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Was ist neu?

Michael Wolta


World Mitglied, Magdeburg

Last Minute

Das ist kein Lockvogel-Angebot, sondern ein Bild, das zum Nachdenken anregen soll. Es dokumentiert die letzte Minute im Leben eines jungen, gut veranlagten Rothirsches (Cervus elaphus). Ich war am vergangenen Sonntag Pilze suchen. Das Ergebnis war überwältigend, und ich habe darüber die Zeit vergessen. Als ich mich auf den Heimweg machte, war es bereits nachmittags halb drei. In Gedanken noch bei den Pilzen, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen, sprang doch plötzlich 20 Meter rechts des Weges ein Hirsch ab. Er war in ein Gatter eingebrochen, das Forstarbeiter zum Schutz einer Mischwald-Neuanpflanzung, die nach Beseitigung der Sturmschäden des Orkans Kyrill im Januar 2007 notwendig geworden war, errichtet hatten. Die Umzäunung sollte die jungen Pflanzen vor Wildverbiss schützen. So weit, so gut, aber wieso war das Tier am hellerlichten Tage auf den Läufen? Rotwild ist bei uns nachtaktiv, ich habe die Tiere noch nie vor Sonnenuntergang oder nach Sonnenaufgang gesehen. Da war doch was faul!? In der Hoffnung, das Tier vielleicht entspannt äsen zu sehen und fotografieren zu können, bin ich am Abend wieder zu der Stelle gefahren. Der Hirsch lag im Gatter und bewegte sich kaum, hob nur manchmal schwach den Kopf. Dass er überhaupt keine Flucht-Bemühungen machte bestärkte mich in der Meinung, dass da was nicht stimmt. Ich rief den Jäger an, der sich dem Tier vorsichtig näherte. Bei einem Abstand von nur noch etwa 2 Metern stand der Hirsch dann langsam auf, lief vielleicht 50 Schritte in die Schonung hinein und brach dann unter lautem Stöhnen zusammen. Er war tot. Er ist dann am nächsten Tage im Beisein des Tierarztes aufgebrochen worden. Dabei fand man eine Verletzung der Luftröhre, von der aus Blut in die Lungen gelaufen war. Er ist also an seinem eigenen Blute erstickt. Wie könnte es dazu gekommen sein? Ich denke mir, dass er von einem Fahrzeug, Spaziergänger, Pilzsucher, Geräusch oder was auch immer aufgeschreckt worden ist und in Panik flüchtete. Dabei hat er den Zaun des Gatters übersprungen. Rausgekommen ist er nicht mehr, weil er aufgrund des Pflanzenbewuchses nicht genügend Anlauf nehmen konnte, den etwa 2,50 m hohen Zaun zu überwinden. Ist er vielleicht mit dem Hals gegen einen Pfeiler oder den Draht geprallt und hat sich dabei die Verletzung zugezogen? Wir Menschen haben es geschafft, dass das Rotwild vom Weide- zum Waldtier wurde, vom Tagaktiven zum Nachtaktiven. Die Tiere kommen aber immer noch mit einigen Errungenschaften unserer Zivilisation schlecht zurecht. Immer wieder werden ihnen Zäune zum Verhängnis. In fast jeder Jagdzeitschrift sieht man Fotos von Rehen, die sich zwischen zwei Zaunstreben stranguliert haben. Oder von Damhirschen, die mit ihrem Geweih im Draht von Weidezäunen hängengeblieben sind. Oft, wie hier auf meinem Foto, kann der Zusammenhang zwischen dem Tod eines Tieres und einem Zaun nur erahnt werden. Kann man nicht Zäune bauen, die für Tiere weniger gefährlich sind? Kann man vielleicht eines Tages sogar ganz auf Zäune verzichten?
D3s, 600 mm, Blende 4, 1/100 s, ISO 6400, 22.08.2010, 19.41 Uhr MESZ (im Wald war es da um diese Zeit schon ziemlich dunkel!)

Kommentare 32

  • Heike E. Müller 20. Juli 2011, 22:48

    Sehr traurige Geschichte!!

    Solange Menschen denken,
    dass Tiere nicht fühlen,
    müssen Tiere fühlen,
    dass Menschen nicht denken!!

    LG Heike
  • Florian Lange 6. September 2010, 8:41

    Sehr guter Textbeitrag - da ist wirklich sehr viel wahres dran!

