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Thomar Martin.


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Kommentare 11

  • Thomar Martin. 11. Juli 2017, 10:44

    Was ich mal sagen wollte:
    Vorwort: Ich denke seit längerem über Fotografie nach. Neben meinem Schreibtisch stapeln sich die Fotobücher. Ich möchte mit meinem Vortrag niemanden belehren, sondern euch nur zeigen, was ich so denke. Das geht hier und da nicht ohne Kritik oder sanfte Ironie, gelegentlich auch nicht ohne gelinde Übertreibung (macht deutlich). Ich denke, Nachdenken schadet nie. Auch nicht gelegentliches Nachdenken über das Wie und Was der Fotografie. Ich will nicht Recht haben, sondern zum Nachdenken über mein Nachdenken anregen.


    Wer dieser Tage in Venedig, Salzburg oder Heidelberg unterwegs ist, muss den Eindruck bekommen, die Menschheit sei vom digitalen Rinderwahn befallen. Alle fotografieren alles und jedes. Und fast alle das Gleiche. Überall dort, wo das Auge eine sogenanntes Motiv entdeckt, heben sich die Arme zum digitalen Schuss… 1000 Menschen machen 1000 mal das gleiche Bild.

    Zugegeben, keine sehr originelle Beobachtung. Und doch tut es gut, sich bei jedem Foto, das man macht, zu vergegenwärtigen, dass es so gut wie jedes Bild, das man machen will oder gemacht hat, schon gibt. Das war zwar auch schon früher so, aber heute, im Zeitalter des Internets, können und müssen wir uns die Bilder ansehen. Wir kämpfen mit einer ungeheuren Bilderflut. Früher blieb sie in Alben verschlossen, heute kann man in sie hineinsehen... Ich wünschte manchmal, sie wäre weiterhin verschlossen.

    Was hat das mit uns zu tun? Klar, wir sind die Guten. Die besseren Fotografen. Touristen sind immer die anderen. Wirklich?

    Warum, frage ich mich oft, kommen mir die Bilder von Amateurfotografen durchweg so bekannt vor? Warum sind überraschende, originelle Bilder so selten? Auf die Frage komme ich später zurück. Zunächst aber - aus gegebenem Anlass, vor fachkundigem Publikum - ein Wort zur Naturfotografie. Bis zu einem gewissen Grade beneide ich Naturfotografen: Sie haben ein klar definiertes Ziel mit einer fast unerschöpflich großen Zahl von Motiven. Sie sind aktiv und engagiert. Sie wuchten schwere „Tüten“ auf ebenso schweren Stativen in die Botanik, um Rotschenkel, blaue Frösche oder Schachblumen abzulichten, oder sie liegen auf dem Bauch und fokussieren mit Makroobjektiven Sonnentau, Wespen oder Blütenstempel. Naturfotografen führen ein reges Gruppenleben, sie zeigen einander Bilder, und finden die meisten gut, oft auch jene, die gar nicht so gut gelungen sind, weil sie wissen, dass entweder der portraitierte Piepmatz bereits so gut wie ausgestorben und deshalb schwer zu fotografieren ist, oder der sonst grüne Frosch heute saisonbedingt blau ist... Ein Umstand, auf den ich später noch einmal zurück kommen werde, wenn ich auf die Kritik der sogenannten künstlerischen Fotografie zu sprechen komme.

    Naturfotografen sind durchweg intelligente Leute. Kenner ihrer Materie. Experten, die wissen, wovon sie reden. Sie kenne sich aus mit Flora und Fauna, wissen, wo was zu sehen ist, wie dies und jedes zu interpretieren ist. Die wissen, was sie brauchen, um die Bilder zu machen, die sie machen möchten. Sie sind engagiert in jeder Beziehung - und in sofern schon ein Vorbild für andere Fotojünger.

