eingeschränktestem Sinn aber kann ich doch vielleicht Ihre Anfrage beantworten und ich tue es sogar mit großer Freude. Das erste, was ich lernte, war: den Handschlag geben; Handschlag bezeugt Offenheit; mag nun heute, wo ich auf dem Höhepunkte meiner Laufbahn stehe, zu jenem ersten Handschlag auch das offene Wort hinzukommen. Es wird für die Akademie nichts wesentlich Neues beibringen und weit hinter dem zurückbleiben, was man von mir verlangt hat und was ich beim besten Willen nicht sagen kann - immerhin, es soll die Richtlinie zeigen, auf welcher ein gewesener Affe in die Menschenwelt eingedrungen ist und sich dort festgesetzt hat. Doch dürfte ich selbst das Geringfügige, was folgt, gewiß nicht sagen, wenn ich meiner nicht völlig sicher wäre und meine Stellung auf allen großen Varietébühnen der zivilisierten Welt sich nicht bis zur Unerschütterlichkeit gefestigt hätte:

Ich stamme von der Goldküste. Darüber, wie ich eingefangen wurde, bin ich auf fremde Berichte angewiesen. Eine Jagdexpedition der Firma Hagenbeck - mit dem Führer habe ich übrigens seither schon manche gute Flasche Rotwein geleert - lag im Ufergebüsch auf dem Anstand, als ich am Abend inmitten eines Rudels zur Tränke lief. Man schoß; ich war der einzige, der getroffen wurde; ich bekam zwei Schüsse.

Nach jenen Schüssen erwachte ich - und hier beginnt allmählich meine eigene Erinnerung - in einem Käfig im Zwischendeck des Hagenbeckschen Dampfers. Es war kein vierwandiger Gitterkäfig; vielmehr waren nur drei Wände an einer Kiste festgemacht; die Kiste also bildete die vierte Wand. Das Ganze war zu niedrig zum Aufrechtstehen und zu schmal zum Niedersitzen. Ich hockte deshalb mit eingebogenen, ewig zitternden Knien, und zwar, da ich zunächst wahrscheinlich niemanden sehen und immer nur im Dunkel sein wollte, zur Kiste gewendet, während sich mir hinten die Gitterstäbe ins Fleisch einschnitten. [...]

Ich hatte doch so viele Auswege bisher gehabt und nun keinen mehr. Ich war festgerannt. Hätte man mich angenagelt, meine Freizügigkeit wäre dadurch nicht kleiner geworden. Warum das? Kratz dir das Fleisch zwischen den Fußzehen auf, du wirst den Grund nicht finden: Drück dich hinten gegen die Gitterstange, bis sie dich fast zweiteilt, du wirst den Grund nicht finden. Ich hatte keinen Ausweg, mußte mir ihn aber verschaffen, denn ohne ihn konnte ich nicht leben. Immer an dieser Kistenwand - ich wäre unweigerlich verreckt. Aber Affen gehören bei Hagenbeck an die Kistenwand - nun, so hörte ich auf, Affe zu sein. Ein klarer, schöner Gedankengang, den ich irgendwie mit dem Bauch ausgeheckt haben muß, denn Affen denken mit dem Bauch.

Ich habe Angst, daß man nicht genau versteht, was ich unter Ausweg verstehe. Ich gebrauche das Wort in seinem gewöhnlichsten und vollsten Sinn. Ich sage absichtlich nicht Freiheit. Ich meine nicht dieses große Gefühl der Freiheit nach allen Seiten. Als Affe kannte ich es vielleicht und ich habe Menschen kennen gelernt, die sich danach sehnen. Was mich aber anlangt, verlangte ich Freiheit weder damals noch heute. Nebenbei: mit Freiheit betrügt man sich unter Menschen allzuoft. Und so wie die Freiheit zu den erhabensten Gefühlen zählt, so auch die entsprechende Täuschung zu den erhabensten. Oft habe ich in den Varietés vor meinem Auftreten irgendein Künstlerpaar oben an der Decke an Trapezen hantieren sehen. Sie schwangen sich, sie schaukelten, sie sprangen, sie schwebten einander in die Arme, einer trug den anderen an den Haaren mit dem Gebiß. "Auch das ist Menschenfreiheit", dachte ich, "selbstherrliche Bewegung." Du Verspottung der heiligen Natur! Kein Bau würde standhalten vor dem Gelächter des Affentums bei diesem Anblick.

