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Was ist neu?

prismaNUEL


Free Mitglied, Versehen
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Über mich

Der Schlüsselbund klickert in meiner Hand, dann fällt er zu Boden. Ein Klirren schneidet durch das vielgeschössige Treppenhaus. Dann ist wieder Stille. Als ich ihn aufhebe, ist es mir fast so, als würden sie kichern, die Schlüssel, die leise gegeneinanderschlagen. Mit noch immer ungeübten Handgriffen bugsiere ich den Schlüssel ins Schlüsselloch, drehe ihn ein, zwei mal. Endlich öffnet sich die Tür und läßt mich ein.

Dunkelheit schlägt mir entgegen und ein seltsam muffiger Geruch. Natürlich, niemand hat heute schon gelüftet, die Rolläden hochgezogen, die Fenster geöffnet, den Tag hineingelassen. Natürlich. Wer hätte das auch tun sollen? Und dennoch ist es Abend für Abend so etwas wie eine Enttäuschung, daß mich meine eigene Wohnung nicht gastfreundlicher willkommen heißt.

Als ich mich durch die Dunkelheit taste, stoße ich gegen einen Stuhl, stolpere dann über eine Kiste. Noch immer ist sie mir unvertraut, die Anordnung der Möbel. Noch immer, nach über einem halben Jahr.

Ich öffne die Fenster. Die Sonne blendet jetzt, da sich meine Augen bereits an die Dunkelheit gewöhnt haben. Ich kneife sie zusammen, blinzele in den Hof hinunter, wo buntgeschmückte Wäscheleinen hängen und ein paar Kinder auf dem Asphalt Fußball spielen.

Ich drehe mich um und blicke zurück in die Wohnung, die jetzt im hellen Sonnenlicht vor mir liegt, was sie auch nicht wohnlicher, heimischer erscheinen läßt: wenige halb leere Schränke, Kisten, noch immer Umzugskisten, die sich in den Räumen stapeln, manche zum vertrauten Wühlschrank geworden, andere gar nicht erst geöffnet. Da drin sind Dinge, die mir früher einmal sehr wichtig gewesen sein müssen. Jetzt kann ich mich nicht mal mehr erinnern, was. Ich habe nichts vermißt die letzten Monate. Nein, das ist falsch. Ich habe alles vermißt. Welchen Sinn hätte es also, irgendeinen einzelnen Gegenstand aus der Vergangenheit auszugraben, dem Vergessen zu entreißen? Die Zeit ist tot, eingemottet in diesen Kisten und fest verschlossen in meinem Herzen. Ich will nicht mehr zurückdenken. Alles, was war, ist tot.

Meine Schritte hallen noch immer in den Zimmern, als ich jetzt zur Küche gehe. So wie am Tag, als ich diese Wohnung besichtigt habe, was heißt besichtigt, tränenblind unterschrieben habe, was mir der Vermieter vorgelegt hat und dann rausgestürzt bin, raus, nur raus und die nächsten Tage und Wochen war ich von niemandem mehr irgendwo aufzuspüren. Bis ich irgendwann wieder meine Beine auf den Boden bekommen habe, und zumindest wieder so etwas ähnliches wie eine Existenz, einen Alltag aufzubauen versucht habe in der neuen Stadt, der neuen Wohnung, dem neuen Job. Eine Existenz. Kein Leben.

Der Kühlschrank ist nicht leer, ganz im Gegenteil. Er ist so voll, daß ich längst nicht mehr zu sagen weiß, was noch genießbar ist und was längst verdorben. Doch auch heute werde ich nicht die Mühe auf mich nehmen, eine Ordnung in die Dinge zu bekommen. Heute nicht wie an allen bisherigen und an allen künftigen Tagen. Ich greife nach irgendeiner Dose, und als ich sie öffne, ist es Thunfisch in Tomatensoße. So gut oder schlecht wie alles andere. Essen ist mir noch nie wichtig gewesen. Selbst nicht zu Zeiten, als es überhaupt noch Dinge gab, die mir wichtig waren.

Ich schalte den Fernseher ein, der eigentlich immer läuft. Der Fernseher ist ein Freund. Das Radio nicht, das immer die falschen Lieder spielt, Lieder, die man nicht ertragen kann, weil man sie nicht kennt oder noch aus einer anderen Zeit. Der Fernseher ist zu banal, um jemals aufzuwühlen. Ich liebe die Sportübertragungen. Nichts ist so herrlich fern vom eigenen Leben wie zwei Sumoringern oder ein Motorradfahrer, der über Fässer hüpft.

