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Stadt der Engel oder: Nachdenken über Christa W. von Eckhard Meineke

Stadt der Engel oder: Nachdenken über Christa W.


Von 

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9.12.2011 um 12:09 Uhr
, Lizenz: Alle Bilder unterliegen dem Urheberrecht der jeweiligen Sender. All pictures © by the senders.
Berlin, Deutsches Historisches Museum, 5. November 2011. Bearbeitung: Corel PhotoImpact X3. Gradationserhöhung mit S-Kurve Eingabe 180, Ausgabe 190. Nachschärfen des auflösungsreduzierten Bildes 20/100.

http://de.wikipedia.org/wiki/Christa_Wolf



Biografie Wer ist Christa Wolf?
Die Schriftstellerin wurde am 18. März 1929 in Landsberg/Warthe, dem heutigen Gorzó Wielkopolski, geboren. 1945 siedelte sie nach Mecklenburg um. 1949 bestand sie in Bad Frankenhausen (Kyffhäuser) das Abitur und trat noch im selben Jahr der SED bei. In Jena und Leipzig studierte sie bis 1953 Germanistik. Später war sie Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband, Lektorin, Redakteurin der Zeitschrift neue deutsche literatur und Cheflektorin des Verlags Neues Leben. 1961 veröffentlichte sie ihr erstes Prosawerk Moskauer Novelle. Das Buch wurde in der DDR gut aufgenommen und viel beachtet, in der Bundesrepublik jedoch nicht veröffentlicht. Seither arbeitet sie als freiberufliche Schriftstellerin. Ihr erster großer Erfolg war der Roman Der geteilte Himmel, der sich mit dem geteilten Deutschland auseinander setzt. Hierfür wurde sie mit dem Heinrich-Mann-Preis ausgezeichnet. Das Buch wurde 1964 in der DDR von Konrad Wolf verfilmt.
Christa Wolf war von 1963 bis 1967 Kandidatin des Zentralkomitees der SED, schied aber nach einer kritischen Rede aus dem Gremium aus. 1974 wurde sie Mitglied der Akademie der Künste der DDR, von 1981 an auch Mitglied der gleichnamigen Akademie in Westberlin. 1976 war sie Mitinitiatorin des Protestes gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Sie hatte Reisefreiheit in der DDR und konnte von 1978 an Gastvorträge in der Bundesrepublik, Italien, Schottland, der Schweiz und den USA halten.
1983 erschien ihre Erzählung Kassandra, die vom Geschlechterkonflikt handelt und die sie zur gesamtdeutschen Autorin machte. Es war ihr größter internationaler Erfolg. 1987 wurde sie noch mit dem Nationalpreis 1. Klasse der DDR ausgezeichnet. Zwei Jahre später, im Juni 1989, trat sie aus der SED aus – fünf Monate vor dem Mauerfall.
1990 veröffentlichte sie die Erzählung Was bleibt, die stark autobiografische Züge trägt und ihre eigene Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit schildert. Dieser Band löste eine Diskussion über die Mitschuld der Intellektuellen an den menschenfeindlichen Zuständen in der DDR aus. Christa Wolf wurde im Westen als »Heuchlerin« und »Staatsdichterin« angegriffen. Sie zog sich aus der politischen Öffentlichkeit zurück.
Das Jahr 1993 brachte eine weitere Zäsur. Christa Wolf bekannte, von 1959 bis 1962 informelle Mitarbeiterin der Stasi gewesen zu sein. Sie selber veröffentlichte die Akte, welche diese Zeit behandelte.Insgesamt hat Christa Wolf über dreißig Werke, Hörspiele und Filmbücher geschrieben. 1996 erschien der Roman Medea, in dem sie wie bei Kassandra eine Gestalt der antiken Sagenwelt für sich sprechen lässt.
Im Jahr 2003 erschien ihr Buch Ein Tag im Jahr – ihre Tagesprotokolle jeweils des 27. September der vergangenen Jahrzehnte

http://www.zeit.de/2005/40/Bio_2fBiblio




dossier Bei mir dauert alles sehr lange [2005]
15 Jahre nach dem Ende der deutschen Teilung – ein Gespräch mit der Schriftstellerin Christa Wolf über Heimat, das Vergessen und die Wirkung von Goethe

[...]

ZEIT: Sind Sie mit den Jahren weiser geworden?
Wolf: Weiser? Vielleicht gelassener. Man hat doch schon einiges erlebt, und manches wiederholt sich. Eine bestimmte Struktur von Erfahrungen wiederholt sich. Ich kann nicht sagen, dass ich dickhäutiger geworden bin. Das überhaupt nicht. Aber meist weiß man aus Erfahrung, irgendwann geht es vorbei. Das bringt ein bisschen mehr Gelassenheit.
ZEIT: Anfang der neunziger Jahre haben Sie erlebt, wie in den deutschen Feuilletons plötzlich eine Debatte begann, in deren Mittelpunkt Sie standen. Tenor: Christa Wolf sei eine Staatsschriftstellerin der DDR, ihre Literatur sei überschätzt. Hat Sie dieser Angriff damals überrascht?
Wolf: Ja. Ich hatte das nicht erwartet, weil ich vorher im Westen ja sehr anerkannt war, als »gesamt-deutsche« Schriftstellerin. Und plötzlich war und bin ich für die Medien eine DDR-Schriftstellerin. Staatsschriftstellerin? Wer das sagte, hatte meine Bücher nicht gelesen.
ZEIT: Günter Grass meinte, die Angriffe seien nicht nur gegen Christa Wolf persönlich gerichtet gewesen, sondern gegen alles, was aus dem Osten kam. Sehen Sie das auch so?
Wolf: Ich glaube schon, dass es so war. Ich war im Osten, ob ich das wollte oder nicht, auf eine gewisse Weise eine Orientierungsfigur, und diese Figur wollte man demontieren, wie ja überhaupt die ganze DDR, nach dem Ausspruch einer ranghohen westdeutschen Politikerin, »delegitimiert« werden musste. Bei der Gelegenheit versuchte das Feuilleton die realistische Literatur, auch von westdeutschen Autoren, zu diffamieren. Heute sieht man: Das ist nicht gelungen. Diese Art von Literatur ist lebendig. Und meine Leser sind mir geblieben.
ZEIT: Ein anderer Angriff lautete: Sie seien nicht nur jahrzehntelang von der Stasi bespitzelt worden, Sie seien auch selbst Ende der fünfziger Jahre für kurze Zeit Inoffizielle Mitarbeiterin des Ministeriums gewesen. Sie schrieben Berichte, harmloser Art, aber immerhin. Können Sie sich diesen Fehler inzwischen verzeihen?
Wolf: Das ist natürlich kein Ruhmesblatt. Aber inzwischen gehe ich auch in diesem Punkt gelassener mit mir um. Ich habe mich redlich bemüht, mich mit dieser Episode in meinem Leben auseinander zu setzen. Ich habe meine Akte als Buch veröffentlicht, weil ich fand, meine Leser hätten ein Recht, darüber Bescheid zu wissen. Natürlich haben die Medien dieses Buch dann kaum zur Kenntnis genommen.
ZEIT: Monatelang standen Sie im Feuer öffentlicher Angriffe. Wie sind Sie mit diesem Druck umgegangen?