    LG Florian
  • Chris 59 1. September 2010, 10:50

    Schlimm, aber was will man ändern ? Mauern bauen, Milchglasscheiben ? Autobahnen eintunneln. Manche Brücken gibt es für Tiere oder Tunnels, zu wenig!
    Mir gehen die Zäune auch auf den Kecks.
    Allerdings, es gibt Kilometerlange Lärmschutzwände.....für die Menschen......
  • Berntibrot 29. August 2010, 21:20

    Einem Tier und wenn es dann noch so ein prachtvolles ist, beim Sterben in die Augen zu schauen, nimmt einen schon mit…
    LG, Bernd
  • Monika 1605 28. August 2010, 20:54

    Ich kann dazu nicht schreiben, bin aber froh dass Du das hier zeigst.....
    Bin geschockt und mehr als traurig.
    Liebe Grüße MO
  • B. Walker 27. August 2010, 18:14

    Habe ähnliches kürzlich bei einem Rehbock erfahren. Leider habe ich vom zuständigen Jagdpächter noch keine Rückmeldung über die eigentliche Unfall- und Todesursache.
    LG Bernhard
    Zaunfalle
    Zaunfalle
    B. Walker
  • Helmut Johann Paseka 27. August 2010, 15:36

    . . die Darstellung, . . das unnötige sterben dieses wunderschönen Tieres, . . sowie Deine dazu verfasste Geschichte erschüttern mich zutiefst, . . fühle mich schuldig, . . trotzdem mich keine Schuld trifft, . . finde Deine Arbeit in dieser so tierischen Geschichte äusserst wertvoll . . und hege gleichzeitig die Befürchtung, . . dass dies jene welche es im entscheidenden betrifft, . . nicht erreichen wird, . .
    . . . ich blicke in die brechenden Augen . . und wäre in der Lage unbesonnenes zu tun, . . weiss aber gleichzeitig, nichts damit zu erreichen, . .
    . . trotzdem, . . wenn nur einer/eine künftig den Zaun weglässt, . . hast Du schon Dein/unser Ziel erreicht, . .
    . . bis zur nächsten Katastrophe, . .
    herzlichst Helmut
  • Katharina Noord 26. August 2010, 21:31

    Das einzelne Schicksal berührt mich sehr. Insgesamt denke ich, muß man das Ganze differenziert betrachten.
    Es ist ein konplexes Thema.
    lg, Katharina
  • Elly van der Ploeg 26. August 2010, 20:22

    Das ist eine sehr traurige Geschichte. Ich kann es nicht mit ansehen wenn Tiere leiden. Das Bild berührt mich sehr..
    LG Elly
  • Angelika Ritter 26. August 2010, 17:19

    puh heftige geschichte. das haette so nicht kommen muessen.
    lg angie
  • Monty Erselius 26. August 2010, 14:14

    Hallo Micha,
    ich habe tiefen Respekt davor, dass Du neben all den schönen Bildern, auch ab und an mal etwas Ernstes präsentiert. Natürlich tut mir das Tier leid, aber ich weiß auch, dass wir nun mal in einer Kulturlandschaft leben. Holz wird in zunehmendem Maße gebraucht und Verbisschäden sind für die Forstleute ein großes Übel. Sicherlich würden andere Zäune oder innovative Ideen helfen, so etwas zu vermeiden, aber das kostet auch alles eine Menge Geld. Mich würde wirklich mal interessieren, wieviele Leute denen die Hirsche so am Herzen liegen, auch bereit sind, für Möbel etc. mehr Geld auszugeben, wenn es den Hirschen nützen würde. Eigentlich kenne ich die Antwort ja schon und genau das stimmt mich am traurigsten an der ganzen Geschichte.
    mit nachdenklichen Grüßen
    Monty
  • Travequeen 26. August 2010, 10:53

    traurig und berührend...gut dass du aufrüttelst mit diesem Bild!
    Gruß Marie
  • my impressions 26. August 2010, 9:33

    ein Bild und eine Geschichte die berührt.
    glg monika
  • Wolf F. 26. August 2010, 9:03

    Tolles Bild, das leider nur durch diese dramatischen Umstände entstanden ist.

    Vielleicht merken wir Menschen irgendwann, daß uns die Natur nicht braucht, wir aber die Natur.

    In einigen Teilen der Welt scheint es ja momentan so zu sein.

    Wolf
  • Heidrun Ruetz 26. August 2010, 6:18

    Ach Michael das ist so grausam..was muß er gelitten haben..mir schnürt es das Herz ab, wenn ich daran denke was der Mensch den Tieren antut..bei mir ist durch ein Neubaugebiet so viel Natur platt gemacht worden und das Wild hat sich zurück gezogen..für mich ein schlimmer Verlust..:-)))
    trauriger Gruß Heidrun