Dies ist eine Bezahl-Funktion
Bezahlende User knnen schon ab 4 € im Monat alle Funktionen der fotocommunity nutzen.
  • In allen Foren lesen und schreiben
  • Aktbilder hochladen und anschauen
  • Am Galerie-Voting teilnehmen
  • Bis zu 30 Fotos / Woche hochladen
> Jetzt Bezahl-Mitglied werden
 

Gestundete Zeit von Kerstin Stolzenburg

Gestundete Zeit


Von 

Neue QuickMessage schreiben
14.03.2009 um 0:00 Uhr
, Lizenz: Alle Bilder unterliegen dem Urheberrecht der jeweiligen Sender. All pictures  by the senders.
Fotomontage aus zwei Bildern [Astronomische Uhr (Ausschnitt) im Liebfrauenmünster Strasbourg, 01.02.2009 und Wolkenformation am Himmel, 12.03.2009]

(Astronomische Uhr: Canon 400 D, f/4,5 bei 149 mm, 1/125 s, ISO 1600, Teilbereichsmessung/mittenbetont, Bearbeitung: Adobe Photoshop 7.0, Tonwertkorrektur, Filter: Farbpapiercollage
Wolkenformation: Canon 400 D, f/10,0 bei 238 mm, 1/800 s, ISO 100, Teilbereichsmessung/mittenbetont, Bearbeitung: Adobe Photoshop 7.0, Tonwertkorrektur)

____________________________________________________________________________________

Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald musst du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Sieh dich nicht um.
Schnür deinen Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!

Es kommen härtere Tage.

(Ingeborg Bachmann)






Anmerkungen:

d1w.gifBitte melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.





Tilman Neubert, 14.03.2009 um 0:40 Uhr

Eine sehr anspruchsvolle, tiefsinnige und vielschichtige Arbeit, die ein längeres in sie Eintauchen absolut lohnt.
LG Tilman



Eckhard Meineke, 14.03.2009 um 6:58 Uhr



Liebe Kerstin, es geht eigentlich nicht an, dass Du einen Text verwendest, den ich mir auch für mein nächstes Bild vorgestellt hatte ;-). Aber es gibt ja auch andere. Und besprochen wird das Bild auch noch. ;-)) Eckhard



Kerstin Stolzenburg, 14.03.2009 um 8:12 Uhr

@Tilman: Danke!

@Eckhard: Das ist ja ein schöner Zufall. ;-))

Kerstin



Klaus Gärtner, 14.03.2009 um 8:22 Uhr

So lobe ich mir Montagen - sehr tiefgehend und naheliegend gleichzeitig die Kombination von Himmel mit Wolkenbewegung und der wunderbaren Uhr aus Strasbourg.
Liebe Grüße von Klaus, der meint auch positive Gedanken in Deinem Bild entdecken zu können :-)))))



paules, 14.03.2009 um 8:30 Uhr

Sehr schön gemacht....starkes Ergebnis..Gruß Paul


ston, 14.03.2009 um 9:15 Uhr

jetzt ging es mir wie bei Dir bei meinem Bild. ;-)
Tiefsinnig gut gemacht.

LG Stefan



Peter Kloth-Schad, 14.03.2009 um 12:19 Uhr

Eingestellt um 0:00Uhr....schon dieser 'Moment' ist eigentlich keiner, auch wenn die Zeitbeschreibung '0:00' es suggeriert.
Das Phänomen 'Zeit' ist beinahe unergründlich und reizt zu Philosophischem.
Unendlich kurze Zeit existiert genau so wenig, wie unendlich lange Zeit, sie lässt sich zwar messen aber nicht fassen.
Immer bleibt eine Unschärfe, je genauer man misst oder hinschaut. Die Zeit entzieht sich einfach, wie Sand, der zwischen den Fingern zerrinnt und sich nicht festhalten lässt.
Die Fotografie ist ein schwacher Versuch, die Zeit festzuhalten, und diese wunderbaren astronomischen Uhren Versuche, das Phänomen 'Zeit' zu begreifen.
Die Wolken in Deinem Bild sind so ein Symbol für den ständigen Wandel, daß 'nix blief, wie et is', 'Kölsches Grundgesetz, Artikel 3'...
Gruß
Peter



Adrena Lin, 14.03.2009 um 12:38 Uhr

Eine sehr beeindruckende Arbeit....Auch der Text regt sehr zum Nachdenken an....!
Respekt !
LG Andrea



Manfred Jochum, 14.03.2009 um 14:32 Uhr

Sehr interessante, schöne Montage! Gefällt mir sehr.


Andreas Pawlouschek, 14.03.2009 um 14:56 Uhr

Ein hintergründiger, wohl gewählter Titel zu einer blendend strukturierten Arbeit in fantastischen Farbtönen und vielschichtiger Staffelung. Ein Favorit, der mich sicherlich noch oft in seinen Bann ziehen wird. Danke für dieses große Werk.


der Uwe., 14.03.2009 um 14:58 Uhr

gute arbeit
lg uwe



Volker - H, 14.03.2009 um 16:53 Uhr

Diesmal sehr dramatisch.


Hendrik Schuld, 14.03.2009 um 18:21 Uhr

Sehr schön, sehr wirkungsvoll und gelungen - durch die leuchtenden Elemente im Bild erzielst du den Anreiz zum Hinsehen, durch die düsteren und gebrochenen Farben und Effekte erhält dein Bild die Tiefenwirkung.
Überzeugende Arbeit!
lg Hendrik



Kerstin Stolzenburg, 14.03.2009 um 18:49 Uhr

@Klaus Gärtner: Lieber Klaus, danke! Natürlich sind mit dem Bild auch positive Gedanken verbunden. Ich selbst bin kein pessimistisch eingestellter Mensch und dies spiegeln auch meine Bilder (hoffentlich ;-)), die, auch wenn sie einmal recht dunkel erscheinen, immer wenigstens einen Hoffnungsschimmer beinhalten.
Viele Grüße. Kerstin



Kerstin Stolzenburg, 14.03.2009 um 18:51 Uhr

@ManfredG.: Lieber Manfred, Du hast natürlich nicht ganz unrecht, wenn Du einen gewissen Bezug zu Dali bemerkst. Ich hatte sogar eine Variante vorbereitet, bei der die Uhr durch die Bearbeitung so verbogen ist, dass sie fast fließend erscheint. Aber mich überzeugte das Resultat nicht wirklich und natürlich sollte das Bild ja auch ein eigenständige Arbeit sein.
Grüße. Kerstin



Ernst R. H., 14.03.2009 um 19:10 Uhr

Starke Arbeit.
lg erha



Tassos Kitsakis, 15.03.2009 um 0:56 Uhr

Ohne den Lauf der Zeit wäre Morgen schon gestern.
Carpe diem!

LG Tassos



E-Punkt, 15.03.2009 um 9:50 Uhr

Gestundete Zeit,
die Zeit aufgeteilt nach Stunden
und mir fällt ein anderes Gedicht
zu dieser

wundervollen Collage !!!!

ein:

Lied des Harfenmädchens

Heute, nur heute
Bin ich so schön;
Morgen, ach morgen
Muss alles vergehn!

Nur diese Stunde
Bist du noch mein;
Sterben, ach sterben
Soll ich allein.

Theodor Storm

Lieben Gruß, Elfi



Kerstin Stolzenburg, 15.03.2009 um 10:06 Uhr

Liebe Elfi, danke! Zu diesem Gedicht fällt mir auch noch ein anderes Bild ein, das ich neulich sah; es ist leider (!!) nicht von mir, passt aber auch sehr schön, wie ich meine:Liebe Grüße. Kerstin


Andreas Denhoff, 15.03.2009 um 10:24 Uhr

Ich versuche die Vielschichtigkeit auch in den unsichtbaren Ebenen des Bildes zu finden, eine harte Nuss in schweren Tagen und es kommen Gedanken, die ich hier nicht formulieren kann.
Gruß Andreas



Carsten Mundt, 15.03.2009 um 16:00 Uhr

Liebe Kerstin,

die astronomische Uhr, wie auch das Münster, sind sicherlich Straßburger Highlights, wiewohl die Stadt auch sonst sehr sehens- und liebenswert ist.

Als Symbol stehen Uhren selbstverständlich für das Vergehen der Zeit und die Vergänglichkeit aller irdischer Dinge und unseres Lebens.

Insofern passen die eingefügten Wolken sehr gut dazu, die an die Jahreszeiten erinnern, welche auch für die Vergänglichkeit stehen, gleichzeitig mit dem Frühjahr aber auch den Neuanfang in sich vereinen.

In Zusammenhang mit dem Gedicht mag man freilich auch an den Horizont denken und an die gestundete Zeit, die härtere Tage mit sich bringt, welche sich dort in Form von bedrohlichen Wollen manifestieren.

Die Gedichte der Bachmann sind ja gerne etwas kryptisch, ich erinnere mich auch noch an die "Anrufung" unter

Reflexionen (4) von Kerstin Stolzenburg
Reflexionen (4)
Von
14.10.08, 0:00
52 Anmerkungen


So ist die Metapher der "gestundeten Zeit" zunächst recht merkwürdig.

Geht man einmal von der Religion, unter anderem auch vom christlichen Glauben aus, sollte uns Menschen ja bewusst sein, dass unsere Zeit begrenzt ist und wir sterblich sind.
Es gibt natürlich zahlreiche Gedichte, Lieder, Prosa uvm., die diese Thematik zum Inhalt haben.

http://www.youtube.com/watch?v=WOm0FUHkL-U&feature=related


(Text hierzu:
http://ingeb.org/Lieder/ichtrage.html

)

Sinnigerweise zeigte das Bayerische Fernsehen heute Mittag eine Sendung über Istanbul ("Die Schätze des Islam", 12:45 Uhr), in der auch der Topkapi-Palast gezeigt wurde, der eine, im Vergleich zu europäischen Palästen jener Epoche, eine relativ bescheidene und schnörkellose Architektur besitzt, so hieß es, im Bewusstsein, dass das irdische Leben endet und die wahren Reichtümer uns im Paradies erwarten werden.

Nun widerspricht eine solche Sichtweise, nach der wir nach dem Ende unserer Zeit mit einer besseren Existenz rechnen dürfen allerdings dem Gedicht der Bachmann, in welchem es ja heisst, dass härtere Tage kommen werden.

Das Gedicht vermittelt eher den Eindruck eines "geliehenen Glücks", welches uns nur kurzfristig gegeben wird, aber endlich ist.

Was wir bisher hatten, muss zurückgelassen werden, verjagt werden, zurück ins Meer geworfen und gelöscht werden.

Dennoch ist es nicht das Ende der Zeit, denn die Schuhe können geschnürt werden, was einen Aufbruch in eine andere Zeit symbolisiert, auch wenn der Weg schwer sein wird.

Womöglich könnte man das schön übertragen auf die gegenwärtige Situation in der Welt, die momentan von der großen Finanzkrise überschattet wird und in der die Zeiten wohl härter zu werden scheinen.

Natürlich gibt es solche Situationen nicht nur in der Weltpolitik, sondern auch im ganz persönlichen Leben.

Wichtig scheint mir dabei jedoch, dass man als einzelner Mensch, als auch als Gesellschaft dabei bereit ist, die Schuhe zu schnüren, und voran zu gehen, denn es gibt auch eine Zeit

"Nach grauen Tagen"

Eine einzige Stunde frei sein!
Frei, fern!
Wie Nachtlieder in den Sphären.
Und hoch fliegen über den Tagen
möchte ich
und das Vergessen suchen---
über das dunkle Wasser gehen
nach weißen Rosen,
meiner Seele Flügel geben
und, oh Gott, nichts wissen mehr
von der Bitterkeit langer Nächte,
in denen die Augen groß werden
vor namenloser Not.
Tränen liegen auf meinen Wangen
aus den Nächten des Irrsinns,
des Wahnes schöner Hoffnung,
dem Wunsch, Ketten zu brechen
und Licht zu trinken---
Eine einzige Stunde Licht schauen!
Eine einzige Stunde frei sein!

(Ingeborg Bachmann, dürfte Dir bekannt sein :) )

Womit wir auch



schon fast besprochen hätten :))

lg Carsten










Karl-Dieter Frost, 15.03.2009 um 19:28 Uhr

Liebe Kerstin, Geld lässt sich stunden aber wie steht es wirklich mit der Zeit? Wer stundet wem was? Ich kann jemandem Geld leihen, ich kann meine Zeit auch einem anderen zur Verfügung stellen (z.B. indem ich ihm ein Ohr leihe :-) ).
Aber im Gegensatz zum Geld denken wir glaube ich - beim Stunden von Zeit eher an einen Aufschub für uns. Unsere Zeit ist uns so kostbar, allerdings meist erst dann, wenn es eng wird. Dann wird uns das besonders bewusst. Dann fragen wir: Haben wir alles getan, haben wir richtig gelebt, haben wir das Richtige getan ?! Und wir wünschen uns mehr Zeit oder wollen sie zurückdrehen.