Wolf: Das war eine schwierige Zeit. Es wurde ja eine Art Monster-Bild von mir verbreitet. Ich musste lernen, wer ein wahrer Freund ist und wer nicht. Mein Mann, meine Familie haben mir geholfen, ohne sie hätte ich das nicht durchgestanden. Sehr geholfen hat mir auch, dass ich genau zu dieser Zeit für ein Dreivierteljahr in Los Angeles gewesen bin, als Stipendiatin der Getty-Stiftung. Wir waren eine Gruppe Künstler und Wissenschaftler aus den verschiedensten Ländern. Auch die haben mich mit ihrer realistischen Sicht auf die überhitzte Atmosphäre im vereinigten Deutschland vor gefährlichen Überreaktionen bewahrt. Ich habe in dieser Zeit sehr viele interessante Menschen kennen gelernt, am bewegendsten waren meine Treffen mit Holocaust-Überlebenden der zweiten Generation.
ZEIT: Können Sie ein Beispiel erzählen?
Wolf: Ich traf eine Frau, die war von ihren jüdischen Eltern als Kind in einem Nonnenkloster versteckt worden, als die deutsche Wehrmacht in Frankreich einmarschierte. Sie konnte das nie, nie verwinden, obwohl ihr dadurch das Leben gerettet wurde. Die Eltern holten sie wieder zu sich, als sie einen Fluchtweg nach Amerika ausgemacht hatten. Rational hatte sie ihre Eltern natürlich verstanden, aber emotional konnte sie nie darüber hinwegkommen, dass ihre Eltern sie weggegeben hatten. Mich hat diese Geschichte sehr bewegt.
ZEIT: Frau Wolf, was war im Rückblick an Ihrer Zeit in der DDR richtig gut?
Wolf: Das kann ich so nicht beantworten, über die ursprünglichen Erinnerungen schieben sich die späteren Bewertungen. Ich will es mal so versuchen: Vielleicht war es diese Aufbruchstimmung in den fünfziger Jahren, das Gefühl, hier in der DDR entsteht ein besserer, ein sozial gerechterer Staat. Wir bekamen in jenen Jahren unsere antifaschistische Prägung. Ich kam in Kontakt mit linken Schriftstellern, die aus der Emigration in die DDR gekommen waren: Louis Fürnberg, Anna Seghers, Willi Bredel, F. C. Weißkopf, Kuba Alex Wedding – und viele andere. Wir lasen ihre Bücher. Wir erlebten ihre Konflikte mit. Ich denke heute noch, das waren die interessantesten Leute, die es damals in Deutschland gab. Die Begegnungen mit ihnen konnten einen glauben lassen, man befände sich am richtigen Ort. Das war zum Teil ein utopischer Ort, den der »real existierende Sozialismus« dann nach und nach besetzte. Aber eine Utopie kann sehr, sehr lange in einem nachwirken.
ZEIT: Mochten Sie Brecht?
Wolf: Als Autor natürlich. Auch als Denker und als Theatermacher: Alle seine frühen Inszenierungen am Berliner Ensemble – auch so ein utopischer Ort – bleiben mir unvergesslich. Gegen Brecht als Mann hatte ich Vorbehalte, mir schien, er verlangte zu viel Selbstaufgabe von seinen Frauen.
ZEIT: Wann haben Sie von der DDR Abschied genommen?
Wolf: Es war ein langer Abschied, der Anfang der sechziger Jahre begann. Der letzte Zeitpunkt, die DDR mit Reformen wirklich zu verändern, wäre im Jahr 1968 gewesen. Aber dann haben die Russen den Prager Frühling niedergeschlagen. Es war vorbei. Nach der Wiedervereinigung stellte sich kurz eine Art Phantomschmerz ein, unter anderem deshalb, weil ich die Abqualifizierung der DDR einzig unter dem Begriff Diktatur als zu undifferenziert empfand. Aber auch dieser Schmerz ist vergangen.
ZEIT: Herbst 2005, 15 Jahre nach der Deutschen Einheit: Wie fällt Ihr Blick auf die heutige Gesellschaft aus?
Wolf: Eine Gesellschaft in der Krise, die ihre Integrationskraft für ihre auseinander driftenden Bevölkerungsgruppen zunehmend verliert, und, was gefährlich ist, große Mengen »überflüssiger« Menschen produziert; eine Gesellschaft, die ihren humanitären Wertekanon zugunsten neoliberaler »Werte« aufzugeben beginnt, in der viele Einzelne um ihren Platz kämpfen und ihn dann zu halten versuchen.
ZEIT: Und dabei leiden die Menschen?
Wolf: Ich finde, schon. Das Wichtigste, was Menschen miteinander anstellen sollten, ist, sich gegenseitig zu fördern und zu ermutigen. Und genau dies geschieht nicht – oder zu wenig.

http://www.zeit.de/2005/40/Wolf-Interview




http://www.youtube.com/watch?v=lFoXuxdSGJQ


Nachruf für  Christa W. von Michael Jo.
Nachruf für Christa W.
Von
3.12.11, 23:48
36 Anmerkungen

Zauberlehrling von Eckhard Meineke
Zauberlehrling
Von
19.9.07, 17:46
13 Anmerkungen


Frosch-Perspektive von Eckhard Meineke
Frosch-Perspektive
Von
15.9.08, 16:07
33 Anmerkungen

Inter spinas von Eckhard Meineke
Inter spinas
Von
10.4.09, 12:00
38 Anmerkungen

Vaterland von Eckhard Meineke
Vaterland
Von
23.4.09, 8:28
93 Anmerkungen

Einsicht von Eckhard Meineke
Einsicht
Von
3.6.09, 9:24
38 Anmerkungen

Die Zeit ins Land gehen lassen von Eckhard Meineke
Die Zeit ins Land gehen lassen
Von
3.10.10, 21:00
79 Anmerkungen

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Michael Jo., 9.12.2011 um 12:25 Uhr

eine lange Geschichte ...,
genausolang (und kompliziert) wie das Leben und die
Selbstwerdung der Protgonistin.

Diese Infragestellung westdeutscher (hauptächlich) Medien, insbesondere des Feuilletons habe ich auch verfolgt
- und muss gestehen: habe mich davon beeinflussen lassen ..., ähnlich der Wirkung dieser leugnerischen Leimruten,
die die DDR-Stasi geschickt auslegte, um bestimmte Leute (intellektuelle) in deren Umfeld in ein falsches Licht zu rücken.

Christa Wolf: heute sehe ich die Brüche bei ihr vielleicht deutlicher, verständnisvoller.
Und ich sage nocheinmal.
wer selbst nie unter einem Regime der Unfreiheit leben musste,
wer selbst nie dessen Staatsterror ausgesetzt war,
der sollte mit gewissen Bewertungen oder gar Vorwürfen zurückhaltend sein !
ich erinnere an die westdeutsche Linke und ihr Verhältnis zum Staat Israel;
ich habe nie verstanden, wie diese ' Linke' damals
kopfschüttelnd (oder zumindest schweigend) das Engagement Heinrich Bölls für Andrè Sacharow ' goutierte' ....;
Mina Ahadi - die aus dem Iran geflohene Oppositionelle
(Buch: ' ich habe abgeschworen' - dem Islam) wurde
von bundesdeutschen Grünen, diesen ' Gutmenschen'
fast rausgeworfen, als sie auf einem Berliner Forum der Heinr. Böll-Stiftung kritisch das Wort ergriff ....
Die Deutungshoheit gewisser Leute (' Intellektuelle' meist, bei uns ' hier im Westen' ) in Sachen ' political correctnes' ist mitunter lächerlich, oft kaum erträglich !!!

Dein amputierter Engel hier, lieber Eckhard,
steht auch für diese Brüche im West-Ost-Verständnis
(seltener umgekehrt),
schwebt durch diesen Flaschenzug angehoben
wie diese Urteile gewisser Feulletonisten jenseits von
Gut und Böse;
passendes Foto in dieser Diskussion !

Und ' Kassanda' : interessiert mich, dürfte
aufklärend sein, haben ' wir im Westen' die ganze
Frauenbewegung (und ich war zeitweise sehr ' frauenbewegt' - nicht nur weil ich als alleinerziehender Mann oft mit den gleichen
Fragen / Problemen involviert war) vorwiegend als sich emanzipierende Bewegung aus dem adenauerschen Muff heraus wahrgenommen
und nicht generell als Geschlechterfrage schlechthin verstanden (ausser bei Alice Schw.).
- auch deshalb war ich damals empört über die Reaktion der Grünen auf Ahadis Auftritt ...
(diese Beispiele - was den Blick durch ' die richtige Brille' betrifft ... liessen sich fortsetzen).


