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Pilz-Bestimmung für Fortgeschrittene: von Harald Andres Schmid

Pilz-Bestimmung für Fortgeschrittene:


Von 

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18.09.2007 um 15:38 Uhr
, Lizenz: Alle Bilder unterliegen dem Urheberrecht der jeweiligen Sender. All pictures  by the senders.
Cortinarius spec. (Cortinarius triumphans???)

Hier mal die Chronik eines Versagens meinerseits:

Pilze-Bestimmen ist anspruchsvoll.
Der "normale" Sammler betreibt eigentlich nicht "Pilze Bestimmen".
Es ist "Pilze raten" oder bestenfalls (!) "Pilze erkennen".

Auch Fortgeschrittene sind davor nicht gefeit.

Hier der Ablauf eines von mir veranstalteten Desasters:

Meine erste Schlamperei:
Für eine saubere Bestimmung eines unbekannten Pilzes genügt nicht ein einzelnes Exemplar.
Es braucht eine Kollektion.
Möglichst kleine, junge, sowie aufgeschirmte, gesunde, ältere Exemplare in verschiedenen Wachstumsstadien.
Möglichst kein am Standort schon angetrocknetes Einzel-Exemplar - man betrachte das Bild! (*schäm*).

Meine zweite Schlamperei:
Die Oekologie.
Im Hintergrund seht ihr Fagus (Buche), der Pilz stand in einem lichten Buchenwald.
Ich erinnere mich auch an Betula (Birken).
Die Gegend besteht weitgehend aus Kalkboden.
Bei dieser Beschreibung des Standortes stehen einem vernünftigen Mykologen bereits die Haare zu Berge:
Ich habe nicht auf Zeigerpflanzen geachtet, die einen Aufschluss über die genaue Bodenbeschaffung (Säure-Base-Verhältnis) geben.
Und die Bäume in dreissig Meter Umkreis habe ich mir auch nicht genauer angeschaut.
Lang-Dumpf-Harald hat mal wieder nur den Pilz gesehen...
Das sollte sich rächen.
Beim Schlüsseln des Pilzes stellte sich bald die Frage, ob er unter Betula (Birke) oder Carpinus (Hainbuche) gestanden habe (*rotwerd*).

Dritte Schlamperei:
Ich hatte keine Reagenzien dabei.
Z.B. hochprozentiges KOH (Kalilauge) um eine mögliche Reaktion des Pilzfleisches bei einem Auftragen der Lauge zu testen.
Dies möglichst noch bei einem gerade aufgenommenen, frischen *räusper* Pilz.
Genau danach wird in den Bestimmungsschlüsseln nämlich gefragt.

So habe ich mich mit dem nach Hause geschleppten Haarschleierling hinter die Bestimmungsbücher und ans Mikroskop gesetzt.
Das ist eine Beschäftigung für Leute, die zuviel Zeit haben:

Pilze werden "geschlüsselt".
Das geschieht mit Spezialliteratur.
Das hat nichts mit dem bei Sammlern üblichen Vergleichen des Pilzes mit Abbildungen in Pilzbüchern zu tun.
Man hangelt sich durch eine unendliche Kette von Fragen, bei denen nach und nach einzelne Tatsachen ausgeschlossen, andere bestätigt werden.
Zum Glück hatte ich den Pilz schon als Haarschleiderling (Cortinarius) identifiziert, musste also nicht "bei Adam und Eva" anfangen und mich erstdurch sämtliche Gattungen schlüsseln.

