80.719 31

8 cent

"Früh am Morgen geht sie ihre Runde.
Da ist die Stadt noch still und fast menschenleer.
Zielstrebig geht sie ihren Weg.
Meine Gedanken begleiten sie."

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Kommentare 31

Die Diskussion für dieses Foto ist deaktiviert.

  • Agora Bilddiskussion intensiv 20. Juni 2021, 9:30

    Hier ist die Diskussion beendet. 
    Agora wird unter dem folgenden Foto fortgesetzt:
    My Way
    My Way
    Agora Bilddiskussion intensiv
  • Agora Bilddiskussion intensiv 20. Juni 2021, 9:30

    Jens Riesener schreibt: “Ich bedanke mich sehr bei allen, die mein Bild betrachtet, kommentiert, gelobt, aber auch hinterfragt haben. Besonders hat mich beeindruckt, wie sehr einige Kommentierende in das Bild mit ihren Gedanken hineingegangen sind. Es war für mich insgesamt sehr bereichernd.

    Zum Ort:
    Die übergroße Häuserwand gehört zur Hamelner Stadtgalerie. Ein Einkaufscenter, wie es jetzt viele in den Städten gibt und die die Innenstädte verändert haben. Dies ist nicht die Schmuckseite, sondern eine schmale Gasse, durch die im Dunklen keiner gerne gehen mag. Sie verbindet den Busbahnhof mit der Fußgängerzone.

    Zu den Personen:
    Die alte Frau sucht in den Mülleimern nach Pfandflaschen und Getränkedosen. Der Titel 8 Cent weist hin auf den Flaschenpfand für die Bierflasche, die sie kurz zuvor im Mülleimer gefunden hat und die nun im Korb ihres Rollators liegt. - Das Bild dazu stelle ich auf meiner Seite ein. Es ist wie diese Aufnahme mit einer 20 mm Festbrennweite aufgenommen worden.

    Die Frau beeindruckt mich mit ihrer Stärke und ihrem Lebenswillen. Ich habe nicht mit ihr gesprochen, aber könnte doch ihre Geschichte erzählen. Es ist die Lebensgeschichte einer Frau, die hart gearbeitet hat, die, wie ich denke, ihr Zuhause und ihr damaliges Leben voller Hoffnung zurückgelassen hat und nun mit einer viel zu kleinen Rente leben muss - und es schafft. Viele Frauen haben mir in meinem Berufsleben ihre eigene Geschichte so erzählt, aber sie haben nie geklagt.
    Die alte Frau geht ihren Weg mit festen Schritten in Stiefeln, die sie schon sehr lange trägt.

    Der Mann kam mir ins Bild gelaufen und er hat die Szene für mich gut ergänzt.

    Zum Schnitt:
    Ich habe lange über den Schnitt nachgedacht und viel von dem ausprobiert, was wertgeschätzte Kommentierende vorgeschlagen haben, aber es war nicht mehr das Bild, das ich gesehen habe.

    Die verschiedenen Winkel, das Dreieck am Boden, die Verbindung über die rote Farbe, die Spiegelungen - im rechten Fenster kann man das Wort - kasse - lesen, gegenüber ist der ungenutzte Nebeneingang der Stadtsparkasse, all das gehört für mich zum Bild, wie ich es gesehen habe.

    Den Mann hätte ich wegschneiden können, auch die linke Hälfte des Bildes und auch die obere Wandhälfte hätte ich wegschneiden können, aber was bleibt dann? - Die Frau und zwei Fenster.
    Ich möchte den Raum lassen für den eigenen Blick, ob man das Bild nun mag oder nicht.

    Ist dieses Bild sozialkritisch?
    Ich weiß es nicht, aber es ist echt. Ich denke, es ist eine Überforderung, in einem Bild die Welt in ihren Gegensätzen darstellen zu wollen. Diese Aufnahme zeigt nur einen kleinen Moment im Tag einer alten Frau, aber für mich erzählt er viel.
    Ich hoffe, ich treffe sie bald in Hameln wieder und vielleicht kommen wir dann auch ins Gespräch. Bis dahin behalte ich sie gern in der Erinnerung und wahre ihre Anonymität. 

