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Rene Lauterbach


Premium (Complete), Hannover

+++9. NOVEMBER - MEIN PERSÖNLICHER FEIERTAG+++

Reload - nur wegen dem Anlass [ Bild und Text aus dem letzten Jahr ]


*****







.... Heute ist mal wieder der 9. November , ein Datum das für mich eines meiner wichtigsten in meinem Leben ist . In der deutschen Geschichte ist dieses Datum ja nicht nur durch die Maueröffnung von großer Bedeutung , auch in der Nacht vom 09.11. zum 10.11. 1938 , fanden die schrecklichen Novemberpogrome statt . Aber für mich steht natürlich der 09.11.1989 im Vordergrund , weil ich es live erlebt habe als Ost - Berliner . Ich bin 1966 in Ost - Berlin geboren und habe bis 1996 dort auch gelebt . Meine Familie wohnt noch heute dort und deshalb habe ich auch nie den Bezug zu meiner Heimat verloren . Wie ich schon unter einem Bild am 3.10 . schrieb , ist für mich der 9. November der wahre Feiertag und ich verstehe bis heute nicht , warum es der 3.10 . geworden ist . Ich weiß , am 3.10.90 wurden beide Staaten offiziell wiedervereinigt aber ohne den 9.11.1989 wäre das nicht passiert . Ich habe heute ein Bild hochgeladen , dass ich vor Jahren in einer Zeitung gefunden habe . Ich war glücklich darüber weil es zeigt , wo ich gearbeitet habe und wie nah mir die Mauer war . Vom erzählen her , konnten sich viele Personen bestimmte Sachen nicht vorstellen und jetzt habe ich ein Bild dazu , der den Wahnsinn von damals optisch zeigt . Dieses Bild wurde im Herbst 1989 gemacht , also unmittelbar vor der Maueröffnung . Ich habe den Beruf eines Offsetdruckers gelernt , den ich damals in der Firma ausübte die unten rechts zu sehen ist , die mit dem halbrunden Gebäudeanfang . Darüber sieht man die die beiden Mauern mit dem Todesstreifen dazwischen . Darüber wieder das Axel - Springer Verlagshaus mit der Druckerei daneben . Die Druckerei ist heute woanders aber das Verlagshaus gibt es natürlich heute noch und die Berliner kennen es . Der 9.11.1989 war wie heute auch ein Donnerstag und die nächsten Tage nach der Maueröffnung sind bis heute und werden es immer sein , in meiner Seele eingebrannt . Ich hatte Spätdienst an diesem Tag und um 22:00 Uhr Feierabend . Wir hörten im Radio von der Pressekonferenz mit Schabowski und das im Laufe des Abends sich was an den Grenzübergängen tat . Mein Heimweg ging immer von der Leipziger Straße mit dem Bus zum S- Bahnhof Jannowitzbrücke und von dort mit der S - Bahn nach Berlin - Plänterwald , wo meine Eltern noch heute leben . Mit dem Bus musste ich immer am Grenzübergang Heinrich - Heine Straße vorbei und dort tat sich noch nicht so viel wie am Grenzübergang Bornholmer Straße . Jedenfalls kam ich nach Hause , ja ich lebte noch bei meinen Eltern , weil Wohnungen waren knapp im Osten und meine Mutter sagte , die Mauer ist offen und ich konnte es erst garnicht glauben . Wir schauten uns gemeinsam noch die Ereignisse zusammen am Fernseher an und beschlossen gleich morgens am 10.11. 1989 auch rüber zu gehen . Mein Grenzübergang war Sonnenallee , der aus dem berühmten Film .
Ich ging in Baumschulenweg zur Schule und direkt von dieser Straße ging die Sonnenallee los . Gleich am Anfang der Sonnenalle war auch der Grenzübergang . Also gingen wir rüber und kamen aus dem stauen nicht mehr raus . Alles war unfassbar und unbegreiflich , ich stehe jetzt im Westen . Was man immer vor Augen hatte , so nah war und doch unerreichbar . Wir gingen die ganze Sonnenallee entlang bis zum Herrmannplatz wo sie endete und direkt in das Karstadtkaufhaus . Ich weiß noch genau das ich mir 2 CDs kaufte , von Tangerine Dream und Vangelis . So , der Vormittag war vorbei und vorbildlich wie ich bin , ging ich zur Arbeit , ich hatte ja wieder Spätdienst . Ich kam auf Arbeit an und nur die Hälfte meiner Kollegen waren da . Wir sagten uns was solls , freuten uns , redeten viel und beschlossen die Maschinen zu reinigen , es war ja sowieso Wochenende . Und als wir so redeten kamen wir auf die Idee unsere Kollegen in der Druckerei bei Springer zu besuchen . Ich muss noch dazu sagen , das unsere Umkleidekabinen und Duschen im 1. Stock waren , mit Blick auf Springer und so sahen wir immer in der Nachtschicht , wie die Autos Schlange standen um die Zeitungen abzuholen und sie zu verteilen . Ich schaute oft raus und dachte mir 50m weiter eine andere Welt , so unglaublich nah und doch unerreichbar . Jedenfalls zogen wir los , gingen am Grenzübergang Heinrich - Heine Straße rüber und im Westteil direkt zu Springer . Am Eingang begrüßte uns ein Pförtner euphorisch und er war von unserem Gedanken begeistert und brachte uns in den riesigen Drucksaal . Es war ja schon gegen 23:00 Uhr und die Arbeit im vollen Gange . Große Maschinen über mehrere Etagen . Wir wurden so herzlich empfangen und die Freude unter den Druckern war groß . Unsere Kollegen im Westen wussten natürlich auch das direkt gegenüber eine Druckerei war . Wir unterhielten uns , insofern es die Arbeit zuließ und jeder von den Druckern gab uns Geld und sagten zu uns , geht mal in die Kantine , die hat offen . Sie wussten genau warum Sie das sagten und warum wir dorthin sollten . Wir gingen in die Kantine und es machte sich Gänsehaut breit . Wir saßen dort und hatten den Blick auf unsere Fima im Osten . Nie hätte ich gedacht das dieser Moment kommt und Realität wird und jetzt sitzen wir dort und alles war unfassbar und irgendwie surreal . Eine Moment der für immer in meiner Seele eingebrannt bleiben wird . Als wir danach wieder in die Drucksaal gingen schmunzelten viele nur und man merkte uns unsere Emotionen an . Wir verbrachten noch mehrere Stunden dort bis wir alle wieder zurück in den Osten gingen und nach Hause , es war ja früher Samstagmorgen und Wochenende . Ich habe nie ein Bezug zu Springer und die Bildzeitung gehabt , bis heute meide ich dieses Wurstblatt aber diese Ereignisse bleiben immer positiv in meinem Herzen .