Bin gespannt auf die (weitere) Diskussion jetzt !
Lb. Gruß, Michael



Eckhard Meineke, 9.12.2011 um 13:20 Uhr

Lieber Michael, schön, daß Du die Diskussion eröffnet hast. Meine Stellungnahme kommt wie stets bei Besprechungen etwas später. Eckhard



Bringfried Seifert, 9.12.2011 um 14:50 Uhr

ich lese gerade "Stadt der Engel". Ein ehrliches Buch.
Aber auch erstaunlich wie schwer es ist, zuzugeben, dass man aufs falsche Pferd gesetzt hat.
Gruß, Bringe



Peter Kloth-Schad, 9.12.2011 um 15:16 Uhr

Christa W. ... da ich sie weder persönlich gekannt habe, noch etwas von ihr gelesen habe, möchte ich mir nur anhand einiger Berichte kein Urteil erlauben.
Die Symbolik des (gefallenen) Engels am Haken eines Krans alleine kann aber auch unabhängig davon durchaus ein ein Denk-mal-Türchen öffnen.
Abgesehen davon sollte man mit dem Steine werfen vorsichtig sein und schauen , ob einem nicht davon einer auf den eigenen Kopf fällt...
Gruß
Peter



Eckhard Meineke, 9.12.2011 um 15:21 Uhr

@ Bringfried: Lieber Bringfried, wenn ich mir einen relativ jungen, idealistischen Menschen vorstelle, der an die Ideale seiner Ideologie und des scheinbar darauf aufbauenden Staates glaubt, dann hat das ja auch einen sehr persönlichen, emotiven Sitz in der Biographie. Und in den frühen Sechzigern war bei Christa Wolf auch bereits Schluß mit dieser Art Heilsgläubigkeit. Eckhard



Bringfried Seifert, 9.12.2011 um 20:12 Uhr

an Eckhard: ja da stimme ich Dir zu, allerdings tut sich CW extrem schwer nach der Wende, sich von ihren früheren Ansichten zu lösen, siehe die Gespräche in den USA. Sie tut sich extrem schwer mit der Wende zum Beispiel. Gruß, Bringe


Eckhard Meineke, 9.12.2011 um 20:16 Uhr

Lieber Bringfried, das war ja auch während der Wende selbst zu sehen. Eckhard



Eckhard Meineke, 9.12.2011 um 20:19 Uhr

@ Peter: Lieber Peter, natürlich kann es nicht darum gehen, jemanden und sein Werk aufgrund von zwei Zeitungsartikeln zu beurteilen. Sie sind als Einführung gedacht und sollen dazu anreizen, sich mit der Problematik zu befassen. Eckhard



Stefan Adam, 9.12.2011 um 21:37 Uhr

Mich erinnert der Engel am Flaschenzug an die Lenin-Statue, die in "Good Bye Lenin" über den Berliner Himmel schwebte. Als Symbol des Abgangs sicher überaus passend ;-)
Zu Christa Wolf kann ich mich augenblicklich noch nicht äußern - da muss ich erstmal ein wenig recherchieren ;-)
LG, Stefan



B.K-K, 10.12.2011 um 6:35 Uhr

schwebendes Verfahren? - ;-)))

LG Brigitte



Accabadora, 10.12.2011 um 13:53 Uhr

ein stück deutsch-deutsche vergangenheit, das du mit einem fulminanten bild und ausführlichem text zur diskussion stellst
da ich mich (infolge meiner vorliebe für italienische literatur) weniger mit deutscher literatur und bisher nicht mit dem werk Wolfs und ihrer biografie beschäftigt habe, hier nur meine oberflächliche impression zur verbindenden symbolik von bild und der von dir geehrten schriftstellerin:
- der versehrte engel, seiner gloriosen symbole beraubt und zerstört.......die brüche der dt. geschichte, das ende des größenwahns, der versuch, das zerbrochene mit aller heute zur verfügung stehenden technik wieder in einen heilen zustand zu versetzen
- Christa Wolf, deren biographie von den folgen dieser unheilvollen geschichte geprägt war und die mit ihrem schicksal, im östlichen teil des landes zu leben , das schwierigere los gezogen hatte

dein bild allein schon... von erschütternder aussagekraft!!

lg Acca



Eckhard Meineke, 10.12.2011 um 16:49 Uhr

@ Stefan: Lieber Stefan, was die Statue betrifft, hatte ich ebenfalls eine Assoziation mit der aus „Good bye, Lenin“ und verwandten realen Szenen. Aus deiner Bemerkung ersehe ich, daß Christa Wolf im tiefen Westen nicht angekommen ist. Aber das gut sortierte Antiquariat in Wolbeck, in dem ich heute früh war, hatte so Manches von Max Brod bis James Joyce, aber kein einziges Buch von Christa Wolf. Eckhard



Eckhard Meineke, 10.12.2011 um 16:51 Uhr

@ Brigitte: Liebe Brigitte: Für Christa Wolf persönlich ist das Verfahren beendet und entschieden, wie für Schiller und Goethe. Ob sie zweihundert Jahre nach ihrer Verewigung noch gelesen werden wird, ist aber nicht so sicher. Eckhard



Eckhard Meineke, 10.12.2011 um 16:56 Uhr

@ Acca: Liebe Acca, ich denke, daß der Beschreibung der Bildsymbolik, wie Du sie aufgefaßt hast, gefolgt werden kann. Wobei es auch um das Zerbrechen der einmal gelebten Ideale in Christa Wolf selbst geht, und das bereits fast dreißig Jahre vor der Wende. Was das heißt, Tag für Tag vom StaSi bespitzelt zu werden und die eigenen Werke nur mit allergrößter Mühe in dem Staat veröffentlichen zu können, den man im jugendlichen Überschwang einmal mit aufbauen wollte, kann keiner ermessen, der das Glück hatte, anderswo leben zu können. Eckhard



Trude S., 10.12.2011 um 18:51 Uhr

ich habe ihre Bücher nicht gelesen, es hat sich einfach nicht ergeben ... Von ihrem Tod gelesen und dann auch die Biografie mit Interesse wahrgenommen. Aus den vorstehenden Kommentaren war ebenfalls viel über ihren wahrlich komplizierten und leidvollen Lebenslauf zu erfahren.
Soeben hab ich einen Bericht ergoogelt, den der bekannte Journalist Arno Widmann im Zusammenhang mit ihrem Roman - Stadt der Engel -
geschrieben hat. Lesenswert, vielleicht nicht wertfrei, ich weiß es nicht....
lg Trude



Michael Jo., 10.12.2011 um 19:03 Uhr

@ aber Eckhard, mein lieber;
ein ' gutsortiertes Antiquariat' und keines von Chr.Wolf ? ...?
Entweder haben sie bei uns im Westen diese
Auflagen gleich leergekauft (was ich nicht glaube),
oder ihre Werke werden so sorgsam gehütet,
dass selbst der Antiquariat danach händeringend sucht ...?... !

Ich habe voriges Jahr bei so einem Ramsch-Buchdiscounter (Wohltat'sche in Berlin) dagegen
palettenweise diese gepressten Klopapierseiten
eines gewissen Dieter Bohlen entdeckt .. (sagt der Name hierzulande jemand etwas ?);
und nächstens werden dort die Auslagen eines
Richard David Precht sicher das Schaufenster schmücken ... ?



Gert Rehn, 10.12.2011 um 22:01 Uhr

Der letzte Satz, der hier von C.W. zitiert wird, ist der Entscheidende. Sie sagt dazu: genau das geschieht nicht. Warum auch. Wir leben nicht in einer Zeit der Brüderlichkeit, aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Möge dein Engel, lieber Eckhard unsere Hoffnung weitertragen.
HG Gert



Eckhard Meineke, 10.12.2011 um 23:21 Uhr

@ Michael: Lieber Michael, das Antiquariat war wirklich gut sortiert, aber es ist eben auch ein Zeichen für die wirklichen Interessenverhältnisse im literarischen Deutschland, wenn man im tiefen Westen das Werk von Christa Wolf nicht findet. Na, werde Montag im Nahen Orient nachsehen.

