Bär Tig – Hallmark Farm

 

Bär Tig mit seinem Foto "Hallmark Farm"

Foto: Bär Tig

Damals, als ich in Alabama gelebt habe, bin ich auf dem Weg zum Baseball nach Birmingham oft an dieser Farm vorbei gefahren, die in Kimberly am Hallmark Lake direkt am Interstate Highway liegt. Es war klar, dass ich sie eines Tages fotografieren würde, aber so einfach wie ich mir das vorgestellt hatte, wurde es dann nicht. Tatsächlich hatte ich mein ganz eigenes Indiana Jones Erlebnis dabei.

Es gibt nur einen wirklich guten Platz um Fotos von der Farm zu machen und der liegt auf einem kleinen bewaldeten Hügel. Um dorthin zu kommen, muss man das Auto etwas entfernt abstellen und ein paar hundert Meter über eine grasige Böschung neben dem Highway laufen.
An einem Sonntag Morgen im Herbst versprach der Wetterbericht klaren Himmel und somit einen schönen Sonnenaufgang, also fuhr ich bei Dunkelheit los und kam eine Stunde später dort an. Von klarem Himmel war nichts zu sehen, es war eher düster und dampfig, der Nebel hing in den Tälern und das Gras war nass. Ich war aber nun einmal extra früh aufgestanden und weit gefahren, da wollte ich dann auch ein Foto machen – auch wenn es nicht das war, was mir vorschwebte. Ich hätte besser doch umkehren sollen, dann wäre mir einiges erspart geblieben.

Schon der Fußweg über die sehr steile Böschung zum kleinen Hügel war sehr beschwerlich. Durch das nasse Gras rutschte ich ein ums andere Mal ab und bewegte mich so mehr auf dem Hosenboden rutschend als aufrecht gehend vorwärts. Zu meinem Entsetzen bemerkte ich irgendwann, dass im Gras unzählige Spinnenweben waren – trichterförmige Gebilde von einer Größe, die mir den kalten Schweiß auf die Stirn trieb.

Ich mag keine Spinnen, überhaupt nicht, und der Gedanke, dass eine dieser gemeinen Viecher mir ins Hosenbein heraufkrabbeln könnte, während ich wieder einmal ausrutschte und hilflos im Gras saß, trieb mir nun auch noch den heißen Schweiß ins Gesicht. Ständig wie ein Radar den Boden absuchend, damit ich wenigstens den größten Trichternetzen ausweichen konnte, kam ich schließlich reichlich erschöpft am Hügel an. Dort standen ein gutes Dutzend Kiefern, deren Äste erst gut mannshoch über dem Boden begannen.

Ich war gerade dabei zwischen den ersten Bäumen hindurch zu marschieren, als ich aus den Augenwinkeln etwas punktförmiges Schwarzes bemerkte, das scheinbar in der Luft zwischen zwei Kiefern zu schweben schien. Merkwürdig, dachte ich, drehte meinen Kopf in die Richtung und wusste eine Millisekunde später, was es war: eine radkappengroße Spinne, die ihr Netz zwischen den Bäumen gespannt hatte und dort nun auf Beute wartete. Eine weitere Millisekunde später versuchte ich mich wegzuducken, um nicht in das Netz zu rennen, kam dabei auf dem glitschigen Untergrund ins Straucheln, verfehlte das Netz um Haaresbreite mit meinem Kopf, und knallte mit dem Steißbein auf den Boden.

Mein erster Gedanke war: ist sie noch da? Ja, sie war noch da, ich hatte das Netz noch nicht einmal gestreift. Alles gut also. Alles? Nicht ganz. Als ich aufstehen wollte, fuhr ein stechender Schmerz durch meinen linken Knöchel – verknackst, gezerrt oder gebrochen?

Egal. Ich musste auf jeden Fall hier weg, denn mittlerweile hatte ich gesehen, dass zwischen vielen anderen Bäumen auch Netze gespannt waren. Im ersten Indiana Jones Film gibt es eine Szene, in der jemand in ein riesiges Spinnennetz läuft und dann über und über mit den Tierchen bedeckt wird. Das sah ich jetzt vor meinem geistigen Auge auch auf mich zukommen, also beschloss ich, so gut es ging, auf allen Vieren krabbelnd unter den Netzen hindurch den Wald zu verlassen. Kalter Schweiß, heißer Schweiß, stechender Schmerz, pochende Ohren, nasse Klamotten, panischer Blick, keuchender Atem – ich war ein Wrack.

Schließlich war ich heraus aus dem Spinnenwald und stand vor einem Zaun. Ich hatte die Nase voll von diesem Morgen – Mistwetter, Spinnen, Knöchel kaputt, ich wollte nur noch nach Hause. Aber nach alledem einfach so abhauen, ohne auch nur ein Foto gemacht zu haben? So nicht, dachte ich, du bescheuerte Farm gibst mir wenigstens ein Bild, das habe ich mir verdient. Ich habe dann neun Fotos gemacht, drei schnelle Belichtungsreihen mit jeweils drei Aufnahmen, nur aus purem Trotz, nicht weil ich erwartet hätte dass etwas vorzeigbares dabei heraus käme. Aber ich brauchte eine Trophäe, auch wenn es kein Siegerpokal war sondern nur der Beweis, dass ich dort gewesen bin.

Humpelnd und stöhnend und mit lautem Gefluche machte ich mich auf den Weg über die trichternetzverseuchte Böschung, einzig durch den schieren Willen und die blanke Wut vorangetrieben. Auf der Fahrt nach Hause war mir dann die Geschwindigkeitsbegrenzung völlig egal, sollte mich der Sheriff doch erwischen. Ein Blick in meine blutunterlaufenen Augen hätte gereicht und jeder Polizist in Alabama hätte mich schleunigst weiter fahren lassen.

Was brachte ich also mit von meinem kleinen Ausflug in die Wildnis – einen zum Glück nur heftig verstauchten Knöchel, der mich noch einige Wochen beschäftigen sollte, völlig verdreckte Kleidung, in der es sich glücklicherweise keine einzige Spinne gemütlich gemacht hatte, die Erfahrung dass in Amerika tatsächlich alles größer ist, inklusive der Krabbeltiere, und neun unter denkbar schlechten Umständen relativ hastig geknipste Fotos.

Später, am heimischen Bildschirm, nach einer heißen Dusche und mit einem strammen Verband um den Knöchel, sah das fertige Bild dann zu meiner großen Überraschung doch recht ansehnlich aus. Zwar entsprach es mit dem Nebel und der düsteren herbstlichen Stimmung nicht annähernd dem, was ich ursprünglich machen wollte. Aber im Nachhinein bin ich doch sehr zufrieden damit – dieses Bild war an diesem Morgen nur für mich da und ich habe es mir erkämpft.

Autor: Bär Tig
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