Jutta Grote – Marder mit Herz

 

Jutta Grote mit dem Foto "Marder mit Herz"

Foto: Jutta Grote

Es begann in Bonn im Mai, mitten in der Stadt und doch noch geschützt in einem Garten.
Meine Tochter und ich hatten einen tollen Tag verbracht und uns nun auf das Abendessen gefreut. Wir überlegten, wo wir nun einkehren könnten.

Der Schrei
Dann dieser Schrei. Er ging durch und durch. Wie erstarrt blieben wir stehen. Wir lauschten, doch es war nur noch Stille. Wo kam dieser laute, herzzerreißende Schrei her? Meine Tochter Anna und ich suchten das umliegende Gras und die Erde nach einem „Irgendetwas“ ab.

„Etwas“ wurde sichtbar. Und da entdeckte ich dieses „Etwas“. Kaum sichtbar auf der braunen Erde fand ich dieses Tierchen. Ich dachte zunächst, es sei ein kleines Frettchen. Ich traute mich auch nicht einfach das hilflose Wesen anzufassen. Nun kniete ich vor dem Tier und war fast auf Augenhöhe.

Es war sehr, sehr schwach, bekam nicht mal den Kopf gehoben. Dieser Schrei musste dem Wesen die letzten Energien gekostet haben. Ich konnte nicht anders, nahm das kleine Fellbündel auf den Arm und als es kurz den Kopf hob, bemerkte ich das weiße Kehlchen und mir war klar, dass dies ein Steinmarder war.

Karton, Wasser und Hackfleisch
Schnell besorgten Anna und ich uns einen Karton, füllten diesen mit Zeitungspapierlagen aus und wickelten den kleinen Marder in Handtücher. In einer nahe gelegenen Apotheke kaufte ich eine Einwegspritze, beim Metzger Rinderhackfleisch.

Hoffentlich war das kleine Kerlchen noch zu retten. Die Spritze gefüllt mit Wasser führte ich ins Mäulchen. So gelang schon mal die Flüssigkeitszugabe. Nachdem das erfolgreich verlief, legte ich das Hackfleisch in den Karton. Diesen verschloss ich, vorher hatte ich natürlich noch für einige Luftlöcher gesorgt.

Natürlich bin ich sofort nach Hause gefahren. Von Bonn nach Siegen, eine gute Autostunde. Zu Hause stelle ich fest, dass das Hackfleisch, es war eine kleine Menge, verzehrt wurde. Im Keller fand ich noch einen Käfig und ein kleines Katzenbett, die Unterkunft des Tierkindes nahm also Gestalt an.

Google hilft
Ehrlich gesagt hatte ich keine Ahnung mit der Aufzucht eines Marders. Wie gut, dass es das Internet gibt. So habe ich im Netz gegoogelt und alles in Erfahrung gebracht, was für die nahe Zukunft für den neuen Mitbewohner wichtig war. Ein Name für den Marder fiel mir sofort ein: Bonnie.

Dieser „Schrei“, er verfolgt mich noch oft. Hat dieses hilflose Tier auf sich aufmerksam machen wollen, uns die Treppe herunterkommen gesehen oder gehört? Fest steht, es hätte diesen Abend allein nicht überlebt.

Bonnie wurde größer
Bonnie wuchs heran und wurde lebendig und lebhaft. Es hat sich mir gegenüber wie eine kleine Katze verhalten. Es lief immer hinter mir her, wir spielten gemeinsam. Gehalten habe ich Bonnie im Haus. Der Schlafplatz und Toilette befand sich in dem Käfig.

Die Nachbarn fanden es nicht lustig das hier bei uns ein Marder hauste. Da ich direkt am Wald wohne, wäre es ein leichtes gewesen, Bonnie einfach laufen zu lassen. Aber erstens wusste ich ja nicht, ob Bonnie sich überhaupt vom Haus entfernt und auch wenn, gibt es in der Natur keine mit Futter gefüllten Schälchen.

Ich liebte Bonnie. Die viele Zeit, die wir gemeinsam verbracht haben, all das gemeinsam Erlebte. Aber ich machte mir auch nichts vor. Marder, die einzeln aufgezogen werden, haben in der freien Wildbahn keine Überlebenschance. Sie würden sogar von den eigenen Artgenossen getötet. Anders sieht es aus, wenn sie zusammen in einer Gruppe gehalten werden, ohne viel menschlichen Kontakt und sich ihr Futter erarbeiten müssen.

Trennungszeit
Es wurde Zeit für die Trennung. Bonnie war gut fit, konnte klettern war sehr lebhaft und gesund. Im Internet suchte ich eine Auswilderungsstation für Marder. Nach ein paar Klicks und Informationen wurde ich auch fündig. Ein Platz war noch frei, in Wiesbaden, ca. 100 km entfernt.

Bonnie kommt nun zu seinesgleichen mit einem Alter von ca. 10 Wochen. Mit ihm bestand die Gruppe aus 5 Tieren. Die Tiere wurden in einem großen Schuppen mit Außenauslauf gehalten. Das Futter bestand aus Eintagsküken und auch überfahrene Tiere wurden angeboten. Das Leben von Bonnie habe ich nun einer gut organisierten und fachwissenden Person übergeben.

Mein Mann und ich hielten uns eine Weile in dem Schuppen mit den anderen Tieren auf und immer wieder wollte Bonnie an mir hochklettern. Es zerriss mir fast das Herz. Es gab aber von den anderen Mardern ein Tier, Rufus, der das Interesse von Bonnie weckte. So verließen wir das Gelände in der Hoffnung alles Richtig gemacht zu haben.

Das Foto entstand in den letzten Tagen bei uns in Siegen.

Zum Glück hatte sich ein netter Kontakt mit mir und der neuen Betreuungsperson entwickelt und ich wurde über alles informiert.
Bonnie hatte sich mit dem gleichaltrigen Rufus sehr angefreundet, die beiden waren sehr eng.

Die Auswilderung
Ende August war es soweit. Die Mardergruppe sollte nun ganz ausgewildert werden. Dies erfolgte fernab einer Ortschaft.

Es wurde ein Termin vereinbart, an dem die Mardergruppe in einen Pferdestall, in der Nähe von Wiesen und Wald gelegen, umziehen würde. Ein paar Tage und Nächte bleibt der Stall erst noch verschlossen und dann werden Fenster geöffnet. Der Stall wird den Tieren weiterhin als Unterschlupf dienen und es wird auch noch immer Wasser und Futter gereicht, bis alles unberührt bleibt. Für mich war es die letzte Gelegenheit, meine Bonnie noch mal zu sehen. Was war ich aufgeregt. Würde sie mich wiedererkennen?

Dann war es soweit: Die Marder waren in einer Hundetransportbox untergebracht. Irgendwie kam es mir vor, als würden alle gleich aussehen. Doch da entdeckte ich meinen Schützling, sprach ihn mit Nahmen an. So sehr ich es mir wünschte, aber alles blieb ohne Reaktion. Die Türe wurde geöffnet und die Tiere kletterten auf die Strohballen und fanden schnell ihren Unterschlupf.

Enttäuscht wollte ich den Stall verlassen, als ich plötzlich Bonnie entdeckte. Sie schien mich zu beobachten. Wir schauten uns lange an. Erkannt habe ich sie an ihrem Herz auf der Brust.

Autorin: Jutta Grote
fotocommunity-Mitglied seit: 2007
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