Nein, Freiheit wollte ich nicht. Nur einen Ausweg; rechts, links, wohin immer; ich stellte keine anderen Forderungen; sollte der Ausweg auch nur eine Täuschung sein; die Forderung war klein, die Täuschung würde nicht größer sein. Weiterkommen, weiterkommen! Nur nicht mit aufgehobenen Armen stillestehn, angedrückt an eine Kistenwand.

Heute sehe ich klar: ohne größte innere Ruhe hätte ich nie entkommen können. Und tatsächlich verdanke ich vielleicht alles, was ich geworden bin, der Ruhe, die mich nach den ersten Tagen dort im Schiff überkam. Die Ruhe wiederum aber verdankte ich wohl den Leuten vom Schiff. [...]

Die Ruhe, die ich mir im Kreise dieser Leute erwarb, hielt mich vor allem von jedem Fluchtversuch ab. Von heute aus gesehen scheint es mir, als hätte ich zumindest geahnt, daß ich einen Ausweg finden müsse, wenn ich leben wolle, daß dieser Ausweg aber nicht durch Flucht zu erreichen sei. Ich weiß nicht mehr, ob Flucht möglich war, aber ich glaube es; einem Affen sollte Flucht immer möglich sein. [...]

Ich rechnete nicht, wohl aber beobachtete ich in aller Ruhe. Ich sah diese Menschen auf und ab gehen, immer die gleichen Gesichter, die gleichen Bewegungen, oft schien es mir, als wäre es nur einer. Dieser Mensch oder diese Menschen gingen also unbehelligt. Ein hohes Ziel dämmerte mir auf. Niemand versprach mir, daß, wenn ich so wie sie werden würde, das Gitter aufgezogen werde. Solche Versprechungen für scheinbar unmögliche Erfüllungen werden nicht gegeben. Löst man aber die Erfüllungen ein, erscheinen nachträglich auch die Versprechungen genau dort, wo man sie früher vergeblich gesucht hat. [...]

Es war so leicht, die Leute nachzuahmen. Spucken konnte ich schon in den ersten Tagen. Wir spuckten einander dann gegenseitig ins Gesicht; der Unterschied war nur, daß ich mein Gesicht nachher reinleckte, sie ihres nicht. Die Pfeife rauchte ich bald wie ein Alter; drückte ich dann auch noch den Daumen in den Pfeifenkopf, jauchzte das ganze Zwischendeck; nur den Unterschied zwischen der leeren und der gestopften Pfeife verstand ich lange nicht. [...]

Als ich in Hamburg dem ersten Dresseur übergeben wurde, erkannte ich bald die zwei Möglichkeiten, die mir offenstanden: Zoologischer Garten oder Varieté. Ich zögerte nicht. Ich sagte mir: setze alle Kraft an, um ins Varieté zu kommen; das ist der Ausweg; Zoologischer Garten ist nur ein neuer Gitterkäfig; kommst du in ihn, bist du verloren.

Und ich lernte, meine Herren. Ach, man lernt, wenn man muß; man lernt, wenn man einen Ausweg will; man lernt rücksichtslos. Man beaufsichtigt sich selbst mit der Peitsche; man zerfleischt sich beim geringsten Widerstand. Die Affennatur raste, sich überkugelnd, aus mir hinaus und weg, so daß mein erster Lehrer selbst davon fast äffisch wurde, bald den Unterricht aufgeben und in eine Heilanstalt gebracht werden mußte. Glücklicherweise kam er wieder bald hervor.

