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St. Weiß


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muschel....

Die Familie der Riesenmuscheln (Tridacnidae) setzt sich aus neun verschiedenen Arten zusammen, wovon zwei zur Gattung Hippopus und sieben zur Gattung Tridacna gerechnet werden. Die unbestritten grösste Art ist die Eigentliche Riesenmuschel oder «Mördermuschel» (Tridacna gigas) mit einer Länge von bis zu 140 Zentimetern und einem maximalen Gewicht von über 400 Kilogramm, wovon rund drei Viertel auf die bis zu zehn Zentimeter dicke Kalkschale und ein Viertel auf das darin geborgene lebende Gewebe entfällt.


Die über weite Bereiche des Südpazifiks verbreitete Kleine Riesenmuschel ist zwar mit einer Schalenlänge von bis zu 40 Zentimetern deutlich kleiner als die Eigentliche Riesenmuschel. Dafür ist ihr «Mantellappen» - so heisst der Körperteil, den die Riesenmuscheln in ungestörtem Zustand lippenartig über die Schalenränder nach aussen stülpen - besonders farbenprächtig. Er umfasst die gesamte Farbpalette und leuchtet bei jedem Individuum in jeweils anderer Kombination.


Der Mantellappen ist der sichtbare Teil des so genannten «Mantels», eines komplex aufgebauten Gewebes, das - ähnlich wie die Haut bei anderen Tieren - die inneren Organe der Kleinen Riesenmuschel vollständig umschliesst. Hierauf ist der Begriff «Mantel» zurückzuführen. So wie bei anderen Tieren Mund und After Öffnungen in der Haut darstellen, welche die Verbindung zwischen der Aussen- und der Innenwelt erlauben, so verfügt auch die Kleine Riesenmuschel über zwei Öffnungen im Mantel, eine Einström- und eine Ausströmöffnung. Beide befinden sich im Bereich des Schalenspalts, zwischen den beiden bunten «Lippen» des Mantellappens, sind aber unterschiedlich ausgebildet: Während als Einströmöffnung ein schlitzförmiges Loch dient, ist die Ausströmöffnung zu einem Rohr («Sipho») ausgezogen.





Überlebenswichtige Partnerschaft mit Algen


Wie alle Muscheln ernährt sich die Kleine Riesenmuschel von frei schwebenden pflanzlichen und tierlichen Kleinstlebewesen («Plankton»), die sie aus dem Meerwasser filtert. Mit der Hilfe von Millionen winziger Wimpern einerseits und mit Muskelkraft andererseits strudelt bzw. saugt sie ihr Atemwasser mit den darin enthaltenen Mikroorganismen durch die Einströmöffnung in den Schaleninnenraum und presst es zwischen ihren netzartig gestalteten Kiemenblättern hindurch. Dabei bleiben die Planktonteilchen an der äusseren Kiemenfläche hängen und werden anschliessend zum Schlund, also zum Darmeingang, verfrachtet. Gleichzeitig wird dem Wasserstrom der für die Atmung notwendige Sauerstoff entnommen. Und danach spült das durch die Ausströmöffnung abfliessende Wasser gleich noch das angefallene Kohlendioxid sowie die Abfallstoffe der in den Mantelinnenraum einmündenden beiden Nieren und des Darms mit sich fort.


Ihre planktonische Nahrung reichert die Kleine Riesenmuschel - wie alle Riesenmuscheln - auf eine eigentümliche Weise an: Ihr freier, prächtig gefärbter Mantellappen beherbergt ganze Scharen kleiner, einzelliger Algen der Art Symbiodinum microadriaticum. Diese leben mit dem massigen Tier in Symbiose, also in Gemeinschaft zu gegenseitigem Nutzen. Die Algen werden von der Riesenmuschel mit allen lebensnotwendigen chemischen Stoffen versorgt. Dafür liefern sie ihrer Wirtin Glycerol, ein zuckerartiges Kohlenhydrat, das sie mit Hilfe des Sonnenlichts aus Kohlendioxid und Wasser, also durch so genannte Photosynthese, aufzubauen vermögen. Neueren Untersuchungen zufolge bildet das Glycerol nicht etwa nur eine «Beikost» der Kleinen Riesenmuschel, sondern stellt ihre Hauptnahrung dar. Dies lässt erahnen, welch grosse Bedeutung die symbiontischen Algen in ihrem Leben spielen.


Die Symbiodinum-Algen sind nicht gleichmässig über den Mantelrand verteilt, sondern finden sich gehäuft im Bereich so genannter «Hyalinorgane», das sind glaskörperartige Zellhaufen, welche das Sonnenlicht wie Linsen sammeln und in das Mantelgewebe hinein leiten. Die Kleine Riesenmuschel hat also im Laufe ihrer Stammesgeschichte Organe entwickelt, die einzig dem Wohlbefinden ihrer pflanzlichen «Lebenspartnerinnen» dienen. Auch die bunten Farbeinlagerungen im Mantellappen sind in diesem Sinne zu verstehen: Sie bilden eine Art «Sonnenbrille», welche die empfindlichen Algen vor schädlicher UV-Stahlung schützt.