    Doch auch hier regt sich kritische Verwunderung: Die Bilder, die sie machen, sind fast immer schön. Aufnahmen wie aus einem Paradies - das, wie ich seit meinem Homesitting-Urlaub auf einem englischen Bauernhof weiss - nur in den Köpfen der Menschen existiert. Die meisten Bilder idealisieren. In Wirklichkeit ist das Leben in freier Natur doch eine darwinistische Hölle.
    Einer frisst, jagt, unterdrückt, verdrängt den anderen. Der Normalzustand der Tierwelt ist der Stress. Nur wer es ganz nach oben geschafft hat, kann sich ein paar Jahre als König fühlen. Bis ihn Jüngere vertreiben... Ein Regenguss zerschmettert Millionen Schmetterlinge, Hochwasser ersäuft die Tierwelt ganzer Landstriche, und im Namaqualand in Südafrika vermehren sich jedes Jahr zur Regenzeit, wenn die Wüste plötzlich zu Leben erwacht, die Erdmännchen, um zu Beginn der Trockenzeit elendig zu verrecken. Das aber wird so gut wie nie thematisiert. Die meisten Naturfotografen sehen die Natur so, wie die breite Bevölkerung die Eisbären - am liebsten als knuddeligen Knut. Sie wollen schöne Bilder.

    Womit auch schon klar ist, warum ich, bei allem Respekt vor dieser engagierten Truppe, wohl nie ein Naturfotograf werde. Zumal ich auch hier das Gefühl habe, die meisten Bilder zu kennen. Ich mag sie kaum mehr sehn, die kopulierenden Rotschenkel, die alleinstehenden Bäume mit oder ohne Rapsfeld drumherum, die Wespen im Anflug auf den Blütenkelch, die Krokusse im Schlosspark von Husum, die Schachblumen im Morgentau, der Schneegipfel im Spiegel des Bergsees. Naturfotografie, so erlebe ich sie jedenfalls, ist überwiegend me-too-fotografie. Jeder möchte mal seinen Eisvogel mit dem silbernen Fisch im Schnabel aufnehmen, den Seeadler mit ausgefahrenen Krallen, den Hirsch auf der Lichtung, den Bären im Wald, die „big five“ in Afrika. Das alles gibt es aber schon millionenfach im Internet. Unter dem Stichwort King Fisher findet man allein auf Flickr rund 120000 Fotos, viele davon gut. Mit dem deutschen Namen Eisvogel wird man immerhin 1500 mal fündig. Löwenbilder wurden dort 1,6 Millionen mal hochgeladen. „Flowers" sogar 16,5 Millionen mal.

    Viele Fotografen, darunter auch Naturfotografen, sehen ihre Disziplin offenbar wie eine Art Kunstturnen. Sie haben perfekte Bilder im Kopf, und fühlen sich umso besser, je näher sie ihnen kommen. So wie der Kunstturner erst dann, wenn er seine Individualität der angestrebten Kunstfigur opfert, die höchsten Punkte bekommt. Der wöchentliche Zug der Fotografen ins Grüne kommt mir manchmal vor wie ein Gottesdienst. Man zieht mit dem traditionellen Gebets- und Gesangbuch in Gottes freie Natur, singt die bekannten Lieder und kehrt - immerhin - erbaut zurück in den Alltag.

    Gut, das tut nix, er will ja nur spielen, der Amateurfotograf. Es soll in erster Linie Spaß machen. Und das tut‘s ja offensichtlich auch. Vier Milliarden Fotografen mit geschätzten 50 Billionen Fotos jährlich (wenn das man reicht) können sich nicht irren. Solange sie für sich selbst fotografieren, soll mir das egal sein. Flickr muss ich mir nicht ansehen. Also, was rege ich mich auf?

