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A-Zyklop


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Über mich

Betrachtungen eines Zyklopen
Ansichten und Einsichten des einäugigen Fotografen Bernd Weber
Bernd Weber und sein Werk erschließen sich nicht „auf den ersten Blick“ – wer hier Zugang finden will, muss genauer hinschauen. Er ist kein typischer Fotograf, er ist ein eigenständiger Typus ganz für sich. Das fängt früh an. Damit, dass er als Kind bei einem Unfall sein rechtes Auge verliert. Nicht gerade ideale Ausgangsbedingungen für einen Fotografen. Doch ihn kümmert das nicht. Er tut stets das, was ihm in den Sinn kommt, entdeckt relativ spät, dann aber endgültig, mit 22 Jahren, die Kamera als sein Werkzeug. Mit ihr – einäugig wie er selbst – erfasst und erklärt er sich und anderen die Welt. Und diese Welt hat es in sich: sie ist buchstäblich schwarz-weiß, geprägt von starken Gefühlen, Gegensätzen und Geheimnissen; sie ist komplex, schwierig, manchmal bedrohlich, manchmal verzaubert, immer ein Mythos. Er hadert mit sich und dieser unerklärlichen Welt, er ringt mit ihr und dem was er „wahr nimmt“, um ihr letztendlich doch ein Stück Sinn abzuringen: der Ausdruck selbstvergessener Konzentration im Antlitz des Handwerkers, ein einsamer Baum vor einer Mauer, überirdischer Lichtglanz auf einem gläsernen Sarg, eine zum Gruß erhobene Hand.
So zerrissen er die Welt in seinen Bildern interpretiert, so zerrissen wirken sein eigenes Auftreten und sein Werdegang. Wortkarg ist er und doch unruhig, so als dränge es ihn ständig, etwas zu sagen, um dann doch zu schweigen. Seine menschlichen und künstlerischen Entscheidungen scheinen oft chaotisch und sprunghaft, sind schwer einzuordnen, eher der Intuition als stringenter Planung geschuldet. Doch gerade das macht die besondere Qualität seiner Arbeiten aus. Selten kann er begründen, was ihn an einem Motiv fesselt, am nächsten langweilt. Manche Reisen und Streifzüge macht er bewusst ohne Kamera. „Wirklich sehen lernt man nur vom hinschauen, nicht vom fotografieren“ so seine Philosophie. Ihm ist bewusst, dass ein Objektiv die Wirklichkeit gelegentlich eher verstellt als enthüllt – umso mehr für einen, der nur auf einem Auge sehen kann.
Schon früh empfindet er sich als „randständige Existenz“: Nach einer beinahe idyllisch unbeschwerten Kindheit auf dem Lande verliert er im Alter von zehn Jahren zunächst das rechte Augenlicht. Nur sechs Wochen danach trifft ihn die nächste Tragödie. Er wird von einem Auto angefahren und schwer verletzt, verbringt beinahe ein ganzes Jahr isoliert von Familie und Freunden in einer Spezialklinik, muss wie ein Baby wieder sitzen, laufen, seinen Körper kontrollieren lernen. Diese Erfahrung prägt – fortan sieht er sich als Außenseiter.
Er wird schneller erwachsen als andere Gleichaltrige, flüchtet direkt nach der Lehre und noch vor der Volljährigkeit aus der Normalität. Er beginnt zu reisen, erst in Europa, dann in Afrika, quer durch die Kontinente. Meist ohne Visum, Impfungen, Geld, Unterkunft oder eigenes Fortbewegungsmittel. Er wird krank, wird bestohlen, wird mitten in der Wüste alleine ausgesetzt. Aber er findet auch Freundschaft, Menschen die ihn auflesen, schützen, mit ihm teilen. Sechs Jahre lang lässt er sich so treiben, irgendwann in dieser Zeit beginnt er zu fotografieren. Das habe ihm vermutlich Leben und Verstand gerettet, erinnert er sich. Während einer Marokkoreise beendet er sein Weltenbummlerdasein ebenso plötzlich wie er es begonnen hat. Er entscheidet, zurückzukehren in eine halbwegs bürgerliche Existenz, dreht in der gleichen Nacht um, ist sechzig Stunden ohne Schlaf und Zwischenstopp ununterbrochen unterwegs nach Deutschland. Am Tag nach der Ankunft sucht er einen Job, baut im kommenden Jahr sein erstes eigenes Fotostudio auf.
Natürlich hält es einen wie ihn nicht dauerhaft am selben Ort und im gleichen Beruf; er wechselt auch weiterhin ständig Perspektive, Wohnort, Freunde und Beziehungen, verdient mit immer neuen, immer anderen Projekten sein Geld – nur der Fotografie bleibt er treu, macht Ausstellungen und beteiligt sich an Werkgruppen. Und immer richtet er den Sucher auf Marginalien, entdeckt unscheinbare Details, bizarre Zusammenhänge, wunderliche Randexistenzen und Außenseiter. Die kennt er, die sind ihm vertraut, die findet er interessant. Und solche habe er eigentlich von Anfang an „fotografiert“ – mit seinem Gedächtnis, seinem linken Auge, seiner eigenen einzigen Linse. Dieses "Fotografieren ohne Kamera" sei wichtig gewesen. So habe er sich selbst beigebracht, was für seine spätere fotografische Entwicklung nötig gewesen sei. Die eigene Wahrnehmung, die richtige Perspektive, der Blick fürs Besondere mache den Fotografen – alles andere sei „nur“ Technik, Handwerkszeug und Übung. Und davon hat er inzwischen mehr als genug. Nach 35 Jahren Fotografie ist er zum Zyklop geworden: Einäugig, überlebensgroß und Bestandteil eines eigenständigen Schöpfungsmythos.

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