    Ich danke allen für Ihre Zeit mit meinem Bild und meinen Worten.”
  • Wolfgang Wilhelm Itter 18. Juni 2021, 13:16

    Hallo zusammen
    Ich schau mir jetzt immer zuerst das Foto an und lese hinterher die Kommentare, um nicht beeinflusst zu werden.
    Als Erstes ist mir aufgefallen, dass beide Personen aus dem Bild laufen.
    Das finde ich persönlich nicht spannend.
    Dadurch habe ich den Eindruck, dass es ein Schnellschuss ist. „Ach mach mal schnell ein Foto“.
    Der Kopf der Person rechts säuft in der Türe dahinter ab, ein kleiner Beweis, dass man zwei drei Schritte früher auf den Auslöser hätte drücken können müssen?
    Bildtitel: 8 cent. Gehen wir davon aus, dass der Fotograf die alte Dame beobachtet hat, wie sie das Leergut einsammelt. Wenn dem so ist, würde ich noch gerne eine Mülltonne im Bild sehen, die diese Aussage unterstützt.
    Das Foto kann gut einen kräftigen Schnitt vertragen. Oben die Fenster weg und von dem ach so abwechslungsreichen Strassepflaster die Hälfte weg.
    Es muss nicht immer alles 3:2,16:9 sein.
    In eine unsere Ausstellungen käme das Foto von mir aus nicht.
    Und nun die Kommentare.
    Was da wieder alles gesehen und hineininterpretiert wurde:
    „alle Achtung“.
    Für meine Ausstellungsfotos werde ich mir von euch mal Interpretationen wünschen.
    Mit freundlichem Bromsilbergruss
    bis dann
    wo
  • Wolf Schroedax 17. Juni 2021, 23:09

    Ich lese das Bild so.
    1.Ebene - das Geschäft innen:  Die Schaufensterdekoration wirkt wie für den Entrümpler  zurückgelassen. 2.Ebene - Geschäftshaus außen: Geschäftslogo und Leuchtreklame sind abgebaut. An der vorspringenden Hausecke befindet sich ein frequentiertes Hundepissoir.
    3.Ebene -  gegenüber::  Es spiegeln sich in den Fensterscheiben der Eingang eines Wohnhauses und belaubte Bäume::: Sommer, angrenzender Park ?  4. Ebene - Gehsteig:  Die sattsam beschriebenen beiden Personen, welche beide Orten zustreben, wo sich mehr abspielt - weg von hier .  Aber dennoch gehören sie hier zum Milieu.
    Fazit:  < Rückseite > einer City ?
  • hepe68 17. Juni 2021, 14:58

    Beim Anblick bei deinem Foto habe ich ein leicht bedrückendes Gefühl , hier trieft so viel schönes ,die saubere gelb leuchtende Hausfassade mit dem schön dekoriertem Schaufenster , ich lese Beauty und  Nature, sicherlich ein teurer Laden .
    Jetzt am frühen Morgen die ärmlich wirkenden Menschen , die alte Frau wahrscheinlich schwerer Arbeit so krumm geworden. Ein gesellschaftliches Problem ?
    Für mich ein bedrückender zustand.
    Ein Bild welches unsere Gesellschaft spiegelt?
  • Hannelore AYDIN 16. Juni 2021, 13:47

    In einer leeren und tristen Einkaufs Straße sehe ich eine extrem gebückte Frau, die mit einem Rollator, in dessen Körbchen anscheinend schon ihre Einkäufe liegen, unbeachtet von dem anderen Fußgänger, unterwegs ist.

    Im Text darunter schreibt der Fotograf, das die Dame mit dem Rollator früh Morgens, wenn die Stadt noch leer ist, ihre Einkäufe erledigt.

    Ist es eine gewisse Selbstständigkeit, die der Dame noch erhalten blieb, oder wäre es ihr lieber, wenn Jemand ihre Einkäufe für sie erledigen würde. Die Frage bleibt natürlich offen und ich glaube, dass sie je nach Kultur anders interpretiert wird. Aber für den im Bild anderen Passanten in der schmuddeligen Bekleidung, ist das ein normaler Anblick, denn er geht, ohne sie zu beachten, seinen Weg.

    Ich weiß nicht, was der Fotograf mit dem Titel „8 Cent“ sagen will, vielleicht ein Metapher, was ich nicht kenne. Oder meint er „1 Euro“. Wenn er auf die sozialen Unterschiede „arm – reich“ hinweisen wollte, dann hätte ich das Bild von oben bis zur Schaufensterfront beschnitten. Somit würde mein Blick von der Schaufensterfront mit ihrer modischen schicken jugendlichen Bekleidung zum schmuddeligen Passanten und der Zweckbekleidung der Dame wandern.