Ein Ausschnitt:

4. (3). Tc (Fagus). Sp. 9-11x5-6 µm, mandelfg. H. 40-80(-100). L. ockerbräunlich bis rostockerlich. St. weisslich bis creme, zyl. bis keulenfg., 40-80x10-20mm. Fl. mit KOH negativ. - BK 5.224, CD1156, LJ863, Ma657, MM49, BMR 229.
45. C. olidus J.E. Lange

4*. TC (Betula). Sp. 11-13x6,5-7 µm, mandelfg. H.60-100(-120) mm. L. grauocker bis ocker, bisw. auch +- bräunlich. St. glf. mit H., glm. zyl. od. keulenfg., 50-120x15-25 mm. Fl. mit KOH u. NH4OH gelb. - BK5.224, CD 1155, LJ 85 c, MA 655, MM 11.54, BMR 219. - (= C. crocolitus Quel.)
46. C. triumphans fr.

Alles klar?
Keine Panik!
Dies ist ein sog. dichotomer Schlüssel.
Man muss sich fortlaufend zwischen zwei Wegen entscheiden.
In diesem Schritt zwischen
4. oder 4*
Das Beispiel zeigt den letzten Schritt eines langen Weges, der für den obigen Pilz zu zwei möglichen Resultat-Pilzen führt.
C. olidus oder C. triumphans.
Das ist ein Ausschnitt aus nur einem der verschiedenen Schlüssel, die ich verwendete, um dem Pilz auf die Spur zu kommen.

So weit zu kommen, bedingt, dass man nicht in irgendeinem vorangegangen Schritt des Schlüssels "falsch gelaufen" ist, weil man z.B. den Unterschied zwischen hell-rotfuchsig und dunkel-orangefuchsig falsch interpretiert hat...

Ihr könnt in dem auf den ersten Blick vielleicht unverständlichen Text des Schlüssels doch einiges heraussehen:
- Es wird nach Begleitbäumen gefragt (Fagus/Betula)
- Nach der Grösse des Pilzhutes (H.)
- Nach der Länge und Dicke des Stiels (St.)
(Die Frage nach Farbe, Form, Beschaffenheit des Hutes und vielen anderen Merkamalen kam in früheren Etappen des Schlüssels).
- Nach der Farbe der Lamellen (L.)
- Nach einer chemischen Reaktion des Pilzfleisches auf Reagenzien.
- Nach der Grösse der Pilzssporen.

Das Letzte ist oft entscheidend.
Da muss man ans Mikroskop.
Hier das Mikroskop-Bild mit der Sporenmessung für den obigen Pilz

Ihr seht einen Blick durch das Okkular mit der Messkala.
Es handelt sich um eine tausendfache Vergrösserung mit Oelimmersion.
Das heisst, man lässt ein Tropfen Immersion-Oel zwischen Okkular und dem Deckgläschen des Präparates schweben, um durch das Oel hindurch eine tausendfache Vergrösserung zu erreichen.
Es handelt sich um ein sog. Quetschpräparat.
Dazu wird ein winziges, staubkorngrosses Stück Lamellenschneide so präpariert, dass es in Glyzerinpuffer zwischen zwei Gläschen so hauchdünn gequetscht ist, dass das Licht des Mikroskops hindurchscheinen kann.
Da wir im Bereich von tausendstel Millimetern arbeiten, ist das Erstellen von brauchbaren Präparaten eine Geduld- und Uebungssache.
Das obige Präparat ist allerdings noch recht einfach zu erstellen.
Querschnitte (!) von Lamellenschneiden und der Hutdeckhaut sind dann schon etwas wie Kunsthandwerk...

Ihr seht, dass die oben gemessene Spore 12 µm (tausendstel Millimeter) gross ist.
Unter der Spore seht ihr unscharf noch eine zweite, die man natürlich auch scharfstellen könnte, worauf die obere "verschwände".
Obwohl der Flüssigkeitsfilm des Präparates, der Objektträger und Deckgläschen zusammenkleben lässt, unglaublich dünn ist, ist er für Pilzsporen immer noch ein unglaublich tiefes Schwimmbecken...
Wichtig ist auch die Beschaffenheit der Spore, ob sie glattwandig, rauh oder gar warzig ist.
Diese Spore ist mässig warzig.
Sie sieht zwar auf dem Bild glatt aus, doch darf man nicht vergessen, dass man im Bereich von tausendstel Millimetern nie die ganze Spore scharf stellen kann, wegen der mangelnden Schärfentiefe.
Da ist es nötig, schnell hoch- und runterzufokussieren an der Spore, wie in einem kleinen Animationsfilm, um die Beschaffenheit der Aussenhaut zu sehen.

