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David R. Böttcher


kostenloses Benutzerkonto, BRANDENBURG
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Über mich

Anstatt eines banalen, langatmigen Profils - hier eine passende Kurzgeschichte:


Der Fotograf

Der Fotograf hatte auf seiner nicht enden wollenden Reise um die Welt und auf der Jagd nach guten Fotos soeben eine weitere, weltbekannte Metropole erreicht, die zahllose Motive und bildhafte Klischees bot. Er fotografierte nicht nur, sondern verdeutlichte mit seinen Bildern meist unbeachtete Allegorien, die manchmal marginal wirken mochten, durch ihn jedoch ins rechte Licht gerückt wurden und trotzdem Fragen aufwarfen.
Er suchte vorzugsweise Abgründiges.
Graffiti etwa oder skurrile, horrorartige Schmierereien anonymer Künstler.
Schmutz in all seinen Facetten, von Wolkenkratzern und weltbekannten Bauwerken flankiert, wurde regelmäßig von ihm festgehalten. Sperrmüll beispielsweise, hinter dem die verschwommenen Silhouetten beeindruckender Innenstädte aufragten. Abfall in Rinnsteinen bekannter Straßen, der vermitteln sollte, wie viel mehr auf weniger bekannten und ungepflegteren Straßen sich befinden mochte oder zerstörtes Inventar in alten Ruinen, das längst seinen Zweck verloren hatte, sofern nicht Umrisse ihrer einstigen Anwesenheit an sie erinnerten. Gewaltige stillgelegte Industrieanlagen, die anzeigten, wie schnell auch ihr Nutzen der Vergänglichkeit unterliegen konnte, lichtete er ab.
Er fotografierte so, dass selbst widrige Umstände aufgrund herausragender Kulissen aufrüttelten.
Weshalb wurde jenes altertümliche Auto in einen Wald abgestellt, wo es vermoderte, obwohl es noch immer antik wirkte, beinahe schön?
Welche Geschichte versteckte sich hinter jenem aufgegebenen Haus, das eine grausig-verführerische Atmosphäre besaß und vor sich hinwelkte?
Wer drapierte aus welchem Antrieb eine traurig wirkende Porzellanpuppe auf der zerstörten Bank eines verwahrlosten Stadtparks, die jedem noch so dilettantischen Menschen innehalten ließ?
Es war die Schönheit des Vergehens, die Zwietracht zwischen Schönem und Hässlichem, die Pracht chaotischer Willkür und zielgerecht erobernder Natur, die den Fotografen dazu brachten, fortlaufend zu reisen und zu fotografieren, als könnte er nur so die Welt verstehen.
Die Melancholie gilt es einzufangen, wenn er sie schon nicht begreifen könne, sagte er Vertrauten, die die Motive ihm seiner Bilder neideten.
Aber auch einen Hang zum Makaberen besaß der Fotograf, der oft nicht glauben konnte, wie sehr der Zufall ihn zu rätselhaften, morbiden Szenen führte.
Vor Jahren hatte er in der stillgelegten Hafenanlage einer europäischen Kleinstadt – im geschützten Halbdunkel verborgener Stahlbetonkavernen – seltsame Plastiken gefunden. Zumindest nahm er an, dass es sich um welche handelte. Sie waren unheimlich und zu professionell modelliert, als dass gelangweilte Jugendliche oder Obdachlose als ihre Schaffer hätten in Frage kommen können. Wer immer jene drei menschengroßen Figuren gestaltet hatte, war begabt und mystisch angehaucht, denn letztlich hatte der Fotograf nie herausgefunden, um was genau es sich bei den Figuren gehandelt hatte. Seine Aufnahmen hierzu zeigten lediglich drei große, aus Weide geflochtene Körbe, zwischen deren nach oben ragenden dünnen Ästen sich schwarze, gummiartige Proportionen dicklicher Leiber und verstümmelt anmutender Extremitäten emporquollen. Kopfähnliche, mit Bändern verschnürte Gebilde krönten die nach oben abnehmenden Rümpfe, ohne dass menschliche Antlitze darauf sichtbar waren. Die Bänder, die die schwarze, eigenartig riechende Masse verschnürten, schufen wulstige Konturen, die entfernt, aber nur entfernt, monströsen Gesichtern ähnelten. Jede der grotesken Figuren wirkte wie aufgeblähte und zugleich verschmorte Riesenmatroschka, als hätte man es fertiggebracht, Autoreifen aufzublasen und derart zu formen.
