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Am Felde gelegen, von Gräsern umgeben

Am Felde gelegen, von Gräsern umgeben

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De Ghe


Free Mitglied

Am Felde gelegen, von Gräsern umgeben

echt wahr:
da fahre ich gestern, bei schönem Sonnenschein, mit dem Fahrrad - knapp 17 Kilometer. Da sehe ich am Rande eines Feldwegs nebst einer landwirtschaftlichen Schweinemast eine dieser typischen grünen Zudeck-Wannen für im Mast- oder Saustall verendete (= gestorbene) Tiere.

Beim vorsichtigen Heranfahren an die Wanne nehme ich diesen typischen Leichengeruch wahr, so, wie er auch penetrant an manchen Tierkörperbeseitigungsanstalten in der Luft liegt. Ich weiß nicht, ob jemand von euch schonmal in oder an einer Tierkörperbeseitigungsanstalt gewesen ist, aber es riecht dort extrem diffus nach toten, verendeten Tieren, die dort zu Hauf gesammelt und verklappt werden. Aus solchen Tieren werden dann Knochenmehle und andere Extrakte hergestellt. Wie dem auch sei, es riecht erbärmlich!

Genauso riecht es also in der Nähe dieser grünen Box: eindeutiger Leichengeruch. Die extreme Hitze und die vielen umherschwirrenden Fliegen verdichten die Atmosphäre, obgleich sich ringsum freies Feld und weite, sonnige Sicht befinden.

Da stehe ich nun, mein Rad an die Seite gestellt, und hebe die Wanne an: Ich sehe ein totes, aufgedunsenes Schwein. "Wie zu erwarten" dachte ich mir. Weil ich keinen Fotoaparat dabei habe, mache ich mich auf den Nachhauseweg. Die Strecke ist relativ schnell geschafft. Zuhause packe ich mein Equipment ein, werfe den Rucksack und eine weitere 1,5 l Wasserflasche auf den Rücken, und fahre zurück.

Wieder angekommen mache ich einige Fotos. Das obenstehende ist eines davon. Der aufgedunsene Köprer, die blauunterlaufenen Beulen und die sich nach unten ziehenden, geronnenen Blutspuren, die rote Lache am Hintebein lassen vielleicht im Ansatz erkennen, in welch desolatem Zustand sich das tote Schwein befand.

Bei dem fotografierten Tier handelt es sich um ein
einzelnes Individuum, welches in eine Statistik für "gefallene Tiere" einberechnet wird:

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Im Jahr 2002 verarbeiteten 32 Unternehmen der deutschen Fleischmehlindustrie in 51 Betrieben etwa 2,7 Mio. Tonnen tierische Nebenprodukte.

Der Anteil aus Schlacht- und Zerlegebetrieben (Schlachtnebenprodukte) betrug etwa 2,1 Mio. Tonnen. Rund 400.000 Tonnen waren gefallene Tiere aus der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung.

[Quelle: Deutsche Fleischmehlindustrie]
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Im Jahr 2003 wahren es 421.522 "Tonnen", die sich aus zig verstorbenen Tieren in der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung errechneten.

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Tierkörperbeseitigung

Sie erfolgt nach den Bestimmungen des Tierkörperbeseitigungsgesetzes. Grund dafür ist u.a. die Notwendigkeit, tote Tierkörper wegen seuchenhygienischer Risiken unverzüglich zu erfassen und in speziellen Anlagen zu behandeln. Bau, Einrichtung und Betrieb von Tierkörperbeseitigungsanstalten sind in einer Verordnung geregelt. Man geht davon aus, daß in Deutschland jährlich ca. 3,5 Mio t Schlachtnebenprodukte und Tierkörper anfallen. Davon werden in den Tierkörperbeseitigungsanstalten und angegliederten Spezialbetrieben über 90% zu verkaufsfähigen Produkten wie Gelatine oder Dünger weiterverarbeitet.

[Quelle: Bayerisches Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen]
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So sieht das aus.

Es wäre schön, wenn mein kleiner Erlebnisbericht samt Foto nicht auf "für (bestimmte) Besucher dieser Community ungeeignet" reduziert wird, da es sich bei dem Dargestellten ja lediglich um das handelt, was gestern Mittag in Millionen Haushalten der Republik auf den Essenstellern lag, bzw. tagtäglich dort liegt - bloß in einer anderen "Darreichungsform".