    Nun, ich bin Mitglied einer Fotogruppe, die mir regelmässig ihre Bilder zeigt, die sogar Wettbewerbe veranstaltet. Da muss ich Stellung beziehen, auch wenn ich zugegebenermaßen selbst nicht so genau weiss, wohin ich will. Nur eins weiss ich - das die Fotografie, die ich meine und suche, jenseits der Kunstturnerei liegt. Ich suche den individuellen Ausdruck, die fotografische Handschrift, die überzeugende Bildidee, über die viel große Fotografen eindeutig verfügen. Bilder von August Sander, Nick Brandt, Martin Parr, Erwitt Elliott oder Diane Abus erkennt man auf den ersten Blick. Sie sind unverwechselbar originell..

    Beliebt ist auch die Reisefotografie. Die ist, verglichen mit der Naturfotografie, eine sehr leichte Muse. Ich weiss wovon ich rede. Ich habe mich im Laufe meines Lebens durch 80 Länder geknipst. Kaum ein Bild, das ich heute noch zeigen möchte. Dabei habe ich so gut wie alles gesehen. Machu Picchu, die Osterinseln, Tahiti, Bora Bora, die chinesische Mauer, die mongolische Steppe, die indischen Tempel, Thailands Inseln, das Arabien rund ums Mittelmeer, die Länder im südlichen Afrika, und Nord- und Mittelamerika von Alaska bis Nicaragua...

    Reisefotografie ist so schwer, weil sie so leicht erscheint. Man kauft sich einen Satz guter Linsen und ein paar Flugtickets und reist ans andere Ende der Welt, dorthin, wo kaum jemand gewesen ist. Und glaubt, mit guten Fotos zurück zu kommen, weil man Dinge fotografiert hat, die nicht jeder vor die Linse bekommt. Sondern nur der, der das Geld hat, ans Ende der Welt zu fliegen und dort mit teuren Linsen zu hantieren. Gute Fotos müssen dabei nicht unbedingt entstehen. Oft ist nicht das Foto interessant, sondern das Motiv.

    Im Zeitalter des Internets und der immer wiederkehrenden Kulturfilme über fremde Länder im Fernsehen sind diese Bilder, für die man früher um den Erdball reisen musste, längst da. Man muss nicht mehr reisen. Sie kommen von selbst. Die Welt ist „durchfotografiert“. Man kennt heute fast alle Winkel der Erde. Auch hier kämpft man mit dem Gefühl, die Bilder längst zu kennen. Auch deshalb, weil Amateurfotografen auf Reisen jene Bilder duplizieren, die sie im Kopf haben. Wer nach Afrika fährt, will unbedingt Löwen, nackte Wilde, Urwaldbäume oder Wüstenberge fotografieren. Er benimmt sich zwar vor Ort, als habe er eine Mission, als hätten der Ayers Rock (57000 mal in Flickr) , das Dead Vlei (5000 mal in Flickr) oder die Berge von Tamanrasset (2800 mal Flickr) gerade auf ihn gewartet. Viele Fotografen drehen auf Reisen im Kopf ihren eigenen Film, mit sich selbst als tollem Fotografen in der Hauptrolle. Sie werfen sich vor ausgelutschten Motiven auf den Boden, schrauben Fisheyes, Superweitwinkel oder Riesenteles auf die Kamera, Fotografieren schräg in den Himmel oder ins Spiegelbild einer Pfütze, als könnten sie so dem Schicksal des Mee-too-Fotografen entgegen. Können sie nicht, wie man im Internet sieht. Alles schon da gewesen. Auch der Spiegelbild-Fotograf, der nach dem Schuss in eine Pfütze auf dem Markusplatz mit feinem Lächeln das Kameradisplay betrachtet und es dem Umstehenden zur Begutachtung zeigt, fotografiert meist nur ein Abziehbild.

    Dabei ist die Düne 45 (7000 mal in Flickr) im namibischen Sossusvlei ebenso totfotografiert wie der schiefe Turm von Pisa (380000 mal Flickr) , die Elefanten Afrikas (1,17 Mio) oder die Rialto-Brücke in Venedig (98000).