Ich war vor 14 Monaten mal wieder an diesem Ort und bis auf das Hochhaus von Springer erkennt man nichts mehr wieder .
Meinen Beruf als Drucker übe ich schon lange nicht mehr aus . Ich arbeite seit 16 Jahren als Betreuer , Pfleger und Junge für Alles in einer Wohngruppe mit mehrfach - körperbehinderten Erwachsenen .



Euch alles Liebe und Gute ...

Kommentare 71

  • Hans-Dieter Illing 12. November 2019, 18:17

    Vielen Dank für Eure bewegenden Geschichten. Als Wessi aus dem grenzfernen Hessen fehlte mir lange der Bezug zur DDR. Sie war ein fernes Ausland, in das man nur schwer hinein gelangte. Erst einige Studienreisen und wundervolle Begegnungen veränderten langsam meine Sicht, so sehr, dass ich wie mich ein Schneekönig am 9.11.89 freute, und heute noch im Geiste eine kleine Sektflasche öffne, wenn ich ganz ohne Schwierigkeiten diese ehemals unpassierbare Grenze überwinden kann.
  • GR4 10. November 2019, 23:45

    deine gedanken in bildform, wie text...
    würdigen den gestrigen tag..
    danke auch dafür !!
  • Clau.Dia´s 10. November 2019, 15:28

    Herzlichen Dank für deinen packenden und berührende Bericht., René!
  • Zerwonke 10. November 2019, 14:23

    Ich bin 2 Jahre jünger als Du und ein Westberliner (nein, kein Wessi). Wir waren von dieser Entwicklung auch völlig überrumpelt. Abends sind wir zum Übergang Glieniecker Brücke (die Agentenbrücke) gefahren, die Grenzposten wirkten, als ob sie Drogen genommen hätten (aber die gab es ja nur bei uns im Westen,wa). Der Strom der Menschen und der Trabbis war unaufhaltsam. Das dies jetzt von Dauer bleiben sollte, haben wir gar nicht für möglich gehalten, wir haben eigentlich  erwartet, dass die Grenzen wieder dicht gemacht werden würden. Zum Glück kam es anders. Meine Kinder können jetzt wann immer sie wollen nach Dresden oder nach Stralsund an die Ostsee, für mich als Kind so ferne Ziele wie heute die innere Mongolei.
  • Krischan Z. 10. November 2019, 13:17