Insofern bitte ich jene Menschen um Nachsicht, die sich vom Motiv angeekelt fühlen, aber trotzdem Zustände wie den oben gezeigten durch ihr Konsumverhalten fördern, dass ich sie auf so direkte Weise mit der Realität konfrontiere - excuse moi.

weitere Fotos:
http://www.soylent-network.com/doku/16verendetesschwein.htm
http://www.soylent-network.com/doku/index.htm

Kommentare 8

  • Hansi vom Hinterhof 16. Juni 2007, 1:07

    Hi,

    ich bin ein bißchen uneins, was dieses Bild angeht.

    Zunächst einmal Repekt: Ich habe beruflich mit menschlichen Leichen zu tun und kann daher nachempfinden, wie dieses Schwein dort in etwa gestunken haben muss. Also beim Anheben der Wanne hätte es mich wahrscheinlich ausgehoben, ich kriege Gänsehaut nur beim Gedanken daran.

    Deine Schlussfolgerungen sind aber nur bedingt richtig. Bei den roten "Blutspuren" handelt es sich nicht um Blut sondern Fäulnissflüssigkeit. Diese sammelt sich im Gewebe und tritt später durch das Gewebe hindurch oder durch Wunden (Madenfraß!) ins Freie aus. Das Schwein befindet sich bereits in fortgeschrittener Verwesung, so dass die Blasen auf der Haut z.T. von Insekten und z.T. von der Verwesung selbst kommen. Es ist völlig aufgebläht, weil im Inneren die Gase von den Fäulnisbakterien nicht rauskönnen. Diese entweichen irgendwann, wenn das Gewebe so weich wird, dass es dem Druck nicht standhalten kann.

    So ist das Leben, warum dieses Schwein aber dermaßen gelagert wird, geht mir völlig ab. Mit diesem Bildmaterial würde ich beim Veterinäramt Anzeige erstatten.

    Das ist nicht nur eklig vom Geruch und Anblick, sondern auch im Hinblick auf Hygiene und Gesundheit ein absolut starkes Stück.

    Boah...mich schüttelt es.

    Viele Grüße

    TXLRudi
  • De Ghe 25. Juni 2005, 0:20

    Hallo,
    vielen Dank für die Anmerkungen.

    Aus zeitlich bedingten Gründen (jaja, erzähl mal was Neues;-)) fasse ich mich kurz, ich habe aber in den letzten beiden Tagen an einer thematischen Weiterverarbeitung gearbeitet, die als Ergänzung zu hier gestellten Ansichten (@Marlies) genutzt werden kann. [siehe dazu folgenden Link: http://www.soylent-network.com/material/01koerperbeseitigung.htm]

    @Marlies: die von dir erwähnten Details sind meiner Meinung nach keineswegs ablenkend, sie kreisen das Problem in ihrer Fülle vielmehr ein; sie formen eine wirklichkeitsbezogene Umrahmung.

    Der Weg hin zu einer "ethisch erneuerten Gesellschaft", wie soll er aussehen? Reformation? Revolution? Abolition? Bei den heutigen Vorträgen zur Veranstaltung des Ingeborg-Bachmann-Preises wurde der Gedanke vorgetragen, dass den Revolutionen eine Umdrehung von 360° Grad innewohnt, und nicht eine Wendung von 180° Grad. Die Abfolgen der Revolutionen verlaufen demnach also in dieselbe Richtung wie alles andere zuvor. Eine interessante bildhafte Vorstellung.