Paul Getty sagte (auf das Geld bezogen): Reich ist man erst dann, wenn man sich in seiner Bilanz um einige Millionen Dollar irren kann, ohne dass es auffällt.
In die Verlegenheit dieser finanziellen Betrachtungsweise werden wir wohl eher nicht kommen. Scheinbar gehen wir aber doch manchmal mit unserer Zeit so um, als wären wir immens reich an Zeit und hätten Unmengen davon zu vertun. Aber wie beim Geld sollten wir auch bei der Zeit >beizeiten< daran denken, dass selbige auch einmal knapp werden kann und der Eintreiber lauert! Oder die härteren Tage kommen!

Deine Fotomontage empfinde ich als sehr gelungen. Es ist eine feinfühlige Überblendung, die wie eine Doppelbelichtung ja auch schon mit analogen Kameras praktiziert wurde, allerdings ohne dann noch Optimierungen des Ergebnisses durch die exakte Wahl der Überlagerung, die Intensitätsabstufungen der Bildteile und anderer Geheimrezepte möglich war. Der Lichtfleck, der das Zahnrad so deutlich heraushebt, ist z.B. ganz stimmig platziert!
Gruß KD



Kerstin Stolzenburg, 15.03.2009 um 21:47 Uhr

Lieber Carsten, lieber Karl-Dieter, ich antworte morgen auf eure schönen Besprechungen. Vielen Dank erst einmal dafür.
Grüße. Kerstin



Daniel Borberg, 15.03.2009 um 22:08 Uhr

Wie immer eine Arbeit die sehr ansprechend ist und wo man schon eine Zeit verweilen muss um dieses zu hintergehen.
Sehr schön.
GL Daniel



Renate Bonow, 15.03.2009 um 22:43 Uhr

es kokmmen härtere tage....davon bin ich überzeuegt...
und ich glaube...wir müssen dagegen halten...#
lg renate



Eckhard Meineke, 15.03.2009 um 23:58 Uhr

"Wollten wir dieses Bild nicht auch noch besprechen, lieber Kraty?" "Gemach, gemach, lieber Hermo. Wir haben Zeit." "Wir könnten bereits einmal sagen, dass wir das Bild schön finden, dann freut sich Frau Stolzenburg." "Gewiss, das Bild ist schön, vor allem mit dem tiefen Gold auf grauem Grund." "Damit wäre das Bild eigentlich besprochen." "Nicht so schnell. Es bleibt noch das Problem der Zeit. Und was hat die Frau Bachmann eigentlich mit dem Gedicht sagen wollen?" "Dazu äußern wir uns am besten morgen abend."

;-)



Adrian K, 16.03.2009 um 0:00 Uhr

Das Bild hat etwas magisches , vielleicht gefällt Dir die musikalische Ergänzung.(Nur als Ouverture)
Das Literarische wird schon bestimmt fachlich angegangen ;-)
http://www.youtube.com/watch?v=L0bcRCCg01I

Grüße Adrian



Kerstin Stolzenburg, 16.03.2009 um 7:20 Uhr

@Peter Kloth-Schad: Die Einstellzeit war natürlich bewusst gewählt. Danke für die interessanten Gedanken zum Bild!
Gruß. Kerstin

@Andreas Pawlouschek: Lieber Andreas, das ist natürlich ein großes Lob für das Bild. Danke Dir dafür.
Viele Grüße. Kerstin

@Andreas Denhoff: Lieber Andreas, danke! Nicht alle Gedanken, die man hat, wird man in einem öffentlichen Forum äußern können oder wollen; das ist auch völlig in Ordnung so.
Grüße. Kerstin

@alle: Ich danke allen, die sich bislang mit ihren interessanten und netten Beiträgen zum Bild äußern mochten.
Viele Grüße. Kerstin



Kerstin Stolzenburg, 16.03.2009 um 7:21 Uhr

@Eckhard: Lieber Eckhard, die beiden haben übrigens völlig recht; ich freue mich darüber, wenn sie es schön finden und was das Problem der Zeit betrifft: Das Bild hat Zeit! ;-)
Kerstin



Kerstin Stolzenburg, 16.03.2009 um 7:21 Uhr

@Adrian: Danke! Das passt natürlich wunderbar; daran hätte ich bereits beim Einstellen denken können und es eben als "Ouverture" direkt in der Beschreibung verlinken können. Aber so ist es ja auch sehr schön!
Grüße. Kerstin



Claudy B., 16.03.2009 um 11:48 Uhr

Eine herrlich vielschichtige Arbeit...Du hattest das Gedicht dazu bereits im Kopf?- das ist eine schwierige Angelegenheit der Phantasie, eine tatsächliche Umsetzung des Themas. Hier kann man sich nicht auf eine reiche Assoziationswelt verlassen- hier braucht es wirkliche Kreativität...
Du hast sie...
LG C.



Kerstin Stolzenburg, 16.03.2009 um 12:41 Uhr

@Claudy B.: Liebe Claudy, ja; ich hatte das Gedicht bei der Arbeit an dieser Collage im Kopf; sie entstand nicht zufällig. Natürlich kann das jedoch nur eine Annäherung sein; es ist nur ein Bild, dazu eines von unzähligen, die einem bei der Beschäftigung mit dem Text und der Thematik erscheinen könnten.
Danke Dir!
LG. Kerstin



Adrian K, 16.03.2009 um 12:52 Uhr

Der junge Löwe wird den alten besiegen,
Auf dem Schlachtfeld in einem einzigen Duell:
Im goldenen Käfig wird er ihm die Augen ausstechen,
Zwei Flotten/Armeen einig, dann wird er einen grausamen Tod sterben.
Nostradamus, eigentl. Michael de Notre-Dame, 1503-1566 frz. Astrologe; Leibarzt Karls IX., bek. durch seine geheimnisvollen "Centuries"
"Hier in Salon brodelt wie anderswo auch wegen des Glaubens Hass und Streit unter den angesehenen Herren; der Zorn wächst unter den Verteidigern der papistischen Tradition ebenso wie unter den Bekennern der Lehre in ursprünglicher Frömmigkeit. Ein gewisser, auf der Kanzel sehr zungenfertiger Franziskaner bringt die Menge gegen die Lutheraner auf, stachelt sie zu Gewalt auf und drängt sie zu Mordtat gar. Fast kam es Karfreitag dazu, 500 Mann mit Eisenstangen bewaffnet fielen wie Wahnsinnige in die Kirche ein. Nostradamus wurde als Lutheraner genannt. Fast alle anderen Verdächtigten sind geflohen. Was mich betrifft, floh ich durch diese gewalttätige Wut erschreckt nach Avignon "
(ein Briefwechsel zwischen ihm und dem protestantischen Amateurastronomen und Lutheraner Lorenz Tubbe).
Typische Merkmale seiner Prophezeiungen sind das fast vollständige Fehlen von konkreten Zeitangaben und Namen und eine sehr metaphorische Sprache, die die Prophezeiungen bis in unsere Zeit rätselhaft hält und auch dann noch immer neue Deutungen zulässt. In vielen Versen sind Hinweise auf astrologische Konstellationen eingebaut. Auch wird immer wieder festgestellt, dass die meisten seiner Prophezeiungen nur leicht umgeschriebene Wiederholungen aus historischen Texten (z. B. aus De honesta disciplina des Petrus Crinitus oder dem Liber prodigiorum des Iulius Obsequens) und ursprünglich lateinisch geschriebenen biblischen Kommentaren (wie z. B. dem Mirabilis Liber von 1523) sind (siehe Weblinks). Etwas klarer spricht er im Vorwort an seinen Sohn César zu seinen Prophezeiungen und erklärt, diese reichten von heute bis ins Jahr 3797 (was 2242 Jahre bedeutet, oder vielleicht vielmehr bis ins Jahr 2242), ohne aber auf ihren Inhalt einzugehen. Bis zu seinem Tod veröffentlichte er sieben Centurien von drei weiteren wird ohne Beleg angegeben, sie seien bereits zu seinen Lebzeiten erschienen. Des Weiteren sollen sich in seinem Nachlass weitere Texte gefunden haben, die zum Teil in Prosa verfasst waren, zum Teil als Sechszeiler. Die Prosatexte sind (wenn nicht die Almanache selbst) verloren gegangen, die Sechszeiler werden als 11. und 12. Centurie gehandelt, obwohl sie bei weitem nicht aus 200 Strophen bestehen. Eine auch für Nostradamus unerfreuliche Tatsache war es jedoch, dass bereits kurz nach dem Erscheinen seiner Prophezeiungen nicht nur Schmähschriften gegen ihn, sondern auch Fälschungen kursierten, mit denen von seinem Erfolg profitiert werden sollte.
;-) Grüße Adrian




Kerstin Stolzenburg, 16.03.2009 um 13:29 Uhr

Lieber Adrian, danke! Darüber muss ich natürlich zuerst einmal nachdenken.
;-)
Ich werde versuchen, Dir am späteren Abend zu antworten.
Viele Grüße. Kerstin



Eckhard Meineke, 16.03.2009 um 13:58 Uhr

"Ist denn schon Abend?" "Irgendwo auf dem Planeten Erde ist immer Abend!" "Tja, mein Lieber. Heute wollten wir uns ja einmal etwas zur Zeit überhaupt äußern. Geht das überhaupt?" "Lieber Kraty, leider praktisch kaum. Die Geschichte der philosophischen Auffassungen von der Zeit ist dermaßen umfangreich, dass eine auch nur oberflächlichste Darstellung den Rahmen sprengen würde, der hier nun mal gesetzt ist. Und außerdem ist das, was in den alten Kulturen bis zu den Griechen vor und nach Plato gedacht wurde, reichlich krauses Zeug und lässt sich, grob gesagt, in die zyklischen und linearen Ideen von der Zeit einteilen." "Nun gut, Hermo. Das kann Frau Stolzenburg ja selbst im "Historischen Wörterbuch der Philosophie", Band 12, nachlesen." "Genau. Heute wollen wir etwas über die christliche Auffassung der Zeit erzählen." "Warum das denn?" "Nun, die Legitimation beziehe ich daraus, dass erstens Europa noch immer überwiegend eine christliche Fundierung seiner Kultur hat. Und zweitens hat Frau Stolzenburg ja eine astronomische Uhr aus dem Straßburger Münster, wie sie sagt, in das Bild eingebaut." "Geht das denn unter drei Semestern?" "Na ja, man kann sich ja auch kurz fassen: "Das im AT üblicherweise für Zeit gebrauchte Substantiv 'et besitzt die Hauptbedeutung bestimmte(r) Zeit(punkt) von/für';. Es hat einen engeren Bedeutungsumfang als das deutsche Wort 'Zeit' und bezeichnet weniger die Zeitdauer (hierfür gebraucht das AT vorzugsweise Wendungen mit dem Begriff jâmîm, die in der griechischen Übersetzung der Septuaginta häufig durch Bildungen mit chrónos wiedergegeben werden), sondern einen mehr oder weniger eng abgegrenzten Zeitabschnitt, der meist inhaltlich näher bestimmt ist. So spricht vor allem Koh. 3, 1ff. von der «Z. zum Gebären», «Z. zum Sterben», «Z. zum Niederreißen», «Z. zum Bauen» etc. In der Septuaginta wird 'et meist mit kairós (der für das Gelingen günstige Zeitpunkt) oder auch mit hôra (Stunde) übersetzt. Allerdings betont gerade Koh. 3, daß es Gott ist, der die rechte Z. setzt und daß der Mensch daher nicht über sie verfügen kann. Überhaupt stellt das AT die Vergänglichkeit ... des Irdischen heraus (vgl. Jes. 40, 68). Gleichzeitig ist jedoch auch im AT die menschliche Z. stark von Naturzyklen bestimmt, die von Gott gesetzt sind (vgl. u.a. Gen. 8, 22: «solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht»)." "Das hat Herr Kollege Schmitt aber sehr gelehrt ausgeführt." "So ist es. Besser hätte ich es auch nicht sagen können. Auf jeden Fall haben wir die auch heute noch virulenten Ideen von der Zeit, der Zeitdauer, dem Zeitabschnitt, dem Zeitpunkt, von der von Gott für den Menschen gesetzten Zeit, der Vergänglichkeit des Irdischen und der Zyklushaftigkeit der Zeit beisammen." "Und alles nur aus der Bibel." "Alles nur aus der Bibel. Vielleicht begreift der eine oder der andere bei dieser Gelegenheit, wie stark unser Denken durch die Bibel, und da bereits das Alte Testament, geprägt ist, ob man es sich nun eingesteht oder nicht." "So ist es. Und morgen befassen wir uns mit der Frage des linearen Zeitablaufs."



Carsten Mundt, 16.03.2009 um 19:34 Uhr

Lieber Kraty,

und nicht zu vergessen:

mittlerweile gibt es auch die " Zeit " online.

http://www.zeit.de


Was für ein Fortschritt !



