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Was ist neu?

Ursula Elise


Pro Mitglied, Hamburg

Haus der Wannseekonferenz

„ALLES KLAR"
In den sogenannten Gründerjahren am Ende des 19. Jahrhunderts, als ein gar nicht sozialer Kapitalismus explodierte, der seine Arbeiter in Wohnschachteln mit fünf Hinterhöfen und dafür ohne Sonne und Klo unterbrachte, hatte jemand die Idee, in Berlin am Wannsee eine exklusive Siedlung für größtbürgerliche Bankiers und Kaufleute zu errichten, schlossähnliche Villen auf sehr großen Grundstücken mit Seezugang. Schon 1874 wurde die S-Bahn bis Wannsee und weiter nach Potsdam gebaut, das waren im Berliner Volksmund die "Bankierszuge", mit denen man in 35 Minuten in die innerste Innenstadt gelangte. 1890 kam ein eigenes Elektrizitätswerk dazu.
In der "Kolonie Alsen" gab es, mit der Adresse Am großen Wannsee 56-58, die 1914 erbaute Villa Minoux, die die Sicherheitspolizei der NSDAP vom Nachbesitzer 1940 kaufte, repräsentativ, bequem und abgelegen. In diesem Fall war in dieser Siedlung kein jüdisches Eigentum enteignet worden. An diesen Ort lud der Chef des Inlands-Nachrichtendienstes der SS, Reinhard Heydrich, für den 20. Januar 1942 zu einer Konferenz über die 'Endlösung der Judenfrage' ein. Ein Exemplar des Protokolls hat überdauert.
Auch die Villa hat überdauert. Bomben auf Villen lohnten sich nicht. Bomben auf Mietskasernen waren effektiver.
Nach dem Krieg verfiel dieser Ort der allgemeinen kollektiven Erinnerungsverweigerung. Lange war er, efeubewachsen, ein Schullandheim. Wie unschuldig. Erst zum 50. Jahrestag der Wannsee-Konferenz wurde das Haus als Dokumentations- und Gedenkstätte eröffnet.
Schulklassen werden oft dorthin geführt. Schüler in ihrer Nichts-als-Jetzigkeit verweigern zumeist die Erinnerung.
Einmal, ich wartete auf meine Begleiterin, saß ich auf der Mauer um die Seeterrasse und wechselte einen Film. Auch eine Schülerin saß da und zwitscherte in ihr Handy. "Wo ich bin? Ja, der XY hat uns in sone Ausstellung geschleppt, was mit Juden." – "Was? Hatten wir nich im Unterricht. Und was soll das denn auch?" – "Ach was. Du, iss'n toller Garten hier. Und man kann rübersehn zum Strandbad Wannsee. Wolln wir da nich hingehn morgen? Der wird uns ja nich'n ganzen Tag hetzen." – "Ja, gut. Alles klar."
copyright Ursula Brauer

Kommentare 4

  • Detlef Schäpers 29. Oktober 2013, 21:21

    "Erinnerungsverweigerung"
    der Begriff gefällt mir. Er ist nicht schön aber treffend!

    Wichtiger ist die Statusmeldung bei facebook ...

    LG Detlef
  • Andreas Boeckh 25. Oktober 2013, 22:59

    "Irgendwas mit Juden..." Das tut weh.
    Andreas
  • Hans Mentzschel 25. Oktober 2013, 10:26

    Interessant - und noch poetischer Deine Schlusssequenz!
    Solches erlebte ich auch mit Schülern, völliges Unbeteiligtsein, Schwimmbad war wichtiger!
    LG Hans Me.
  • smokeonthewater 24. Oktober 2013, 22:31

    Wenige Monate nach der Konferenz war für Heydrich selbst die "Endlösung" bereits Realität geworden. Aber sein Gift hatte er schon verspritzt, und auch die Rache war furchtbar.
    Ich verbinde mit Wannsee lieber "Pack die Badehose ein".
    LG Dieter