    Letztlich ein Bild das Fragen aufwirft.
  • Eva B. 16. Juni 2021, 11:34

    Das Bild spricht mich an, das zarte gelb der Häuserfassade, diese parallel verlaufenden..ja was...Lampen? Einfach Zierde? Stäbe? Keine Ahnung, aber schick. Dann die Schaufenster. Wahlweise betrachte ich, was ich in den Fenstern sehe, oder was sich in ihnen Spiegelt. Ganz rechts habe ich einen Tetris-Moment. Dieses blaue Fenster, das aussieht, wie das L-förmige Klötzchen bei Tetris lässt mich schmunzeln, weil ich mich immer gefreut habe, über eben dieses Teil, weil es fast überall passt. Ich kann in dem Bild umher wandern, mir alles angucken, es wirkt nicht zu aufgeräumt, nicht zu unordentlich, einfach schön anzuschauen.
    Dann die zwei Personen. Mein erster Gedanke, ich hätte sie nicht gebraucht, sie stören aber auch nicht. Eine Frau, vermutlich älter aber recht zielstrebig wirkend läuft mit Rollator. Was sie in ihrem Rollator transportiert, kann ich nicht erkennen. Ein wenig sieht es aus, als würde sie unter dem Fahrradständer durchlaufen wollen. Dann noch eine Person, ein Mann vermutlich, in die selbe Richtung unterwegs, wirkt auf mich schlendernder.
    Bezüge zu den Schaufenstern herstellen, ja, kann man machen, war aber nicht mein Gedanke, bin ich erst durch das lesen der anderen Kommentare drauf gekommen. 
    Tatsächlich empfinde ich spontan gar keinen Bezug zwischen den Personen und ihrer Umgebung. Deshalb, sie sind da, sie stören nicht, würden mir aber wohl auch nicht fehlen.
    Der Titel und der einleitende Text sollen nun die Frau zum Hauptmotiv machen. Als von Haus aus skeptischer Mensch stelle ich mir sofort die Fragen, ob der/die FotografIn die Frau nun wirklich kennt, mit ihr gesprochen hat, ob er/sie weiß, ob sie wirklich immer hier früh morgens lang geht und Dosen sammelt. (Es steht so ja nu auch nicht explizit im Text, aber mir suggeriert der Text und Titel eben dies.)
    Ich weiß nicht, ich tue mich schwer. Wenn mir wirklich etwas vermittelt werden soll, über die Probleme und Nöte von älteren Menschen in unserer Gesellschaft, würde ich mir eine größere Rolle der Frau in dem Bild wünschen. Ein Portrait, oder zumindest nicht nur diese Statistenrolle, noch dazu eine von zweien. Und zudem etwas mehr Text, was die Frau tatsächlich tut, wie sie Geld dazu verdient usw.)
    So hingegen wirkt es auf mich durch den Text und Titel etwas konstruiert und lässt mich fragend zurück, ob alles so stimmt, wie mir vermittelt wird, oder ob hier durch Worte versucht wird, Gefühle zu konstruieren, die das Bild alleine einfach nicht so hergibt.
    Am Ende aber auch egal, da zum einen die Nöte älterer Menschen nun mal ein wichtiges Thema sind und mir das Bild zum anderen ja auch gefällt. Also eigentlich alles gut.
    • Clara Hase 16. Juni 2021, 17:12

      Du sagst es - die Distanz zu dem was sie wirklich tut zeigt uns nichts. Ebenso könnte sie eigenes Leergut zur Tonne radeln. Forsch scheint sie noch zu gehen, trotz des Rückens.
      Ob sie eine der armen Rentnerinnen ist, sehe ich auch nicht.
  • Matthias von Schramm 16. Juni 2021, 11:13

    Mir sind jetzt noch ein paar Dinge aufgefallen u.a. ist mir jetzt auch klar, warum ich ausgerechnet hier den Schnitt erwähnte. Das Wesentliche des Fotos findet (wie auch schon mit anderen Worten gesagt) in einem Rechteck unten rechts statt. Eines welches dem Bildverhälltnis wie so oft 3:2 oder auch 4:3 heute oft verwendeter Sensoren entspricht. Bin ich näher dran, habe ich dieses Rechteck ohne die Glastür links und ohne das obere Drittel der Fassade, dann wird's klassischer als jetzt zur Reportagefotografie. So wie hier bin ich weiter weg und habe eine eigenwillige interessante Ästhetik und mehr Bildkontext.