    Dazu kommt, das Fotografie auf Reisen den Fotografen meist überfordert. Er muss nämlich gleichzeitig die Zeichen einer fremden Kultur entschlüsseln und nebenbei entscheiden, was geeignet ist, fotografisch dokumentiert zu werden. Ein Grund, warum ich meinen Plan, eine Woche nach Peking zu reisen um zu fotografieren letztlich abgesagt habe, weil ich das Gefühl hatte, dass ich mindestens eine Woche brauchen werde um zu verstehen, wo ich bin. Ganz häufig fotografieren Reisende das, was sie nicht verstehen, was anders ist als bei ihnen zu Hause - oder sie fotografieren das, was sie aus den Reiseführern und den zahlreichen Reportagen aus dem Zielgebiet kennen - die sogenannten Sehenswürdigkeiten. Tourismus heisst oft: Reisen ohne anzukommen. Wie kann man etwas fotografieren, das man nicht kennt?

    Das scheint mir das Hauptproblem der Amateurfotografie zu sein - die Bilder aus dem Kopf zu bekommen, die dazu führen, dass wir immer wieder mit den gleichen Bildern, Ideen und Perspektiven konfrontiert werden.

    Alleinstehende Bäume; im Nebel, im Raureif, am Strand, in der Wüste. Wogende Rapsfelder; Wege oder Stege, die ins weitwinkelige Nichts führen; Bienchen, die Blumen bestäuben; Krokusse im Gegenlicht oder Abendrot; alte Gesichter mit schrumpeliger Haut, rostige Karossen am Waldrand, Tauben auf dem Markusplatz, Gondeln auf dem Canal Grande, Sonnenuntergänge aller Couleur oder Aktfotos in leeren Fabrikhallen: Jeder Mensch hat offenbar Bilder im Kopf, die er als Motive abgespeichert hat, die er auf der Fotopirsch beständig in die Wirklichkeit projiziert. Deckt sich das projizierte Bild mit dem in der Realität, drückt er auf den Auslöser.

    Das kann man wunderbar in Touristenstädten erkennen. Wer im Mirabell-Garten in Salzburg am Springbrunnen sitzt, sieht im Fünf-Minuten-Takt Reisegruppen in den Park einbiegen. Genau dort, wo sich die Fontaine in die Mitte der Burg im Hintergrund schiebt, zücken sie alle ihre Kameras und drücken auf den Auslöser. So begeistert sind sie vom Motiv, dass sie gar nicht merken, dass Gruppenmitgliedern, die sich im Vordergrund aufstellen, später auf den Bild die Fontaine aus dem Kopf zu schiessen scheint. Gleiches gilt für Bilder vom Markusplatz in Venedig, von Gondeln auf dem Canal Grande, vom Ayers Rock in Australien, von Machu Picchu in Peru oder den Niagara-Fall an der kanadischen Grenze. Die Fotografen wandert so lange unschlüssig hin und her, bis sie das im Kopf gespeicherte Motiv in der Realität wieder findet und abdrückt.

    Davon sind auch Journalisten nicht verschont. Auf der Fahrt durch den Krüger-Nationalpark sah eine Busladung von Presseleuten aus Germany so gut wie nichts, bis plötzlich linker Hand hinter einem Baum ein Löwe sichtbar wurde - genauer gesagt dessen Hinterteil. Alles bewegte sich mit Kamera nach links, der Bus drohte fast umzukippen, und drückte ab. Ein halber eigener Löwe ist offenbar besser als ein ganzer, von einem Fremden fotografiert. Hier ist geht es mehr um die Trophäe als um das Foto. Den Beweis, das man da war. Aber muss man sich das ansehen??? Den Mee-too-Elefanten???