    Wie dem auch sei, eine einheitliche Neo-Ethik wird es wohl in absehbarer Zeit nicht geben. Vielmehr werden viele redliche Bemühungen im Fahrwasser existenzieller Nöte (ökologische Desaster, politische Auseinandersetzungen,...) untergehen. Dieser Punkt beunruhigt mich weit mehr als die derzeit implementierten Regelverstöße gegen eine erweiterte Ethik. Aber weshalb sich beschweren? Ich zitiere mich selbst:
    --------------------------
    Der Lorenz-Effekt

    „Wir alle befinden uns in Strömungen, sind an übergeordnete physische und metaphysische Konstanten gebunden. Zudem besteht jedoch die chaotische Möglichkeit, als Element unter Elementen Einfluss auf das direkte Umfeld zu nehmen, welches je nach Umstand einen Effekt mehr oder weniger weitergibt. (Vgl. Chaos-Theorie, "Lorenz-Effekt")

    Das eigene Handeln kann nahezu unbemerkbar untergehen oder es ist Teil einer (größeren oder kleineren) Kettenreaktion. Das ist zwar mehr schlechte als rechte metaphysische Schwelgerei, aber es hilft dabei, die idealistische Bedeutsamkeit des eigenen Handelns (und dessen Möglichkeit) aufrecht zu erhalten und sich dennoch einer gewissen Ohnmacht bewusst zu sein. Was auch immer Dir widerfährt im Leben, Dein eigenes Handeln kann getrennt davon von entscheidender Bedeutung sein. Was nützt uns diese Sichtweise?: Es wäre eine ungenutzte Chance, nicht nach seinen Idealen und den inneren Überzeugungen streben zu wollen!” (www.soylent-network.com)
    --------------------------

    Eine "einleuchtendere" Erklärung bietet uns Konfuzius: "Es ist besser, ein kleines Licht zu entzünden, als über große Dunkelheit zu klagen."

    MfG
    Dirk

    P.S.: last but not least, es ist wirklich wünschenswert, wenn diejenigen die hier reinschauen und mitlesen dem Vorschlag von Marlies nachkommen, und sich (für sich selbst) Gedanken über einen Namen für die verstorbene Schweinedame machen und ihr somit eine respektvolle Anerkennung post mortem erweisen. Dies wäre eine wirklich bedeutsame Geste, die eine beispielhafte Würdigung der Individualität in sich trägt.

    Vielen Dank für eure Anteilnahme.
  • Mar-Lüs Ortmann 23. Juni 2005, 7:53

    Hallo Dirk, hallo User

    Eben diese hohe Prozentzahl jener verkaufsfähigen Produkte, die aus Schlachtnebenprodukten gewonnen werden, ist es, die meine optimistische Sicht auf eine ethisch erneuerte Gesellschaft immer noch heftig erschüttern kann. Ob sie, die heute so effektiv verwertet und ausgebeutet werden, in der nahen Zukunft mal durch _etwas_ ersetzt werden können, das ethisch alternativ aber eben ansonsten so effektiv "auszubeuten" und zu vernutzen ginge ...?
    Keine Ahnung wie es anderen geht; Aber bei dem Thema merke ich immer wieder, wie gern ich mich in ablenkende Details verlieren würde, wenn ich das Thema erörtern wollte. Im Grunde weiß ich doch, dass es nur noch wenig zu erörtern gibt und dass es ja "nur" der Weg zum domestizierten Menschen ist (das Wie und die Schritte), der des Erörterns bedarf.

    Grüße

    (Der Kleinen, wie sie dort liegt und jetzt "Kadaver" heißt, geben wir ihr wenigstens nachträglich einen Namen ...!) Dass diese Doku _nicht_ besser, _nicht_ schriller, _nicht_ fotogener ist bzw. gemacht wurde, das ist gut so.
  • Narkissos K 22. Juni 2005, 16:52

    Und sowas sieht man, wenn man ganz normal einen Spaziergang mit dem Fahrrad macht?
    Echt krass.
    Pro

    Gruß Narkissos
  • Fernando O.M. 20. Juni 2005, 22:13

    Dyb, heute habe ich von 8:30 bis 19:00 gearbeitet!
    Ich habe noch einen Blick hier geworfen, und jetzt gehe ich in die Badewanne :)
    Und was ist mit dir?
    Machst gerade Pause?
    :)
  • P I C O 20. Juni 2005, 22:03

    Fernando, Du arbeitest grad??
    :)
  • Fernando O.M. 20. Juni 2005, 21:44

    sehr gute Dokumentation.
    Danke.
  • P I C O 20. Juni 2005, 20:55

    Ein interessantes Exemplar, zeitgenössich, kritischer Fotografie, ehrlich :)