    Die ganzen sozialkritischen Erwägungen die hier kamen, kann man freilich so sehen. Ich stelle aber fest, dass all dieses in der Tat nur in der rechten ca. Hälfte der ganzen Bildfläche stattfindet. Habs nicht nachgemessen. Dann erkenne ich auch evtl. eher, dass die Frau Pfandflaschen in ihrem Rollator transportiert - so kann ich das wirklich nicht erkennen und nur aus dem Bildtitel entnehmen. So gibt es zumindest einen kleinen Hinweis auf sozialkritische Fotografie, die Armut und Kapitalismus erfasst. Dafür benötige ich den "Gerry Weber Schriftzug" persönlich gar nicht. Natürlich kann ich vermuten, dass die Frau arm ist und was der Konzern umsetzt, wie er mit seinen MitarbeiterInnen umgeht und wie seine Geschäftsgebaren sind, kann ich nachlesen.

    Sehe ich das aber in dem Foto? Für mich bleibt es eher eine Fotografie mit sehr auffälliger Farbästhetik, welches möglicherweise im weitesten Sinne zu einer Milleustudie wird. Gewissermaßen der Kiez zweier BewohnerInnen, die hier zu sehen sind, in dem wie fast überall die Gentrifizierung durch schicke Geschäfte und hippe Restaurants Einzug gehalten hat.

    Möglicherweise sieht man aber auch nur eine kleine Filiale in einer kleineren Stadt, in der bestimmte Läden in der Veränderung zum Zeitbild dieser Veränderung gehören.

    Deswegen bleibt für mich vornehmlich die Straßenästhetik und die Zusammenstellung der Farben haften. Um sozialkritisch auf mich zu wirken, fehlt es dem Bild für mich an Eindeutigkeit.
  • framebyframe 15. Juni 2021, 10:21

    Die Beauty of Nature kontrastiert doch gehörig mit einer Realität von 8 Cent. Welten oder Wirklichkeiten im Gegensatz. Die alte Frau mit dem Rollator macht hingegen nicht einen hilfsbedürftigen Eindruck und geht ihren Weg. Der Kontrast hätte hier durch einen radikaleren Ausschnitt Unterstützung finden können. Etwa ein Quadrat mit den beiden Schaufenstern und der alten Dame. Die Person rechts und die kalten Häuserwände braucht es nicht. Ich glaube, man sollte sich die Frau als glücklichen Menschen vorstellen.
    • HF25 15. Juni 2021, 12:47

      ... na klar, denn es ist es ja alles gut, wie es ist und nichts muss sich aendern  - ausser dem Bildschnitt ...    lg horst
    • Clara Hase 15. Juni 2021, 21:46

      H25 das ist nicht das Thema.
    • HF25 15. Juni 2021, 23:27

      danke, klara; ich vergass... hier gehts ja nicht so sehr inhaltliches...  da sind mir die pferde durchgegangen; entschuldigung.  lg horst
  • fotobücher 14. Juni 2021, 23:56

    Irgendwas in diesem Bild erreicht mich. Dabei betrachte ich das Bild fotografisch, nicht inhaltlich. Da ist der rote Dreiklang, vom Schaufenster, über die Frau zu dem Mann.
    Da ist das graue Dreieck, das das Bild in 1/3 und 2/3 zerschneidet an dem Punkt an dem die Spitze auf die Ecke trifft. Da sind die Gelbtöne der Wand, die für mich dieses Bild aber nicht farbig werden lässt - das Licht in Deutschland hat diese Eigenschaft. Ob es an dem grauen Belag liegt, der vielem die Farbigkeit nimmt - ich verstehe es noch nicht.
    Mein Blick geht immer wieder zu dem ersten Drittel, das so entrückt vom Rest des Bildes erscheint und der Spiegelung der Tür in der dunklen Scheibe. Als würde das Bild in sich kippen: Links gerade Linien, dann das graue Dreieck am Boden und alles rechts davon ist im Winkel, nicht mehr gerade. Die Frau geht gebückt, die Wand verläuft schräg und dann die rote Tür, die mit dem Mann rechts dann wieder in einer Linie vereinigt, dass es für einen kurzen Moment so scheinen könnte, der Mann sei vielleicht kopflos."The Beauty Of Nature" steht in der Scheibe - und bei aller Interpretation des Titels und der einleitenden Bemerkung - jedes natürliche Gesicht ist schön, fiel mir irgendwann einmal auf. Dieses Bild zeigt kein Gesicht. Die Protagonisten bleiben anonym, lediglich die Gesichter der Schaufensterpuppen sind zu sehen und sehen aus, als würden sie diese Szene betrachten.In der Fotografie schaut man durch ein Fenster in die Welt oder in einen Spiegel auf sich selbst.
  • wittebuxe 14. Juni 2021, 21:15