Aber ich verbrauchte viele Lehrer, ja sogar einige Lehrer gleichzeitig. Als ich meiner Fähigkeiten schon sicherer geworden war, die Öffentlichkeit meinen Fortschritten folgte, meine Zukunft zu leuchten begann, nahm ich selbst Lehrer auf, ließ sie in fünf aufeinanderfolgenden Zimmern niedersetzen und lernte bei allen zugleich, indem ich ununterbrochen aus einem Zimmer ins andere sprang.

Diese Fortschritte! Dieses Eindringen der Wissensstrahlen von allen Seiten ins erwachende Hirn! Ich leugne nicht: es beglückte mich. Ich gestehe aber auch ein: ich überschätzte es nicht, schon damals nicht, wieviel weniger heute. Durch eine Anstrengung, die sich bisher auf der Erde nicht wiederholt hat, habe ich die Durchschnittsbildung eines Europäers erreicht. Das wäre an sich vielleicht gar nichts, ist aber insofern doch etwas, als es mir aus dem Käfig half und mir diesen besonderen Ausweg, diesen Menschenausweg verschaffte. Es gibt eine ausgezeichnete deutsche Redensart: sich in die Büsche schlagen; das habe ich getan, ich habe mich in die Büsche geschlagen. Ich hatte keinen anderen Weg, immer vorausgesetzt, daß nicht die Freiheit zu wählen war.

Überblicke ich meine Entwicklung und ihr bisheriges Ziel, so klage ich weder, noch bin ich zufrieden. Die Hände in den Hosentaschen, die Weinflasche auf dem Tisch, liege ich halb, halb sitze ich im Schaukelstuhl und schaue aus dem Fenster. Kommt Besuch, empfange ich ihn, wie es sich gebührt. Mein Impresario sitzt im Vorzimmer; läute ich, kommt er und hört, was ich zu sagen habe. Am Abend ist fast immer Vorstellung, und ich habe wohl kaum mehr zu steigernde Erfolge. Komme ich spät nachts von Banketten, aus wissenschaftlichen Gesellschaften, aus gemütlichem Beisammensein nach Hause, erwartet mich eine kleine halbdressierte Schimpansin und ich lasse es mir nach Affenart bei ihr wohlgehen. Bei Tag will ich sie nicht sehen; sie hat nämlich den Irrsinn des verwirrten dressierten Tieres im Blick; das erkenne nur ich und ich kann es nicht ertragen.

Im Ganzen habe ich jedenfalls erreicht, was ich erreichen wollte. Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen. Im übrigen will ich keines Menschen Urteil, ich will nur Kenntnisse verbreiten, ich berichte nur, auch Ihnen, hohe Herren von der Akademie, habe ich nur berichtet.
                  

Fassade
Fassade
Eckhard Meineke

Unter der Blüte Hochspannung
Unter der Blüte Hochspannung
Eckhard Meineke

Reflexion
Reflexion
Eckhard Meineke

Hommage à Salvador Dalí
Hommage à Salvador Dalí
Eckhard Meineke

Kommentare 37

  • Eckhard Meineke 1. Juli 2010, 22:03

    Lieber Gert, ich habe vor einiger Zeit vor allem über Holografien im Optischen Museum Jena gestaunt; war allerdings nicht einer geeigneten Kamera dort. Eckhard
  • Gert Rehn 1. Juli 2010, 21:40

    Vexierbilder oder Eschers Bilder sind unglaublich faszinierend. Aber auch die magischen 3D-Bilder, die du wohl kennst, lieber Eckhard. nicht jedem gelingt es, da die 3D-Figur zu erfassen. vG Gert
  • Eckhard Meineke 1. Juli 2010, 17:24

