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der 1. September - 1939 - von Susa Vonderlind

der 1. September - 1939 -


Von 

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2.09.2003 um 0:01 Uhr
, Lizenz: Alle Bilder unterliegen dem Urheberrecht der jeweiligen Sender. All pictures © by the senders.
[the great comedian
also known as
the great dictator]



"Meine Mutter stand am Fenster und hatte gesagt, es sei Krieg.
Es war das Fenster im Wohnzimmer, hinten rechts, es zeigte auf die Kirche hinaus.
Was Krieg denn sei, wollte ich wissen.
Da schießen sich die Leute tot, oder hat sie von Menschen gesprochen? Ich weiß es nicht mehr."



1. September 2003
Ein Vater, bzw. mein Vater schreibt seinen Kindern eine Mail...


"Als ich heute morgen erwachte - schön, wenn man das so sagen kann:
als ich heute morgen erwachte, fiel mir das Datum ein,
der 1. September... schon September.

Dann der Tag, der erste Tag des Monats,
wieviele hat der September? Die Knöchelzählerrei beginnt,
es werden dreißig.
Stellen wir nicht im September die Zeit um? Kann sein, weiß ich nicht.
Was war noch? Ach ja, der 1. September 1939,
der zweite Weltkrieg hatte begonnen.
Noch im Bett dachte ich darüber nach,
rechnete, zählte, nicht mehr die Knöchel, sondern die Jahre.
Vierundsechzig Jahre waren vergangen. Das ist keine runde Zahl,
aber eine interessante: soviele Felder hat das Schachbrett,
ein Skatblatt hat die Hälfte davon an Karten. Dann die Computerrei, sechzehn, hexadezimal...
und wieder die Hälfte - was ist mit der Acht? Zwei hoch drei, aber nicht umgekehrt,
nein, drei hoch zwei ist was anderes.

Vierundsechzig Jahre sind vergangen seit jenem Tag,
an dem meine Mutter mich in Lengefeld besucht hatte,
bei meiner Großmutter.
Ich ging schon zur Schule, das erste Jahr.
Wir waren noch Ostern eingeschult worden, ich gehörte zur letzten Generation.
Eingeschult, was für ein Wort für
eine bescheidene Feier, mit Zuckertüte und so,
in der sich später Mäuse über einen Marzipanapfel hergemacht hatten.
Meine Mutter stand am Fenster und hatte gesagt, es sei Krieg.
Es war das Fenster im Wohnzimmer,
hinten rechts,
es zeigte auf die Kirche hinaus.

Was Krieg denn sei, wollte ich wissen. Da schießen sich die Leute tot,
oder hat sie von Menschen gesprochen? Ich weiß es nicht mehr.
An weiteres kann ich mich nicht erinnern.
Aber wieso war meine Mutter denn in Lengefeld?
Sie mußte seit dem Tod meines Vaters doch in Chemnitz arbeiten,
war der erste September ein Sonntag gewesen?
Na, es ist Aufstehzeit, Kaffeemachen,
Orangensaft und Blutdruckpillen,
E-mail nur Mist.
Dann Internet, Google, ewiger Kalender
und auf gut Glück: nein, der erste September wurde zum Freitag.
Dass es ein schwarzer Freitag war, stellte sich später heraus.
Dann wird das wohl an einem Sonnabend passiert sein, oder Sonntag, an das ich mich erinnere.
Ich sehe meine Mutter noch an dem Fenster stehen, mein Spieltisch stand dort.
So einer mit Schublade und einem kleinen Stuhl,
noch von meinen Onkels und Tanten, die auch schon daran gesessen hatten.

Ich stelle das Radio an. Das übliche Theater;
Gewerkschaftstagung, Irak und die USA,
Staatsverschuldung und Subventionen, nein,
nichts vom ersten September neununddreißig.
Zurück zum Computer, Zeitung Online:
Die Welt, Süddeutsche, Spiegel... Fehlmeldung.
Na, war es vielleicht doch nicht der erste September, hat Alzheimer schon die Hand im Hirn?
Dann nach langem Suchen, Die der Zeit, über die Bombardierung eines polnischen Städtchens namens Wielun.
Ein schrecklicher Bericht, Wielun hatte 16000 Einwohner, 1200 sterben am ersten September.
Wie hatte es geheißen, was waren des großen Führers Worte gewesen?
„Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen. Seither wird Bombe mit Bombe vergolten.
Wer mit Gift kämpft, wird Giftgas bekommen.“