Während der Fotograf mit klopfendem Herzen die fragwürdigen Machwerke fotografierte, hatte er die ganze Zeit über eine Gänsehaut und ein zittriges Gefühl in sich, das unterdrückter Furcht, ja Panik nahegekommen war. Ob er sich vor den beinahe organisch wirkenden Figuren, die er anzufassen sich nicht getraute, fürchtete oder vor dem unheimlichen Künstler, der jeden Moment hätte auftauchen können, war ihm nie klar geworden.
Jahre später war er noch einmal zurückgekehrt, aber seine ohnehin geringe Hoffnung, die geheimnisvollen Plastiken und vielleicht den Künstler anzutreffen, wurden enttäuscht, denn die Hafenanlage hatte man inzwischen abgerissen. Anwohner, denen er mangels Fremdsprachenkenntnisse ein paar der Bilder zeigte, schüttelten irritiert den Kopf, als betrachteten sie merkwürdige Röntgenaufnahmen. Vielleicht war es auch besser gewesen, der Sache nicht weiter auf die Spur zu gehen.
Letztlich hatte der Fotograf nie erfahren, wer diese Plastiken in der maroden Hafenanlage modelliert hatte, aber er war froh, sie zufällig entdeckt und fotografiert zu haben. Der ganze Sachverhalt mutete wie eine Metapher an, in der ein gläubiger Mensch nie die Wahrheit über seinen Gott herausfinden würde, aber froh war, überhaupt leben und religiös zu sein, sich an etwas Geheimen, Übermächtigen festhalten zu dürfen.
Es gab noch mehr eigenartiger Fälle, die ihn alle paar Monate wie eine Spende des Glücks heimsuchten oder auf die er rein zufällig stieß.
Kammern in baufälligen Häusern, in denen schmutzige Matratzen und Sexspielzeuge von improvisierten Stelldicheins zeugten.
Dachböden, in denen aus Möbeln kleine Refugien gebaut worden waren, in denen sich Unbekannte zum Lesen, Trinken und weiß Gott was zurückzogen.
Satanische Altäre in staubigen Kellergewölben, wo somnambule Fanatiker mit Kerzen, Blut und Tieropfern dunkle Rituale zelebrierten.
Und das waren nur ein paar der Exempel, die er festgehalten hatte. Exempel, die nur den winzigen Bruchteil eines gewaltigen Ganzen darstellten, eines Ganzen, das sich über den Globus erstreckte und oft noch nie von Außenstehenden auch nur betrachtet wurde.
Der kleine Bruchteil, den der Fotograf diesen verborgenen Schauerlichkeiten abnötigte, brachte ihm Erfolg und den Respekt anderer Fotografen ein, deren Bilder wiederum einer schalen Routine zu folgen schienen, einem Muster, dass auf den Durchschnittsbürger zugeschnitten war und die Bildbände verkaufsfähiger machten, während seine Bilder dem anspruchsvollen, esoterischen Kunstliebhaber gefielen.
In melancholischen, doch optimistischen Gedanken versunken, durchwanderte er die Ränder der Innenstadt, wo sich Ghettos und abgeschiedene Wohnviertel niederer Gesellschaftsschichten ausbreiteten. Hohe Wohnblocks und enge Straßenschluchten mit Feuerleitern und Hinterhöfen, verrammelten oder vergitterten Geschäften, Bars und Kneipen, Schnapsläden und Lebensmittelgeschäften gaben sich hier die Ehre und duldeten neben sich die üblichen Requisiten wie überquellende Müllcontainer, schäbige Schrottkarren, Obdachlose und zischende Dampfschwaden unterirdischer Entlüftungsanlagen, die mit dem Bullern der U-Bahn konkurrierten.
Es war klischeehaft wie im Film und trotzdem einzigartig plastisch.
Gerade war er in einer dunklen Gasse eingebogen und wollte seine ersten Bilder machen, da umwaberte ihn der Dampf eines nahen Bodengitters, dessen Gestank ihm den Atem nahm.
Würgend drehte er sich zur Seite, die Hände abgestützt an einer rauen Ziegelmauer, die fast gänzlich das fahle Licht entfernter Laternen absorbierte.
Es dauerte, bis sich sein rebellischer Magen beruhigte und die Peristaltik zu zucken aufhörte. Mit einem Taschentuch vor dem Mund, trat er an das Bodengitter, das hämisch zu fauchen schien und mehr ekelhaften Dampf ausspie.
Der Fotograf roch intensiven Verwesungsgestank. Irgendetwas musste im unterirdischen Röhrensystem der Stadt seinen Weg in die Entlüftung gefunden haben und dort verendet sein.
