Geheimnis – Magisches Licht

Micha Pawlitzki im Grand Canyon

Micha Pawlitzki im Grand Canyon: Mit mehr als 130 veröffentlichten Büchern und Kalendern zählt er zu den meist publizierten Fotografen Europas. Foto: Micha Pawlitzki

Er schafft vollendet gestaltete Bilder von unfassbarer Strahlkraft. Der Landschafts- und Architekturfotograf Micha Pawlitzki ist ein Meister der Komposition. Doch was so leicht und ätherisch anmutet, ist ein Kraftakt für Körper und Sinne gepaart mit einer Vision, Fleiß und dem nötigen Talent. Deshalb zählt der 42-Jährige heute zu den erfolgreichsten Landschaftsfotografen Europas.

Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters, heißt es. Das klingt nach individuellem Empfinden und persönlichem Geschmack. Doch wer mit dem Begriff Landschaftsfotografie im Internet sucht, stößt auf unzählige Bilder, die sich stilistisch und förmlich zum Verwechseln ähneln. Dramatisch überhöhte Himmel, übersättigte Farben, Wasserflächen, die diese farblichen und förmlichen Superlative verdoppeln – kurz: Bilder, zu schön um wahr zu sein. Es ist wie mit einem Ohrwurm: Man summt sofort mit, doch sobald man mit jeder einzelnen Note vertraut ist, stellt sich Überdruss ein. Schnell sieht man sich satt an diesen visuellen Trommelwirbeln, dem Pathos, den immer gleichen Motiven. Hinzu kommt: Der letzte Winkel des Planeten scheint ausgekundschaftet, die letzte Landschaft fotografisch abgegrast, das letzte Stilmittel ausgereizt.

Dass dem nicht so ist, dass man auch heute noch neue, ungesehene Landschaftsaufnahmen schaffen kann, solche, die ohne Kitsch und Klischees auskommen und uns ästhetisch berühren, zeigen die Bilder des 42-Jährigen. Wie er das schafft? Darauf hat der Familienvater keine Generalantwort. „Durch Reduktion. Eine der wichtigsten Gestaltungsregeln für mich lautet: Weglassen. Ich versuche immer, mich auf das Wesentliche zu konzentrieren.“ Das gilt auch für “Unter Grund”, das neuste Fotobuch des Wahlbayern, eine Art Bildatlas der schönsten U-Bahnhöfe Deutschlands, die der Fotograf über zwei Jahre lang in oft nächtelangen Shootings abgelichtet hat, befreit von allen störenden Faktoren, symmetrisch perfekt, grafisch durchdacht, unwirklich schön.

Fotos: Micha Pawlitzki

Eine Erfolgsgeschichte mit Umwegen

Micha Pawlitzki findet mit 14 zur Fotografie – dank eines Helden aus einem Kinderbuch. Er schlachtet sein Sparschwein, radelt zum nächstbesten Fotogeschäft, kauft sich eine gebrauchte Spiegelreflexkamera, fotografiert drauf los. Kurz darauf geht er als Austauschschüler nach Großbritannien, belegt einen Fotokurs bei einem Lehrer, der ihn als einzigen Teilnehmer unterrichtet und ihm gestalterische Grundlagen vermittelt, von denen er bis heute zehrt. Zurück in Deutschland bewirbt er sich bei einer Jugendzeitschrift; bald hat er seinen ersten Titel, mit 17 publiziert er seinen ersten Kalender.

Trotz dieser frühen Erfolge studiert Micha Pawlitzki zunächst BWL, er promoviert über die tiefenpsychologische Wirkung von Bildern, will in die Wirtschaft gehen. Doch dann, während einer Weltreise, holt ihn die Fotografie wieder ein. In den USA absolviert er 1:1-Coachings bei führenden Landschaftsfotografen, die sein Talent erkennen und ihn ermuntern, seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Zurück in Deutschland hängt Pawlitzki die akademische Laufbahn an den Nagel und macht sich endgültig als Fotograf selbstständig.

Anfangs arbeitet er für große Reise- und Fotoverlage, später nehmen ihn die führenden Bildagenturen Getty Images und Corbis in ihr Portfolio auf. Heute zählt Pawlitzki mit mehr als 130 veröffentlichten Büchern und Kalendern zu den meist publizierten Fotografen Europas – die Gesamtzahl der Verkäufe beläuft sich auf weit über 1,2 Millionen Exemplare.