Die ersten Bomben fielen erst viel später auf Deutschland,
viel später nach jener ersten habe ich sie dann selbst erlebt,
wie den Beginn des Krieges in Lengefeld.
Der Anfang des Krieges hatte uns nur wenig berührt. Wir bekamen einen neuen Lehrer,
unser Lehrer war „eingezogen“ worden, wie es hieß,
und dann, zwei Wochen später war er schon tot,
"von Leuten totgeschossen".
Dann war noch einer, der hieß Ruprecht,
ich habe mir den Namen gemerkt aus verständlichem Grund,
meine Mutter und ihre Schwester waren darüber sehr traurig.
Ich kannte diesen Ruprecht nicht, aber man habe seine Lunge gesehen
und er hätte noch eine geraucht, bevor er gestorben ist.
Ob das auch „gefallen“ sei, wollte ich wissen.

Meine Mutter hat dann wieder geheiratet, ich bekam einen neuen Vater.
Viel hatte ich nicht von ihm, er wurde auch eingezogen,
und ich kam wieder nach Chemnitz,
bekam auch eine neue Schule, neue Lehrer.

Mein Klassenlehrer hieß Werner, ein kleiner dicker Mann,
der mir mit meinen acht oder neun Jahren natürlich uralt vorkam.
Herr Werner war immer freundlich und las uns mindestens einmal in der Woche eine Geschichte vor.
Es waren schöne Geschichten, auch traurige. Da war eine mit einem Fräulein,
das einen hohen Turm an einem Wegesrand bestiegen hatte. Hinter ihr war das Treppenhaus zusammengebrochen.
Nun stand sie oben auf dem Söller und winkte und rief den Wanderern zu.
Aber da sie eine schwache Stimme hatte, konnte man sie kaum hören.
Da sie nur mit dem Tüchlein winkte, hat man zurückgewunken, bis sie schließlich verdurstet und verhungert ist.
Herr Werner kannte noch viele solche Geschichten.

Es war zur Weihnachtsfeier, im letzten Jahr vor dem Gymnasium.
Das muß also 1942 gewesen sein.
In der Turnhalle war es dunkel, nicht wegen Weihnachten,
nein, es war ja allgemeine Verdunklung,
die ersten Bomben waren auch auf Deutschland gefallen. Es brannten nur ein paar Kerzen,
es wurde gesungen. Die ganze Schule war in der Turnhalle versammelt und hat gesungen.
Ich sah Herrn Werner in der Nähe des Weihnachtsbaums stehen und weinen.
Sein Sohn, und man sagte er habe nur einen, war in Rußland gefallen, aber das wäre schon eine Weile her.

Dann fielen die Bomben auch auf unsere Stadt.
Weit entfernt war ein Haus im Westen der Stadt getroffen worden.
Ich zog mit Freunden dorthin, und das Haus sah aus wie ein Puppenhaus:
die Front fehlte und man konnte in viele der Wohnung hineinsehen,
eben wie ein Puppenhaus.
Ein Weile hatten wir hin und wieder Fliegeralarm,
bald jeden Abend, und der Luftschutzkeller wurde zur zweiten Wohnung für die Nacht.
Schließlich fielen wieder Bomben, nun auch am Tag.
Eine fiel hinter unser Haus, so dicht, daß das eiserne Kellerfenster in den Keller geflogen kam.
Die Leute schrien, das Licht ging aus
und meine Schwester, die noch keine fünf Jahre alt war, erbrach sich,
ich machte mir die Hose richtig voll. Ich weiß es nicht mehr,
aber ich glaube nicht, daß es deswegen Geschimpftes gegeben hat.
Ich konnte stundenlang nichts hören und hatte tagelang Ohrenpfeifen.

Es gäbe hier noch viel zu berichten, was alles so nach dem ersten September 1939 passiert ist,
wie die Stadt brannte, wie uns die Tiefflieger beschossen,
wie die Russen kamen und dann die Flüchtlinge.
Die Flüchtlinge, die schon vor den Russen gekommen waren
und für uns Fremde Menschen waren, die doch eigentlich hier nichts zu suchen hatten.
An sie muß ich immer denken, wenn ein Asylantenheim brennt.
Meine Oma hatte die Wohnung mit ihnen geteilt, und nicht nur das.

