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Matthias von Schramm


World Mitglied, Hamburg

Finchen

Im August 2007 bei Planten un Blomen mit so Erinnerungsrosen, dem Kodak 200, der abgelaufen war in der Pentax K 1000

Eine neue Erinnerungsgeschichte.

Finchen

Dein Herz am Baum, so groß wie deine Zunge – so lang wie deine Haare. Selbst eingeschnitzt, tief in die Rinde. Tief in die Wurzel geschaut. Eingespeichert in die Erinnerung, verplombt. Finchen. Jugendliebe, Jugendtraum, aromatisches Abenteuer. Finchen im Wald, Finchen am Moor – tief in mir eingesunken, vergraben für alle Ewigkeit. Manchmal zugeschüttet vom Leben, doch nie ganz verschwunden und in den Schründen und Falten des Hinterkopfes geblieben. Die erste Liebe war wie Zöpfe, die man sich nicht abgeschnitten vorstellen konnte. Wie deine Zöpfe. Geflochten zum Strick, zum Bindungsglied zwischen dir und mir. Unsere Zeit war für immer bestimmt. Für die erste Stunde, für zwei Tage, für wenige Wochen und sogar ein ganzes Jahr. Dein Körpergeruch pendelte sich zwischen Kind und Frau ein. Ich erinnere mich gut, ich roch so etwas nie mehr.

Heute bist du nur eine Notiz in meinem alten Tagebuch. Daneben eine vergilbte Zeichnung von dir. Eine Blume, transparent wie Milchglas und daneben deine Handschrift mit den berühmten drei Worten: du bist doof! Heute dein Geist, eine Vorstellung von mit Strähnchen gefärbter Kurzhaarfrisur, Lesebrille und unterstützendem Push BH. Aber dennoch: ganz reizend, sicher ganz reizend. Sexuell unabhängig und entwickelt, emanzipiert und erfolgreich. Geschieden und zwei wohlgeratene „Hartz Vier – Empfangskinder.“ Seit zehn Jahren allein erziehend und tüchtig, immer tüchtig. Finchen im Wald, Finchen am Moor – tief in mir eingesunken, an der Ewigkeit immer noch arbeitend. Du hast mich bestimmt vergessen. Jonathan ohne Sprache. So schüchtern, gar zu schüchtern. Der einzige Junge der Klasse, dem man Pedding buchstabieren musste.

Aber sei es drum. Heute bin ich glücklich. Heute liebe ich Käthe. Eine Frau mit starken Unterarmen. Eine die hochkrempelt und seit Jahren küssen kann, wie eine gesenkte Geiß. Warum geht einem das erste Mädchen nie aus dem Kopf? Weil es mit allen anderen verdorbener, selbstverständlicher und weniger aprilfrisch war und das selbst im Herbst. Weil wir Kinder waren und uns erwachsen fühlen wollten. Weil wir unseren Blicken auswichen. Weil ich mit der Hose am Stacheldrahtzaun hängen blieb, als ich dich drüber hob. Während die Hose zerriss, verlor ich dich. Du fielst zu Boden, schimpftest mich und verschwandst für immer. Finchen in den Wald, Finchen in das Moor – tief in mir und verloren für alle Zeit. Meine ersten zehn Briefe blieben unbeantwortet. Nach dem elften nur die drei berühmten Worte in schneller Handschrift: ich hasse dich. Mit Marianne überwand ich dich ab und zu, mit Maria vergaß ich dich für drei Tage, mit Harald lernte ich, wie man mit Männern über Frauen redet: in kurzen Sätzen, verständnisvoll, souverän und uneinsichtig.

Endlich gibt es dich nicht mehr. Da finde ich diese Notiz in meinem alten Tagebuch. Finchen aus dem Wald, Finchen, das Moormädchen – so ein Mist aber auch. Der Tag ist gelaufen. Mit Bleistift notiere ich auf meine Zimmertapete: Bitte komm zurück.



28. Oktober 2007

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