    Klar, ein schlecht fotografierter Löwe oder Pinguin ist immer noch interessanter zu sein als eine schlecht fotografierte Kuh. Zumindest für Betrachter unserer Breiten. Afrikaner sehen das sicherlich anders. Das Bild lebt ja auch von der Differenzqualität, von der Exotik des Motivs. Löwen gibt es bei uns nur in traurig anzusehenden Gehegen. Fremdartige Gesichter, auch schlecht fotografierte, sehen immer irgendwie interessanter als als bekannte Physiognomien. Aber sind interessante Bilder auch immer wirklich gute Fotos???

    Garry Winogrand, der berühmte amerikanische Straßenfotograf, entwickelte seine Bilder immer erst nach vielen Monaten, weil es sicher gehen wollte, dass das Foto wirklich gut ist und nicht nur das Motiv. Da gibt es nämlich einen Unterschied. Kurz nach der Aufnahme entwickelt, wird die Urteilskraft oft durch die Stimmung bei der Aufnahme getrübt. Man projiziert Gefühle in das Bild, die der unbeteiligte Betrachter nicht kennt, ein Umstand, der führt, dass viele Fotografen mit ihrem Lieblingsfotos bei außenstehenden Betrachtern auf wenig Gegenliebe stoßen. Das Bild in den Augen des Autors und das Bild mutterseelenallein im Wettbewerb mit anderen vor einer neutralen Jury sind oft zwei ganz verschiedene Welten.

    Das führt uns zu einem anderen interessanten Thema. Offenbar gibt es zwei Arten der Fotografie gibt - eine, die der eigenen Erinnerung an schöne oder als schön empfundene Momente dient, die zweite, die andere, nicht mit den Daten der Aufnahme vertrauten Betrachtern gefallen soll. Zum Beispiel in einem Wettbewerb. Das sind, wie man selbst oft beim Betrachten fremder Bilder merkt, zwei paar Stiefel. Manche Bilder sagen einem einfach nichts. Oder erst dann, wenn der Bildautor erklärt oder einen erklärenden Text dazu stellt. Dann fangen die stummen Bilder an zu sprechen.


    Oft macht es sich der Betrachter allerdings auch zu einfach bei der Beurteilung eines Bildes. Aus der Werbung sind wird gewohnt, Bilder als gut zu empfinden, die schnell auf den Punkt kommen. Bilder, die mehr Aufmerksamkeit erfordern, werden übergangen. Der bei Fotoamateuren beliebte Wettbewerbsgedanke fördert Bilder, die schnell begriffen werden können, nimmt sich doch die Jury kaum mehr als eine Minute Zeit pro Bild, wenn nicht sogar weniger.

    Dabei gibt es in viele Argumente dafür,
    dass sich uns bestimmte Bilder erst erschliessen, wenn wir uns vorher mit ihrer Genese beschäftigt haben. Wer ohne Ahnung von Geschichte eine Nilkreuzfahrt macht, oder eine Reise zu den südindischen Tempeln, wird vielleicht Exotik fühlen, aber nichts begreifen. Erst, wenn man die Welt der indischen oder ägyptischen Götter kennt, fangen die Statuten, die Bilder an Tempelwänden an zu leben, man kann sie plötzlich lesen, hat mehr davon, man begreift, was man sieht. Das gilt auch für viele Bilder. Tiepolos, Tintorettos oder Tizians Bilder fange erst an zu sprechen, wenn man sich vorher mit Kunstgeschichte befasst hat. Ohne diese Kenntnis bleiben sie Schinken, die allenfalls durch ihre Monumentalität beeindrucken. Das gilt sogar für Naturfotografie - siehe oben. Wer mehr vom Gegenstand versteht, begreift eher, warum der Fotograf dies oder das fotografiert hat. Das zeigte sich dieser Tage, als ich Bilder einer Bekannten von einem Springturnier betrachten musste. Alle Bilder waren technisch mehr als mittelmässig. Die Bildautorin war dennoch begeistert. Sie hatte Pferd und Reiter in einer fast idealen Pose - sozusagen in vorbildlicher Haltung - abgelichtet. Eine Bildqualität, die ich nicht goutieren konnte, da ich nichts von Pferd und Reiter verstehe...