Ich könnte noch erzählen von den Fliegern, die tot vor unserem Haus lagen,
aus einem abgestürzten Flugzeug gezogen hatte man sie wohl.
Sie hatten Jacken mit Pelzkrägen und sehr schöne Stiefel an,
am Tage darauf lagen sie in der Unterwäsche da. Dann waren sie plötzlich weg.
Ich könnte noch versuchen unsere Straße weiter stadtwärts zu beschreiben,
wo eine Luftmine alles zerstört hatte, den schmalen Weg,
breit genug für einen Lastwagen, rechts und links Haufen von Ziegeln und Schutt.
Die Lastwagen brachten das Trinkwasser, fast jeden Tag.
Es war ein sehr heißer Sommer,
die Leute sagten damals, das käme von den Bomben.
Den Treibhauseffekt kannte man noch nicht.

Im Juli 1945 gab es die ersten Zeitungen,
aber immer nur eine Seite, einseitig bedruckt
und so groß, wie Zeitungen eben sind.
Im August gab es dann ein Extrablatt wegen der Atombombe in Japan
- was ist denn eine Atombombe?
Es gab auch Berichte von Konzentrationslagern und mir fielen die Eisenbahnzüge ein,
die wir in Lengefeld hatten durch Rauenstein fahren sehen,
mit vielen Güterwagen und Menschen darin,
alles noch in den letzen Kriegswochen.
Was in den Zeitungen stand, glaubten die Menschen nicht,
und diese Menschen waren keine Neukommunisten, keine Nazis.

Dann wurden die Wohnungen repariert, aber da war dann schon wieder Weihnachten.
Es mutet mir heute wie ein Märchen an,
plötzlich stand mein alter Lehrer Werner in der Küche.
Er erkannte mich nicht wieder.
Er war mit einem Maurer gekommen, als Hilfsarbeiter.
Das hatte man mit Nazis so gemacht,
und so muß der Lehrer Werner wohl ein Nazi gewesen sein,
ziemlich alt schon.
Als er weg war, fiel mir die Weihnachtsfeier ein,
damals, als er geweint hatte.

Das war es, was mir beim heutigen Datum eingefallen war,
und noch viel mehr, so beim Schreiben.
Ich denke dann an die Leute, die heute an nichts denken,
das Radio, das Fernsehen, die Zeitungen,
und die Leute, die sich damals gegenseitig totgeschossen haben.
Mir fällt ein, daß die Zeitzeugen immer weniger werden,
natürlicherweise.
Da habe ich mir gesagt, daß ich es aufschreiben sollte, nur so.
Vielleicht liest es später mal jemand.

Mir fällt ein, daß Leute vom Krieg reden, Krieg machen:
die meisten sind viel jünger als ich, die haben keine Trümmer gesehen,
keine Flüchtlinge und keine Güterzüge,
keine Bombentrichter und haben noch nie auf ein Trinkwasserauto gewartet.

Vielleicht hatten sie auch keinen Lehrer Werner.
Wahrscheinlich habe nur ich an ihn gedacht, denn er hatte ja nur einen Sohn.
Wieviele Menschen aber haben sich wohl beim heutigen Datum was gedacht?"

Anmerkungen:





Robino, 2.09.2003 um 0:02 Uhr

das bild ist schoen, die geschichte lese ich morgen denn ich muss ins bett......:-)
schlaf schoen



Ronald W.., 2.09.2003 um 1:05 Uhr

geht mir wie reinhard


Rainer WSN, 2.09.2003 um 1:22 Uhr

von wem ist der text,
denn er ist gewaltig in seiner aussage.

ich habe auch nicht an den kriegsbeginn gedacht,
einfach vergessen.



Susa Vonderlind, 2.09.2003 um 1:27 Uhr

mein vater schickte uns die mail heute abend..


Susa Vonderlind, 2.09.2003 um 1:28 Uhr

- gestern abend..


Rainer WSN, 2.09.2003 um 1:29 Uhr

susa, bitte danke deinem vater in meinem namen für diesen wunderbaren text. ich werde ihn kopieren und für mich als erinnerungsstütze speichern.
lg
rainer



Susa Vonderlind, 2.09.2003 um 1:32 Uhr

das werde ich..
gute nacht :-)



Dirk Hofmann, 2.09.2003 um 2:53 Uhr

einen gruß an deinen vater ... fesselnd vom ersten bis zum letzten wort ... danke!


