Der Jürgen – Der Skater

 

Der Jürgen mit dem Foto "Der Skater"

Foto: der Jürgen

Eigentlich ging es mir zu dieser Zeit nicht sonderlich gut. Im September 2013 lag meine Tochter schwer erkrankt im Spital Zürich. Ich war unterwegs, um zumindest für eine kurze Zeit meinen Sorgen und Ängsten zu entkommen.

In Zürich fand zu dieser Zeit ein Stadtfest statt. Große Areale der Innenstadt waren komplett für den Autoverkehr gesperrt. In meiner Gemütsverfassung waren mir Lärm und Gedränge in der City schon nach kurzer Zeit zu viel. Sonst mag ich das ja eigentlich, da ich als „Streetler“ in solcherart Menschenansammlung immer die besten Spontanportraits schießen kann. An diesem Tage wich ich dem geliebten Getöse aber aus und war etwas abseits vom Fest und somit in beträchtlich ruhigeren Straßen unterwegs. Diese Stimmung behagte mir mehr und die Vollsperrung für den Fahrzeugverkehr tat ihr Übriges.

Nach einigen Minuten erblickte ich den Fotografen auf dem Skateboard. Er experimentierte offenbar mit seiner Kamera, wohl um besondere Effekte von Fotografie in Bewegung einzufangen. Nach einer kleinen Weile bemerkte er, dass ich ihn beobachtete. Meine Motivation zur Fotografie konnte er sofort erfassen, schleppte ich doch das schwere Besteck meiner DSLR zzgl. Weitwinkelscheibe mit mir rum.

Der Fotograf hielt kurz inne und blickte aus einer gewissen Entfernung zu mir. Ich ging mit meinem linken Knie auf die Straße und stütze meinen rechten Arm mit der Kamera auf das rechte Knie. Die gleiche Position wie ein kniender Schütze. Der surfende Fotograf beobachtete mich immer noch.
Ich hob meine linke Hand in Kopfhöhe vor mich, zeigte mit meiner Handfläche in meine Richtung und klappte meine Finger kurz hintereinander und geschlossen in meine Richtung ab. Die typische, herausfordernde Handbewegung die man in mancher Szene vor einer Prügelei oder in einigen Film schon so oft gesehen hat. „Komm!“, lautete die unmissverständliche Aufforderung an mein Gegenüber, „Lass uns in ein Duell gehen“.

Er verstand mich sofort, drehte sein Skateboard in meine Richtung, stellte einen Fuß drauf und beschleunigte. Wir lösten beide mehrfach aus und „befeuerten“ uns mit unseren Kameras – er auf mich zu rasend, ich kniend auf der Strasse. Kurz vor mir bremste er ab und kam langsam auf mich zu. Er zeigte mir seine Ergebnisse im Display seiner Kamera. Er hatte gute Arbeit geleistet und eine schicke Bildreihe seiner Annäherung geschossen. Ich hatte im Serienmodus auch einige Aufnahmen gefertigt und zeigte sie ihm gleichfalls. Wir nickten uns kurz anerkennend zu und gaben uns ein „High Five“. Danach drehte er um und schnellte wieder davon.

Die Fotosession war schon nach kurzer Zeit vorbei, die Begegnung danach verlief auch nur einige Sekunden. Alles in allem höchstens drei Minuten, meine Zeit der Beobachtung im Vorfeld nicht mitgerechnet.

Ich habe keine Ahnung wie der Fotograf heißt, wo er lebt, was er mit seinen Bildern gemacht hat, ob er Profi oder Amateur ist.

Das ist für mich die Fotografie auf der Strasse. Flüchtige Momente der Begegnung, kurze Blicke, Sekunden der Interaktion zwischen Fotograf und Modell. Der einzige Unterschied bei diesem Foto bestand darin, dass wir beide Akteur und Modell zeitgleich und gleichermaßen waren und dass wir beide einen kurzen Blick auf die Ergebnisse des Anderen erhaschen konnten.

Autor: Der Jürgen
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