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Was ist neu?

Anja v. Knobelsdorff


Basic Mitglied, Wahr werden, wach bleiben.

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Meine zwei Regeln fürs Glück

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"Ich habe eine große Bitte an dich, lieber Großvater: Kannst du mir nicht einmal aufschreiben, was ich tun muss, damit mein Leben ähnlich glücklich verläuft wie deines", bat mich meine Enkelin Anuschka, 27, Eventmanagerin seit vier Jahren im nervigen New York, zu Weihnachten in München eingeflogen. "Aber nur, wenn du Lust hast", rief sie mir noch zu, ehe sie losflatterte zur großen Silvesterparty.

Ich blieb allein zurück. Ich bin gern allein, Silvester sogar besonders gern. Die Stille der Wohnung, wunderbar. Und draußen die Böllerschüsse: auch wunderbar. Dass ich wieder bei einer neuen Runde des Lebens am Start dabei sein kann, finde ich besonders wunderbar. In dieser Stimmung schrieb ich also für meine Enkelin diese Zeilen:

Meine liebe Anuschka, gerne will ich Dir verraten, welche Gedanken mein Leben bereichert und vor allem bestimmt haben. Es sind eigentlich nur wenige Sätze. Aber sie sind die Bausteine meines Glücks. Der erste Satz stammt von meinem Freund Hans Habe, einem damals berühmten Autor, den ich als junger Reporter interviewte. Dabei traute ich mich, diese simple Frage zu stellen: "Was ist für Sie Glück?"
Ich dachte, jetzt kommt: Schön wäre ein weiterer Bestseller nach "Wie einst David", eine Liebschaft mit einer tollen Frau, ein Schloss am Genfer See. Aber Irrtum! Es kam etwas ganz anderes, Sprödes: "Glück ist für mich die Abwesenheit von Schmerz." Na, dachte ich, so denken eben ältere Herren ...
Aber vergessen habe ich den Satz nie.
Heute weiß ich: Er stimmt. Die Abwesenheit von körperlichen und seelischen Schmerzen ist höchstes Glück - Grund genug, alles dafür zu tun.

Dann erzähle ich Dir, zweitens, von einem Satz, mit dem mich mein Verleger Axel Springer überraschte, als ich mit ihm über Personalprobleme sprach. Das ist immer ein heißes Eisen: Wem kann man vertrauen, wer ist vielleicht ein Blender? Die Qual der Wahl, geht es um Führungskräfte. Nach gründlicher Diskussion hatte Axel Springer seinen Kandidaten gefunden und fügte den unvergessenen Satz hinzu. "Wir müssen bei jeder Entscheidung daran denken: Kein Mensch hat den ganzen Bogen."
Da war sie, die Formel wahrer Menschenkunst. Mehr Toleranz, es gibt nicht den perfekten Menschen. Von da an begann ich bei allen Menschen nach ihren Sonnenseiten zu suchen. Und ich behandelte sie so, wie ich mir wünschte, dass sie genau so sein mögen.

Das sind die zwei Wegweisungen, die mich sicher geleitet haben: einmal im Umgang mit mir selbst, einmal im Umgang mit anderen Menschen. Da ich bei unseren Gesprächen herausgehört habe, dass Du zumindest hin und wieder die Frage nach dem Sinn Deines - noch so jungen Lebens - stellst, will ich Dir noch schnell von einem Mann berichten, der mich mit einem einzigen Gedanken aus einer Lebens- und Sinnkrise herausgerissen hat: "Fragen Sie niemals nach dem Sinn des Lebens, Sie werden keine Antwort bekommen. Denn die Wahrheit ist eine andere:
Das Leben ist es, das Sie tagtäglich neu befragt, und Sie müssen Tag für Tag darauf antworten, indem Sie Ihren Alltag bewältigen." Es war der berühmte Wiener Psychiater Viktor Frankl, der mir diesen klugen Rat schenkte. Und es gab fortan nie wieder diese quälenden Stunden, in denen ich mein Leben "hinterfragte", wie es in den 60er- und 70er-Jahren in Deutschland Mode wurde - Du solltest diesen Irrweg also gar nicht erst beschreiten.

Das wär's, liebe Anuschka. Nimm diese Zeilen mit nach New York, in Dein Leben voller Tempo und Faszination. Vielleicht denkst Du, dass ich Dir "olle Kamellen" serviert habe. In Wahrheit waren dies die Pfeiler, die mein Leben trugen. Das klingt alles sehr ernst, darum zum Schluss als Kontrast noch ein lässiges Wort von Andy Warhol, das ich so liebe: "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Nach einer Weile braucht er auch einen Drink."

Prost Neujahr, liebe Enkelin.

Dein Großvater.


PETER BACHÉR

WELT AM SONNTAG

(06.01.2013)

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