    Herausheben möchte ich, dass die doch sehr von den Machern bemühte Fassadengestaltung in Farbe und Form zumindest nichtalltäglich ist. Die Fotografin hat diese Leistung mit ihrem Bild an dieser ausgesuchten Stelle entsprechend gewürdigt und auf die "Zutaten" gewartet. Die schmale Unterbrechung des Kopfsteinpflasters mit glattem Stein ist eine Wohltat für Radfahrer und Skater: dem Stadtplaner sei verhaltener Dank. Die pastellfarbenen Einrahmungen von Schaufenstern hätte Hopper evtl. auch gemalt - vlt. aber auch nicht, man könnte sich aber ob dieses Bildes an ihn fern erinnern.

    Die gebeugte Frau mit der Gehhilfe nötigt mir Respekt ab: hätte wohl jeder die Kraft, sein Leben mit den gefundenen Almosen am frühen Morgen sein Dasein aufzubessern? Sie schämt sich nicht für ihr Tun, muss aber auch niemandem ins Gesicht blicken.

    Resümee: in D gibt es Armut, Überfluss, Stolz, Scham, alles nebeneinander, wenig beachtet, und  es ist achtenswert, dies zu dokumentieren.

    Dafür sei der Fotografin aufrichtiger Dank beschert.
  • HF25 14. Juni 2021, 13:54

    auf dem weg. die mehrzahl der linien in der aufnahme und die gehrichtung der personen im bild sind auf das ausgerichtet, was rechts ausserhalb des dargestellten liegt, auf zukuenftiges...
    aber doch auch eine augenblicksaufnahme zum innehalten, wie die senkrechten zeigen; besonders auffaellig auf der hausfassade, in den fahrradbuchten und im strassenpflaster.
    die fassadengestaltung zwar in warmen, freundlichen farben, aber trotzdem kalt und abweisend gegenueber den menschen, genau wie der pflanzenlose, pflegeleichte, kalte bodenbelag.
    der gullideckelkreis markiert den inhaltlichen kern der aufnahme, die eine gegenueberstellung von werbewelt und wirklichem leben armer menschen zeigt, so wie sich das auf der strasse alltaeglich ereignet.
    waehrend die werbung noch versucht, ihre zahlenmaessig immer kleiner, aber unaufhaltsam reicher werdenden kaeuferschichten durch immer ausgefallenere und teurere kleidungsstuecke zu erreichen, geht es der altersschwachen, gebeugt hinter dem rollator morgens am schaufenster vorbeigehenden, flaschensammelden armen frau jeden tag von morgens frueh bis abends spaet darum, ihr ueberleben auf jede erdenkliche art wieder einmal sicherzustellen.
    der junge mann neben der alten frau mag gemeinsam mit der dame gehen oder nicht, auch er auf dem weg; beide in eine noch umbekannte zukunft, die fuer den jungen mann dieselbe oder eine noch schlimmere werden koennte wie die der frau neben ihm.
    die schlagwoerter in den werbezeilen des schaufensters haben durchaus das zeug fuer die ueberschrift der aufnahme.
    welche schoenheit wird die zukuenftige auf dem weg hier und auf unserem weg sein; die von einer unternehmerschaft vorgegebene des schaufensters, die sich immer mehr als menschenverachtend und naturschaedigend erweist, oder eine natuerliche, die unseren schaerferen und aufdeckenden blick und unser veraenderndes, an allen menschen ausgerichtetes handeln erfordert? - feine strassenaufnahme. lg horst
  • Frederick Mann 14. Juni 2021, 11:12

    emotional picture
    i can identify with that
    self have a rollattor
  • der andere Fotograf 14. Juni 2021, 9:26