Es wurden bisher keine erwachsenen Kleinen Riesenmuscheln ohne Symbiodinum-Algen gefunden. Und es wurden nirgendwo Kleine Riesenmuscheln festgestellt, die nicht in seichten, warmen, ungetrübten, vom Sonnenlicht durchfluteten Küstengewässern leben, wo der Solarenergiebedarf der Algen ausreichend gedeckt wird. Die Symbiose scheint also - zumindest für die Muscheln - heute überlebenswichtig zu sein. Tatsächlich mutmassen die Marinbiologen, dass die Riesenmuscheln im Verlauf ihrer Stammesgeschichte nur dank der Symbiose mit den Symbiodinum-Algen zu ihrer aussergewöhnlichen Grösse heranwachsen konnten - und dass sie heute auf Gedeih und Verderb von deren «Mitarbeit» abhängig sind.


Umgekehrt gilt dies interessanterweise nicht: Die Symbiodinum-Algen können durchaus ohne die Riesenmuscheln fortbestehen, denn sie gehen auch mit den meisten Riff bildenden Korallen Symbiosen ein.





Synchrones Ablaichen


Wie viele andere Weichtiere sind die Riesenmuscheln Zwitterwesen («Hermaphroditen»). Die männlichen, Samen erzeugenden Keimdrüsen sind vor den weiblichen, Eier produzierenden ausgereift, so dass also jedes Individuum zuerst ein Männchen und danach ein Weibchen ist. Eine Selbstbefruchtung ist damit ausgeschlossen.


Die Keimdrüsen befinden sich in der Nähe des Herzbeutels und haben eine einfache Ausmündung in den Mantelinnenraum. Da weder Samenblasen noch sonstige Hilfseinrichtungen ausgebildet sind, gelangen die Geschlechtszellen (Samen oder Eier) unmittelbar in den Mantelinnenraum und von da mit dem ausströmenden Wasser ins Freie. Dort findet die Befruchtung statt.


Wir wissen heute, dass die im Wasser treibenden Eier der Riesenmuscheln einen chemischen Stoff absondern, der sich mit den Wasserströmungen ausbreitet und alle fortpflanzungsfähigen Riesenmuscheln des betreffenden Küstenabschnitts dazu anregt, unverzüglich auch ihre - männlichen oder weiblichen - Geschlechtszellen abzugeben. Jede erwachsene Riesenmuschel kann also durch die Abgabe von Eiern ein regionales «Synchronlaichen» auslösen. Durch solch gemeinschaftliches Ablaichen erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass die ins Wasser abgegebenen Eier von Samen befruchtet werden, entscheidend. Bei der Kleinen Riesenmuschel erfolgt das «Synchronlaichen» im Übrigen saisonal gebunden: In den Gewässern von Fidschi beispielsweise findet es gewöhnlich im Juni und Juli statt, bei Guam zwischen November und März.


Noch am selben Tag, an dem ein Ei befruchtet wird, schlüpft aus ihm eine winzige, frei im Wasser schwebende Wimperkranzlarve («Trochophora»). Diese verwandelt sich innerhalb von vierundzwanzig Stunden zu einer ebenfalls frei schwebenden Segellarve («Veliger»). Bei dieser lassen sich die beiden späteren Schalenhälften bereits in Form von zwei winzigen, durchsichtigen «Segeln» erkennen.


Die Meeresströmungen tragen die Riesenmuschellarve, die sich von winzigen Planktonteilchen ernährt, allmählich von ihrem Geburtsort fort. Nach nur vier bis sieben Tagen beendet sie jedoch ihr frei schwebendes Leben und lässt sich an einem geeigneten Ort - auf einem Korallenriff oder einer Sandfläche - nieder. Sie verwandelt sich dort zur Miniatur-Riesenmuschel und befestigt sich mit Hilfe klebriger Haftfäden («Byssusfäden») am Untergrund. Ungefähr zu diesem Zeitpunkt dringen die symbiontischen Algen, die in ihrer Jugend ebenfalls ein frei treibendes Entwicklungsstadium durchlaufen, in das Mantelgewebe des Riesenmuschelbabys ein. Letzteres wächst verhältnismässig langsam heran und ist für unser Auge erst im Alter von etwa drei Monaten erkennbar. Die Geschlechtsreife tritt ebenfalls spät, nämlich im Alter von gewöhnlich sechs bis acht Jahren, ein. Im Gegenzug dürfte die Lebenserwartung unter natürlichen Bedingungen bei über hundert Jahren liegen.

Kommentare 5

  • Ludwig Luger 12. März 2006, 7:35

    ... ein Bild von ganz hervorragender Qualität, - farblich eine Augenweide, - mit einem sehr informativen Text dazu, - wozu einen 'Fischführer' kaufen !
    Grüsse aus MUC
    Lu
  • Patrick Ess 11. März 2006, 21:58

    Danke für den tollen Text,hab ich auch wieder was gelernt..
    und auch ein schönes Bild
    grüsse patrick
  • St. Weiß 11. März 2006, 18:02

    Hallo,

    vielen dank für die netten Anmerkungen.

    Das Bild ist in Indonesien/ Bali im Oktober 2005 aufgenommen worden.

    Gruß
    Stefan
  • Lothar Kuehnel 11. März 2006, 17:13

    hallo, tolles Foto hast Du ein gestellt,
    danke auch für die ausführliche Beschreibung .
    Sag mal wo wurde es aufgenommen ?
  • Hubert Koch 11. März 2006, 8:41

    sehr schöne farbenfrohe Aufnahme mit gut erklärendem Text dazu.

    M.f.G.
    Hubert