Mit dem Schlüsseln und Mikroskopieren geht schnell ein ganzer Nachmittag vorbei, und man ist noch nicht weiter...

Ich war bei Cortinarius triumphans, dem Gelbgestiefelten Schleimkopf angelangt, obwohl die meisten verfügbaren Abbildungen einen etwas anders aussehenden Pilz zeigten.
Ich fand noch einen ähnlicher aussehenden Kandidaten, Cortinarius crocolitus, musste jedoch erfahren, dass er mittlerweile mit C. triumphans synonymisiert wurde...
Fest steht, dass C. triumphans auf jeden Fall bei Betula (Birke) stehen müsste.

Der nächste Schritt war, dass ich im Internet mit meinen gesammelten Informationen und Fotos um Hilfe bat.
Das machte alles nur noch schwieriger.
Ich bekam den Hinweis, dass es sich vielleicht bei meinem Pilz um eine Rarität, Cort. pseudovulpinus handeln könnte, der allerdings bei Carpinus (Hainbuche) stehen müsste, ob ich das bestätigen könnte ? *räusper*.
Ausserdem müsste er etwas grössere Sporen haben, die ausgeprägter warzig sein sollten.

Zum Glück konnte ich ein Buch auftreiben, in dem der seltene Pilz auch beschrieben wurde.
Mit "normaler" Pilzliteratur kommt man hier schon lange nicht mehr weiter.
Monographien, Jahrbücher von Pilzverbänden aus früheren Jahren, all solche Dinge müssen herangezogen werden..

Später wird der geschlüsselte Pilz getrocknet, das ergibt ein sog. Exsikkat für die eigene Herbarsammlung.
Könnte sein, dass in einem Jahr sich ein Mykologe an meine Anfrage erinnert, weil er einen ähnlichen Pilz gefunden hat und um ein Stück Exsikkat zu Untersuchungszwecken bittet..

Wir dürfen nicht vergessen, dass es mehrere hundert Haarschleierlinge gibt, von denen wohl viele noch nicht bestimmt, bzw. beschrieben wurden.

Falls man dann gleich Lust bekommt, eine neue Art aus seinem Exemplar zu machen, sie zu beschreiben und zu publizieren, um sich einen Rest Unsterblichkeit als Mykologe zu erkaufen, darf man nicht vergessen, dass man erst beweisen muss, dass der eigene Pilz nicht einfach eine etwas ungewöhnlich geformte Art eines schon beschriebenen Pilzes ist.
Mit einem alten Gammelpilz wie meinem fängt man damit besser nicht an..

Fazit:
Die Sporen passen nicht wirklich zum seltenen Kandidaten Cort. pseudovulpinus.
Zu C. triumphans allerdings auch nicht...

Also:
Ein erfolgreicher Nachmittag. Pilz kann nicht bestimmt werden.
Das ist doch ein konkretes Ergebnis...

(jetzt bin ich gespannt, wieviele sich wegen des langen Textes beschweren...)

Anmerkungen:

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R + G Team Dülmen, 18.09.2007 um 15:51 Uhr

beschweren.......
also beschweren möchte ich mich nicht ...
sondern bedanken.....
auch wenn ich vieles von dem was ich gelesen habe nicht verstanden habe...
liegt aber wohl auch mit daran - das ich nicht unbedingt ein pilzexperte bin....
aber der sehr lange weg zur bestimmung und auf was man so alles achten muß....
das war schon recht interesssant zu lesen....

lg...R & G :)