Seelenlandschaften suchen

Unter Belastung – Micha Pawlitzki bei der Arbeit in einem der Canyons des Escalante (Utah, USA)

Unter Belastung – Micha Pawlitzki bei der Arbeit in einem der Canyons des Escalante (Utah, USA). Foto: Micha Pawlitzki

Weiße Dünen, dazwischen ein See, in dem sich rosa- und fliederfarben die Abendwolken spiegeln; funkelnde Eisbrocken, die entlang eines schwarzen Lavastrands aufgereiht liegen wie Rohdiamanten auf einem Samttuch; Kleingruppen von Felsen, die die Flut weich zu umspülen scheint wegen der Langzeitbelichtung, die der Fotograf gewählt hat. Detailaufnahmen von Blüten, Zweigen oder Geländeformationen, die in ihrer organischen Formgebung und den repetitiven Mustern anmuten wie Stehgreifentwürfe aus einem Designstudio: Die Landschafts- und Naturaufnahmen, die Pawlitzki von seinen Reisen mitbringt, sind von archaischer Schönheit und einer archetypischen Stringenz. Zeit- und schwerelos, geerdet und ätherisch zugleich verraten sie viel über seinen ästhetischen Blick.

Was sie verschweigen sind die Anstrengungen, die ihnen vorausgehen. Solche Bilder entstehen nicht nebenbei und schon gar nicht zufällig. Sie setzen ein profundes handwerkliches Können und ein außergewöhnliches Auge voraus. Dazu: eine präzise Planung, eine außerordentliche physische und psychische Belastbarkeit und die Bereitschaft, Risiken einzugehen. Einmal trug ihn eine Böe fast über den Rand einer Klippe, ein anderes Mal stürzte er und landetet in einem Pool direkt vor der Abbruchkante eines Wasserfalls, dann wieder entging er nur knapp dem Biss einer Klapperschlange. Seit er Vater ist, reist der Augsburger nur noch drei statt fünf Monate im Jahr durch die Welt und er ist vorsichtiger geworden.

Den Strapazen aber entkommt er nicht. Zu denen zählen neben Schlafmangel und Gewaltmärschen vor allem extreme Temperaturen. Etwa als er im Hochwinter 2014 auf die norwegischen Lofoten reiste und bei minus 20 Grad fotografierte. Oder als er im Frühherbst letzten Jahres auf Island unterwegs war und in seinem Zelt ähnliche Minuswerte herrschten. In die „weiße Wüste“ in Ägypten fuhr er hingegen, als das Thermometer fast 50 Grad im Schatten zeigte, um allein vor Ort zu sein. „Auf meinem Reisen stehe ich ständig unter Hochspannung, körperlich wie psychisch. Pro Woche verliere ich im Schnitt ein Kilo“, sagt der 42-Jährige, der daheim in einem REHA-Zentrum unter ärztlicher Aufsicht trainiert, um sich fit zu halten.

Fotos: Micha Pawlitzki

Die Suche nach dem magischen Licht

An die eigenen Leistungsgrenzen gehen – das ist eine Voraussetzung für Landschaftsbilder der Extraklasse, die andere ist ein intensives Location-Scouting. „In der Regel fotografiere ich nur rund 20 Minuten am Tag, zehn Minuten vor Sonnenaufgang und zehn Minuten nach Sonnenuntergang, dann, wenn das Licht magisch ist“, sagt Pawlitzki. „Trotzdem sind die Tage voll bis zum Rand.“ Obwohl der Fotograf vor seinen Reisen intensiv im Internet und in Bibliotheken recherchiert, holt er vor Ort intensive Erkundigungen ein, spricht mit Tankwarten, Kassiererinnen und Menschen, die er unterwegs kennenlernt. Von 100 Tipps, die er so sammelt, seien 99 für die Katz, aber einer Gold wert.

