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Was ist neu?

Martin Könning


World Mitglied, Stadtlohn

Es begab sich im Jahre des HERRN 1237, ...

... da beschlossen die Menschen in der wunderschönen Mark Brandenburg, es ihren Artgenossen in Paris, London und New York gleichzutun und einen großen Citymarathon zu veranstalten. Es sollte einer der schönsten, wenn nicht der schönste Marathon der Welt werden. Und so machte man sich daran, die Grundvoraussetzung für einen solchen Citymarathon zu schaffen, und gründete eine Stadt, der man den klangvollen Namen BERLIN verlieh. Wie gesagt, man wollte nicht irgendeinen Marathon veranstalten. Und so mußten neben einer Kirche, einem Rathaus und einer Wirtsstube noch weitere Häuser, prachtvolle Straßen, ausreichend Herbergen für die Reisenden aus fernen Ländern und jede Menge Sehenswürdigkeiten errichtet werden, die das Läuferherz beglücken und den Marathon zu einem kurzweiligen Erlebnis machen sollten.

Die stolzen BERLINER, wie sie sich nun nannten, waren in ihren Bemühungen wahrlich fleißig, wurden jedoch immer wieder durch den menschlichen Fortschritt in Form von Kanonenkugeln, Feuerwaffen, Fliegerbomben et cetera in ihrem Bestreben zurückgeworfen. Erst anno 1974 war es schließlich so weit: ein schmuckes Städtchen war entstanden. Und so lud man die Welt zum allerallerersten BERLIN-Marathon aller Zeiten. Und die Welt kam! (Naja, am Anfang noch nicht die ganze. Aber immerhin: ein Anfang war gemacht!)

Etwa zur gleichen Zeit 500 km weiter westlich: Aufgeschreckt von dem bunten Treiben in BERLIN, begannen auch die ersten Stadtlohner Ackerbauern und Viehzüchter, sich auf eine Teilnahme am selbigen vorzubereiten. Und man bereitete sich gut vor, bis sich schließlich nach weiteren 30 Jahren, anno 2004, genügend Mitstreiter fanden, die willens und kühn genug waren, sich der Herausforderung, zu der die BERLINER für das folgende Jahr erneut geladen hatten, zu stellen. Bei einer gemeinsamen alternativen Trainingseinheit auf ihren Draisinen beschlossen die tapferen SuSler, gestärkt durch den reichlichen Genuß wohlmundenden und den Verstand erhellenden Gerstensaftes, das Wagnis einzugehen. Und fortan ertönte der Schlachtruf: „BERLIN, BERLIN, wir fahren nach BERLIN!“

Und so geschah es, daß sich die zu allem entschlossenen Athleten nach einem Jahr weiterer Übungsläufe gemeinsam mit zahlreichen treu ergebenen Anhängern bereits am Freitag vor dem großen Ereignis mittels eines automobilen Massentransportgeräts auf den Weg gen BERLIN machten, wohin inzwischen breite Autostraßen führten, um die Stadt für sämtliche Jünger Pheidippides’ erreichbar zu machen.

In der Stadt ihrer Träume angekommen, führte der Weg unsere mutigen Helden zuallererst in die bunt und reichlich geschmückten Hallen des BERLINER Messegeländes, wo nicht nur die unentbehrlichsten Utensilien für die Teilnahme an dem bevorstehenden Abenteuer zur Abholung bereitstanden, sondern auch zahlreiche Kaufleute und Marktschreier weiteres optionales Zubehör in jeder erdenklichen Form feil boten, welches gegen Eintausch weiterer Penunzen erworben werden konnte, so daß für die Befriedigung sämtlichster Bedürfnisse gesorgt war.

So ausgerüstet und in ihre feinste Wettkampfmontur gewandet, begaben sich die durchnumerierten Athleten des SuS früh morgens am Tage des HERRN von ihrer Herberge am Prachtboulevard Kurfürstendamm im Herzen der Stadt in Richtung des Startpunktes, ihre mangelnde Ortskenntnis geschickt überwindend, indem sie sich den Pilgerströmen anschlossen, die aus allen Regionen des Landes und der Welt ebenfalls nach BERLIN geeilt waren, um an dem großartigen Begebnis teil zu haben.