Er sah sich um, war aber völlig allein, was ihm – anders als sonst in derartigen Situation – gar nicht gefiel. Denn das Bodengitter gab neuerlich Dampfschwaden ab, als wollte es ihn verspotten und einkleiden mit dem Gestank der Zersetzung.
Seine Befangenheit unterdrückend, witterte der Fotograf seine Chance auf eine gute Aufnahme und sah sich um. Kaum zwanzig Meter entfernt entdeckte er einen Betonquader mit Stahltür und verblichenem Warnschild. Er wusste es nicht, spürte vielmehr, dass dies der Zugang zu den geheimnisumwitterten Tiefen städtischen Bodens war und begann die rostige Stahltür erst leise, dann energischer zu malträtieren, bis sie ächzend nachgab wie ein alter, sterbender Mann.
Mit seiner Stabtaschenlampe leuchtete er über verstaubte Stufen in den matten, viereckigen Schlund des Treppenschachtes, der ihn zu einer weiteren Tür brachte. Hier hatte er länger zu kämpfen, aber die Tiefe des muffigen Treppenschachts und die oben angelehnte erste Tür dämpften sein lautes Eindringen in die von Rohren durchzogene Anlage.
Ein Zischen und Wummern umfing ihn, als er die finstere, dreckige Enge der Entlüftungsanlage betrat, die wie ein lebendiger Organismus auf ihn wirkte. Und erst der Gestank! Ehe der Fotograf die Lage hätte sondieren können, erbrach er sich impulsiv und traute sich erst nach Minuten und langem Zögern weiter vorzudringen in diesen Vorhof jener urbanen Hölle.
Er dachte an eine tote Rattenkolonie oder an einen Teil der Kanalisation, in der man illegal Schlachtabfälle entsorgt hatte, die nun schimmelten und ein kaum zu übertreffendes Miasma bildeten. Doch der Fotograf befand sich noch immer im Durcheinander von Rohrleitungen, Ventilen und Anzeigen, die allesamt von Rost, Staub und Feuchtigkeit überzogen waren und an denen Dutzende unterschiedlich stark verwester Gliedmaßen hingen, die eindeutig menschlichen Ursprungs waren. Arme und Beine, Rümpfe und verfaulte Köpfe hatte irgendein Geistesgestörter mit perverser Sorgfalt drapiert. Wenn die Ventile heißen Dampf entließen, traf dieser etliche Körperteile, die daraufhin gegart wurden, sofern sie nicht an geschützten Stellen hingen und vor sich hin faulten, vielleicht sogar reiften. Dem Fotografen wurde bewusst, dass auch ihn jeden Moment eine Flut heißer Luft treffen und verbrühen konnte, doch die schreckliche Szenerie ließ ihn erstarren und nicht im Traum an Selbstschutz denken.
Gefühlte Dekaden vergingen, ehe er sich fasste und mit schwindeligem Gefühl und zitternden Händen die Kamera hob, damit sein gefährlicher, unwirklich anmutender Besuch nicht völlig umsonst war und er sich und andere überzeugen konnte, was er hier unten vorgefunden hatte.
Als er fertig war mit den Aufnahmen und sich aus der abscheulichen Unterwelt zur rettenden Erdoberfläche aufmachen wollte, hörte durch das brüllende Zischen der Ventile die schwere Stahltür quietschen, ehe sie donnernd zugeschlagen wurde und somit den rettenden Ausweg versperrte.
Die schlurfenden Bewegungen einer offenbar sehr großen Gestalt näherten sich und wehten stechenden Gestank und laute, feucht klingende Atemgeräusche zu ihm hinüber.
Der Fotograf zuckte zusammen und merkte, wie Blase und Darm sich entleerten. Er konnte sich nicht bewegen, dachte gar nicht erst daran, dass er jetzt vielleicht die Aufnahme aller Aufnahmen kriegen könnte, sondern nur, dass die vorangegangenen Bilder ihm die Zeit gekostet hatten, die er zur Flucht hätte nutzen können.

Copyright by D.B.
February/March 2016, Zug bei Lech, Vorarlberg / Austria

Kommentare 1

  • David Busch 7. Januar 2013, 21:27

    Hallo David :) Namensvetter, alles Gute fürs Jahr 1 nach Ablauf des Majakalenders,

    Oelzschau kenne ich vom Namen her, bin bestimmt schon mal durchgefahren. Schöne Grüße aus Leipzig und danke für Deine Anmerkung.
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Gute Motive, elegante Musik, ein stabiles Fahrrad, das einen trägt, ein besonderes Buch, ein prickelndes wohlschmeckendes Bier und viele gute Zufälle sowie präzise Handhabungen ...

... ansonsten meine Lumix mit nur der besten Ausstattung! :-)