Fanfarius Memmeler, 2.09.2003 um 6:57 Uhr

ey auch von mir n gruss raus an deinen alten herren...
auch ich habe mir den text auf die bladde gerockt...

zum foto: schaufenstercharliewelten gefallen...
in den reflektionen
finde ich immer
was zu suchen ....

smack
weg
f



Andreas Hering, 2.09.2003 um 7:40 Uhr

kompliment. ein funken erinnerung in der vergesslichkeit
dieser schnellebigen zeit.



Rike Bach, 2.09.2003 um 7:45 Uhr

ja.... gegen das Vergessen...


Foto-Graf ICH, 2.09.2003 um 8:47 Uhr

Leider gibt es ja sehr viele Daten, die man mit negativen Erinnerungen verbinden muss. Man kann nicht leben, wenn man immer an alles Elend in der Welt denkt, aber hin und wieder sollte man schon einen Gedanken dafür verwenden! Der Text ist sehr lesenswert und dein Bild passt auch gut dazu: Charlie in seiner wichtigsten Rolle!
Gruß, ICH.



Die M., 2.09.2003 um 9:36 Uhr

eins vorab: selten so gute schreibe gelesen von einem "unbekannten" respekt, küss deinen paps von mir, susa.

bild? ach ja, da war noch ein bild drüber ... dieser text ist eine inspiration für einen film, einen kurzfilm. ich kenne diese geschichten "leider" nur mündlich, mein vater hat die kriegsjahre als kind und jugendlicher erlebt, flieger und bombenalarm im elsass, er in einem weinberg, im versteck, "hinterher" eine tote (geköpfte) frau und mutter mit einem säugling in ihren armen - direkt neben ihm.

geschichten, bei denen ich mich immer wieder nur fragen kann: was wärst du heute für ein mensch, wenn dir das alles wiederfahren wäre?

heute sehe ich meinen vater, meine 90 jahre alte großmutter, eigentlich alle alten menschen so an und kann nichts "außergewöhnliches" finden.

nur manchmal, beim erzählen, da kann man etwas in ihren augen sehen. kurz, aber es ist da, ganz tief in ihnen drinnen - wie ein schwarzer schimmer. mir wird dann immer etwas kalt und fröstelig. es ist wie ein wahnsinn, kalt und voller glanz.

traurig.



Sylvia Mancini, 2.09.2003 um 9:53 Uhr

Danke, dass du die Mail deines Vaters mit uns teilst, sehr beeindruckend und bewegend.
Und dein Bild passt dazu, im Ausdruck...



Raphael G., 2.09.2003 um 10:58 Uhr

bin voller respekt


Christian Nowak, 2.09.2003 um 20:26 Uhr

Ein wunderschönes Bild und ein berührender, tiefsinniger Text. Schön, einen Vater zu haben, der die Welt mit offenen Augen erlebt hat und erlebt und in der Lage und willens ist, dies auch weiter zu geben.
LG, Christian



Peter F Ta enzer, 3.09.2003 um 0:23 Uhr

Susa, dieses Bild und dieser Text sind für mich auch Gründe, hier zu sein. Ich denke an diesen mE besten Chaplin-Film, an eine Szene mit weicher Musik, Chaplin in den Himmel schauend, an die Menschlichkeit appelierend, und gesehen in Kenntnis der Morde und der Opfer; und an den Vater eines Freundes, als einziger der Familie ein KZ überlebend, wie er erzählte vom Tod seines kleinen Bruders, von Schergen in die Luft geworfen und von Schüssen zerfetzt, und an seinen Gesichtsausdruck bei der Erzählung. Und an seinen nicht vorhandenen Haß auf "die" Deutschen.

Danke für das Bild und den Text.



Ingo Quendler, 3.09.2003 um 16:27 Uhr

Echt geiles Foto!
Der Blick - echt der Hammer und dazu die leichte Spiegelung, mir gefällt es wirklich sehr gut!
Dazu noch der Karrikative Aspekt + Historie - Hut ab!
Den Text dazu lese ich später noch mal in Ruhe ganz durch...



Frank Petermann, 9.09.2003 um 14:06 Uhr

Das Bild ist einmalig, der Text landet punktgenau.
Schade das die FC so vergesslich ist.

lg Frank





 
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