Der Weg führte die Schnellläuferinnen und Schnellläufer an die Stätten der Entfaltung hoheitlicher Machtansprüche, wo sich üblicherweise in eigens für sie errichteten bescheidenen Bauwerken die Vertreter des Volkes versammeln, um diesem zu dienen. Zwischen dem Reichstag und der „Waschmaschine“, der Residenz des Schirmherren aller Startnummern- und Chipinhaber dieses Tages, waren unzählige eigens herbeigeschaffte Lastkraftwagen postiert, deren Besatzungen die im Angesicht der stündlich steigenden Temperaturen überschüssigen Kleidungsstücke der versammelten Athleten aufnahmen und für längstens sechs Stunden aufzubewahren versprachen.

Von dort machten sich die Läufer sodann auf zu den ihnen zugewiesenen Gattern, aus denen heraus sie schließlich den großen Lauf aufzunehmen berechtigt sein sollten. Diese sogenannten Startblöcke waren auf der wohl breitesten Chaussee BERLINS, der Straße des 17. Juni, errichtet und boten den immerhin versammelten 40.000 gerade genügend Raum, sich nicht gegenseitig auf die doch noch dringend benötigten vom HERRN spendierten Schuhhalter zu treten. Und so konnte der Startschuß, der um Punkt 9:00 Uhr fallen sollte, nun kaum noch erwartet werden.

Jetzt ging es los!

Bereits kurz nach dem Start, noch bevor der erste Kilometer vollendet war, erreichte die Läuferschar den Großen Stern, wo die in purem Gold gegossene Siegesgöttin, von den BERLINERN liebevoll „Goldelse“ geheißen, jedem, der es noch nicht wußte, bedeutete, daß ein Marathon zuallererst mit dem Kopf gelaufen wird. Es galt nämlich, eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen: links herum oder rechts herum? Doch hiervon ließen sich die der als besonders bodenständig und willensstark bekannten Art der Westfalen entstammenden Läufer des SuS nicht beirren und besänftigten die Göttin, indem sie sich wie die übrige Masse teilten und wieder zusammenfanden.

Die nächste Sehenswürdigkeit hatten die Veranstalter des Laufs nach etwa 5,5 km zur Linken der Läufer errichten lassen: die JVA Moabit. Hier wurden hinter hohen Zäunen, Stacheldraht und vergitterten Fenstern mit Zwangsausblick auf die Laufstrecke diejenigen untergebracht, die sich in früheren Jahren geweigert hatten, den Athleten zuzujubeln, oder sonstige Untaten auf dem Kerbholz hatten.

Nur wenige Meter weiter, diesmal zur Rechten der Läufer, begegnete denselbigen erneut die „Waschmaschine“, die sich von dem zuvor besichtigten Baudenkmal weniger im Geschmack ihres Baumeisters oder – wie böse Zungen meinen – in der Gesinnung ihrer Bewohner, sondern in erster Linie durch die Richtung unterschied, in der der Versuch einer Überwindung der umgebenden Wehranlagen Unheil verheißt.

Von dort führte die immer noch mit blauer Farbe (die den kürzesten Weg vom Start zum Ziel markieren sollte, der jedoch statt durch ganz BERLIN eigentlich nur 500 m in die entgegengesetze Richtung geführt hätte) gekennzeichnete Wegstrecke durch die Mitte BERLINS vorbei am legendären Friedrichstadtpalast zum nicht minder berühmten Alexanderplatz und entlang zahlreicher Baustellen, die den ungebremsten Willen der BERLINER zur Verschönerung ihrer Marathon-Strecke belegten, bevor bei KM 28 der „Wilde Eber“ erreicht war. Hier spendeten tausende von Schaulustigen Beifall, eine Gruppe Sangeskünstler stellte ihr musikalisches Talent unter Beweis und holde Tänzerinnen sorgten für Wohlgefallen in den Augen der vorbeieilenden Betrachter, um diese zu einer Fortsetzung ihres Weges zu animieren.

Doch noch war das Ende der Pilgerstrecke nicht erreicht. Schließlich hatten die BERLINER weitere imposante Sehenswürdigkeiten errichtet, die den in der Stadt versammelten Laufsportfreunden nicht vorenthalten werden sollten. Und so verlief der weitere Kurs vorbei an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am bereits erwähnten Kurfürstendamm, wo bekanntlich auch das Gasthaus gelegen war, welches den Stadtlohnern Obdach bot. Groß war die Verlockung, sich hier vom rechten Pfad abbringen zu lassen und die müden Glieder auf den komfortablen Nachtlagern der Herbergszimmer rasten zu lassen. Dies ahnend, hatten sich jedoch die mitgereisten Anhänger gerade dort in Stellung gebracht, um die entkräfteten Sportler mit ihren Anfeuerungen den Schmerz ein kleines bißchen weniger spüren zu lassen und jeglichen Versuchen, den Gedanken an eine Aufgabe nachzugeben, notfalls sogleich Einhalt zu gebieten. So hieß es, weiter zu laufen!