Kerstin Stolzenburg, 16.03.2009 um 21:09 Uhr

@Eckhard: Lieber Eckhard, danke für diesen überaus interessanten und schönen Text. Ich antworte darauf etwas später.
Kerstin



Eckhard Meineke, 16.03.2009 um 21:56 Uhr

@ Carsten: Lieber Carsty, in der "Zeit" steht so etwas aber nicht ;-).


Kerstin Stolzenburg, 17.03.2009 um 6:52 Uhr

@Carsten: Lieber Carsten, ich habe ja das Glück, relativ häufig nach Strasbourg fahren zu können; von meinem Wohnort brauche ich nur etwa eine halbe Stunde bis dorthin. So ist mir die Stadt inzwischen fast so vertraut wie Karlsruhe, wobei Strasbourg doch eine ganz besondere Art hat.

Interessanterweise war es so, dass mir bei diesem Besuch überhaupt zum ersten Mal Aufnahmen der Astronomischen Uhr geglückt sind; in dem Bereich des Münsters ist es in der Regel sehr dunkel und selbst wenn für ein paar Minuten eine diffuse Beleuchtung für ein wenig Erhellung sorgt, weil liebe Mitmenschen dafür bezahlt haben, ist es doch nicht optimal zum Fotografieren; jedenfalls nicht, wenn man es ohne Stativ versucht.

Aber eine dieser "dunklen" Aufnahmen kam mir für dieses Bild ganz recht, passte sie doch zu bestimmten Bereichen des Bachmann-Gedichts.
Die Darstellung der Uhr erschien mir jedoch nicht ausreichend, um mich dem Text mit einem Bild zu nähern, so dass mir die Idee einer Collage kam.

Gedichtinterpretationen finden sich in relativ großer Zahl auch im Internet, beispielsweise auf einer Seite, zu dem der Hamburger Bildungsserver führt: http://www.xlibris.de/Autoren/Bachmann/Werke/Die%20gestundete%20Z
eit

Wolken kann man symbolisch mit Veränderungen, einem steten Wechsel in Verbindung bringen. Zugleich sind sie für uns oftmals sichtbarer Horizont, aus bzw. hinter dem nun die Uhr (Zeit) erscheint. Auch der Gedanke der Jahreszeiten und die Möglichkeiten des Neuanfangs lassen sich mit ihnen verbinden. Zudem ist diese sich auftürmende Formation auch ein wenig bedrohlich, erinnert sie doch ein wenig an Gewitterwolken, wie sie in den Sommermonaten entstehen.
Letztlich gab ich aus diesen Gründen den Wolken bei dieser Fotomontage den Vorrang - es gab auch andere Kombinationsansätze.

Deine Ausdeutungen gefallen mir sehr gut, so dass ich sie gar nicht mit anderen Worten wiederholen brauche.
Danke auch für die interessanten Links und das Bachmann-Gedicht "Nach grauen Tagen", das ich sehr mag.

Grüße. Kerstin



Kerstin Stolzenburg, 17.03.2009 um 7:14 Uhr

@Karl-Dieter Frost: Lieber KD, danke für diese schöne Besprechung. Du hast Recht, oft wird einem der Faktor Zeit erst bewusst, wenn sie einem fehlt, wenn man vor lauter Arbeit das Gefühl hat, nichts anderes mehr tun zu können, fremdbestimmt zu sein, wenn man krank ist und sich danach sehnt, endlich einfach wieder draußen spazierengehen zu können ... und so könnte man viele Beispiele nennen.

Festhalten können wir die Zeit nicht, auch wenn wir uns das manchmal sehr wünschen würden, zurückdrehen auch nicht; aber wir können versuchen, manchmal bewusst innezuhalten, Momente in uns aufzunehmen, einen Zustand, eine Situation, einen Lebensabschnitt, und das als Geschenk, als Reichtum aufzufassen.

Was die Fotomontage betrifft, hatte ich mich vorher noch nie mit solchen Möglichkeiten befasst. Es ist also eine erste kleine Spielerei in dieser Richtung. Ich bin froh, dass sie schon als gelungen gesehen wird; ich hatte vor dem Einstellen große Zweifel.
Der Lichtfleck sollte gut zu sehen sein; ich hatte Glück, dass die Wolken an dieser Stelle weniger dicht waren und konnte somit den Bereich zu einem großen Teil mit "Hintergrund" füllen, ohne dass es zu deutlich wurde.

Gruß. Kerstin



Adrian K, 18.03.2009 um 9:10 Uhr

Ich glaube, ich habe hier etwas über Hoffnungsschimmer gelesen.
...Sie starren mit ekstatischer Sehnsucht auf das große Licht, das über ihnen aus der Finsternis bricht. Der trichterförmige Lichtschein mit seinen deutlich unterschiedenen Segmenten ist wahrscheinlich von zeitgenössischen Diagramen der Tierkreise angeregt, hat sich hier jedoch in einen strahlenden Korridor verwandelt, durch den die Seelen aufsteigen, um ein für allemal jener Anschauung Gottes teilhaftig zu werden, die auf Erden nur in seltenen Augenblicken geistlicher Erleuchtung zu gewinnen ist. Hier öfnet sich das Herz selbst in Freude und Begehren sagt der MystikerJan van Ruysbroek, und alle Adern stehen offen, und die Kräfte der Seele sind in Bereitschaft
Eigentlich ist der Text zu einem Bild von Hieronymus Bosch mit seinem oft zitierten Lichttunnel, der immer wieder als Illustrationshilfe sogenannter Nahtod-Erlebenisse harhalten muss. Die Theamtik um Nostradamus und das Bedrohliche in deinem Bild brachten mich zu dem Maler und seinem Werk.

http://www.wantart.de/artikel/20102440-964/der-flug-zum-himmel-vo
n-hieronymus-bosch/

In kosmischer Perspektive schweben fünf von Engeln begleitete Seelen diesem Lichtsog entgegen, die Engel mit schier trunkener Freude, die Seelen in dankbarem und ergriffenen Staunen.
Der Prophet Mohammed berichtet, dass ihn auf einer seiner Himmelsreisen der Erzengel Michael an der Hand genommen hätte und, so ist zu lesen, "er 
führte mich durch viele Schleier von Licht, sodass das Universum, das ich erblickte, mit dem, was ich auf der Welt je gesehen hatte, nichts gemein hatte."
Und Emanuel Swedenborg, ein esoterischer Visionär des 18. Jahrhunderts, hat von solchen Engeln geschrieben: "...sie lieben einen jeden und wünschen 
nichts sehnlicher, als die Menschen in den Himmel zu erheben, darin besteht ihr größtes Vergnügen."
Und dann noch ein Nahtoderlebnis: "Ich schwebte durch einen Tunnel. Alles war warm und weich, wie Schaumgummi. Der Tunnel war aus weichen Kugeln. Ich musste nicht laufen. Ich flog einfach durch ihn hindurch. Am Ende des Tunnels war ein wunderschönes warmes Licht."
Ach was für Gedanken die Kunstwerke auslösen.
Viele Grüße Adrian



Hanne L., 18.03.2009 um 15:13 Uhr

Ein tiefgründiges Stückchen Fotokunst! Der Text paßt nicht nur zu deiner Arbeit - ich finde ihn seeehr zeitgemäß!
Liebe Grüße, Hanne



Eckhard Meineke, 18.03.2009 um 18:48 Uhr

Liebe Kerstin,
über die zyklischen Zeitvorstellungen hatten unsere beiden Philosophen ja bereits gesprochen (auch hier beziehe ich mich auf den Artikel "Zeit" im Historischen Wörterbuch der Philosophie). Demgegenüber zeigt sich in den alttestamentlichen Geschichtsdarstellungen ein weitgehend lineares Verständnis von Zeit und Geschichte. So spannt der Pentateuch eine direkte Zeitlinie von der Erschaffung der Welt bis zum Tod des Moses. Fortgesetzt wird diese Linie durch den Geschichtsbericht der vorderen Propheten, der sie bis zur Zeit des Babylonischen Exils weiterführt. Die umfassendste Zeitlinie findet sich schließlich in den Büchern der Chronik: Sie reicht von Adam bis zur Befreiung aus dem Babylonischen Exil durch den Perserkönig Kyros.
Diese Darstellungen eines linearen Geschichtsablaufs dienten der Vergewisserung über einen sich über die Jahrhunderte durchhaltenden göttlichen Geschichtsplan mit seinem Volk. Vorgegeben war diesen Geschichtsdarstellungen auch die Botschaft der alttestamentlichen Schriftprophetie (seit ca. 760 v.Chr.). Sie verkündete einerseits eine endgültige Beendigung der Zeit Israels als Strafe für die Sünde des Volkes, rechnet andererseits aber auch mit einem jenseits dieses endgültigen Endes sich ereignenden neuen (eschatologischen) heilvollen Handeln Gottes gegenüber seinem Volk. Für diese eschatologische Zeit wird dabei eineuer Exodus bzw. ein neuer David erwartet, bei denen es nicht mehr zu einem Scheitern Israels kommt.
Diese schriftprophetische eschatologische Erwartung wird von der Geschichte des Gottesvolkes auf die gesamte Weltgeschichte übertragen: Das gegenwärtige Zeitalter mit seinen unmenschlichen Weltreichen steht vor dem Ende. Gott wird in Kürze das neue Zeitalter eines himmlischen Reiches errichten, in der alle irdische Unvollkommenheit einschließlich des Todes überwunden sein wird.
Nun, wie das Ganze weitergeht, füllt erwartungsgemäß Bände; das lässt sich in diesem Rahmen nicht darstellen. Wichtig ist, dass die beiden Grundvorstellungen, ewige Wiederkehr und Linearität, bereits in der Bibel vorgegeben sind; soweit sie später von der Naturwissenschaft diskutiert wurden, sind sie als Grundideen nichts Neues.

Eckhard




Viktor Hazilov, 18.03.2009 um 21:24 Uhr

sehr interesante foto


Adrian K, 18.03.2009 um 23:24 Uhr

"Etwas in ihr und in der Welt ist unwiderruflich an ein Ende gekommen, die Chance eines Neubeginns vertan. Der Schwebezustand zwischen Nicht-mehr und Noch-nicht ist ausbalanciert. Die eine Waagschale ist gesunken, beschwert durch unabgetragene Schuld und die zeitgeschichtliche Erfahrung nach 1945."
Sieben Jahre später,
in einem Totenhaus,
trinken die Henker von gestern
den goldenen Becher aus.



Kerstin Stolzenburg, 19.03.2009 um 6:25 Uhr

@Adrian (1): Lieber Adrian, danke für den Denkansatz in Bezug auf Nostradamus und seine Prophezeiungen. In einer bestimmten Form konnten und können Auseinandersetzungen mit Voraussagen von Zukunftsereignissen, wenn sie nicht unreflektiert allein als Omen betrachtet wurden bzw. werden, gewiss auch zu Überlegungen in Bezug auf die Lebenszeit, auch die gestundete Zeit führen, selbst wenn man das sicherlich nicht immer auf so lyrische Weise ausgedrückt haben mag. Von Nostradamus heißt es ja, dass seine Verse zwar einen pessimistischen Grundton hätten und sie folglich meist auch mit einem entsprechend düsteren Blick in die Zukunft in Verbindung gebracht werden, aber Nostradamus wollte mit seinem Werk die Menschen, wie er es selbst gesagt haben soll, nicht erschrecken, sondern ihnen im Gegensatz dazu sogar helfen. Er wollte, dass die Menschen eines Tages die Zukunft aus seinen Versen lesen können und damit den Verlauf der Geschichte im positiven Sinne verändern würden. (W.I. Kipedia)

Aber auch in der Literatur ist die Thematik Prophezeiungen nicht unbekannt. Und so werden nicht zuletzt auch Arbeiten von Ingeborg Bachmann gern mit solchen in Verbindung gebracht, nicht zuletzt trifft dies auch auf das Gedicht zu, das dieses Bild entstehen ließ.

Selbst die reinste Poesie kommt aus glühendem Intellekt, aufregende Verse, wenn sie vom Augenblick des Schaffens berührt und beflügelt wie Vorboten über uns kreisen, ein schimmerndes schwarzes Gefieder der Prophezeiung. (Isolde Schaad) http://bachmannpreis.orf.at/bp_2001/presse/ebund.htm

Gruß. Kerstin



Kerstin Stolzenburg, 19.03.2009 um 6:33 Uhr

Eckhard (1): Lieber Eckhard, ganz herzlichen Dank für diesen wunderbar geschriebenen und sehr lehrreichen Text über die Zeit. Den Tonfall in der Unterhaltung zwischen Kraty und Hermo hast Du dabei sehr gut getroffen. Wenn man den Dialog zwischen den Herren Kratylos und Hermogenes liest, wird man ihn dort genauso hören können (na, jedenfalls habe ich das so gehört ;-)).
Kratylos ist überdies sehr lesenswert :-). http://www.e-text.org/text/PLATON%20-%20KRATYLOS.PDF

Manches, was Du über die christliche Auffassung der Zeit schreibst, ist natürlich bekannt, einem in der Komplexität und seinem historischen Stellenwert jedoch vielleicht weniger bewusst. Es ist gut, deine Besprechung bzw. die Unterhaltung der beiden Philosophen zum Anlass nehmen zu können, sich mit den zyklischen Zeitvorstellungen einmal näher zu befassen.