Bohlen und Precht … genau, das ist letztlich die gleiche Kiste. Dazu von Hirschhausen und die Schoßgebete. Eckhard



Eckhard Meineke, 10.12.2011 um 23:24 Uhr

@ Gert: Lieber Gert, so ganz pessimistisch bin ich da nicht. Freundschaften und Brüderlichkeit sind durchaus nicht ausgestorben. Übrigens wird auch Christa Wolf viel versöhnlicher beurteilt als vor 18 Jahren. Eckhard



Eckhard Meineke, 10.12.2011 um 23:25 Uhr

@ Trude: Liebe Trude, wertfrei wird eine Gestalt wie Christa Wolf vielleicht nicht beurteilt werden können; sie hätte es sicher auch nicht gewollt. Eckhard



Accabadora, 11.12.2011 um 10:02 Uhr

@Eckhard Meinike
lieber Eckhard, zweifellos können "westler", insbesondere auch solche, die keinerlei kontakte zu menschen unter dem DDR-regime hatten, sich keine vorstellung machen vom alltäglichen leben in einer diktatur und den repressalien, denen oppositionelle (intellektuelle) in verstärktem maß ausgesetzt waren.
ich gebe zu, daß allein die lektüre von büchern, die darüber berichten (wie z.b. Herta Müllers "Atemschaukel") fast den atem stocken lassen und schwer zu ende zu lesen sind. der leser kann das buch einfach weglegen und den horror verdrängen....
lg Acca




Michael Jo., 11.12.2011 um 10:22 Uhr

Sonnenuntergang von Michael Jo.
Sonnenuntergang
Von
11.11.11, 1:27
18 Anmerkungen



Eckhard Meineke, 11.12.2011 um 10:48 Uhr

@ Acca: Liebe Acca, das Interesse an solchen Zuständen ist vielleicht auch ein Generationenphänomen. Ich bin ja in einer Zeit aufgewachsen, in der man zu Weihnachten noch Pakete nach „drüben“ schickte, und es wäre ja schlimm genug gewesen, wenn in der DDR nur diese Ansteh-Volkseigene Wirtschaft geherrscht hätte. Aber natürlich bedingte ein Zwangssystem das andere. Jüngere Menschen, die in dem Wahn einer weltweiten repressionsfreien Community leben, haben vielleicht etwas von den Zuständen in China gehört oder in Rußland, aber das ist für unser Empfinden doch ganz schön weit weg. Wie mittlerweile auch die Zeit des Nationalsozialismus für die gegenwärtige Jugend. Aber dann taucht plötzlich wieder diese Vergangenheit auf, die nicht vergehen will. Eckhard



Eckhard Meineke, 11.12.2011 um 10:50 Uhr

@ Michael: Das ist das passende Foto. Wobei Christa Wolf ja die wirklich harten Maßnahmen, zu denen der Arbeiter- und Bauernstaat fähig war, erspart blieben, was aber nur an ihrer Bekanntheit gelegen haben dürfte. Eckhard



jule43, 11.12.2011 um 14:04 Uhr

Wahnsinn, so viel Infos, soviel Arbeit die du dir gemacht hast.
Irgendwie ist es für mich befremdlich den Engel an so starken Ketten zusehen.
Fliegen sollte er . Frei und unbeschwert.

LG Jule



Eckhard Meineke, 11.12.2011 um 14:12 Uhr

Aber die Verhältnisse waren nicht so. Eckhard



Carsten Mundt, 13.12.2011 um 10:06 Uhr

Lieber Eckhard,

es ist ja gar nicht eindeutig fest zu machen, ob man den Engel fest machte, um ihn anzuketten, oder ob man ihn nicht vielmehr Stütze und Halt geben möchte, da ihm ein ja ein Flügel fehlt und er unvollkommen ist.
Das mag vielleicht die Diskrepanz beschreiben, die zwischen der Theorie, die ja nach wie vor ein alternatives Lebensmodell für eine Gesellschaft aufzeigt, und der dann tatsächlich gelebten Realität bestanden hatte.
Am Falle der Frau Wolf, die ja durch Auslandsreisen auch die andere Seite kannte und sich entschloss, dennoch weiterhin auf der Seite des Sozialismus stand zu halten, mag das ebenfalls erkennen können, glaubte sie doch wohl bis kurz vor dem Ende desselben, der ostdeutsche Staat könne noch weiter bestehen und reformiert werden zugunsten eines dann funktionierenden Sozialismus.
Man kann das als Blindheit oder aber auch als Idealismus bezeichnen, oder auch als blinden Idealismus. Ich möchte da nicht den Stab brechen müssen, aber Du kennst meine Meinung, dass auch andere Meinungen wenigsten betrachtenswert sind.
Schade allerdings ist, dass Deutschland wieder einen kontroversen Geist verloren hat, da doch überhaupt das Schöngeistige auf dem Rückzug zu sein scheint.

Carsten



Hans-Jürgen Schaller, 13.12.2011 um 12:59 Uhr

***
hab´s heute erst entdeckt ; sie war was besonderes
lg



Eckhard Meineke, 13.12.2011 um 17:23 Uhr

Wie dein Bild, daß speziell auf den "geteilten Himmel" bezogen ist, ein bekanntlich zweideutiger Titel. Eckhard



Eckhard Meineke, 13.12.2011 um 17:35 Uhr

Lieber Carsten, danke für deinen Beitrag! Was den konkret gezeigten Engel betrifft, scheint es mir eher, daß er gerade aufgebaut wird; siehe das zweite Bild. Abgelöst von der konkreten Situation, in der sich ein als Dingsymbol verwendeter Gegenstand nun einmal befindet, ist aber der gezeigte Engel aber jedenfalls einer, der nicht fliegen kann, weil er mit Mühe nur in seinen Einzelteilen notdürftig zusammengehalten wird, und dem ja auch ein Arm (noch) fehlt. Sehr schön kann man das auf die Diskrepanz von Theorie und Praxis beziehen, nicht nur für die Gesellschaft als ganze, sondern vor allem auch für Christa Wolf selbst. Dabei ist mir selbst natürlich der Glaube an die Möglichkeit einer sozialistischen Gesellschaft nicht gegeben, aber natürlich respektiere und würdige ich andere Meinungen, zumal solche, hinter denen ein Leben wie das von Christa Wolf steht.

Schubladen von Eckhard Meineke
Schubladennicht in Diskussion
Von
13.8.11, 20:59



Ob das Schöngeistige auf dem Rückzug ist, weiß ich nicht, lieber Carsten, denn allein im Feuilleton der „FAZ“ steht dermaßen viel über Literatur, Theater und Musik, daß man selbst nicht durch die geistreichen Überschriften kommt. Eckhard



Carsten Mundt, 14.12.2011 um 8:39 Uhr

Lieber Eckhard,

nun ja, auf dem Rückzug ist das Wahre, Edle und Gute wohl nicht wirklich, aber es hat vielleicht Mühe, sich gegen die Flut der gescripteten Realitäten und finanziellen Desaster durch zu setzen ?



Eckhard Meineke, 14.12.2011 um 9:45 Uhr

Lieber Carsten, vielleicht scheint das nur so. Wir werden mit dermaßen vielen Informationen überschüttet, daß positive Dinge dabei vielleicht weniger auffällig sind. Und mal ehrlich: Keine Zeitung berichtet über das, was gut klappt; das wäre viel zu langweilig. ;-) Eckhard



Michael Jo., 14.12.2011 um 21:19 Uhr

@ Carsten @ Eckhard:
heute schon von Grass' Rede
am Grab von Christa Wolf gehört ???

@ da muss ich doch (noch) einmal wiedersprechen:
doch, es gibt sie (noch), die Berichte über gelungene,
beispielhafte Projekte (ob nun im Sozial-, Entwicklungshilfe-, Forschungsbereich .. oder einfach
von alltäglichem - oft leider nicht selbstverständlichem -
Einsatz selbstloser Einzelkämpfer ...).
Es gibt sie tatsächlich auch noch: selbstbewusste,
ehrliche Bürger, die sich niemals zum eigenen Vorteil
auf Kosten der Allgemeinheit Vorteile verschaffen würden,
die niemals einen Privatkredit als Landeseltern annehmen würden (selbst wenn sie es denn wären), die niemals mit einem Oberarschloch wie diesem affektierten Finanzguru das Urlaubsdomizil teilen würden ..., und die niemals
anschliessend noch in Sonntagspfarrer-Manier
die Litanei vom braven Bürger sülzen würden .....
(zugegeben: von letzteren wird weniger berichtet;
dabei handelt es sich - gefühlt - um Millionen braver Bürger und Steuerzahler !!!).

@ Christian (weiter oben): doch, doch: ich wusste
schon, warum ich in diesem Zusammenhang auch die
' ...-Flick'-Republik' erwähnte;
schliesslich habe ich Christa Wolf gewissermassen
ja auch mit Heinrich Böll verglichen, dem
' guten Gewissen' vom Rhein !