    Berühmte Fotografen - Urs Tilmanns zum Beispiel - haben die Verhinderung der leichteren Komsumierbarkeit ihrer Bilder zum Programm gemacht. Ihre Bilder kann man nur noch genießen, wenn man sich die Zeit nimmt, sich intensiv mit einem Bild zu beschäftigen. Ein Protest gegen die Easy-Reading-, Easy-Viewing- und Easy-Listening-Gesellschaft, deren Mitglieder bei TV- und Funkbeiträgen von mehr als 90 Sekunden bereits unruhig werden, weil sie sich nicht mehr konzentrieren können. Genervt durch die wachsende Bilderflut widmen wir uns nur noch den Bilder, die sofort ins Blut gehen - und blenden damit einen ganzen Bereich aus, der möglicherweise voller Schätze ist.

    Damit die Bilder schnell konsumierbar sind, dürfen sie unsere Sehgewohnheiten nicht zu sehr verletzen - was die beklagte Einförmigkeit des des Bildmaterials fördert. Kreativität wird meist nur gewagt, wenn sie erlaubt, zunächst Bekanntes zu erkennen und die graduelle Abweichung vom Gewohnten als interessant und unterhaltsam zu goutieren.

    Im Großen und Ganzen haben aber Amateurfotografie und Werbefotografie viel gemeinsam - sie schöpfen aus einem ziemlich statischen Fundus von Motiven. Der Zwang zur Anpassung ist gewaltig, zumal die meisten Foto-Betrachter das nur en passant tun, so wie sie nebenbei Fernsehen schauen, Radio hören oder beim Zeitungslesen Filme sehen. Ungeteilte Aufmerksamkeit scheint auszusterben. Multitasking ist gefragt.

    Entsprechend wird fotografiert und produziert und massenweise konsumiert. Wer sich zu weit vom Gewohnten entfernt, wird mit Unverständnis gestraft - was offenbar nicht jeder abkann. Viel Amateurfotografen fühlen sich deshalb wohler auf bekannten Pfaden - weil sie das Gefühl haben, dort schneller verstanden zu werden. Auch das fördert die Uniformität des Angebots. Wer bei Flickr das Bild eines Sonnenuntergang hochlädt ( 9 Mio Bilder), kann sich weltweiter Zustimmung erfreuen. Man bescheinigt ihm, ein guter Fotograf zu sein, ein gutes Auge, eine künstlerische Sehweise zu haben.

    Das Thema Kunst möchte ich hier bewusst aussparen. Ich bin garantiert kein Künstler, und auch unter euch habe ich, mit Verlaub und ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, noch niemanden als solchen ausgemacht. Aber vielleicht kann man versuchen, der Kunstturnerei zu entkommen? Dem Kanon der massenweise akzeptierten und produzierten Bilder zu entgehen? Sich bemühen um neue Sichtweise, oder, die Bilder alter Art, wenn man sie denn liebt, gerne zu fotografieren, aber nicht unbedingt zu zeigen?

    Bei grossen Magazinen geht alle paar Monate eine Liste mit Ausdrücken herum, die künftig von Autoren und Redakteuren nicht mehr benutzt werden dürfen, weil sie zu oft verwendet wurden. Verboten sind dann Ausdrücke wie „angespannte Terminkalender“, „zirpende Zikaden“, „Dörfer, die wie Schwalbennester am Berg kleben“, „Burgen, die hoch droben auf dem Berg thronen“ , “Kirchtürme, die aus der Ferne herüberwinken“, „majestätische Berge“, oder „Flüsse, die sich wie silberne Fäden durch die Landschaft schlängeln“ ... Zu recht. Ständige Wiederholung von Textteilen wie „Stille Tage im Klischee“, „Gruppenbild mit Dame“ oder „Besuch der alten Dame“ beginnen den Leser nach einer gewissen Zeit zu langweilen. Das gilt auch für Fotos.