Auf das Buch Kohelet in Bezug auf die Ausführungen zur Thematik Zeit sind wir ja sogar bereits einmal unter deinem Bild
Turn von Eckhard Meineke
Turn
Von
6.12.08, 12:06
31 Anmerkungen
etwas näher eingegangen. Und selbst was die angesprochene Zyklushaftigkeit der Zeit betrifft, gibt es bei Dir bereits ein Bild (das sich u.a. auch mit der göttlichen bzw. heiligen Zahl Drei befasste): Dargestellt ist hier der Zyklus eines Jahres oder des Lebens insgesamt; und auch dieser wird ja als "Dreiheit" gesehen. Mit dem frisch bearbeiteten Feld, in das vielleicht inzwischen die neue Saat eingebracht wurde, dem besonders leuchtend grünen Gras und den "sterbenden" Blättern könnte man auch an ein Nebeneinander der Jahreszeiten Frühling-Sommer-Herbst oder Wachstum-Fruchtbarkeit-Vergänglichkeit (Beginn-Mitte-Ende) denken.
October Road (4) von Eckhard Meineke
October Road (4)
Von
22.10.08, 17:32
39 Anmerkungen
Letztlich dienten ja auch astronomische Uhren dazu, den Menschen Erkenntnisse um zyklische Zeitvorstellungen, wie sie in der Natur auftraten und diese beeinflussten, zu erklären bzw. für ein Verständnis der Zusammenhänge zu sorgen.

Andererseits nutzte man diese Abläufe, den Betrachter neben dem einfachen Anzeigen einer Uhrzeit und der möglichen Wissensvermittlung in Bezug auf die Konstellation von Himmelskörper auch zum tieferen Nachdenken über die Zeit als solche und - besonders in Gotteshäusern - über seine eigene Vergänglichkeit anzuregen. Wie auch an der Uhr im Münster in Strasbourg zu sehen ist, wurden dazu Figuren angebracht, die in einer kontinuierlichen Bewegung beispielsweise die Darstellung des menschlichen Lebens von der Geburt bis zum Tod zeigen.

Kerstin



Kerstin Stolzenburg, 19.03.2009 um 6:37 Uhr

@Adrian (2): Lieber Adrian, was deine Ausführungen zum Hoffnungsschimmer betreffen, danke ich Dir sehr herzlich, werde aber an dieser Stelle noch nicht ausführlich darauf eingehen, weil es dazu in meinem fotohome-Ordner in der Schublade unveröffentlicht bereits ein sehr düsteres Bild gibt, das ich demnächst veröffentlichen wollte. ;-). Es stammt auch aus dem Strasbourger Münster und zeigt Menschen, die zur Uhr emporblicken. Du hast hier schon fast eine mögliche Interpretation dafür geschrieben. (Muss ich das nun auch als Prophezeiung sehen? ;-))

Grüße. Kerstin



Kerstin Stolzenburg, 19.03.2009 um 6:41 Uhr

@Adrian (3): Lieber Adrian, danke für das Gedicht Früher Mittag von Ingeborg Bachmann und den Auszug aus dem Text Auf der Suche nach der gestundeten Zeit von Karin Haferland. Ich hatte ihn natürlich auch bereits gelesen, bevor ich das Bild einstellte und fand ihn ebenfalls recht interessant: http://www.diedrei.org/Heft_7_06/06%20Haferland-Bachmann.pdf
Nun soll das Bild natürlich nicht nur eine Untermalung des Bachmann-Gedichts sein, sondern kann eigenständig auch für vergleichbare Verhältnisse in unserer heutigen Zeit stehen und davon haben wir ja genug, denken wir an die Bürgerkriege in der Welt, speziell auch auf dem afrikanischen Kontinent, denken wir an Finanz- und Wirtschaftskrisen oder auch an die hausgemachten gravierenden Veränderungen des Klimas, über die wir gern reden, von denen auch sicher ist, dass man gegensteuern muss, in deren Zusammenhang aber noch immer viel zu wenig getan wird; um Beispiele zu finden, braucht man sich nur im Alltag umschauen (die gesunden Erdbeeren aus Spanien liegen ja bereits seit einigen Wochen wieder in den Obst- und Gemüseabteilungen und das ist nur ein kleines Beispiel).
Aber es gibt ja auch den Hoffnungsschimmer im Gedicht!

Gruß. Kerstin



Kerstin Stolzenburg, 19.03.2009 um 6:43 Uhr

@Eckhard (2/1): Lieber Eckhard, auf deine interessante Besprechung in Bezug auf das lineare Verständnis von Zeit, für die ich Dir sehr herzlich danke, gehe ich heute abend ein.
Kerstin



Adrian K, 19.03.2009 um 8:57 Uhr

Ich bin
http://www.zeitgenoessische-oper.de/Idiot/Der%20Idiot.html

, ich hätte doch wissen müssen, dass andere auch recherchieren können ;-)
Gruß Adrian



Kerstin Stolzenburg, 19.03.2009 um 9:30 Uhr

Lieber Adrian, die Oper ist ja gewiss recht interessant, aber was Du damit verbindest, kann und werde ich weder bestätigen noch unterstützen! ;-))).
Ganz im Gegenteil, ich habe mich wirklich gefreut, dass Du das gefunden und in die Anmerkung geschrieben hast. Danke!
Grüße. Kerstin



Kerstin Stolzenburg, 20.03.2009 um 6:52 Uhr

@Eckhard (2/2): Lieber Eckhard, eigentlich wollte ich eine längere Erwiderung auf deine sehr interessanten Ausführungen schreiben. Bei der Beschäftigung damit merkte ich jedoch, dass ich deinen Text vielleicht doch "unkommentiert" stehenlassen sollte. Er ist wunderbar geschrieben und für mich, wie auch bereits der erste Teil deiner Besprechung, eine Anregung, mich wieder bewusster mit der Geschichte zu befassen und das Stückwerk, das man für sich selbst vor langer Zeit einmal mit dem Schulwissen anlegte und später durch das Nutzen verschiedener Medien, in Ausstellungen und im Rahmen Besichtigungen zusammentrug, weiter zu vervollständigen. Das erwähnte "Historische Wörterbuch der Philosophie" wird diesbezüglich bereits sehr hilfreich sein.
Danke für diesen sehr interessanten zweiten Teil deiner Besprechung.
Kerstin



E-Punkt, 20.03.2009 um 17:40 Uhr

Oh ja, das Bild, liebe
Kerstin , das paßt auch
sehr gut.

LG Elfi



Sabine Jandl-Jobst, 22.03.2009 um 17:53 Uhr

Ja, sehr anspruchsvoll, mit dem Bild kann frau sich länger beschäftigen, geht nicht so im Vorbeifliegen.
Sehr stark!
LG Sabine



erich w., 31.03.2009 um 12:53 Uhr

tolle bachmann-ilustration...
vielschichtig...
und gegenüber ist ein feines, recht unbekanntes lokal gleichen namens (horloge astronomique )
lg.e



Kerstin Stolzenburg, 31.03.2009 um 13:06 Uhr

Lieber Erich, danke! Auf das Lokal muss ich nächstes Mal achten, war mir bislang tatsächlich nicht aufgefallen.
Grüße. Kerstin



Eckhard Meineke, 1.04.2009 um 17:32 Uhr

Es-Er: "Frau Bachmann war ja damals gerade einmal 27 Jahre alt, als sie den Preis der Gruppe 47 erhielt." "Willy: 1953 ... tja, was soll man dazu sagen, liebe Es-Er. Dunkelrot glühte ihr Lippenstift. Es war acht Jahre nach dem großen Kriege, könnte man es formulieren." "Dass die Leute überhaupt noch den Mut hatten, in dieser Zeit Kinder in die Welt zu setzen." "Eine nette Anspielung, liebe Es-Er. Aber das war ja auch später so und immer wieder, in den verrücktesten und fürchterlichsten Zeiten und den befremdlichsten Staatsgebilden." "Nun ja, lieber Willy (lächelt). Für Ingeborg Bachmann war jedenfalls das Ende des Zweiten Weltkriegs der Beginn einer neuen Zeitrechnung. Denn in der etwa 1956/1957 konzipierten Erzählung 'Unter Mördern und Irren' aus der Sammlung 'Das dreißigste Jahr' stellt sie fest: 'Nach dem Krieg - dies ist die Zeitrechnung'. Und diese Zeitrechnung gilt auch für die Lyrik." "So ist es. Hier kann auf das Gedicht 'Früher Mittag' verwiesen werden, in dem sie die Klage erhebt: 'Sieben Jahre später / in einem Totenhaus, / trinken die Mörder von gestern / den goldenen Becher aus.' Das meint ja nicht die sieben Jahre Faschismus in Österreich, sondern exakt den historischen Moment der Entstehung des Gedichts im Jahr 1952, wie Kurt Barsch richtig bemerkt." "Weder Du hast diese Zeit richtig mitbekommen, lieber Willy, und ich schon mal gar nicht. Aber Bartsch führt ja dann weiter aus, dass das die Zeit ist, in der ehemalige Größen des NS-Staates im westlichen Deutschland ebenso wie in Österreich gesellschaftliche Machtpositionen und Reputation erfolgreich zurückzuerobern beginnen und sich erneut Tendenzen bemerkbar machen, die man als "militaristisch" bezeichnet hat." "Gut, je nach politischer Brille hat man das verschieden stark kritisiert ... jedenfalls war Bachmann der Auffassung, dass diese Wirklichkeit beispielsweise keine ungebrochene Naturlyrik mehr zulässt." "Darum sind diese Gedichte auch symbolisch gemeint; die Natur und deren Schilderung steht für etwas anderes. Wie Marsch treffend sagte, erfahren Naturbilder in diesen Gedichten 'Transformationen in andere Bedeutungsbereiche'." "Na ja, liebe Es-Er, ihr Literaturwissenschaftler habt immer diese tollen Formulierungen ... gibt es da nicht den herrlichen Roman 'Schnitzeljagd', in der euer ehrbarer Berufsstand einmal so richtig auf die Schippe genommen wird? Obwohl mir im Augenblick am besten die Gestalt der Fulvia Morgana im Gedächtnis haften geblieben ist, wie sie mit ihrem Sportwagen durch Gebirgsstraßen düst ... nun jedenfalls würden wir Sprachwissenschaftler vielleicht eher davon sprechen, dass Natur und Geschichte allegorisch verschränkt werden. Wobei ich ja persönlich für eine noch einfachere Ausdrucksweise zu haben bin: Die dargestellte Natur steht metaphorisch für etwas Anderes." "Mach' Dich nur über die Literaturwissenschaft lustig, lieber Willy. Nun, wie dem auch sei, damit wäre erst einmal der Rahmen für den Versuch einer Interpretation von 'Die gestundete Zeit' abgesteckt." "Das besprechen wir dann vielleicht morgen näher." "Wenn wir Zeit haben."