Peter Hackel, 18.09.2007 um 15:58 Uhr

Super Abhandlung nur irgendwie ist mir jetzt aufgrund des zweiten Fotos der Appetit auf Pilzsoße vergangen den das erste Foto erzeugt hat :-) Hilft insofern bei der Entscheidung für das heutige Mittagessen nicht wirklich weiter trotzdem danke. (vielleicht hilft es das Moos zu identifizieren um darüber den vermutl. pH des Bodens bestimmen zu können *g*)


Dani Schlegel, 18.09.2007 um 15:58 Uhr

Hallo Harald Andreas
Eine perfekte Beschreibung einer fast perfekten Pilzbestimmung. Mit ist es vor zwei Jahren beim WK in Landquart fast gleich ergangen. Seither lasse ich mal die Finger von den Cortinarien. (Ausser natürlich von denjenigen, die man kennen muss.). Schicke doch mal ein Exsikkat zur weiteren Untersuchung an Notta Tischhauser von der VAPKO oder an Frau Dr. Senn-Irlet. Vielleicht können Dir die beiden Damen weiterhelfen.
Uebrigens, das Foto ist wie immer absolut toll.
LG aus dem Glarnerland
Daniel



Peter Innerbichler, 18.09.2007 um 17:24 Uhr

buhhhh...
ich hab nicht gewusst dass Pilze bestimmen so aufwändig ist....
da ich sie nur als Motive (und Nahrungsmittel) betrachte
beurteile ich sie ausschließlich nach dem Aussehen
und wie und ob ich sie ins Bild setzen kann.

Deinen Pilz hast jedenfalls auch sehr gut ins Bild gesetzt.

Pfieti
Peter



Hans Fröhler, 18.09.2007 um 17:39 Uhr

Möchtest Du einen Roman schreiben oder ein Bild des Schwammerls zeigen ? *schnellwegduck*
Wieder eine Pilzaufnahme in der von Dir gewohnten Qualität.
LG Hans



.. just me, 18.09.2007 um 17:40 Uhr

*räusper*, *hüstel*, äh, würde es Dich beleidigen, wenn ich gestehen würde das ich von oben geschriebenen nur "Bahnhof" verstehe ? ;-)
Ich finde Dein "ausgetrocknetes Einzel-Exemplar" ziemlich gut getroffen. ;-)
Grüße



Patrik Brunner, 18.09.2007 um 18:43 Uhr

Da bleib ich lieber beim 'Pilzeraten' und 'Pilzeerkennen'.... ;-))
Aber: auch wenn sich das Exemplar nicht (mehr) für die Pilzbestimmung eignet (Interessanter Vortrag übrigens), dann eignet er sich sehr wohl noch zum Motiv. Der Dunkelgrüne HG passt sehr gut als Kontrast zum hellbraunen Pilz.
Auch die Perspektive gefällt mir als 'Lamellenfetischist' natürlich sehr gut....
Also auch ohne Namen überzeugt es mich...
Gruss Patrik



Herbert Schacke, 18.09.2007 um 19:35 Uhr

Also nie mehr ohne Laptop, Elektronenmikroskop, 100 Meter Absperrband und einem mittleren organochemischen Labor in den Wald gehen ?
Ne Danke, ich knipse was Schön aussieht und sammle was ich Kenne. Wissenschaftler sind für mich wie Päpste, kein Mensch braucht die wirklich...:-)



Hans-Peter Hein, 18.09.2007 um 19:53 Uhr

Fazit: ich werde Pilze nur noch fotografieren ;-))
Dein Text ist beeindruckend und zeigt, wie meilenweit ich davon entfernt bin, auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben.
Ach ja, Patrik bringt es auf den Punkt.
lg Hans-Peter



Rita Kallfelz, 18.09.2007 um 19:59 Uhr

Hallo Harald,

eine sehr gute Beschreibung der Arbeit eines "Pilzverrückten"! Das kann nur der verstehen, der selbst davon betroffen ist.
Die Aufnahme dieses alten Schleierlings ist jedenfalls hervorragend.

LG
Rita



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