    Wir neigend dazu, zur Beschreibung der Welt auf Klischees zurückzugreifen, nicht mehr genau hinzusehen, sondern die Welt mit Etiketten zu bekleben. Gute Beispiele geben Tageszeitungen. Dort werden - noch ein paar Zitate geistloser Formulierungen - immer wieder „Rentner brutal ermordet“ (gibt‘s eine Alternative?), „14jährige am Hals gewürgt“ (am Knie hätte es keine Wirkung), oder „Verwundete in die umliegenden Krankenhäuser gebracht“ (wohin denn sonst? Auf den Friedhof?). Und an der Absturzstelle oder auf dem Schauplatz eines Erdbebens bietet sich stets „ein Bild der Verwüstung“ (O Wunder!!!).

    Genau hinsehen, den Kopf frei machen von den abgespeicherten Etiketten, mit denen wir uns durch die Beschreibungen schwindeln, ist also die wichtigste Voraussetzung für eine gute Reportage oder ein gutes Foto. Nicht das Was ist in erster Linie wichtig beim Fotografieren, sondern das Wie.

    Was heisst das? Die Tatsache, dass wir in einer Zeit leben, in der alles, was zu fotografieren ist, ständig fotografiert wird und obendrein für jeden zugänglich im Internet zu bewundern ist, müsste eigentlich dazu führen, dass man über den Sinn der Fotografie nachdenkt. Profis und Künstler tun das allemal, nur die Amateurfotografie tut noch so, als sei alles so wie früher.

    Amateurfotografen sind oft zu sehr am „Was“ interessiert. Sie wollen den Ayers Rock, die Namib-Wüste, Elefanten in der Serengeti, Blumen im Frühling, alleinstehende Bäume etc. Aufnehmen, Wer gerne ein Me-Too-Fotograf ist, wer sich wie ein Kunstturner fühlt, soll es tun. Im Kreise gleichgesinnter kann man sich dann das Resultat auch gegenseitig zeigen.

    Im Wissen, dass man sich heute kaum noch mit dem „Was“ profilieren kann, mache ich mir Gedanken über das „Wie“, die einzige Möglichkeit, eine gewisse Alleinstellung zu erringen. Das „Wie“ ist und bleibt unverwechselbar individuell, für viele aber schwer verständlich. Die Bilder, hört man oft, sagen mir nichts. Was nicht unbedingt etwas bedeuten muss. Wenn ein Kopf und ein Bild zusammenstoßen und es klingt hohl, muss das nicht am Bild liegen. Naturfotos sagen mir auch wenig, weil ich zu wenig von der Materie weiss. Wie bei Naturfotos gilt auch in der am „wie“ orientierten, individuellen Fotografie - wer sich nicht damit beschäftigt, wird nichts verstehen. Die Idee, das ein Bild sich selbst erklären muss, und zwar innerhalb von Sekunden, kommt aus der Werbepsychologie. In einem Wettbewerb werden Bilder aus ihrem geistigen Zusammenhang herausgerissen. Sie müssen mutterseelenallein ohne jeden Begleittext, ohne Vorverständnis und geistiger Nachbearbeitung auskommen. Komplizierte, durchdachte Fotos haben so gut wie kein Chance. Wettbewerbsfotografie - zumindest in Wettbewerben, in denen die Juroren innerhalb von Sekunden bewerten müssen, wo keine Texte und Kontexte zugelassen werden, verengen die fotografischen Möglichkeiten und nähren die weit verbreitete, aber zu enge Auffassung, das sich ein Bild sozusagen selbst erklären muss. Wettbewerbsfotografie schließt einen großen Teil der sensiblen, intelligenten, nachdenklichen Kreationen einfach aus. Sie fördern eine ganz bestimmte Art von Fotografie... Deswegen mag ich keine Wettbewerbe...