@ / aber NEIN : ich will dabei die Mielke-Truppen
keinesfalls mit den kapitalistischen Monopoly-Strategen auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs auf eine Stufe stellen !!!
Michael



Kerstin Stolzenburg, 15.12.2011 um 15:30 Uhr


;-)

Lieber Eckhard, meine kleine Besprechung folgt noch; habe momentan beruflich etwas viel 'um die Ohren'. ;-)

Kerstin



Eckhard Meineke, 15.12.2011 um 15:58 Uhr

Liebe Kerstin, danke! Bestseller unter sich ... leider kenne ich nur den einen, von den anderen habe ich aber viel gehört. ;-) Gratulation zur neuen Kamera! ;-)) Eckhard



Eckhard Meineke, 15.12.2011 um 16:02 Uhr

@ Michael: Die Grass-Rede habe ich heute gelesen; er hat ja recht, und da wäre auch noch der eine oder andere Lump dazu zu nennen gewesen. Eckhard



Klompjes, 19.12.2011 um 19:42 Uhr

Lieber Eckhard, ich mußte als Schüler im Deutschunterricht "Der geteilte Himmel" lesen. Unsere Deutschlehrerin war eine überzeugte 68igerin und missionierte in jeder Stunde. Das hat mir diese Schriftstellerin verleidet.
Heute sehe ich vieles differenzierter! Es ist wichtig sich mit dieser deutsch-deutschen Geschichte auseinanderzusetzen.
Aber sympathischer sind sie und ihr Werk mir nie geworden. Wenn man Hohenschönhausen besucht hat und die Grenzkontrollen in Öbisfelde und anderswo jahrelang erlebt hat, dann ist es für mich nach wie vor schwer, diese Frau zu verstehen.
Deinen Anstoß zu dieser Diskussion finde ich sehr gut und alle Kommentare habe ich mit großem Interesse gelesen.
LG
Uli



Eckhard Meineke, 19.12.2011 um 20:37 Uhr

Lieber Uli, danke! Ich gehe noch ausführlicher auf deinen Beitrag ein. Eckhard



Eckhard Meineke, 22.12.2011 um 7:19 Uhr

Lieber Uli, Lehrer, die missionieren wollen, sind immer problematische Lehrer, aber das weißt Du ja selbst. Was Christa Wolf und ihr Werk angeht, braucht einem weder die Person noch ihr Werk sympathisch zu sein, obwohl man von Leuten, die sie persönlich kannten, hört, daß sie als Person sympathisch war. Ich habe natürlich nie verstanden – im Lichte der Erfahrungen mit dem Sowjetkommunismus – wie man jemals überzeugter Kommunist werden und gar in „die Partei“ eintreten konnte. Aber spätestens ab 1965 war Christa Wolf in der DDR in Ungnade gefallen; Du kannst es in „Stadt der Engel“ nachlesen; dieses Buch halte ich für sehr empfehlenswert, um Christa Wolf zu verstehen. Ihre Stasi-Opferakten, von denen sogar ganze zehn Jahre fehlen, füllen dennoch eine große Kiste. Demgegenüber fällt das, was 1993 zur IM-Diskussion führte, überhaupt nichts ins Gewicht, nicht nur als Aktendeckel. Eckhard



Eckhard Meineke, 23.12.2011 um 22:36 Uhr

@ Michael (Besprechung): Lieber Michael, wer fast dreißig Jahre vom StaSi überwacht wird, der ist Opfer, nicht Täter. Und der sogenannte Kontakt mit der StaSi von 1959-1961, der außer EINER nichtssagenden Beurteilung über einen Schriftsteller keine weiteren Äußerungen von ihr selbst überliefert, drei insgesamt – und ab 1965 war sie ja selbst mit dem SED-Staat über Kreuz – wurde 1993 in einer unglaublichen Weise von der Presse aufgeblasen, wie die gleiche Presse auch jetzt vermeintliche Sünden auf Erdballgröße aufbläst. Was sind das für Relationen … inzwischen sieht man gottlob klarer. Die Anmerkung zu Böll habe ich nicht verstanden. Eckhard



Karl-Dieter Frost, 27.12.2011 um 20:17 Uhr

Lieber Eckhard, zur Diskussion um Crista Wolf kann ich leider nicht viel beitragen, da ich mich nicht genügend mit ihr beschäftigt habe. Wenn ich mir die Situation vorstelle, als Schriftsteller oder Künstler in einem totalitär regierten Land tätig sein zu müssen - oder zu wollen, dann ist das sicher eine Gratwanderung, die einem denkenden Menschen sehr viel abverlangt.
Da gibt es gesellschaftliche Themen/Bereiche, mit denen man sich vielleicht ganz oder teilweise identifizieren mag (es ist ja selten grundsätzlich alles schlecht) und da gibt es andere Seiten, die nach Kritik schreien. Wie viel darf man (mit)machen, ertragen oder fordern, um noch eine Stimme zu behalten, die gehört wird? Und wann ist die totale Auflehnung zwingend geboten? Zum Glück darf man auch viele Menschen unter denen einordnen, die weder als unverbesserlich noch als Wendehälse einzuordnen sind, da sie im Leben bereit waren, Irrtümer zu erkennen und Lernprozesse zu durchlaufen.
Für mich spiegelt Dein Foto eines gefesselten Engel-Torsos diese Konflikte sehr bildhaft wider!
Gruß KD



Kerstin Stolzenburg, 28.12.2011 um 12:07 Uhr

Lieber Eckhard, Bild und Bildtitel sind eine große Herausforderung für eine Besprechung und ich denke bereits darüber nach, seit Du das Foto eingestellt hast. Das ist wieder einmal eine Aufnahme, über die man, wäre man Kunsthistoriker oder Bildtheoretiker, vermutlich Aufsätze schreiben könnte. Als fc-user hat man dafür allerdings – wie so oft – zu wenig Zeit und zu wenig Platz ... na ja, und weiß vermutlich auch viel zu wenig über die Zusammenhänge.

Ich habe im Laufe der Zeit einige Werke von Christa Wolf gelesen, stand damals (in den 1980er Jahren) in Ost-Berlin sogar hin und wieder in der Schlange am Buchladen an, wenn ich zufällig ‚dazu bzw. vorbeikam‘ und es einmal ein selteneres Exemplar zu kaufen gab. Einige von Christa Wolfs Büchern zählten auch dazu. Heute, nach mehr als zwanzig Jahren, kann man sich das fast gar nicht mehr vorstellen. Noch weniger kann man sich vermutlich vorstellen, wie Menschen nach dem Krieg in der Aufbauphase dachten, welche Ziele, welche Ideale sie vor Augen hatten, warum sie so sicher waren bzw. hofften, das man diese, gerade auch in diesem neu gegründeten ‚Arbeiter- und Bauernstaat, verwirklichen kann und warum sie sich mit aller Kraft dafür einsetzten.

– Wie steht es heute eigentlich um Ideale? Was streben die Menschen heute an? Wofür setzen sie sich ein? Oder wehren sie heute nur noch Missstände ab, so gut es geht? Sind die Menschen bequem und satt, nur weil in der (nicht selten) oberflächlichen, konsumbetonten Gesellschaft für den täglichen Bedarf alles im Überfluss vorhanden ist? Sind sie angekommen in ihrer Bedürfnisbefriedigung; ist es das, was sie sich wünschen ... haben sie sonst keine Ziele mehr? Brauchen wir keine Utopien, keine Träume mehr? Sind sie falsch? –

Christa Wolf hat sich anfangs für die neuen Ideale begeistern lassen.
Träumen nach vorwärts von Kerstin Stolzenburg
Träumen nach vorwärts
Von
4.8.10, 0:01
72 Anmerkungen
Utopia von Kerstin Stolzenburg
Utopia
Von
7.6.09, 0:00
57 Anmerkungen
Im Buch „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“, das ich gerade lese, gibt es eine Passage, die diesen Gedanken inhaltlich im Anschluss an ein Brecht-Gedicht ( http://www.youtube.com/watch?v=tpbX5itdzKc
) ganz gut beschreibt: "Das taten wir, Brecht, dachte ich, und es hatte doch so einfach ausgesehen, so folgerichtig, ja, eigentlich unausweichlich. Es gab sie doch, die menschenwürdige Gesellschaft, man musste nur die Herrschaft des Eigentums an Produktionsmitteln abschaffen, jedermann musste doch froh sein, nach seinen Fähigkeiten, nach seiner Einsicht und nach seiner Vernunft leben zu können. War dies nicht der alte Menschheitstraum?"