    Ich sehe die Frau, die am frühen Morgen in der Fußgängerzone ihre Runde dreht. 
    Das Bild wirkt wohltuend minimalistisch, ein weiterer Passant geht in die selbe Richtung. Ein Geschäftshaus im Hintergrund. Eine Reihe von Schaufenstern mit übersichtlicher Auslage, kein Eingang zum Modegeschäft. Ob der Eingang weiter hinten etwas mit dem Laden zu tun hat? Oder gehört der schon zum Nachbarhaus?
    In den Fensterscheiben sehe ich die teils unleserliche Schrift. Und ich sehe verschiedene Spiegelungen,  z.B. spiegelt sich der Eingang zu einem bewohnten Haus mit Briefkästen gegenüber aber in einer anderen Scheibe ist ein Baum zu erkennen.
    Das Geschäftshaus in klaren Gelb-Farbtönen bildet einen starken Kontrast zu der Szene vor dem Modegeschäft. Die Frau geht mit ihrem Rollator durch die ansonsten wohl leere Fußgängerzone. Im oberen Stockwerk des Hauses ist eines der Rollos hochgezogen. Eine Privatwohnung? Das würde bedeuten hier wohnen in der Innenstadt Menschen, da gibt es nicht nur Läden. Oder sind es Geschäftsräume? Ansonsten würde sich ein engerer Schnitt anbieten, wenigstens die obere Etage des Geschäftshauses könnte man wegschneiden.

    Der Bild-Titel deutet darauf hin, die Frau sammelt weggeworfene Getränkedosen, sie freut sich über jeden Cent. Für eine Dose gibt es bei Abgabe 8 Cent Pfand. Hat die Frau es darauf abgesehen? Ihr Gehwagen wäre dazu geeignet, Pfandflaschen und -Dosen einzusammeln und beim Getränkemarkt abzugeben. Der Gehwagen hat einen Korb und außerdem hängt an der Seite eine Plastiktüte, worin sie evtl. die weggeworfenen leeren Dosen einsammelt.
    Die Frau aus dieser Perspektive aufzunehmen zeugt von Respekt. Sie geht gebeugt, braucht den Gehwagen, um sich abzustützen, wird aber auf dem Bild nicht erkannt. Sie steht für viele Menschen, die in einer ähnlichen Lage sind.

    Der Hintergrund sorgt für einen Kontrast. Gerry Weber, nicht zu verwechseln mit Gerry-Webb, bietet Frauenmode in bester Innenstadtlage an. Auch einen Onlinehandel.  Vermutlich ist die alte Frau dort nicht Kundin. Ob sie sich Kleider aus dem Hause Gerry Weber für 70 bis 90 EURO leisten kann, wissen wir nicht. Sie ist auf ihrem Weg nicht allein. Ein Mann, evtl. Auf dem Weg zur Arbeit, spielt im Bild keine besondere Rolle.

    Was löst das Bild in mir aus? Es ist noch früh am Morgen, ein neuer Tag beginnt, es gibt Armut in meinem Land, das löst Scham aus, ich lasse sie gehen, wünsche ihr, dass sie ein paar Dosen findet, hier ist nichts liegen geblieben. Entweder ist in der Fußgängerzone momentan nichts los oder die Sardtreinigung hat schon alles mitgenommen, vielleicht kommt die Frau einfach zu spät. Ich will wissen, was steckt hinter dem Namen des Geschäftes Gerry Weber, fange an zu recherchieren, stelle fest, es ist ein Markenname, der aus einem der Gründernamen Gerhard Weber entstanden ist. Wie lebt die Frau, die leere Getränkedosen in Fußgängerzonen einsammelt? Was hat sie getan, als sie noch arbeiten konnte?

    Wie verstehe ich das Bild? Ich verstehe es so, dass die Fotografin darauf hinweisen will, dass unbelebte Innenstädte durch ihren Müll zum Lebensunterhalt bestimmter Bevölkerungsgruppen beitragen. Andererseits zeigt es, dass ein Familienunternehmen zu einer Aktiengesellschaften geworden ist und weltweite Geschäfte macht.

