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K. Nafets


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Mein Vater, Jahrgang 1920, war im Krieg gewesen.

Wir Kinder wussten das, es war sichtbar, aber mein Vater erzählte wenig davon und wir Kinder fragten auch nicht danach. Krieg war uns einfach egal. Wir kannten einige Begriffe wie "Unternehmen Barbarossa", ein dickes Buch mit gleichem Titel lag im Regal, Minsk war eine Stadt in den Tiefen der Sowjetunion und ich wusste auch, dass frisch geschlagenes Birkenholz brennt - das wars.
Mein Vater ist früh gestorben. Als mir Fragen zum Krieg in den Sinn kamen, war er nicht mehr da.

Vor einiger Zeit las ich das Buch "Mir selber seltsam fremd. Die Unmenschlichkeit des Krieges. Russland 1941-44." von Willi Reese. Ich dachte gleich nach den ersten Zeilen an meinen Vater, ja es war fast so, als wenn mein Vater mir dieses Buch vorlesen würde. Willi Reese beschrieb das, was mein Vater genauso erlebt haben musste: Das Hurra-Gefühl zu Beginn, das endlose Maschieren in den Weiten Russlands, dann die ersten Feindberührungen, die Begegnungen mit dem Tod, die Angst, das Weitermaschieren, Stellung beziehen, wieder kämpfen, grausamer kämpfen, schließlich im Schlamm versinken, in der Kälte erstarren, das bittere Überlebenwollen - die langsame Umwandlungen des Menschen zur stumpfen Kriegsmaschine.

Bei uns zu Hause lief Weihnachten immer nach festen Regeln ab. Die geschlossene Wohnzimmertür gehörte genauso dazu wie der Besuch vom richtigen Weihnachtsmann. Wie selbstverständlch standen auch jedes Jahr zwei unscheinbare Figuren aus Papier und Krepp unter unserem Weihnachtsbaum. Wir Kinder nahmen sie ohne Gedanken zur Kenntnis - erst viel später habe ich erfahren, dass mein Vater sie aus dem Krieg mitgebracht hatte. Er hatte sie an der Front angefertigt, in aussichtsloser Lage, irgendwo in Russland zur Weihnachtszeit, wohl für eine kleine Weihnachtsfeier mitten im Krieg, bestimmt tief verbunden mt dem Wunsch nach Heimkehr.
Mein Vater "sah das Weisse im Auge des Feindes", seine Kompanie wurde aufgerieben, er überlebte den Krieg.

Heute denke ich daran, dass mein Vater nach der Bescherung oft still auf dem Sofa sass. Er sah uns Kinder, wie wir unter dem Weihnachtsbaum mit den Geschenken spielten und er sah sicher auch seine zwei Weihnachtsfiguren,
heimgebracht.

Kommentare 5

  • think tank ART ® 31. Dezember 2006, 3:02

    ... wouw - gefällt mir gut !!! ...
  • K. Nafets 23. Dezember 2006, 10:34

    @ all

    Danke euch für die einfühlsamen Anmerkungen und wünsche nun auch allen frohe Festtage und einen guten Rutsch ins neue Jahr !
  • just a moment 21. Dezember 2006, 17:55

    Eine gefühlvoll erzählte Geschichte. Gerade deshalb wünsche ich Dir ein besinnliches, friedliches Weihnachtsfest und alles Gute für das neue Jahr!
    LG Petra
  • Tanjung-Pinang 21. Dezember 2006, 17:24

    Ich hatte schon geglaubt, Du hast die Geschichte meines Vaters geschrieben. Glaube mir, Minsk, Smolensk usw.
    sind mir auch nicht unbekannt, ich schätze, daß unsere
    Väter im gleichen Abschnitt waren.
    Mein Vater hat den Krieg auch überlebt.
    Er kam damals mit den Engländern aus Dänemark zum Arbeiten in seine Heimat Essen zurück. Er hatte sich freiwillig für den Dienst auf den Feldern gemeldet.
    Liebe Grüße und danke für Deine lieben Gedanken, die
    Du so wunderbar geschrieben hast.
    Alles Gute zu Weihnachten und ein schönes Neues Jahr.
    Liebe Grüße aus Freiburg
    Monika
  • Stephan Masché 21. Dezember 2006, 16:09

    sehr einfühlsam
    macht betroffen und nachdenklich

    lg nahpets :-)