Die vermeintliche Ideallinie führte die Läufer nun zum Potsdamer Platz, der sich in den letzten 15 Jahren von einer tristen Ödnis in einen der bel(i)ebtesten Anziehungspunkte BERLINS verwandelt hatte. Prachtvolle Glaspaläste und weitere eindrucksvolle Bauten, die hoch in den Himmel ragen, sind hier zu Ehren der Läufer mit Milliardenaufwand errichtet worden. Weltunternehmen aus dem Land der aufgehenden Sonne haben an dieser Stelle das höchste Gebäude BERLINS erschaffen lassen, um den zahlreichen glorreichen Siegerinnen ihres Heimatlandes zu huldigen. Und auch hier hatten sich wieder unzählige Beobachter eingefunden, um den Helden des Tages Beifall und notfalls auch Trost zu spenden.

Nur noch drei Kilometer trennten die, auf die die Blicke des heutigen Tages gerichtet waren, von der herbeigesehnten Ziellinie, als der Gendarmenmarkt erreicht war, wo sich entgegen der Bezeichnung dieser Stätte aber weniger eine Ansammlung von Ordnungshütern fand als vielmehr ein Monument, welches, gelegen inmitten zweier Dombauten und eines Schauspielhauses, die Erinnerung an den großen deutschen Dichter Friedrich Schiller wach hält.

Von solch historisch bedeutsamen steinernen Zeitzeugen fasziniert, trug es die Läufer nun, vorbei am Dom zu BERLIN, auf die sagenumwobene Allee „Unter den Linden“. Den an dieser Stelle nur noch nach vorne gen Ziel, auf das die Prachtstraße die Läufer schnurstracks zuführte, gerichteten Blicken entgingen beinahe die links und rechts gelegenen königlichen Paläste, bedeutenden Theater, Bibliotheken und Museen.

Der lange Lauf endete schließlich, wie er auch begonnen hatte: mit einer äußerst schwierigen Entscheidung. Auf den letzten Metern stellte sich den Läufern das Brandenburger Tor, DAS Wahrzeichen der soeben per pedes erkundeten Metropole BERLIN, mit seinen fünf Durchgängen in den Weg, welches in der Tat ein kniffliges Denkspiel für die blut- und mittlerweile oft inhaltsleeren Häupter der ruhmreichen Athleten bereithielt. Wiederum mußten die Läufer im Angesicht der Siegesgöttin Victoria, die diesmal aus Kupfer geschmiedet hoch droben auf dem Tor thronte, die richtige Passage wählen. Es wird berichtet, daß selbst der kenianische Wunderläufer Paulus Tergatus anno 2003 angesichts der Schwere der Entscheidung zögerte, was ihn beinahe um den schon sicher geglaubten Sieg und den Titel des bis dahin schnellsten Schnellläufers der Welt gebracht hätte. Die nicht ganz so schnellen, aber – worauf bereits eingegangen wurde – ungleich willensstärkeren heldenhaften Athleten des SuS Stadtlohn ließen sich jedoch erneut nicht aufhalten und meisterten auch dieses Hindernis mit der ihnen eigenen Unbekümmertheit und im Vertrauen darauf, daß ER ihnen den richtigen Weg weisen werde.

Nun war es vollbracht! Unter den Beifallsstürmen der auf eigens errichteten Tribünen versammelten Massen überschritten unsere tapferen Helden den Zielstrich und beendeten ihr Tagewerk. Als verdienter Lohn der erlittenen Pein und Qualen erhielt jeder, der es bis hierher geschafft hatte, eine güldene Medaille verliehen und durfte sich an den reichhaltig bereitgestellten Buffets laben, welche die Auswahl zwischen frisch gepflückten Äpfeln aus dem alten Land, goldgelben „Affenkoteletts“ und mit Liebe gebackenen Waffeln der erlesensten BERLINER Bäckermeister und Konditoren boten. Gerne wurde auch die sich bietende Gelegenheit genutzt, die malträtierten körpereigenen Fortbewegungsmittel auf dem satten Grün vor den Pforten des Reichstages – ein erbitterter Kampf der großen Volkstribunen um das im Innern dieses dem Deutschen Volke gewidmeten Gebäudes vorhandene Gestühl war erst gerade mit einem klaren Unentschieden vom Souverän beendet worden – rasten zu lassen.