Wahrscheinlich hat Christa Wolf diese Ideale sogar nie verloren. Regimekonformes Verhalten wird ihr häufig nachgesagt. Vielleicht muss man es präziser formulieren und in Ideale-konformes Verhalten abwandeln, einem Verharren in den Grundideen, in den Möglichkeiten. Regimekonform dürfte nicht stimmen, denn verlorengegangen ist ihr mit der Zeit bzw. recht bald ja das Vertrauen in die allmächtigen Staatslenker, die all die schönen Ideen mit ihrem allzu begrenzten Verstand auslegten und verwalteten und ihnen so die Flügel ausrissen und am Fliegen hinderten ... Auch das könnte man in deinem Engelsbild sehen. Einen ‚gefallenen Engel‘ der anderen Art. ;-) (Dabei muss ich gerade an ein Buch eines anderen Autoren denken, das vielleicht auch ganz gut in diesen Kontext passen würde: „Ahasver“ von Stefan Heym)

Natürlich ist fraglich, ob dieser ‚Engel‘ überhaupt je hätte fliegen können, ob er je fliegen könnte.
Fliegen ...! Ein Versuch von Eckhard Meineke
Fliegen ...! Ein Versuch
Von
25.10.07, 11:41
22 Anmerkungen
Ist der Mensch mit all seinen Eigenschaften überhaupt in der Lage, in einer Gesellschaft ohne Gier, ohne Neid, ohne Eifersucht, ohne Herrschsucht miteinander zu leben, alle Menschen/Lebewesen zu respektieren, zu teilen, abzugeben, so dass alle genug haben, und nicht einige zu viel und andere zu wenig?

Nicht durch die Herrschenden, durch den Staatsapparat, durch die missratene Politik- und Staatsführung der DDR, sondern durch das Volk selbst hat Christa Wolf nach der Wende noch einmal eine andere Sicht der Dinge erfahren müssen. „Wenige Seiten zuvor erinnert sich Christa Wolf an den 4. November 1989, an die Veranstaltung auf dem Alexanderplatz, an ihre Rede, an einen Moment, in dem für sie blitzartig die Utopie eines wahren Sozialismus zu greifen nah war. Der historische Augenblick, in dem die Geschichte märchenhaft, glücklich ausgeht: ‚Ihn miterlebt zu haben, dachtest du, dafür hatte alles sich gelohnt.‘ Nun, knapp drei Jahre später, hat Christa Wolf eine doppelte Kränkung erlebt. Die Bevölkerung der DDR hatte mehrheitlich ganz andere Sehnsüchte, als jene, den wahren Sozialismus endlich verwirklichen zu dürfen.“ http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletr
istik/christa-wolf-stadt-der-engel-oder-the-overcoat-of-dr-freud-
mein-schutzengel-nimmt-es-mit-jedem-raumschiff-auf-1999147.html


Dass die Utopien im SED-Staat nicht zu verwirklichen waren, hatte Christa Wolf mit der Zeit begriffen. Aber da war wohl noch ein Funken Hoffnung vorhanden, als die Menschen friedlich demonstrierend die Wende einleiteten. Nur hatte sie sich getäuscht in dem, was die Massen vor allem wollten: Konsum! Keine Utopien mehr. "Ich musste an die Menschenmassen denken, meine Landsleute, die wenige Tage nach der Maueröffnung und nachdem sie ihr Begrüßungsgeld abgeholt hatten, mit Tüten und Taschen und Kartons voller bisher unerreichbarer Waren bepackt, von ihrem ersten Westbesuch glücklich zurückkamen. Dies also war des Pudels Kern, aber was hatte ich denn gedacht." (Quelle: Stadt der Engel)


Vielleicht war Frau Wolf in ihren Überlegungen, in ihrer Einstellung und in ihrem Handeln zeitweise etwas naiv. Naiv aber dann im Sinne von 'an das Gute glaubend', bessere Verhältnisse für alle erträumend, Missstände, Ausbeutung, Unterdrückung beseitigen wollend ... Naiv genug aber eben auch, um sich vom MfS für eine Weile benutzen zu lassen, auch wenn der einzige handgeschriebene Bericht von ihr nicht wirklich Verwertbares aufweist, wie man im Buch „Akteneinsicht Christa Wolf. Zerrspiegel und Dialog.“ von Hermann Vinke nachlesen kann, wobei das Interesse an der Informantin Wolf bald nachließ, da sie nicht lieferte, was man sich von ihr versprach.

Wo zieht man jedoch die Grenze beim Tolerieren, beim Verständnis für solche Taten? Sind solche Menschen grundsätzlich schlechte Menschen und bleiben sie es? Ist der Engel auf ewig gefallen oder lässt er sich wieder reparieren, auch weil er selbst neue Erfahrungen macht, Lehren zieht, Erkenntnisse gewinnt, sich entwickelt?
Und ist es überhaupt gerechtfertigt, dass die Medien sich wie Hyänen auf solche Nachrichten stürzen, auch Jahrzehnte nach dem Ereignis, dass sie bedenkenlos und ohne Moral zerfleischen, zerreißen, nach ihrem Gusto und nach größtmöglicher Vermarktbarkeit aufbereiten, was ihnen in den Fokus kommt, auch wenn der Betreffende bzw. seine Arbeit damit nicht selten in ungerechtfertigter Weise beschädigt bzw. zerstört wird? Das Buch „Akteneinsicht“ hat einige Artikel der schreibenden Zunft zusammengetragen und man fragt sich bestürzt, wie sich gerade auch recht bekannte Journalisten und Zeitungen für ein solch unreflektiertes Geschmiere, für solche Hetzkampagnen hergeben konnten. Berichterstattung ist grundsätzlich wichtig, das soll in diesem Zusammenhang betont werden, denn nicht selten wurden echte Missstände und Skandale aufgedeckt. Aber es muss dies immer differenziert und mit Augenmaß geschehen.

Ich finde es sehr schade, dass diese Schriftstellerin nicht mehr unter uns weilt, nicht nur als Autorin, sondern auch als Mensch, denn auch ich hatte das Glück, ihr einmal nach einer Podiumsdiskussion am Rande einer Urlaubsfahrt begegnen und sie als sehr sympathische Frau kennenlernen zu dürfen. Interessiert hätte mich nun aber vor allem, wie sie mit der Utopie weiter umgegangen wäre, ob sie die Ideen der Ideale nach all den Erfahrungen und Enttäuschungen nun ganz und gar aufgegeben und begraben hätte oder ob sie immer noch Hoffnung gehabt hätte, dass die Menschen so etwas eines Tages leben können.

Ich selbst glaube es nicht, auch wenn ich den Grundgedanken sehr schön finde. Wenn jeder Mensch nach seinen Fähigkeiten gleichberechtigt und geachtet leben könnte, gäbe es keine Ausbeutung, keinen Neid ... keine Kriege ...
... Utopien ... mit dem realen Menschen leider nicht zu machen, befürchte ich.

Soweit einmal nur ein paar Gedanken zum Bild. Man könnte hier natürlich viel mehr schreiben, denn allein die Symbolik des Engels wäre bereits eine ausführliche Betrachtung wert.

Kerstin



Eckhard Meineke, 28.12.2011 um 17:24 Uhr

Lieber KD, liebe Kerstin, danke! Ich antworte in den nächsten Tagen. Eckhard



Eckhard Meineke, 29.12.2011 um 12:41 Uhr

@ KD (Besprechung): Lieber KD, irgendwo in dem Buch „Stadt der Engel“ findet sich sinngemäß oder auch wörtlich die Formulierung „Wir haben dieses Land geliebt!“ Und das ist ja für jemanden, der die DDR nicht aus eigenem Erleben gekannt hat (also ein Erleben, das durchaus länger dauern müßte als ein Tag in Ostberlin 1971, eine Woche in Leipzig 1984 und einen Tag in Potsdam vor der Wende), das Merkwürdige, wo doch aus der Perspektive des Westens die DDR immer im Sinne Michael Endes als „Das Land, das nicht sein darf“ angesehen wurde. Wie groß muß die (auf sozialistischer Weltanschauung basierende) Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft jenseits der existierenden sein, damit jemand, der selbst fast drei Jahrzehnte unsichtbar und sichtbar vom StaSi kontrolliert wurde, so etwas schreiben kann?! Eckhard



Karl-Dieter Frost, 29.12.2011 um 18:55 Uhr

Lieber Eckhard, dass Menschen, die in bzw. unter einem Unrechtssystem lebten, ihr >Land< liebten, halte ich für einigermaßen normal. Ich kann aber wirklich nicht beurteilen, ob Frau Wolf mehr als das Land meinte und wen sie mit >wir< meinte – die Bürger allgemein, evtl. sich selbst inbegriffen oder ob sie sich gar in dem „Wir“ entschuldigend selbst versteckte. Auch halte ich die Hoffnung auf eine bessere, gerechtere Gesellschaft (und sogar das Streben danach) für ein absolut legitimes Mittel (Das ist sicher auch in unserer Gesellschaft oft angebracht). Aber man darf oder muss schon etwas skeptisch sein, wenn ein intellektuell denkender Mensch (noch dazu als anerkannte Persönlichkeit breiter Bevölkerungsschichten) in Jahrzehnten des offensichtlichen Unrechts nicht erkennt, wem seine Worte am meisten dienen. – Aber mein Wissen über sie reicht für eine abschließende Beurteilung nicht aus. Mich haben aber Kerstins abwägende Gedanken sehr beeindruckt.
Gruß KD



Kerstin Stolzenburg, 29.12.2011 um 19:27 Uhr

" Wie groß muß die (auf sozialistischer Weltanschauung basierende) Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft jenseits der existierenden sein, damit jemand, der selbst fast drei Jahrzehnte unsichtbar und sichtbar vom StaSi kontrolliert wurde, so etwas schreiben kann?!"