Es ist auch zu still, wenn der Fernseher nicht läuft. Eine Stille, die niemals durchbrochen wird, weil ich eines verkaterten Samtagmorgens, als mich der Postbote aus dem Schlaf geklingelt hat, die Wohnungsklingel außer Gefecht gesetzt habe und das Telefon, das auf dem blanken Holztisch steht, noch immer nicht angemeldet ist und inzwischen von einer dicken Staubschicht bedeckt, mit Ausnahme der Tasten, auf denen ich mich manchmal dabei ertappe eine altvertraute Nummer vor mich hinzuklimpern. Ein jähes Entsetzen jagt durch meinen Körper, wenn ich mir gewahr werde, wessen Nummer das ist, noch immer ist, die sich nicht aus meinem Kopf bannen läßt. Nach über einem halben Jahr noch nicht.

Wenn es so ganz still ist und man überhaupt nichts anderes hört, dann wird jeder Laut, den man von sich gibt zu einem gewaltigen Vulkan, jeder Atemzug zu einem Taifun, jeder Herzschlag zu einem Erdbeben. Ich mag mich nicht hören, schon gar nicht zu einem solchen Naturschauspiel verstärkt, so wie ich mich auch nicht sehen mag und alle Spiegel abgenommen habe. Weil ich mich so nicht rasieren kann, lasse ich mir den Bart wieder wachsen. Wie früher. Ich hatte immer einen Bart, bevor sie...

Ich schreie auf, nein nicht ich, es ist bloß mehr mein Herz, das noch aufschreit, das noch immer die Erinnerung nicht verwinden kann. Ich selbst bleibe inzwischen ruhig, ja regelrecht kalt. Ich atme nicht einmal heftiger. Ich kann ganz ruhig zur Fernbedienung greifen und die Lautstärke hochpegeln, um bloß jede Stimme, jeden Laut in mir zu übertönen.

Stunden später schalte ich den Fernseher wieder ab. Dann stehe ich für Minuten am geöffneten Fenster und blicke noch einmal hinaus, auf die Stadt, die jetzt im Dunkel daliegt. Meistens habe ich ihren Namen vergessen, den Namen der Stadt, in der ich jetzt bereits ein halbes Jahr lebe. Und manchmal, ja manchmal vergesse ich inzwischen meinen eigenen. Natürlich vergesse ich ihn nicht wirklich, er ist nur einfach nicht sofort präsent. Und wozu auch? Ich führe ja keine Selbstgespräche, bei denen ich mich mit meinem Namen anreden müßte. Und sonst? Wer tut das sonst?

Nachts, ohne Fernseher, ohne jeden anderen Laut, ist es still in meiner Wohnung, viel zu still. Und doch: ich kann mich nicht beklagen. Ich schlafe immer problemlos ein. Früher habe ich oft des Abends schwere Gedanken gewälzt. Jetzt ist da einfach nichts mehr zu wälzen. Abends im Bett, da denkt man an die Dinge, die einem wichtig sind, die einen beschäftigen oder belasten. Ich denke immer an gar nichts.

Als ich noch neu war, in der Wohnung, bin ich morgens angstvoll aufgewacht, und habe mich gefragt, wo ich bin, alleine in einem fremden Bett, einer fremden Wohnung, einer fremden Stadt. Die Frage nach dem Wo ist jetzt nur selten noch in meinem Kopf. Doch jeden morgen, wenn ich aufwache, da frage ich mich: warum?

Kommentare 2

  • Manfred Greth 26. Februar 2008, 15:56

    Hallo,
    herzlich willkommen in der FC.
    Ich wünsche Dir viel Spass in unserer Runde.
    Ich glaube das wird Dir sehr helfen.
    Viele Grüße
    Manfred
  • Shasti 25. Februar 2008, 9:34

    Hi,

    ich heiße Dich willkommen hier.
    Es fällt mir schwer, Deine Texte zu lesen und ruhig zu bleiben. Dies hier:

    "Als ich den Fernseher einschalte und durch die Programme zappe, weiß ich, dass ich wieder zu einem Teil von ihnen allen geworden bin, ein Teil der Gattung, die sich Mensch nennt. Es ist zwar kein Leben, aber es ist wohl alles, wozu ich fähig bin. Eine unter ihnen. Erst des Nachts, wenn ich wieder mit meinen Gedanken alleine bin, wird die Unzufriedenheit in mir nagen. Leise nur, leise. Denn morgen heißt es wieder früh aufzustehen und sich dem täglichen Trott zu übergeben. Es ist zwar kein Leben, aber es währt ja auch nicht endlos..."

    MUSS SO NICHT SEIN. Du kannst es ändern, es geht, ich habs gemacht. Es ist ein Weg, raus aus dem Massenbewußtsein, hin zu selbstbestimmter Lebensweise, bewußt gewählt, umgesetzt... Es geht tatsächlich. Ich weiß es, denn ich lebe es!

    Umarme Dich

    Shasti

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