Eckhard Meineke, 2.04.2009 um 17:14 Uhr

"Man darf ja nicht vergessen, dass Fräulein Bachmann über Martin Heidegger promoviert hat." "Ja, 1950 ... da war sie ja gerade mal 24 Jahre alt ... "Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers". "Ist das nicht ein bisschen früh? Vielleicht hat sie Herrn Heideggers Ansichten gar nicht richtig verstanden." "Na ja, auf jeden Fall führt sie, wie Peter Beicken bemerkt, "das breite Spektrum der Heidegger-Kritik, logischer Positivismus, historischer Materialismus, Neukantianismus, geistesgeschichtlicher Idealismus, Phänomenologie, dialektische Theologie, Neuthomismus, Ontologen und Metaphysiker" ins Feld, um die Fragwürdigkeit seiner Existenzialphilosophie deutlich zu machen. Dabei ist interessanterweise der Angelpunkt ihrer eigenen Widerlegungsthese die Zurückweisung von Heideggers Position unter Berufung auf Ludwig Wittgensteins 'Tractatus logico-philosophicus' von 1921." Es-Er (seufzt): "Bestes Philosophendeutsch ... worum geht es denn da im Kern, Willy?" "Tja, liebe Es-Er, wo beginnen? Das könnte uferlos werden. Übrigens ein schöner Titel für ein Bild, das Ka einmal einstellen könnte ... Ich würde dann das Bild 'Brennend' einstellen ... Du kennst sicher den berühmtesten Satz aus Wittgensteins Tractatus, der da lautet: 'Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.' Was meint er damit? Es geht darum, dass es neben der rationalisierbaren, durch Sprache darstellbaren Welt, der also Sprache Wittgenstein zufolge logisch verwendet werden kann, einen Bereich der allgemeinen Wahrheit, einen Bereich des Lebens, der Existenz, der Grunderlebnisse ..." "... also etwa Furcht und so ..." "... Furcht und so, genau ... Hass, Furcht, Freude und so weiter, des Mystischen und des Göttlichen gibt. Und über die lässt sich nach Wittgenstein mit der Sprache nichts feststellen." "Und was meint Fräulein Bachmann dazu?" "Nun ja, erst einmal werden diese Grunderlebnisse als eine bedeutende Wirklichkeit anerkannt. Sie seien, schreibt Bachmann, tatsächlich irgendwie im Menschen lebendig, und drängen nach Aussage. "Sie sind aber nicht rationalisierbar, und Versuche hierzu werden immer zum Scheitern verurteilt sein.'" "Wenn ich mich recht erinnere, hatte ja Heidegger genau diesen Bereich des nach Wittgenstein Unsagbaren als den Erkenntnisbereich seiner Philosophie beansprucht." "Genau. Aber mit Wittgensteins Argument bezichtigt Bachmann Heidegger, dass er über diesen Bereich keine Erkenntnisse gewinnen könne, sondern bloßes Gerede produziere." "Ganz schön kess, die Kleine ... und welcher Bereich taugt ihr zufolge überhaupt, diese Sphären zu erhellen?" "Nun, ganz einfach. Bachmann beansprucht diesen Bereich als Darstellungsgegenstand der Kunst: 'Wer dem 'nichtenden Nichts' begegnen will, wird erschüttert aus Goyas Bild 'Kronos verschlingt seine Kinder' die Gewalt des Grauens und der mythischen Vernichtung erfahren und als sprachliches Zeugnis äußerster Darstellungsmöglichkeit des 'Unsagbaren' Baudelaires Sonett 'Le gouffre' empfinden können, in dem sich die Auseinandersetzung des modernen Menschen mit der 'Angst' und dem 'Nichts' verrät.'" "Kronos ... das ist ja der Gott der Zeit, wenn ich nicht irre." "Womit wir uns dem Gedicht schon etwas weiter genähert hätten."



Kerstin Stolzenburg, 3.04.2009 um 6:39 Uhr

@sola: Liebe Sola, Michael Endes Roman "Momo" kenne ich natürlich auch sehr gut. Es ist eine schöne und passende Vorstellung, das Bild mit dieser Geschichte zu verknüpfen.
Danke!
LG. Kerstin




Kerstin Stolzenburg, 3.04.2009 um 6:54 Uhr

@Eckhard: Liebe Es-Er, lieber Willy, es war ganz wunderbar, eurer Unterhaltung in Bezug auf den Rahmen für eine Interpretation des Bachmann-Gedichts zu lauschen ;-).
Mit der Gruppe 47 habe ich mich daraufhin gestern etwas intensiver auseinandergesetzt, sodass ich diesbezüglich nun auch etwas mehr weiß als vorher.
(Ich meine sogar, Es-Ers Anspielung in Bezug auf die Kinder zu verstehen ;-)). Und solche Anmerkungen wie (lächelt) sind einfach herrlich, wenn ich mir eure Gesichter vorstelle ;-))).

Danke auch für den Hinweis auf Kurt Bartsch. Ich habe ein wenig gestöbert und einen sehr interessanten Artikel im Internet gefunden (Unter Mördern und Irren Zu einem Menschenbild in der zeitgenössischen österreichischen Literatur), der auch die angesprochene Thematik aufgreift: http://www.kfunigraz.ac.at/communication/news/archiv/2003/graz200
3/projekte/PDF/BARTSCHTXT.PDF

Was die Auffassung betrifft, dass diese Wirklichkeit beispielsweise keine ungebrochene Naturlyrik mehr zulässt, ist das ja ein Denkansatz, der auch heute, unter bestimmten, vielleicht anderen und neuen Vorzeichen und Voraussetzungen betrachtet, Gültigkeit haben könnte. Neben den politischen und gesellschaftlichen Aspekten wird da etwas angesprochen, was mir in Bezug auf diese Zeit gar nicht so bewusst war: Was uns blühen wird, ob es uns blühen wird und was wir beachten müssten, damit es uns nicht blüht, ..., davon handeln jene Gedichte, die man als Ökolyrik bezeichnet hat. Vereinzelt und ganz sporadisch ist dieses Thema schon in den fünfziger und sechziger Jahren aufgetaucht, sehr früh bereits bei Ingeborg Bachmann in dem Gedicht Freies Geleit.
http://books.google.de/books?id=87CW4xmOHiIC&pg=PA156&lpg
=PA156&dq=bachmann+Naturlyrik&source=bl&ots=_zJx0sDej
z&sig=irsgOQWYOr7vmBYnWBGbEA0dfEU&hl=de&ei=O9HUSenzGI
TI-AaH4cSHCw&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum
=10


Freies Geleit (Aria II)

Mit schlaftrunkenen Vögeln
und winddurchschossenen Bäumen
steht der Tag auf, und das Meer
leert einen schäumenden Becher auf ihn.

Die Flüsse wallen ans große Wasser,
und das Land legt Liebesversprechen
der reinen Luft in den Mund
mit frischen Blumen.

Die Erde will keinen Rauchpilz tragen,
kein Geschöpf ausspeien vorm Himmel,
mit Regen und Zornesblitzen abschaffen
die unerhörten Stimmen des Verderbens.

Mit uns will sie die bunten Brüder
und grauen Schwestern erwachen sehn,
den König Fisch, die Hoheit Nachtigall
und den Feuerfürsten Salamander.

Für uns pflanzt sie Korallen ins Meer.
Wäldern befiehlt sie, Ruhe zu halten,
dem Marmor, die schöne Ader zu schwellen,
noch einmal dem Tau, über die Asche zu gehn.

Die Erde will ein freies Geleit ins All
jeden Tag aus der Nacht haben,
daß noch tausend und ein Morgen wird
von der alten Schönheit jungen Gnaden.

(Ingeborg Bachmann)

http://home.bn-ulm.de/%7Eulschrey/literatur/bachmann/bachmann_fre
iesgeleit.html


Das Symbolische in den Naturgedichten Bachmanns ist natürlich nicht unbedingt beim ersten Lesen zu verstehen. Man wird sich mit der Entstehung und den Hintergründen befassen müssen wie dies ja auch bei der symbolischen Fotografie beispielsweise der Fall ist -, um neben dem reinen Genuss der Poesie auch die Aussagemöglichkeiten einer Arbeit erfassen zu können. Das Gedicht Enigma soll ein Beispiel dafür sein.

Enigma von Eckhard Meineke
Enigmanicht in Diskussion
Von
10.9.08, 16:40
Enigma

(Für Hans Werner Henze aus der Zeit der Ariosi)

Nichts mehr wird kommen.
Frühling wird nicht mehr werden.
Tausendjährige Kalender sagen es jedem voraus.
Aber auch Sommer und weiterhin, was so gute Namen
wie »sommerlich» hat -
es wird nichts mehr kommen.
Du sollst ja nicht weinen,
sagt eine Musik.
Sonst
sagt
niemand
etwas.
(Ingeborg Bachmann)

Wenig zuvor hatte Ingeborg Bachmann, die damals von Depressionen wie gelähmt war, in einem Interview gesagt: Es sei ein Irrtum, zu glauben, nur im Krieg würde man ermordet, auch mitten im Frieden geschehe das. Und der Faschismus habe nicht mit den ersten Bombenabwürfen begonnen. Alles fange immer mit den Beziehungen zwischen den Menschen an. http://www.dw-world.de/dw/article/0,,2104069,00.html

"Enigma", ein griechisches Wort, bedeutet Rätsel - und in ihr poetisches Rätsel hat Ingeborg Bachmann Hinweise auf Musik "eingeschmuggelt". So ist dem Text des Gedichts, wie oben zu lesen ist, die Widmung "Für Hans Werner Henze aus der Zeit der Ariosi" vorangestellt. Neben den Liedern des mit ihr befreundeten Komponisten Henze sind es Motive aus den so genannten "Altenberg-Liedern" Alban Bergs und Zeilen aus einer Symphonie Gustav Mahlers, die sie in "Enigma" eingearbeitet hat. http://www.dradio.de/dlf/sendungen/lyrikkalender/504255/

Gustav Mahler: 3. Sinfonie d-moll - aus der Sicht Ingeborg Bachmanns: http://www.tamino-klassikforum.at/thread.php?threadid=6705


Liebe Es-Er, lieber Willy, vielen Dank auch für die interessanten Ausführungen zur Philosophie. Ich antworte darauf morgen ;-).

Kerstin



Eckhard Meineke, 3.04.2009 um 18:25 Uhr

Liebe Kerstin, schön, dass Dich die beiden ein wenig erfreuen konnten. Sie könnten ihr Gespräch demnächst fortsetzen. Eckhard



Kerstin Stolzenburg, 3.04.2009 um 21:09 Uhr

Lieber Eckhard, die beiden erfreuen mich sogar sehr und ich bin schon überaus gespannt auf die Fortsetzung ihres Gesprächs.
Kerstin



Kerstin Stolzenburg, 5.04.2009 um 7:36 Uhr

@Eckhard: "Uferlos", liebe Es-Er, lieber Willy, erscheint mir in der Tat ein interessanter Titel für ein Bild, über den es sich für Ka gewiss lohnen dürfte, nachzudenken. Ganz leicht stelle ich mir das aber nicht vor, führt einen normalen Leser doch allein bereits das Befassen mit Ingeborg Bachmanns Texten in zunächst fast uferlos erscheinende Gebiete der Literatur- und vielleicht auch der Sprachwissenschaft sowie der Philosophie.
Auf jeden Fall ist es natürlich sehr beachtlich, wenn jemand mit 24 Jahren das Wissen und die Reife besitzt, über Heidegger und das angesprochene Spektrum der Philosophie zu promovieren.

Über Wittgenstein hattest Du bereits kurz etwas unter dem Bild
geschrieben. Die hier angesprochenen Thematik der durch Sprache darstellbaren oder auch nicht rational darstellbaren Welt findet man ja auch bereits bei Mauthner - wenn ich das richtig interpretiere - http://www.gleichsatz.de/b-u-t/221149/sprakri.html
, der auf Wittgenstein keinen geringen Einfluss gehabt haben wird. "Wittgenstein's affinity to Mauthner ist, indeed, evident in all phases of his philosophical development, though it is most obvious in his later writing." (Hans Sluga in Raf Goeres: Die Entwicklung der Philosophie Ludwig Wittgensteins unter besonderer Berücksichtigung seiner Logikkonzeptionen)

Was für mich beim Lesen sehr interessant war, ist der Aspekt, dass sich in Mauthners Arbeiten bereits eine ganze Reihe von Motiven finden, die später bei Wittgenstein wiederkehren: so z.B. die 'Leitermetapher'
zur Bestimmung der eigenen Methode. (Quelle: Reinhard Margreiter: Erfahrung und Mystik) "Will ich emporklimmen in der Sprachkritik, die das wichtigste Geschäft der denkenden Menschheit ist, so muß ich die Sprache hinter mir und vor mir und in mir vernichten, von Schritt zu Schritt, so muß ich jede Sprosse der Leiter zertrümmern, indem ich sie betrete. Wer folgen will, der zimmere die Sprossen wieder, um sie abermals zu zertrümmern. In dieser Einsicht liegt der Verzicht auf die Selbsttäuschung, ein Buch zu schreiben gegen die Sprache in einer starren Sprache." http://euro.mein-serva.de/mauthner2004/mauthner/fm/kamp1.html
Heidegger betreffend, markierte Ingeborg Bachmann in ihrem Wittgenstein-Essay "Sagbares und Unsagbares" den Unterschied zwischen beiden Philosophen ja sehr deutlich: "Wo Heidegger zu philosophieren beginnt, hört Wittgenstein zu philosophieren auf." (Matthias Bormuth: Utopie und Sprache bei Ingeborg Bachmann) http://parapluie.de/archiv/worte/bachmann/

Die aufgeführten Hinweise zu den beiden Kunstwerken finde ich in dem Zusammenhang sehr interessant. Scheinbar fügte Ingeborg Bachmann Baudelaires Sonett "Le Gouffre" und Goyas Gemälde "Kronos verschlingt seine Kinder" auch im Nachwort ihrer Dissertation als Varianten der Darstellungsweise für das nach Wittgenstein philosophisch Unsagbare im Bereich der Kunst auf. http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=9535&am
p;ausgabe=200606
Betrachtet man die beiden Werke und lässt sich darauf ein, so gelangt man in der Tat in Bereiche des Fühlens und in Erinnerungs- und Erfahrensbereiche im eigenen Leben, die mit Worten möglicherweise nicht mehr mitteilbar sind.

Der Abgrund

Pascal sah, wo er ging, des Abgrunds Spalt.
Abgrund ist alles uns, Tat, Traum, Verlangen;
Wie oft hob sich mein Haar in starrem Bangen,
Durchschauerte mich Grauen eisig kalt!
In Höhn und Tiefen, wo kein Ton mehr hallt,
In Ländern, furchtbar und doch voller Prangen,
Ist Gottes Hand durch meinen Schlaf gegangen,
Ein Schreckbild malend, grausam, vielgestalt.