Lieber Eckhard, die Stasi hatte mit den Utopien nichts mehr zu tun. Auch nicht die Regierung des SED-Staates. Sie hatten diese Ideale längst verloren bzw. waren an ihnen gescheitert, auch wenn sie sich bis zum Schluss darauf beriefen. Das wussten die Menschen. Und deshalb haben die Grundideen von einer besseren und gerechteren Gesellschaft vermutlich überlebt.

Kerstin



Eckhard Meineke, 29.12.2011 um 19:40 Uhr

@ KD: Lieber KD, vielleicht kann Kerstin von den Leuten, die sich für das Bild interessiert haben, die Sachlage, vor allem emotional, am besten beurteilen. Und vermutlich hatte der, der im normalen Alltag nicht weiter auffiel, auch keine großen Schwierigkeiten mit dem „System“, wenn man von den bekannten Schwierigkeiten bei der Versorgung der Bevölkerung einmal absieht, der man vielleicht mit „Organisieren“ ein wenig die Spitze nehmen konnte. Um Christa Wolf im Rahmen meiner Möglichkeiten „beurteilen“ zu können, müßte ich natürlich auch viel mehr von ihr gelesen haben. Eckhard



Eckhard Meineke, 29.12.2011 um 19:43 Uhr

@ Kerstin: Liebe Kerstin, deine Überlegung erscheint mir schlüssig. Es ist interessant, wie sehr man von der Realität abstrahieren kann, wenn da eine Hoffnung ist. Aber hofften die meisten Leute in der DDR auf eine Durchsetzung der Utopie oder auf ein Ende der DDR? Christa Wolf mußte ja auch bald erkennen, daß das letztere der Fall zu sein schien. Auf deine schöne Besprechung gehe ich morgen ein. Eckhard



Kerstin Stolzenburg, 29.12.2011 um 21:05 Uhr

Lieber Eckhard, Hoffnung ist ja etwas sehr Wesentliches im Leben; sie kann Menschen sogar in widrigsten Umständen überleben lassen, wie die Geschichte zeigt. Hoffnung in Form von Ideen, Idealen, Utopien war zudem schon immer Triebfeder in der Entwicklung der Menschheit ... und sie wird es immer sein, auf diese oder jene Weise.

Das Ende der DDR erlebte ich als junger Mensch von 25 Jahren; ich hatte gerade mein Studium beendet, eine Familie gegründet, baute ein Haus ... ich kann deshalb vielleicht nicht für die Allgemeinheit sprechen, da ich selbst zu der Zeit in einer Phase der Entwicklung steckte, ein Leben aufbauen wollte, trotz der Widrigkeiten, denen man ausgesetzt war und mit denen man sich arrangieren musste, da niemand wusste, wie lange dieses System, in dem es aber durchaus auch gute Dinge gab (ich glaube, ich habe beispielsweise eine gute Schulbildung genossen), existieren würde. An Utopien dachte ich in meinem jungen Leben damals weniger; das war ausgefüllt mit den ganz normalen Dingen wie Schule, Training, Freizeitaktivitäten ... Berufswünschen! (Auch das könnte man nun vermutlich kritisieren! ;-))

Ich denke aber auch, dass die Mehrheit der Menschen in der DDR nicht klüger oder dümmer oder anders war, als die Mehrheit der Menschen in der alten BRD oder in Deutschland heute. Wenn man sich das vor Augen hält, erkennt man die Bedürfnisse der 'Masse'! Es dürfte also auch den meisten Menschen in der DDR nicht um irgendwelche Utopien gegangen sein, sondern einfach um ein friedliches Leben, in dem sie ruhig, versorgt und nicht bevormundet leben und sich entfalten konnten. Woran rieb man sich denn im Alltag am meisten: wenn ich es recht in Erinnerung habe, an der Mangelwirtschaft, am Reiseverbot, an der Zensur und der Unfreiheit, seine Meinung äußern zu dürfen ... an Dingen, die auch in dem System nicht hätten sein müssen, die eine kommunistische Utopie auch nicht gefordert hat, und die man mit klugem Vorgehen hätte beseitigen oder vermeiden können. Aber da war nichts klug, wenn ich es etwas naiv ausdrücken darf, da waren 'verirrte' und verknöcherte Holzköpfe am Ruder, die Bespitzelung, Verfolgung und Repressalien als Mittel nutzten, um ihre Macht auszuspielen und ihre Vorstellung vom Sozialismus umzusetzen.

Das Ende der DDR hätte allerdings auch ohne die politische Wende nicht lange auf sich warten lassen, denke ich. Wenn ich mich mit Menschen unterhalte, die damals mitten im Beruf standen und die 'Verhältnisse' sozusagen von innen kannten, erfährt man, dass nahezu alles marode war. Es hätte auch auf dieser Basis vermutlich keine fünf Jahre mehr gedauert, bis das System in sich zusammengebrochen wäre.

Wie das dann jedoch ausgegangen wäre und ob die Sache in der Bevölkerung friedlich abgelaufen wäre, darüber mache ich mir hin und wieder Gedanken.

Das ist ein, zugegebenermaßen, recht naiver Versuch, mich in wenigen Worten der Zeit damals zu nähern. Das war natürlich alles doch etwas komplizierter und differenzierter ...

Kerstin



Eckhard Meineke, 30.12.2011 um 8:27 Uhr

Liebe Kerstin, abermals danke! Ich denke gerade darüber nach, inwieweit ich mich eigentlich bis 25 für politische Fragen interessiert habe; das ist gar nicht so einfach rekonstruierbar. Zu beiden Besprechungen heute im Laufe des Tages! Eckhard