Doch aller Planung zum Trotz: Bei wirklich außergewöhnlichen Aufnahmen hat immer auch der Zufall seine Finger mit im Spiel. „Für ein Ausnahmebild braucht es 90 Prozent Transpiration und zehn Prozent Glück“, sagt Micha Pawlitzki. So wie bei jener surreal schönen Aufnahme, die er aus dem White Sands National Monument in New Mexico mitgebracht hat. „Da war dieser absolut klare Himmel, auf dem See hatte sich wegen der ungewöhnlich niedrigen Temperaturen eine Eisfläche gebildet, die das Weiß der Dünen und das Rosa des Abendhimmels widerspiegelte. Ein atemberaubend schöner Anblick – und eine Konstellation, die man laut Parkverwaltung so nur alle 50 Jahre vorfindet.“

Das Geheimnis des Erfolgs

Auf der Suche

Auf der Suche: “Die Bilder, die mir persönlich am besten gefallen, sind nicht unbedingt diejenigen, die sich am besten verkaufen.”

 

Das Komponieren von Bildern ist am Ende des Tages auch eine Typfrage. Manche Menschen nähern sich dem Thema systematisch, sie analysieren das Motiv nach allen Gestaltungsregeln der Kunst, suchen den goldenen Schnitt, Symmetrien, das optimale Zusammenspiel von Farben, Linien, Punkten und Flächen, den dramaturgisch optimalen Schärfe-/Unschärfeverlauf. Andere verlassen sich auf ihre Intuition. Pawlitzki ist eher der intuitive Typ. „Ich gehe nicht ständig Gestaltungsgesetze im Kopf durch, sondern folge meinem Gefühl. Aber auch ich hätte dieses Level nicht ohne Anstöße von außen erreicht. Ein Exklusiv-Coaching bei einem Top-Fotografen kann dich innerhalb kurzer Zeit in eine andere Liga beamen“, sagt Pawlitzki, der inzwischen selber Foto-Workshops und 1:1-Coachings anbietet.

 

 

Glücklich, wenn die Essenz eines Szenarios greifbar wird

Aber was ist das eigentliche Geheimnis hinter seinem Erfolg? „Es mag banal klingen, aber ich suche immer nach so etwas wie Schönheit und setze alles daran, diese perfekt einzufangen“, sagt der 42-Jährige. „Wenn man international auf diesem Niveau mitspielen will, braucht man einen unbedingten Perfektionswillen und vermutlich auch eine gewisse Grundbegabung, ein visuelles Gespür, das einem gegeben ist oder auch nicht.“ Das Patent-Rezept für erfolgreiche Bilder hat aber auch er noch nicht gefunden.

“Am Ende“, sagt Pawlitzki, „spielt auch die Begeisterung eine wichtige Rolle. Die Bilder, die mir persönlich am besten gefallen, sind nicht unbedingt diejenigen, die sich am besten verkaufen. Manchmal, wenn ich irgendwo hinkomme und ein Motiv sehe, das mir den Atem verschlägt, bin ich einfach nur erstaunt, dass es noch niemand vor mir entdeckt hat. Wenn es mir dann gelingt, die Essenz dieser Landschaft in einem Bild zu verdichten, fühle ich mich glücklich.“

So kommst Du zu besseren Landschaftsbildern – Profi-Tipps von Micha Pawlitzki

  • Das Hauptmotiv wirken lassen
    Betone das Wesentliche und lasse alles Unwesentliche außen vor. Die Kunst einer guten Bildkomposition liegt in der Reduktion. Weniger ist fast immer mehr.
  • Ruhe in der Blickführung
    Bringe Ruhe in Deinen Bildaufbau. Achte dabei auf eine gezielte Blick- und Linienführung und auf sich wiederholende Muster.
  • Jahres- und Tageszeiten einplanen
    Jedes Landschaftsmotiv hat sein jahres- und tageszeitliches Optimum. Plane Deine Landschaftsaufnahmen – auch hinsichtlich der unterschiedlichen Lichtverhältnisse im Tagesverlauf.
  • Neugierig bleiben
    Bleibe neugierig und wissbegierig. Ein permanentes „Lernenwollen“ ist die wichtigste Voraussetzung für gute Bilder.
  • Kameratechnik nicht überbewerten
    Alle modernen Systemkameras liefern gute Bilder. Vergiss alle Diskussionen um die Kameratechnik und konzentriere Dich auf die Bildgestaltung. Eine gute Bildkomposition ist erlernbar.