    Lieber Gert, vermutlich war das innere Vorbild ein Vexierbild, das sich lange als Kunstwerk an der Fassade des Münsteraner Landesmuseums für Kunst- und Kulturgeschichte befand. Eckhard
  • Gert Rehn 29. Juni 2010, 22:14

    das könnte auch von Escher sein, man weiß kaum wie was zusammenhängt, lieber Eckhard. Das ist wohl das älteste Hochhaus Deutschlands, hatte ich auch schon mal
    hier dabei. vG Gert
  • Eckhard Meineke 31. März 2010, 21:47

    Lieber Markus, über diesen Platz bin ich berufsbedingt sehr oft gelaufen, hunderte Mal. Und erst danach, auf dieser Grundlage, habe ich eines Abends das Motiv so gesehen. Einsichten dauern also offenbar. Eckhard
  • Markus Novak 31. März 2010, 0:06

    Ein Klasse Bild - ganz nach meinem Geschmack!!
    Wunderbar zw Illusion und Wirklichkeit.
    Gru0 von Markus
  • Eckhard Meineke 22. August 2009, 10:31

    Lieber Michael, hier geht es um die ernsthafte Bemühung, ein Bild zu interpretieren, was auch den Bildautor sehr viel Zeit kostet (weshalb er auch nur alle zehn bis zwölf Tage ein Bild einstellt). Aber ich finde das weitaus befriedigender als das, was in der fc so normalerweise geäußert wird. Eckhard
  • Michael Guntenhöner 21. August 2009, 18:37

    Unglaublich, was so ein Bild für Arbeit macht! Ich meine nicht beim Shooting sondern das Lesen der Kommentare hier.

    Meine Anmerkung soll aber die bildnerische Leistung hier keinesfalls schmälern. Gefällt mir nämlich gut.

    Gruß
    Michael
  • Eckhard Meineke 5. August 2009, 0:16

    Lieber Werner, die Absicht einer Fotofreundin, das Foto in die sogenannte "Galerie" zu bringen, wurde durch idiotische Kommentare derart verübelt, dass sie es wieder aus dieser Wertung herausgenommen hat. Nun ja, es sind eben nicht alle Doktoren ;-). Eckhard
  • werner weis 4. August 2009, 11:25

    Du präsentierst hier
    und
    dies lobe ich
    auf dem Niveau einer Doktorarbeit
    und
    dies meine ich positiv
    ------------------------------------------------------------------------
    ich komme noch einmal wieder
    und bringe mehr Zeit mit

    ====================================
    das Foto für sich allein ist zunächst und sofort
    schon gelungen genug
  • Eckhard Meineke 8. Juni 2009, 20:33

    Liebe Vera, Anstreben sorgfältiger Präsentation ist eine meiner vielen Charakterfehler ;-))). Eckhard
  • Vera Laake 8. Juni 2009, 20:14

    Oh Eckhard, Du machst
    Dir immer solch eine Arbeit.
    Das Foto hat so ein Großstadtflair!!
    Kommt gut rüber!!
    LGv VERA
  • Eckhard Meineke 8. Juni 2009, 19:32

    Lieber Manfred, danke! Durch die Annäherung an die Proportionen des goldenen Schnitts sollten die Spannungen trotzdem in einem harmonischen Ganzen aufgehoben werden. Eckhard
  • Eckhard Meineke 6. Juni 2009, 18:28

    Lieber Carsten, das Paradies ist verloren, weil es das Paradies nur um den Preis der Unwissenheit gibt. Der Witz ist ja gerade, dass der denkende, sich seiner Unvollkommenheit bewusste Mensch sich auf der Basis der Intellektualität wieder eine Welt einrichtet. in der er wohnen kann. Eckhard
  • Carsten Mundt 6. Juni 2009, 15:00

    Nun, lieber Eckhard, die hauchdünne Kulturschale ist eben so: hauchdünn.

    Die Frage, welchen Werten man "trauen" darf und sollte, stellt sich eigentlich jeden Tag neu.

    Wessen bedarf es nun, um das Paradies wieder zu erlangen ?

    Yes, we can ?