Eckhard Meineke, 31.12.2011 um 10:09 Uhr

@ Kerstin (Besprechung 1): Liebe Kerstin, ich vermute, daß Kunsthistoriker oder Bildtheoretiker zu diesem Foto gar nichts schreiben würden, aber bislang ist mir weder ein Vertreter der einen noch ein Vertreter der anderen Zunft in der fc bekannt geworden. ;-) Der Kunsthistoriker würde sich nur dann zu einer Besprechung herablassen, wenn der Künstler einige Berühmtheit aufwiese. Und der Bildtheoretiker ... ;-))).
Daß man für ein Buch anstehen muß, kann man sich in Zeiten, in denen es Bücher im Supermarkt und jederzeit beim Versender gibt, gewiß kaum vorstellen. Allerdings leben wir da im westeuropäischen Kontext etwas auf der Insel der Glückseligen. Anderswo feiert ja die Zensur und die sonstige Unterdrückung der Meinungsfreiheit nach wie vor fröhliche Urständ.
Was die idealistische Zeit in der DDR nach dem 2. Weltkrieg angeht, gab es ja sogar einige Leute, die aus freien Stücken in die DDR eingewandert sind; bekanntlich auch der Vater einer sehr bekannten Politikerin. Vielleicht konnten einige Menschen mit der DDR größere Hoffnungen verbinden als mit Westdeutschland ... nachvollziehen kann ich es aber nicht. Das wird auch eine Frage der Sozialisation sein. Wer 1929 geboren wurde und damit seine ganze Kindheit im Massenmörderstaat verbrachte, wird die Welt anders sehen als derjenige, der erst Jahre nach dem Geschehen zur Welt kam und sie vielleicht erst in den 60er Jahren bewußt zu erleben begann.
So flach und konsumbetont, wie es im Weihnachtsgedränge scheinen könnte, sind wir vielleicht gar nicht. Gestern kam die Nachricht, daß der Bundesfreiwilligendienst keine Anwerbesorgen hat, weil die Leute von selbst kommen, darunter viele Ältere, die ja eigentlich nicht gemeint waren. Ein Beispiel für viele private Initiativen und Aktivitäten, ohne die unser Gemeinwesen gar nicht funktionieren würde. Andererseits: RTL hat mehr Zuschauer als ARD und ZDF (im letzteren Fall merito!). Ein gemischtes Bild. Gemischte Charaktere. Solche und solche. Träume dürfte jeder haben, zumindest den, sein Leben so leben zu können, wie man es gerne möchte. Ein Staat mit freiheitlich-demokratischer Grundordnung, der sich aus allen Dingen, die ihn nichts angehen, heraushält, hilft dabei. Er ist sozusagen ein gutes Betriebssystem. Die meisten Leute interessiert Philosophie nicht so sehr.
Daß eine menschliche Gesellschaft dadurch entsteht, daß man das Eigentum an den Produktionsmitteln abschafft, ist einfach barer Unsinn wie die Behauptung, daß die Menschen in Australien kopfüber leben. Schwachsinn aus dem 19. Jahrhundert! Entscheidend ist doch, daß in der sozialen Marktwirtschaft ein vernünftiger Ausgleich der Interessen geschaffen wird; das hat die Politik zeitweise aus den Augen verloren. Nun, genug der hochmoralischen Ausführungen. Wofür bekommen eigentlich die Wirtschaftswissenschaftler die vielen Nobelpreise?
Daß aber jedenfalls den Idealisten in der DDR alsbald die Flügel gestutzt oder gar ausgerissen wurden, was das Bild natürlich symbolisiert, das mußte Christa Wolf ja dann spätestens 1965 erfahren. Der „Ahasver“ ist ein etwas anderes Thema ... ich habe dafür ein Bild, fürchte aber, daß es sinnlos ist, es in der fc diskutieren zu lassen.



Auf jeden Fall ist Christa Wolf ab dieser Zeit aus ihrem erträumten kommunistischen Himmel gefallen; das ist wahr.

„Der Mensch“ ist so eine Sache, und da unterscheidet sich der Einzelne bekanntlich stark von dem, was man „Masse“ nennt. Für diese jedenfalls, also für ein Gemeinwesen, auch das Gemeinwesen, das wir „Erde“ nennen, müssen Regeln des Zusammenlebens gefunden werden, die für einen Interessenausgleich sorgen. Wie schwer das auf globaler Ebene fällt, sehen wir gerade an den Klimakonferenzen.

Daß die Bevölkerung der DDR weithin andere Interessen hatte als eine Idealistin wie Christa Wolf, hätte ihr eigentlich klar sein müssen, und ernsthaft zu glauben, mit der Wende wäre der Augenblick des wahren Sozialismus gekommen, grenzt für mich leider an Verblendung. Der Konsum ist dabei aber nicht des Pudels Kern, sondern die Leute haben sich nach der Wende nur das geholt, was sie bereits seit Jahren haben sollten, aber in der DDR nicht bekamen. Ansonsten ist der Konsum bekanntlich eine Frage des Budgets. ;-) Die Leute wollten einfach den großen Bruder los sein; that’s ist and that’s all.

Was die zeitweilige Tätigkeit für den Staatssicherheitsdienst betrifft, so fällt die in eine Phase der DDR und ihrer eigenen Lebensgeschichte, in der Christa Wolf, subjektiv sogar mit Recht, annehmen konnte, das so etwas eine gewisse Berechtigung haben könnte ... und sie war ja seinerzeit Teil des Systems, als Parteimitglied und Kandidatin ... „geliefert“ hat sie aber fast nichts, und sie sagt ja selbst, daß „diese Leute“ wenig später die Tür gewiesen bekommen hätten. Für die StaSi war sie wertlos.

In Relation zu den Opferakten, die auch dann, wenn zehn Jahre fehlen, Kisten füllen, ist die „Täterakte“ fast bedeutungslos. Ein bedauerlicher Irrtum, den man aus der Zeit verstehen kann. „Täter“ haben Anderes getan. Was der Lumpenjournalismus daraus 1993 gemacht hat, ist ein Lehrstück dafür, wie man eine Pressekampagne mit dem Ziel anzettelt, jemanden zu zerstören. Von Augenmaß keine Rede, gerade und vor allem bei ansonsten geschätzten klugen Leuten. Aber wie man eine solche Kampagne „fährt“, erleben wir ja gerade in unseren Tagen. Und siehe da, es sind die gleichen „Presseorgane“ wie damals. Eckhard



Eckhard Meineke, 31.12.2011 um 18:30 Uhr

@ Kerstin (Besprechung 2): Liebe Kerstin, über die Rolle der Hoffnung als eine der wesentlichen Triebfedern für unser Verhalten haben wir uns ja bereits auch unter anderen Bildern ausgetauscht. Das Thema wird in Variationen gewiß auch immer wiederkehren. In unserem kleinen bürgerlichen Heldenleben oder in dem der weltbekannten Gestalten wie Mandela oder Havel. Daß sie einen auch in den widrigsten Umständen am Leben erhalten kann, haben ja auch in jüngerer Zeit jene famosen chilenischen Bergleute bewiesen, die, wenn ich nicht irre, länger als zwei Wochen unter der Erde ausharrten, BEVOR sie entdeckt wurden. Das alles ist ziemlich erstaunlich.

Daß im System der DDR zwar der Kern faul war, damit aber noch lange nicht das tägliche Leben, wird ja auch (für den Außenstehenden) in dem Roman „Der Turm“ geschildert ... man kann es aber natürlich auch so wissen; AUS der DDR wurde ja genügend berichtet, und sicher auch objektiver als IN der DDR. ;-) Als junger Mensch hat man natürlich erst einmal das eigene Leben im Kopf, das ist sicher systemunabhängig, wenn es die Umstände nicht zu fürchterlich sind, wie in anderen geschichtlichen Perioden oder heute in anderen Ländern.

Über die Menschen in der DDR hast Du gewiß das Richtige gesagt; dem ist von meiner Seite nichts hinzuzufügen. Aber kann der „Sozialismus“ wirklich ohne das entsprechende „System“ auskommen? Liegt es nur an der Verknöcherung der damaligen SED-Führung?

Daß das System marode war, konnte die DDR lange erfolgreich verschleiern; sie wurde an ihrem Ende doch tatsächlich für zehntwichtigste Volkswirtschaft der Welt gehalten ... aber dann nicht mehr lange.

Daß es in der historischen Stunde ohne Blutvergießen abging - Christa Wolf schildert ja in der „Stadt der Engel“, daß in den Dachböden Militär untergebracht war - ist eines dieser menschengemachten Wunder, die man nicht für möglich hält, wenn sie nicht geschehen wären. Eckhard



Watndat, 2.02.2012 um 19:12 Uhr

Ja eigentliche Stadt der Engel ist Los Angeles..
Leider hat die Engeldame ihren Arm verloren ..
das wahrscheinllich einem Souvenierjäger damals abgebrochen wurde , wie auch in vielen römischen Denkmälern und Statuen geschehen ist..da sie einfach nicht mehr gefunden wurden ..
Tolle Fotos und Ansichten ..
Lg Klaus D. Watndat



Eckhard Meineke, 2.02.2012 um 19:52 Uhr

Lieber Klaus, was um Himmels willen machen Souvenirjäger mit abgebrochenen Armen? Aber halt, gerade fällt mir das Reliquienwesen ein. ;-) Eckhard



Watndat, 3.02.2012 um 10:24 Uhr

Hallo Eckhard...
Auch an den Ausgrabungsstätten um Arles und im Süden Frankreichs ..Sind Büsten ohne Kopf gefunden worden .. Man munkelt das Amerikanische und Englische Soldaten sowas als Andenken mitgehen lassen hat..ich meine man habe es mal gelesen ..
Viele Grüsse Klaus



Eckhard Meineke, 3.02.2012 um 17:12 Uhr

Lieber Klaus, das halte ich jederzeit für möglich. Ein merkwürdiger Trieb; bislang nahm ich anderswo lediglich Fotos mit. Eckhard



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