    Welche Aspekte im Bild sprechen mich besonders an? Die Frau, die ihre Runde dreht. Das Bild erzählt eine Geschichte, wirft Fragen auf, läßt Fragen offen. Es kann aufrütteln, gerade, weil es so minimalistisch aufgebaut ist. Die Farbtöne wirken optimistisch hoffnungsvoll. Die Farbe Rot taucht im Schaufenster auf, bei der Frau mit dem Rollator und dem Mann, der zügig seinen Weg geht. Der Umsatz der Damenmodenfirma (eine Aktiengesellschaft) lag 2019 im dreistelligen Millionenbereich, es gibt davon weltweit über 500 Läden mit über 2000 Beschäftigten, erfahre ich bei Wikipedia. Die in Gerry-Weber-Textilien implementierten und verwendeten EAN-Codes sind zwar technologisch gesehen sehr fortschrittlich aber in Sachen Datensicherheit und Nachhaltigkeit höchst umstritten. Das Bild öffnet also den Blick in eine vielschichtige Innenstadtlandschaft, erzählt seine Geschichte, wenn man als Beobachter, Beobachterin ein wenig verweilt. Obwohl die Thematik höchst brisant ist, wirkt das Bild nicht aufdringlich aber doch eindeutig und bestimmt.

    Fototechnisch ist das Bild nach seinen senkrechten Linien ausgerichtet, was dazu führt, dass die waagerechten Linien im Bild schräg verlaufen. Ich habe technisch nichts an dem Bild auszusetzen. Ich lese gerne, was andere geschrieben haben!
  • Matthias von Schramm 14. Juni 2021, 7:48

    Spontan gefällt mir das Bild und dieser erste Eindruck ist wichtig. Hätte ich das Bild hier irgendwo in meiner Bubble entdeckt, hätte ich es wahrscheinlich gelobt. Nun fallen mir beim längeren Betrachten ein paar Dinge auf, die ich als "Jammern auf hohem Niveau" bezeichnen möchte. Nebenbei will ich anmerken, dass dieses - wie die letzten Agora Bilder - für mich wenig Potenzial zu deutlicher Kritik hatten und haben - interessante Fußnote am Rande.

    Was mich stört - nein stören ist zu viel gesagt - was mir auffällt: Das Format! Die digitale Fotografie verführt dazu sich seine Bilder "schönzuschneiden" und nicht das Format im Original beizubehalten. Das geschah früher beim Vergrößern auch, tat man es selbst. Nur natürlich bei weitem nicht so inflationär wie heute. Ich mag also den Schnitt hier, weiss aber eben auch im Hinterkopf, wie er zustande kam oder zustande gekommen sein kann. Mein Betrachten beeinflusst das.

    Wir haben Modepuppen, Modebilder, farblich unterstützt. Neben der gelben Fassade kommt rot stark zum Vorschein. Wir haben eine stark gebückte Frau am Rollator (erinnert mich stark an den Apfelhändler meiner Eltern aus dem "Alten Land" - der bis zum Tod schwer gebückt bei uns Äpfel anlieferte, während seine Frau im Wagen wartete). Hier ist die Frau am Rollator vorwiegend rot gekleidet. Rechts daneben ein Mann, der offenbar auf Schick und Mode nicht viel wert legt - Oberteil rot - bzw. vielleicht passend zu seiner Ernährung Pommes Schranke.

    Ganz klar, der/die FotografIn kann nichts dafür, dass drei Menschen (die Models freilich nur auf Plakaten), die symbolisch für bestimmte Lebensformen und Typen (mono oder stereo) stehen (schick und jung - alt und gebrechlich - einfach und menschlich) gleichfalls in relativ leuchtenden Signalfarben daher kommen.

    Natürlich ist die Frau am Rollator das bildbestimmende Element, aber sie hebt sich nicht ab. Sie ist nicht grau in grau, der Mann neben ihr trägt keine schäbige abgewetzte Jacke. Das mögliche Klischeedenken des Beobachters wird irritiert. Und das war einer meiner ersten Gedanken, ich hätte zur Verdeutlichung der Symbolik die Frau lieber in einer gedeckteren Farbe gesehen und den Herrn rechts wieder in einer anderen Farbe.

    Diesen Gedanken muss ich aber verwerfen. Das Foto ist ein Zeitzeugnis von Menschen dieser Zeit. Alte Frauen tragen Farben, ebenso wie schicke junge Frauen und auch andere den Modebegriffen entrückte Menschen. Damit wird es differenzierter und man muss eben genauer hinschauen. Der Unterschied der Generationen bleibt trotzdem erhalten und vor allem die extreme Haltung am Rollator zeigt dies deutlich.

    Durch die Farbigkeit wird hier auch besonders das Stille und menschenleere am frühen Morgen durchbrochen. Hier ist sehr viel Leben im Bild.