Ich fürchte mich vorm Schlaf, dem schwarzen Tor,
Das Unheil birgt, wenn man den Weg verlor:
Die Ewigkeit blickt starr durch alle Scheiben.

Mein Geist, hintaumelnd an des Wahnsinns Sumpf,
Beneidet, was da fühllos, kalt und stumpf.
Ach, immer bei den Zahlen, Dingen bleiben!

(Charles Baudelaire)

"Dieser Abgrund ist eine universelle Erfahrung, die das gesamte Dasein als abgründig darstellt. Man muss nicht daran erinnern, dass Baudelaire sich hier auf Pascals Philosophie bezieht. In keiner Situation kann das Ich mit sich selbst identisch sein, weder im romantischen Traum oder Schlaf, noch im Aktionismus, nicht in nostalgischer Erinnerung, nicht in der Zerknirschung der Reue, nicht in der Erfahrung des Schönen, in der Kant noch so etwas wie eine Identitätserfahrung möglich sah. Auch die Zahl ermöglicht keine Identität mehr, sondern gerade in ihr erscheint der Abgrund des Nichts auf." (Hermann Doetsch: Flüchtigkeit. Archäologie einer modernen Ästhetik bei Baudelaire)

Liebe Es-Er, lieber Willy, danke für die Anregungen! Da nach Wittgenstein also "die Sprache selbst das Vehikel des Denkens ist" (Bachmann: Ausgewählte Werke, Band I, Aufbau Verlag), will ich es vorerst bei dieser kurzen Reflexion in Bezug auf euer letztes Gespräch belassen, auch, weil in dem zur Verfügung stehenden Rahmen nur angerissen werden kann, was möglich wäre.

Ich freue mich schon auf euer nächstes Gespräch :-).

Kerstin



Eckhard Meineke, 5.04.2009 um 11:21 Uhr

Liebe Kerstin, wenn ich die beiden recht verstanden habe, wollen sie das Gespräch heute abend fortsetzen. Mit Mauthner liegst Du völlig richtig; ich behandle ihn immer in einem Hauptseminar zur Geschichte der Sprachkultivierung des Deutschen. Eckhard




Eckhard Meineke, 5.04.2009 um 18:47 Uhr

Giselle (eine Probe) von Eckhard Meineke
Giselle (eine Probe)
Von
26.3.09, 8:12
61 Anmerkungen


"'Du darfst meinetwegen jetzt Gisèle nicht versäumen.' ... 'Muß ich jetzt denken, daß ich Dich wieder unglücklich mache, wieder die Zerstörung bringe, für sie und Dich, Dich und mich? Daß man so verdammt sein sollte, kann ich nicht begreifen.'" "Schön aus den Briefen von Mademoiselle Bachmann an M. Paul Celan zitiert, lieber Willy. Woher weißt Du diese ganzen Sachen eigentlich?" "Na ja, nicht aus dem Internet. Obwohl ich gegen das Internet im Prinzip nichts habe, Es-Er. Bis vor kurzem wussten ja die Germanisten und alle sonstigen Interessierten ja gar nicht, was es mit 'Die gestundete Zeit' wirklich auf sich hat. Oder jedenfalls nicht ALLES. Was man so weiß, wenn man 'Frau ohne Herz' oder 'Das gelbe Blatt' liest. Eigentlich finde ich es ja problematisch, dass die Briefe der beiden von Frau Stoll & Co. herausgegeben wurden. Und dann auch noch mit dem intelligenten Titel 'Herzzeit'. Da hätte es vielleicht auch andere Lösungen gegeben; ich verlinke mal zwei Bilder von IHM."

Herzschnitt von Eckhard Meineke
Herzschnittnicht in Diskussion
Von
18.7.08, 21:04





"Tja, mein Lieber, Du weißt ja immer alles besser; Deine Berufskrankheit, würde ich sagen. Leider stimmt es auch meistens ... Von IHM gibt es zu dem zweiten Bild eine ganze Serie, mit der IHM wohl zeigen will, wie viel Bearbeitung ein Herz verträgt ... Nun, wer nicht will, dass seine intimsten Sachen nach seinem Tod an die Öffentlichkeit gelangen, der muss sie eben zu Lebzeiten verbrennen. Auch Kafka war da gar nicht gut beraten ... (lächelt) ...; was für ein Glück für uns. Aber so geplant waren die Todesarten bei Paul Celan und Ingeborg Bachmann ja nicht gerade." "Gut, wer sich wie Celan 1970 in die Seine stürzt - das war ja praktisch noch "vor Deiner Zeit", wie die Leute in dieser Ratesendung immer sagen, wenn sie nichts wissen -, hat zumindest etwas geplant ... Und wenn nun die Bachmann drei Jahre später an einer Brandverletzung stirbt, dann war das sicher nicht geplant. Man sollte eben nicht im Bett rauchen." "Man sollte gar nicht rauchen ... höchstens Pfeife ... aber Heldinnen müssen früh sterben. Die Zeitschrift ... nennen wir sie 'Spettacolo', die sie seit ihrer Zeit in und um die Gruppe 47 zum Medienprodukt hochstilisiert hat, hat dieser eine Tod in Rom damals und immer wieder sehr interessiert. Und mit den 'Todesarten' hat sich Frau Bachmann ja nun weiß Gott auch ausgiebig genug befasst." "Gewiss. Nun, wenn ich mich nicht irre, stammt der Brief, in dem Bachmann so schön metaphorisch schreibt, dass Celan seine Frau Gisèle nicht wegen ihr 'versäumen' soll, als wäre es ein Ballett, von 1957; da sind wir ja von dem Ende der beiden weit entfernt." "Von ihrem Ende auf der Erde, lieber Willy. Aber es gibt bekanntlich erfahrungsgemäß ein Leben vor dem Tode, das für uns erst einmal weitaus interessanter ist als die Taube auf dem Dach. Und in dem waren die beiden in einer Weise verbunden, für die es, um mit Wittgenstein zu sprechen, gar keine Worte gab." "Gewiss, die namenlose Liebe, Es-Er. Kennengelernt hatten sie sich ja bereits fünf Jahre vor der 'Gestundeten Zeit'." "Die Tochter eines früh der NSDAP beigetretenen Kärntner Lehrers, der als Offizier im Zweiten Weltkrieg gewesen war, und Paul Celan, der aus Czernowitz gebürtige staatenlose Jude deutscher Sprache, dessen Eltern im KZ umgebracht wurden und der ein rumänisches Arbeitslager mit knapper Not überlebt hat. Übrigens ist die Bachmann in dieser Beziehung (schmunzelt) eine rechte Plaudertasche: 'Der surrealistische Dichter Paul Celan' habe sich 'herrlicherweise' in sie verliebt', schreibt die Bachmann am 20. Mai 1948 an ihre Eltern. Ihr Zimmer 'sei ein Mohnfeld', denn er beliebe sie 'mit dieser Blumensorte zu überschütten'."



Willy (schmunzelt): "Wieder ein Bild von IHM. Ja, der Artikel von Frau Stoll, die die Briefe mit herausgegeben hat, so jedenfalls die korrekte neue Rechtschreibung, in der FAZ vom 9. 9. 2008 ist natürlich weitaus besser recherchiert als das, was jemand, der diesen Briefen nicht so nahe stand, hätte sagen können. Abgesehen davon, dass zwischen 'beliebe' und 'sie' das Komma fehlt." "Pedant! ... Sei doch froh, dass die Briefe herausgegeben wurden!" "Nun, Es-Er, Du weißt doch, wie das läuft ... die Familie ist sehr lange bekniet worden, würde ich sagen ... Frau Stoll drückt es natürlich weitaus vornehmer aus: 'In vielen Gesprächen ... sind wir schließlich zu der Auffassung gelangt, dass dieser Briefwechsel veröffentlicht werden muss' - das Wort muss ist kursiv gedruckt -. 'Denn die Briefe Ingeborg Bachmanns und Paul Celans dokumentieren nicht nur ein existentielles Ringen um die deutsche Sprache im Angesicht der historischen Katastrophe, sondern offenbaren auch einen verzweifelten Kampf um private Verständigung und poetisches Verstehen. Diese Auseinandersetzung schließt im Lauf der Jahre auch die jeweiligen Lebenspartner mit ein, so dass wir uns entschlossen haben, auch die Briefe von Max Frisch und Gisèle Celan-Lestrange aufzunehmen.'" "Wunderbar ausgedrückt. An der Wurstbude würde man sagen, die Leute sind scharf auf den Verlauf der amour fou, die Dreiecksgeschichte und dann die Vierecksgeschichte." "Na ja, Es-Er, abgesehen einmal davon, dass die Wurstbudenleute erstens 'geil' sagen würden und zweitens zu 'amour fou' vielmehr 'verbotene Liebe'; das können sie ja inzwischen einordnen, nachdem dieses Thema in den Vorabendsoaps tausendfach zerquatscht und zerspielt worden ist." "Ja, widerlich ... guckst Du die Sachen auch immer? Sehr schön entspannend. Wir müssen wieder auf die 'Gestundete Zeit' zurückkommen; sonst verquatschen wir uns völlig."



Kerstin Stolzenburg, 7.04.2009 um 7:55 Uhr

@Eckhard: Lieber Eckhard, dein Bild "Giselle (eine Probe)" auch aus dem Blickwinkel der Gisèle Celan-Lestrange zu sehen, ist natürlich sehr interessant, denn nach der, dem Ballett zugrundeliegenden Geschichte ist zunächst der Blick auf die Geliebte, die von einer festen Partnerschaft bzw. dem Versprechen "Albrechts" nichts weiß, naheliegender. Hier haben wir es jedoch mit einer anderen Konstellation zu tun. "Ich bin Dir dankbar, daß Du Deiner Frau alles gesagt hast, denn es ihr "ersparen". hieße doch, schuldiger werden, auch sie verringern. Weil sie ist, wie sie ist, und weil Du sie liebst." Mutig von Celan und ehrlich, wie ich finde, und was Gisèle betrifft, auf den ersten Blick in der Tat großherzig, gerade auch weil eine solche Eröffnung bis ins tiefste Innere treffen muss. Nun kann man, wenn man ihre Biographie nicht kennt, nur spekulieren, was in ihr vorgegangen sein muss und sie das Ganze akzeptieren ließ: Liebe, der gemeinsame Sohn, ... Interessant ist auch die spätere Entwicklung, die sogar eine Annäherung der beiden Frauen zuließ; man kann das u.a. in ihren Briefen, die ja ebenfalls in "Herzzeit" veröffentlicht wurden, nachlesen.

Was die schönen Bilder und die Bilderserie "Gezeichnet" von IHM in Bezug auf diesen bzw. einen besseren Titel angeht, so muss ich Willy Recht geben. Auch wenn der Titel "Herzzeit" nicht aus der Luft gegriffen ist, sondern aus einem Gedicht Celans stammt, so hätte man hier gewiss etwas subtiler wählen können.

Köln, am Hof

Herzzeit, es stehn
die Geträumten für
die Mitternachtsziffer.

Einiges sprach in die Stille, einiges schwieg,
einiges ging seiner Wege.
Verbannt und Verloren
waren daheim.

Ihr Dome.

Ihr Dome ungesehn,
ihr Ströme unbelauscht,
ihr Uhren tief in uns.

(Paul Celan)

Beide waren sich auch des "Exemplarischen" ihrer Beziehung und ihres brieflichen Austausch wohl sehr bewusst. - Interessant ist das Lesen dieses Briefwechsels, weil es nicht allein um die schriftliche Dokumentation einer Liebesgeschichte geht, sondern weil man aus ihm Bezüge zum jeweiligen Werk der Schreibenden entnehmen kann, sich grundsätzlich einen Eindruck davon verschafft, wie schwer dieses "Ringen um Sprache" und Verständigung in der Tat gewesen sein mochte. Und es erlaubt einen ganz besonderen, einen tieferen Zugang zu den Texten der beiden Schriftsteller.

Danke, liebe Es-Er, lieber Willy für dieses anregende Gespräch.