Auf diese Weise wieder zu Kräften gekommen, wurde der Rückweg in die von den SuSlern für die Dauer ihres Aufenthaltes reservierten Fremdenzimmer angetreten, wo sich die ermatteten Geister und Glieder zunächst noch ein wenig sammeln konnten, bevor sich, als der Tag zur Neige ging, alle wieder zu einem gemeinsamen Abendmahl zusammenfanden. Und bis tief in die Nacht wurden die vollbrachten Taten von Läufern und Nichtläufern, die von ihrem Tagewerk nicht minder angestrengt waren, ausgelassen gefeiert, so daß ganz BERLIN an der überschwenglichen Freude und dem ihnen eigenen Humor der Gäste aus dem fernen Westfalen teilhaben konnte.

Da sich, nachdem der Tag des großen Laufes ausgeklungen war, ein weiterer Verbleib in dem eigens hierfür errichteten BERLIN erübrigte, traten die stolzen Athleten sodann am darauffolgenden Morgen ihre Heimreise an, um die frohe Kunde von den bewirkten Mirakeln auch dort zu verbreiten und alle Daheimgebliebenen, die dies mit ungläubigem Staunen und voller Bewunderung zur Kenntnis nehmen sollten, wissen zu lassen, in welch würdiger Weise man die Ehre des großartigen SuS Stadtlohn vor den Augen der Welt vertreten hatte.

Und wer den Wagemut und den Tatendrang unserer Helden kennt, der weiß, daß noch viele weitere Abenteuer folgen sollen. ;-)

Berlin, 25. September 2005

http://www.sus-laufabteilung.de

Canon DIGITAL IXUS 50
5,8 mm | 1/160 s | f5,6 | ISO 50

Kommentare 9

  • Arno Königs - Fotografie-Fotodesign 30. Dezember 2006, 1:58

    tolle aufnahme
  • Martin Könning 29. Dezember 2006, 21:51

    Nur damit hier keine Mißverständnisse aufkommen: Den Text hab' ich nicht für die fc verfasst, sondern für unsere Vereinsseite! :-)
  • Thomas Sommer. 29. Dezember 2006, 14:15

    Ja, ich....
  • Martin Ciesielski 27. Dezember 2006, 10:15

    Na, 2 Wochen Regeneration ist ja nun wirklich etwas zu wenig. :-)

  • Martin Könning 26. Dezember 2006, 13:19

    Etwas mehr als zwei Wochen braucht man schon zur Regeneration! :-)
  • Thomas Sommer. 26. Dezember 2006, 2:15

    Da hat die Kamera Dich ja doch mehr gebremst als ich dachte - nicht nur Sekunden ;-)
    Oder kann man vielleicht nicht alle zwei Wochen einen
    Marathon in Bestzeit laufen....?
    Aber von beiden Zeiten kann ich nur träumen, weiter als
    5km laufe ich nicht und das dauert dann auch 24 min....
  • Martin Könning 25. Dezember 2006, 23:22

    @ Stefan: Die Weihnachtsansprache von Guildo Horns Namensvetter (Guildo Horn heißt ja im wahren Leben auch Horst Köhler) hab' ich leider verpaßt. :-)

    @ Thomas: Wenn der Text nicht von mir wäre, hätte ich die Quellenangabe dazugeliefert! :-) Hab' in Berlin 4:07:xx Stunden (mein langsamster Marathon überhaupt) für die 42,195 km gebraucht! Versteh' ich gar nicht! Zwei Wochen vorher war ich doch in Münster schon nach 3:10:48 Stunden im Ziel! :-))
  • Thomas Sommer. 25. Dezember 2006, 21:39

    Super Text! Von Dir?
    Das Gewicht der Kamera hat Dich bestimmt entscheidende Sekunden gekostet.
    TS
  • Stefan Gertheinrich 25. Dezember 2006, 20:44

    Mein lieber Scholli!

    Der Text ist ja länger als die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten:-)

    Schönes Bild, hast Du das mit Deiner Helmkamera gemacht? :-))

    Beste Grüße,

    Stefan