    https://www.fotocommunity.de/photo/11111989-krischan-z/41753199

    Ich bin Jahrgang '72 und war damals 17 Jahre, 11.Klasse Erweiterte Oberschule....Natürlich habe ich Schabowskis Pressekonferenz damals live gesehen, den Inhalt allerdings so verstanden, wie er auch gemeint war, also als Ankündigung das zukünftig Privatreisen auch ohne die bis dahin nötigen triftigen Familiengründe möglich sein werden. Mit keiner Sekunde habe ich daran gedacht, dass diese Nacht alles ändern wird. Ich habe (und da bin ich mir ziemlich sicher) sogar noch bis spät in den den Abend NDR 2 gehört und hatte noch immer keine Ahnung....bis zum nächsten Morgen !
    Den Aufruhr in der Schule kann man sich sicher vorstellen, mir war aber relativ klar, das dieser Tag die alternativen Demokratiebestrebungen in der DDR beenden wird und ausserdem hatte ich für den Samstag Kinokarten für 'Die Kommissarin', kurz gesagt, ich hatte überhaupt keine Lust der sich in Richtung Westen bewegenden Masse zu folgen. Wie auch immer, so ganz konnte ich mich dann doch nicht den historischen Ereignissen entziehen (wofür ich aber im Nachhinein sehr dankbar bin). Also haben sich ein paar Freunde und ich (natürlich nach offiziellem Schulschluss!) mit dem Zug auf den Weg nach Berlin gemacht, ohne jede Ahnung was uns wo erwarten wird. In der S-Bahn in Richtung Innenstadt wurde per Lautsprecherdurchsage kund gegeben, dass die meisten Grenzübergänge überfüllt seien und das deswegen empfohlen wird, die S-Bahn am nächsten Halt zu verlassen. Ich weiss immer noch nicht wo genau das eigentlich war, aber da wir in Kreuzberg in der Nähe der U-Bahn Linie 1 herausgekommen sind, kann es eigentlich nur die Oberbaumbrücke gewesen sein. Wie auch immer, mit anderen tausenden Menschen haben wir also an einer willkürlich gewählten Stelle zum ersten mal die innerdeutsche Grenze überschritten, um auf der anderen Seite rein zufällig dem Onkel des kleinen blonden Mädchen ganz links auf dem Bild in die Arme zu laufen, der mit seiner Frau und mehreren Flaschen Sekt die Ostdeutschen Neuankömmlinge begrüßte...und in dieser unglaublichen Situation ist dieses Foto entstanden...
    Das alles fühlt sich inzwischen wie ein Film an, erzeugt aber noch immer ein nahezu unerreichtes Glücksgefühl...
  • m.h.g. 10. November 2019, 13:10

    Schöner Beitrag von Dir.
    Gruß Martin
  • Anja Muskalla 9. November 2019, 20:12

    Sehr berührend und bewegend, danke dafür!

    LG Anja
  • Richard Schult 9. November 2019, 18:57

    Wow, was ein Text. Sehr, sehr berührend, Rene!
    VG Richard
  • mond.rose 9. November 2019, 18:16

    das kann ich voll nachempfinden ..aber auch ich habe das hautnah miterlebt.. ich war damals Lehrer in Magdeburg und als die Grenze über Nacht fiel, habe ich das überhaupt nicht registriert... Morgens überschlugen sich die Radiosender, die Tageszeitungen waren voll von Nachrichten, die ich als 24 jährige nicht so richtig fassen konnte, eben Sozialismus- jetzt war das aus und vorbei! Ich war damals  an der Schule als frisch gebackener Lehrer eingestellt und unterrichtete Schüler im Alter von 11- 16 Jahren.  Am Morgen nach dem Mauerfall kam ich in die Klasse  und es saßen nur 3-4 Schülerin den Räumen. Ich war erstaunt, und die Schüler  erzählten mir, dass doch wirklich die Mauer gefallen ist und viele  mit ihren Eltern shoppen waren  im WESTEN.. 
    Das war irgendwie unglaublich..ich habe es nicht richtig wahrgenommen und glauben können, was im Fernsehen gesendet wurde.
    Am  11.11.89 ging ich dann von Potsdam über die Glienicker Brücke nach Berlin, das Geld  -die gute DM -  war leider alle, so sind wir damals an den Kudamm ohne Geld gefahren, ich war schwanger und kann mich noch an die Menschenmassen erinnern, die von Ost- nach Westberlin gezogen oder gefahren sind..Es war voll, kein Durchkommen.. aber irgendwie haben wir es dann doch an den berühmten Ku'damm geschafft.
    Unbeschreiblich und immer noch vor Augen.. 
    Meine Tochter wurde im Februar geboren also 3 Monate später.. Fast noch ein Wendekind..und heute verbinde ich ihre Geburt immer mit der Zeit des Mauerfalls..