    Und dennoch kann man natürlich auch im Wettbewerb was lernen, vorausgesetzt, die Juroren haben ein klares Konzept. Wenn sie bewerten, ob ein Foto überraschend ist, ob die besondere Leistung des Fotografen erkennbar wird, ob er eine individuelle, durchdachte Sehweise hat, werden viele Bilder durchfallen. Ein sauber abgelichteter Vogel ist noch kein zeigenswertes Bild, ebensowenig eine Luftaufnahme eines Hafens...

    Mein Tipp: Weniger Fotografieren, mehr nachdenken. Hütet euch vor Kamerataschen, die den schnellen Zugriff erlauben. Je schwerer die Tasche aufgeht, desto länger hat man Zeit nachzudenken: Warum fotografiere ich das? Wer will das sehen? Wo kann mein Beitrag zum Gesehenen liegen? Wie kann ich mich von anderen Fotografen, die das gleiche im Sucher haben, unterscheiden...
  • pmarpo 9. Juli 2017, 21:44

    Wow - hier ist ein Venedig Liebhaber und Kenner unterwegs. Du fängst Stimmungen und Situationen ein, die einzigartig sind. Durch deine Bilder bekomme ich noch einmal völlig neue Anregungen und Lust diese unglaublich tolle Stadt auch mal während des Hochwasssers zu besuchen. VG, Maren
  • AnSichtsSachen15 2. Juni 2017, 13:35

    feine sachen hst du hier.
    eine wunderbare sichtweise und aufnahmetechnik.
    lg di
  • Luciano Caldera 8. Mai 2017, 14:49

    Grazie della correzione, hai perfettamente ragione !
    Saluti, Luciano
    In campo Santa Maria Nova
    In campo Santa Maria Nova
    Luciano Caldera
  • Andsol 1. Januar 2017, 17:47

    Sehr schöne Bilder hier ..vor allem aus meiner Lieblingsstadt Venedig.
    Danke auch für den Besuch in meinem Profil ...das mit der AM zu San Michele stimmt ...leider hatte ich nicht das Stativ dabei für die LZB ..so musste ich mir anders helfen :-)
    VG Andreas
  • Marion Jäger 1. November 2016, 13:59

    Ein beeindruckendes Portfolio mit sehr gelungenen Venedigmotiven.

    Dein Buch ist sehr gut gestaltet.
  • Ludwig Meyer 27. Mai 2016, 22:50

    Danke für die Korrektur meines Bild Titels ;-) ....
    Wie Ich sehe gehört Venedig zu deinen Bevorzugten Städten.
    Wirklich schöne Aufnahmen zeigst du hier....

    vg Ludwig
  • daddags 15. Mai 2016, 17:38

    Hallo Thomar , hat eine Zeit gedauert bis ich mich melde . Lieben Dank für
    Deine Info zu meinem Foto . So irrt man sich , denkt eine verlassene
    Fischerhütte und fotografiert das Atelier eines verstorbenen Künstlers .
    Liebe Grüße Günther
  • Maximilian Kreuter 24. Oktober 2014, 17:14

    Zu Deinen Bildern fehlen einem eh die Worte, die geeigneten. Weil-super-toll-spitze und etc. sind ja in der FC schon zu abgedroschen und auch degradiert als das man sie für Deine Bilder noch verwenden könnte.
    Liebe Grüße aus Kühnsdorf/Seebach nahe Klopeinersee. Maximilian.
    P.S.: Dein Equipment ist aber beeindruckend
  • Thomar Martin. 29. September 2013, 14:28

    Ich nehme ungern an Diskussionen teil, bin aber gern bereit, Mails zu beantworten. Meine Adresse:
    woerterseh@iworld.de
  • panoRAL Foto 8. Februar 2012, 15:11

    Sehr schöne und tolle Bilder stellst du hier aus. Eine Empfehlung zum ganz durch blättern !

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