Kerstin



Eckhard Meineke, 7.04.2009 um 17:22 Uhr

Liebe Kerstin, danke für die Erwiderung, der ich nichts hinzufügen möchte, zumal das Gespräch der beiden ja weitergehen soll. Eckhard



Eckhard Meineke, 8.04.2009 um 18:19 Uhr

"Das wirkliche Leben pflegt mit Wundern etwas sparsam zu sein, liebe Es-Er." "Ja, so etwas gibt es im wesentlichen in der Literatur oder im Film, Willy. Das darf ich wohl behaupten, auch wenn ich wesentlich jünger bin als Du. Leider ... (sieht ihn etwas länger an und beobachtet sein Mienenspiel) ... mit 'leider' habe ich jetzt die Wunder gemeint, die im wirklichen Leben nicht vorkommen, sondern nur in der Kunst. Etwa in 'Stellet Licht' oder seinem Vorbild 'Ordet'. Im realen Leben ist das alles etwas komplizierter." "Nicht einmal die Bachmann und Celan konnten wirklich zusammenleben." "Nein, die Bachmann schreibt über ihren am 14. Oktober 1950 beginnenden Pariser Aufenthalt bei Celan an ihren Wiener Freund Hans Weigel, dass der Versuch eines gemeinsamen Lebens "strindbergisch" geworden sei. Man habe sich 'gegenseitig die Luft' genommen." "Und dann hat Celan die aus altem französischen Adel stammende Künstlerin Gisèle Lestrange gefunden, Anfang November 1951. Womit seine materiellen Sorgen jedenfalls beendet waren." "Typisch von Dir, diesen Aspekt hervorzuheben, Willy. Aber so ist es. Was wäre Thomas Mann ohne die Pringsheims; Heinrich war da taktisch völlig daneben ... die Bachmann war zu dieser Zeit bettelarm." "Im November 1951 nicht mehr; sie hatte im April 1951 eine Anstellung bei der amerikanischen Besatzungsbehörde gefunden. Aber davor. Sie kämpft gegen die "zermalmende, schreckliche, hundertköpfige Hydra Armut". Dazu gehören ein Nervenzusammenbruch, Fieberschübe und Zusammenbrüche. Immerhin ist sie dann ab September 1951 als freie Mitarbeiterin für den von der Besatzungsbehörde gegründeten Sender Rot-Weiß-Rot tätig." "Rot-Weiß-Rot, Willy? ... Ach so, schon klar." "Daraus wird dann eine feste Redakteursstelle." "Celan hatte ihr in dieser Zeit geschrieben: "Lass uns nicht mehr von Dingen sprechen, die unwiederbringlich sind, Inge. Und bitte, komm nicht meinetwegen nach Paris!" "Starker Tobak, Es-Er. Wir Männer sind doch in Gefühlsdingen oft die reinsten Trampel. Aber das Merkwürdige ist ja, dass dieser Brief bei der Bachmann sowohl den tiefsten Schmerz auslöst als aber auch eine Wendung dahingehend einleitet, dass sie fortan ihr Leben entschieden in die eigenen Hände nimmt." "Womit wir uns der 'Gestundeten Zeit' nähern." "Ja, ja, ich weiß, Es-Er ... in der Kürze liegt die Kürze, aber das war es auch bereits ... einen Moment noch (lächelt). Man hat gesagt, dass sie die Aufnahme der eigenen Gedichte vorangetrieben hat, aber auch mit allen Mitteln versuchte, den Freund mit auf diese Reise zu nehmen." "Das war wohl auch so. Und dass sie dann beide zu der Niendorfer Tagung der Gruppe 47 eingeladen wurden, 1952, wird nicht ohne einige Finesse zustandegebracht worden sein." "Finesse ... aus deinem Mund klingt das Wort ausgezeichnet, Es-Er. Fotografierst Du übrigens auch? ... Mit ihren Gedichten kam sie dort an, obwohl sie nur leise und stockend vortrug, aber Celan überhaupt nicht." "Nun ja, in der Gruppe 47 befanden sich nicht wenige ehemalige Wehrmachtssoldaten, die eher am realistischen Erzählen orientiert waren. Und als Celan dann die 'Todesfuge' las und das Gedicht 'Ein Lied in der Wüste' mit seiner dunklen, melodiösen Stimme, wurde das als 'ärgerliches Pathos eines jüdischen Lyrikers' verbucht." "Aus heutiger Sicht schier unglaublich, Es-Er. Man kann verstehen, warum sich Celan dann gekränkt nach Paris zurückzog." "Gewiss. Aber die Bachmann, für die sich mit der ersten Einladung zur Gruppe 47 ein Tor zur Welt geöffnet hatte, versucht nun, den Freund zu bewegen, Manuskripte an Verlage zu schicken und Lesungen wahrzunehmen." "Und ihre einstige Verehrung wandelt ihren Charakter. Sie spricht nun auf Augenhöhe. Sie hat die Hoffnung, dass sie seine Gedichte 'besser lesen kann als die anderen', weil sie ihm 'darin begegne'". "Celan hat darauf nicht reagiert." "Aber mit ihren Gedichten wird sie ihm beweisen, dass sie zu lesen versteht und dass sie wie niemand anders im Leben des jüdischen Dichters Celan den Finger auf die Wunde der hereinbrechenden Erinnerung legen kann." "Und im Dezember 1953 schickt sie ihm ihren Gedichtband "Die gestundete Zeit". "Nur Celan kann zu diesem Zeitpunkt 'das Briefgeheimnis ihrer Gedichte entziffern', wie Frau Stoll trefflich schreibt." "Gut, das betrifft den ganzen Band, über den wir uns hier nicht äußern können, wie auch das Mottogedicht selbst." "Über das wir dann bei nächster Gelegenheit sprechen." "Hast Du übrigens heute abend noch etwas vor?"



Kerstin Stolzenburg, 9.04.2009 um 8:00 Uhr

Lieber Eckhard, herzlichen Dank, dass Du mich an dieser interessanten Unterhaltung der beiden Germanistenkollegen teilhaben lässt ;-). Ich denke darüber nach und antworte am Abend.
Kerstin



Eckhard Meineke, 9.04.2009 um 22:14 Uhr

"... vernünftig sein." "Die Vernunft ist nur eine dünne Hülle um das Es, wie die Erdoberfläche über der Magma."

Schwarzes Eis von Eckhard Meineke
Schwarzes Eis
Von
14.3.09, 12:01
44 Anmerkungen


"In der Tat. Wusstest Du übrigens, dass es jetzt neben den klassischen Sportschützen, denen ja eher die Leute davonlaufen, eine zweite Schützengattung gibt, die mit großkalibrigen Imitatwaffen, die Farbkugeln verschießen und den Rückstoß der echten Waffen haben, in der Natur herumlaufen und die Szenen nachstellen, die sie bereits aus den Computerspielen kennen?" "Nein; das ist ja nicht zu fassen!" "Wieso, das war doch zu erwarten. Es sollen bereits 80.000 Leute sein. Am PC herumsitzen ist doch nicht cool. Aber auf lebende Ziele schießen; das macht an. Die Zeitschrift 'Stella' berichtete kürzlich darüber. Wer mit diesen Imitatwaffen geübt hat, kann dann problemlos eine echte verwenden." "Nun ja ... es gibt so viele Verrückte, wie IHM sagen würde ... im Bösen wie im Guten. Übrigens ist es natürlich ein Problem, dass 'Stellet Licht' unter Bauersleuten spielt. Reflexion über das, was da geschieht, kann man nicht erwarten." "Das ist in den anspruchsvollen und weniger anspruchsvollen Romanen und Fernsehspielen ja nun weiß Gott genug zerredet worden. Ich finde es gut, dass es praktisch nur die Handlung gibt, so einfach sie ist, und dann diese wunderbaren Bilder." "Ja, dem Bauern wird in der entscheidenden Szene sehr schön der Hut vom Kopf geweht .... der Hut, die Hut, die Behütung ..." "Lass das jetzt, Willy. Wir müssen mit Frau Bachmann und Herrn Celan auch mal zum Ende kommen, so wenig wir hier auch dazu sagen können." "Ja, relativ wenig. Aber hier auch relativ viel. Hoffentlich hat es Ka ein wenig gefallen ... 'Ungedruckte Quellen mitzutheilen, ist, wie Jeder zugeben wird, das erste unter den Verdiensten, die um ein geschichtliches Fach erworben werden können', wie Friedrich Carl von Savigny einmal trefflich sagte ... aber auch mit den Briefen wissen wir eigentlich kaum etwas." "Es soll ja auch damals schon das

Telefon von Eckhard Meineke
Telefonnicht in Diskussion
Von
7.4.09, 17:15


gegeben haben zwischen Wien und Paris."

"In die Mulde meiner Stummheit leg ein Wort ..." "Ja, besser kann man es nicht sagen, liebe Es-Er. Ein schöner Titel. Allerdings finde ich die Interpretation der 'Gestundeten Zeit' von Herrn Dorowin in dem Sammelband dieses Titels von Herrn Kucher und Herrn Reitani nicht so toll. Wohingegen ich sehr davon angetan war, dass meine alte Kollegin Behre sich dort über 'Enigma'

Enigma von Eckhard Meineke
Enigmanicht in Diskussion
Von
10.9.08, 16:40


äußert." "Ja, diesen Aufsatz kann Ka bei Gelegenheit selbst, lesen, lieber Willy. Was hältst Du denn von Herrn Beickens Interpretation in seinem Buch über die Bachmann?" "Na ja, das Gedicht zitieren und dann eine halbe Seite etwas darüber schreiben, das würde ich mir selbst als Sprachwissenschaftler zutrauen." "Gut, lassen wir den auch beiseite. Allerdings ist das Buch für die Vita der Bachmann sehr wertvoll." "Gewiss. Wer über alles schreibt, schreibt oft über das Detail wenig. Man kann es ihm nicht vorwerfen. Eine Zierde unserer Stadtbibliothek." "Ähnlich Positives könnte man über das Buch von Bartsch sagen." "Karl Bartsch? ... Ach nein, Kurt. Ja, eine gute Einführung." "Wie das Buch von Herrn Höller." "Mit dem Altersbild auf dem Umschlag, ja." "Herrn Schärfs Interpretation in dem Band von Herrn Mayer ist ja so übel nicht. Wenn man das gelbe Reclam-Bändchen sieht, möchte man das gar nicht glauben." "Natürlich ein reines Vorurteil. Es gibt auch ein blaues Bändchen von Herrn Beicken, den wir bereits mit seiner Biographie erwähnt hatten. Vielleicht ist das unter deinem Niveau?" "'Literaturwissen' ... klingt nach Oberstufe. Was schreibt der denn zu der 'Gestundeten Zeit?'" "Nun, er meint, dass dem Gedicht ein Dringlichkeitsappell eigen sei, der aus warnender Voraussicht zum Handeln aufruft. Dann geht er kurz auf germanistische Kritik ein, die der Bachmann 'Verschwommenheit' in der Sprache vorgeworfen hatte, weil 'jede Ursache im Dunkel' zu bleiben scheine. Dagegen sprächen aber solche unpoetischen Begriffe wie die 'gestundete Zeit' und die ungewöhnlich ausdrucksstarke Wendung 'es kommen härtere Tage'." "Gut, Lyrik muss ja nicht gleich für jedermann einsehbar sein, und warum sollten irgendwelche Ursachen genannt werden?" "So ist es, liebe Es-Er. Nun, was das Gedicht selbst betrifft, bemerkt Beicken gewiss mit Recht, dass dort Reminiszenzen an die klassische Mythologie spürbar sind, etwa im Wahrsagen der Auguren aus den Fischeingeweiden. Ferner wird sowohl auf Odysseus, den listigen Helden des trojanischen Krieges und Spätheimkehrer nach endlosen Irrfahrten, angespielt als auch auf Orpheus, den welt- und götterbewegenden Trauer-Sänger. Für Odysseus, den Vertreter der Klugheit und der instrumentellen Vernunft, schreibt Beicken, ergibt sich hier keine Rückkehr und endgültige Heimkunft, sondern er erliege dem Zwang erneuten Aufbruchs. Ehemals wurde er von seinem treuen Hund wiedererkannt. Jetzt aber ergeht der Aufruf an ihn, die Tiere zurückzujagen. Das Verfahren der Kontrafaktur, Nachdichtung mit spezifischer Variation, hier die Umkehrung ins Gegenteil, werde deutlich. Lupinen werden oft zur Bodenregenerierung angepflanzt; hier erfüllen sie die ihnen zugeschriebene Funktion des Leuchtens kaum, sind kraftlos im Leuchten; statt klassischer Lichtfülle herrscht Nebel. Nebel, der den Blick aufsaugt bei der Anstrengung, die es kostet, das am Horizont heraufziehende Ungewisse und Bedrohliche, die 'gestundete Zeit', wahrzunehmen. Was da aufzieht, so Beicken, sei aber kein blindes Fatum, kein unbegreifliches Schicksal, sondern wohl ein Produkt der Zeit und der fehlgelaufenen Geschichte. Ein Versagen der Menschen, die eine unwirtliche Welt geschaffen haben, in der keine Bleibe ist." "Damit meint die Bachmann ja wohl den zweiten Weltkrieg, seine Ursachen, seine Folgen und die bis dato nicht erfolgte Aufarbeitung dieser Geschehnisse." "So wird es wohl sein, Es-Er; wir sprachen ja bereits über die historischen Bedingungen und ihre Konkretisierungen in Handlungen und Personen, nicht zuletzt und eigentlich - was die Bachmann betrifft - vor allem in der Person Celans. Nun schreibt Beicken weiter, das der Begriff 'härtere Tage' den Begriff des Härtetests, der Zerreißprobe evoziere, ein Härtetest, der nicht nur der große geschichtliche sei, sondern auch das Persönliche, Intime betreffe." "Hier könnte man über den Bezug zu der Beziehung mit Celan spekulieren." "So wird es wohl sein; was sonst. Die Bachmann hatte sich ja bereits früher so gegeben, im Dunkelgespräch über die Unmöglichkeit erfüllter Liebe. Hier wird nun, schreibt Beicken, der unabwendbare Verlust der Geliebten erneut vorgestellt, intensiviert durch die mit 'drüben' heraufbeschworene Grenze und das Wüstenbild. Die Sandmetapher assoziiere das schicksalhafte Rinnen einer Sanduhr." "Gewiss eine Reminiszenz an Celans 'Der Sand aus den Urnen' von 1948, wo Wüste und Vergehen, Sehnen und Verlust der Geliebten ebenfalls gestaltet wird." "Wir kommen wieder nicht gut weg. Während die Frau im Sand versinkt, hat ihr der Mann den Rücken zugedreht. Abgewendet vom verstummten weiblichen Ich, das sprachlos vor der heraufziehenden Härte verschwindet. Der Härte, die weibliches Schicksal und private Liebesgeschichte als bloß typisierte erscheinen lässt." "Hier kann ich Beicken nicht ganz folgen." "Ich auch nicht. Schlüssiger erscheint mir dann der Hinweis, dass Bachmanns Aufforderung an das Du, 'Sieh dich nicht um', Brechts Unterweisungen wie 'Verwisch die Spuren' rekapituliert, die er in seiner lyrischen Kritik der Entfremdungsproblematik des Kapitalismus erteilte, und zwar in seinem 'Lesebuch für Städtebewohner' von 1930. Verstellung, die Brechtsche Maxime, sei auch für die Bachmann bestimmend. Das Gedicht reagiere so auf die Entstellungen des Gesellschaftlichen und Geschichtlichen mit Gegenmaßnahmen, mit Selbstbewahrungsversuchen gegenüber den Zugriffen übermächtiger Gewalten. Der Aufbruch wird als notwendig hingestellt, wie im Gedicht 'Ausfahrt', und bis in die Details der sorgenden Handlungen inszeniert. Was bei Brecht schlechte Zeiten für die Lyrik bewirkte, schreibt Beicken, betrifft hier die Liebe, die als Unzeitgemäßes als erstes geopfert wird. Gefordert wird das Bereitsein zur Wanderschaft, zum Abbruch jeglicher Beziehung zum Angestammten, Beheimateten. Mit unwiderruflichem Abschied von den Marschhöfen, den Hunden, den untauglich gewordenen Fischen, den unnützen Lupinen und auch der unrettbar verlorengegangenen Geliebten." "Da hat die Bachmann vielleicht an Rilkes 'Sei allem Abschied voran" in den Sonetten an Orpheus gedacht, seine Aufforderung, zurückzusteigen in den 'reinen Bezug'." "Du bist mit der Materie gewiss vertrauter, Es-Er." "Ach was ... leider müssen wir hier Schluss machen." "Bricht die Vorlesungszeit bei euch auch aus?" "Etwas später als bei den Ungläubigen." "Zum nächsten Bild von Ka sagen wir dann mal nichts." ;-)