    PS: ich wurde 1990 aus dem Schuldienst gefeuert (ich weiß bis heute nicht warum wir trotzdem im  Erziehungsjahr die Kündigung bekommen haben aber wir mußten einen Neuanfang starten und uns beweisen..Ich habe mich umentschieden, noch einmal die Schulbank gedrückt und arbeite  heute in einer völlig anderen Branche.

    Aber diese Zeit ist für uns und unsere Generation ein sehr emotionales Thema.

    Vielen Dank Rene für die Erinnerungen und alles, was damit verbunden ist.

    LG Kathrin
    • Rene Lauterbach 9. November 2019, 18:40

      Hallo Kathrin , ich war auch knapp 23 , weil ich Ende November 1966 geboren wurde . Den [ 23.Geburtstag ] verbrachte ich schon in Hessen , bei Darmstadt , bei meinen Bekannten . Ich kann dein berufliches Schicksal sehr gut nachvollziehen . Meine Schwester war gerade mit ihrem Studium als Lehrerin fertig und im wiedervereinigten Deutschland wurde das nicht anerkannt und sie machte ihre Ausbildung als Lehrerin nochmal von vorn . Viele Jahre verschenkt ...
      Danke für deine Erinnerungen , ich liebe solche Geschichten sehr .
      Dir alles Gute und schönen Abend , Gruß Rene
    • mond.rose 9. November 2019, 19:52

      Hallo lieber René,
      Ja , ich musste auch dazu etwas  schreiben, weil sich die Geschichten unserer Generationen ähneln. Ich bin Jahrgang 1965 und zwar am 3. Oktober, geboren,  der dann ja zum Wiedervereiningungstag wurde :-) 
      Genau, die Lehrer hatten es schwer..aber als Ersatzlehrer hatte ich dann keine Lust, mein Studium wurde aber anerkannt, nur gab es zu viele Lehrer in Brandenburg..deswegen habe ich mich umentschieden und eine andere Richtung eingeschlagen. Mein Sprachstudium hat mir aber sehr geholfen...
      Na, hoffentlich hat deine Schwester auch ihren Weg gefunden.

      Ich wünsche auch ein schönes Wochenende und viele liebe Grüße!
      Kathrin
    • Rene Lauterbach 9. November 2019, 19:58

      ....hat sie , sie lebt bei Hamburg und ist seit 25 Jahren , Lehrerin in Hamburg ..... in den Fächern Geschichte , Politik und Sport ....

      Schönen Abend , Gruß Rene
    • mond.rose 9. November 2019, 20:10

      hey cool,
      Sportlehrer war mein Traum! Leider verpasst ,dann musste ich Sprachen studieren.. Aber egal.
      Schön, dass sie es doch durchgezogen hat! Schöne Fächer übrigens !

      Meine Tochter ist gerade nach Hamburg gezogen..wegen ihrer Arbeit.
      ich arbeite übrigens in der Luftfahrtbranche  und das in Brandenburg :-) undenkbar vor 25 Jahren!

      bis dann
      Kathrin
  • Gegenlichtfreundin 9. November 2019, 18:03

    Schön dass Du wieder daran erinnerst, René! Ich habe diese Zeilen schon so oft gelesen und bin jedesmal gefangen. Ich finde auch, dass noch mehr Leute an dieser Geschichte teilhaben sollten. Es muss ja nicht die BILD sein. Dir alles Gute!
    lgm
  • Bri Werner 9. November 2019, 17:39

    Dein Bericht sollte in den Zeitungen gedruckt werden!
    Es darf auch nicht in Vergessenheit geraten, was damals passiert ist und warum.
    LG Bri
  • verocain 9. November 2019, 17:32

    Ich bin ziemlich überwältigt - danke für's Zeigen und Erzählen !!!

    LG V.
  • artlove 9. November 2019, 17:18

    Vielen Dank für diesen atemberaubenden und sehr persönlichen Zeitzeugen-Bericht!!!

    LG Helma
  • Lothar Wulff 9. November 2019, 15:09

    Sehr schön, so einen authentischen Bericht zu lesen, danke.
    LG
    Lothar
  • ankeforbrig 9. November 2019, 14:16

    Ein tolles Bid dazu Deine Geschichte die unter die Haut geht.
    Mein Vater sagte zu mir 1982 als ich die Insel Rügen verließ und nach Thüringen zog,
    würde euch gerne nach Hof zum Kaffee trinken einladen  Aber das war ja nicht möglich .
    Weihnachten 1989 waren sie bei mir zu Besuch.ich meite laßt uns Kaffee trinken fahren.
    Er wußte genau was ich meinte.
    Danke für deine Erinnerung.Gruß Anke