Kerstin Stolzenburg, 10.04.2009 um 8:56 Uhr

@Eckhard: Lieber Willy, liebe Es-Er, es ist doch gut, dass das wirkliche Leben mit seinen Wundern sehr sparsam umgeht. Träte es häufiger in Erscheinung, wäre das Wunder doch bald nur noch etwas ganz Gewöhnliches, das sich rasch abnutzt, das man eben hinnimmt, jedoch beim nächsten Wunder bereits vergessen kann.
Allerdings kann gerade auch das Gewöhnliche ein Wunder sein
Reflexionen (4) von Kerstin Stolzenburg
Reflexionen (4)
Von
14.10.08, 0:00
52 Anmerkungen
, wie der Briefwechsel zwischen Bachmann und Celan zeigt.

Wunder kündigen sich wahrscheinlich nicht an, sie überfallen die Menschen, suchen sie heim (oder waren bereits vorhanden und man hat sie als solche nur nicht bemerkt). Sie dürften auch nicht besonders pflegeleicht sein. Um mit ihnen umzugehen, sie auszuhalten, zu erhalten, darf man wohl nicht auf ein weiteres Wunder hoffen. Es ist die Frage, ob man, in dem was und wie man ist, dafür bereit ist, ob man in der Lage ist, etwas dafür zu tun, damit es bleibt, ob man das Richtige tun wird, ob Verstand, Klugheit, Gefühl ausreichen - kurzum, es liegt an den Menschen selbst, was sie aus einem Wunder machen.

Was das Wunder der Liebe betrifft, so hatte Ingeborg Bachmann für sich irgendwann das Fazit gezogen, dass sich im Verschließen in Beziehungen die grundsätzliche Bestätigung der Unmöglichkeit von Liebe zeigt und ihre Beschwörung des Gelingens im Untergang zur Dichtung gemacht. "Ich glaube, dass die Liebe auf der Nachtseite der Welt ist, verderblicher als jedes Verbrechen, als alle Ketzereien", lässt sie in der Dichtung "Den guten Gott von Manhattan" sagen." http://www.welt.de/die-welt/article2314577/Dein-Herz-schlaegt-all
erorten.html

Das "[Es] könnte viel bedeuten" ... Aber diesbezüglich wird jeder Mensch eigene Auffassungen, Hoffnungen und Möglichkeiten haben.

Nun gibt es natürlich viele Arten von Wundern, allein, dass wir leben können - Celan hatte diesbezüglich schlimme, einschneidende Erfahrungen machen müssen, die sein gesamtes Leben tangierten - und diese Vielfalt des Lebens genießen dürfen, ist ein solches, was gerade jetzt auch im
der Natur besonders deutlich wird.


Liebe Es-Er, lieber Willy, danke auch für diese interessante Unterhaltung, die natürlich auch dazu beiträgt, die Lyrik der beiden Schriftsteller vor diesem Hintergrund (den Hintergründen) mit besonderer Sorgfalt zu lesen. Ich sehe, dass ihr euch auch bereits zur eigentlichen Interpretation des Gedichtes "Die gestundete Zeit" geäußert habt. Herzlichen Dank dafür! Ich antworte heute abend.

Kerstin



Eckhard Meineke, 11.04.2009 um 9:50 Uhr

"Die Literatur hat es mit dem Wunder immer leichter als das Leben." "Eben. Ein Roman ist letztlich nur eine Menge geordneter Wörter, und der Film ist nach 90 Minuten zu Ende. Aber im wirklichen Leben ist das Wunder auch noch am nächsten Morgen da. Und die Woche darauf. Und Jahre. Und ein Leben lang." "Ich hol' Dir keine Sterne mehr vom Himmel. Die liegen nachher doch nur bei uns 'rum." "Das habe ich so gerade nicht gemeint, lieber Willy."



Sabine Jandl-Jobst, 11.04.2009 um 19:59 Uhr

Da bin ich jetzt aber "hängengeblieben". Sehr anspruchsvoll und interessant, da werden Gedanken angeregt, die gerade heute sehr wichtig sind.
Gute Idee mit der Fotomontage.
LG Sabine



Kerstin Stolzenburg, 12.04.2009 um 8:36 Uhr

Eckhard: Liebe Es-Er, lieber Willy, was die Vernunft betrifft, die man im Zusammenhang mit Ereignissen, wie dem im Bild "Schwarzes Eis" diskutierten, betrachten kann, so muss man vielleicht davon ausgehen, dass die geistige Reflexion beim Täter, so sie überhaupt stattgefunden hat, derart überlagert war durch Vorstellungen, Bilder, vielleicht auch durch eine krankheitsbedingte Verzerrung aufgrund einer psychischen Störung - dies ist allerdings nur zu vermuten, dass er allein, ohne Hilfe von außen, möglicherweise gar nicht mehr "vernünftig" denken und handeln konnte (was die Tat allerdings nicht verständlicher macht).

Vernunft ist ein bewusstes Abwägen verschiedener Möglichkeiten auf der Basis des Bestehenden, der Erfahrungen, Erkenntnisse, Erwartungen im Hinblick auf die jeweilige Lebenssituation. "... vernünftig sein" kann dabei natürlich verschiedene Bezugspunkte haben. Um Neues wagen zu können, wird man das Vernünftige und Sichere aber immer auch ein wenig missachten müssen, sonst wird man seinen Bewegungsradius nicht ändern können. Was da aus dem Es kommt, muss ja auch nicht unbedingt negativ gesehen werden.

Über die Schützen, die sich in freier Natür mit Farbkugeln beschießen, habe ich vor einigen Jahren einmal einen Dokumentarfilm gesehen. Angemalt und getarnt wie im Krieg sind die Verrückten durch Wälder gelaufen auf der Suche nach dem Feind. Ich möchte das gar nicht weiter ausführen; so etwas ist einfach irre! Menschlicher Verstand kann da nicht wirklich im Spiel sein.

Aber es ist wohl in der Tat so, dass unterschiedliche Möglichkeiten der Reflexion zu großen Problemen führen kann, nicht zuletzt, was gegenseitiges Verständnis, Akzeptanz und Toleranz betrifft.
Übrigens, lieber Willy, lieber Es-Er, eure Diskussion hat Ka gewiss sehr gefallen ... :-)).

PSALM

1
Schweigt mit mir, wie alle Glocken schweigen!

In der Nachgeburt der Schrecken
sucht das Geschmeiß nach neuer Nahrung.
Zur Ansicht hängt karfreitags eine Hand
am Firmament, zwei Finger fehlen ihr,
sie kann nicht schwören, daß alles,
alles nicht gewesen sei und nichts
sein wird. Sie taucht ins Wolkenrot,
entrückt die neuen Mörder
und geht frei.

Nachts auf dieser Erde
in Fenster greifen, die Linnen zurückschlagen,
daß der Kranken Heimlichkeit bloßliegt,
ein Geschwür voll Nahrung, unendliche Schmerzen
für jeden Geschmack.

Die Metzger halten, behandschuht,
den Atem der Entblößten an,
der Mond in der Tür fällt zu Boden,
laß die Scherben liegen, den Henkel ...

Alles war gerichtet für die letzte Ölung.
(Das Sakrament kann nicht vollzogen werden.)

2
Wie eitel alles ist.
Wälze eine Stadt heran,
erhebe dich aus dem Staub dieser Stadt,
übernimm ein Amt
und verstelle dich,
um der Bloßstellung zu entgehen.

Löse die Versprechen ein
vor einem blinden Spiegel in der Luft,
vor einer verschlossenen Tür im Wind.

Unbegangen sind die Wege auf der Steilwand des Himmels.

3
O Augen, an dem Sonnenspeicher Erde verbrannt,
mit der Regenlast aller Augen beladen,
und jetzt versponnen, verwebt
von den tragischen Spinnen
der Gegenwart ...

4
In die Mulde meiner Stummheit
leg ein Wort
und zieh Wälder groß zu beiden Seiten,
daß mein Mund
ganz im Schatten liegt.

(aus: Ingeborg Bachmann:
Die gestundete Zeit)

"In die Mulde meiner Stummheit leg ein Wort"; in Predigten zum Ostersonntag findet man diesen Satz aus dem Bachmann-Gedicht übrigens gar nicht so selten.
Den entsprechenden Interpretations-Band habe ich mir bereits vorgemerkt und werde ihn, wie auch die eine oder andere Literaturangabe in der nächsten Zeit etwas näher betrachten.
Was das Gedicht "Enigma" betrifft, zu dem Maria Behre in dem Interpretationsband einen Aufsatz schrieb, gibt es auch unter diesem Link eine interessante Auseinandersetzung von Sebastian Kiefer mit dem Werk.http://books.google.de/books?id=1x_1QGtNJqMC&pg=PA71&lpg=
PA71&dq=Behre+Enigma&source=bl&ots=v7zJ2cFu1N&sig
=F0EKHqd3wwCMIiWHGqVnOSmnFRA&hl=de&ei=CYnhSf3PEtSFsAaw-5D
jCA&sa=X&oi=book_result&ct=result&resnum=1#PPA74,
M1

Was die Auszüge aus den Interpretationen angeht, danke ich euch sehr. Ich werde mich gewiss noch eine ganze Weile damit auseinandersetzen.

Mit dem letzten Satz eures Gesprächs "Zum nächsten Bild von Ka sagen wir dann mal nichts." ;-)
bin ich allerdings nicht einverstanden! ;-)))

Über eure gestrige Unterhaltung zum "Wunder" muss ich mir noch Gedanken machen.

Kerstin



Eckhard Meineke, 12.04.2009 um 9:32 Uhr

"Versprochen ist versprochen!" "Aber nicht gehalten." "Jedenfalls werden wir uns kürzer fassen." "Och nö!" ;-)


Kerstin Stolzenburg, 12.04.2009 um 11:17 Uhr

@Es-Er & Willy: Ganz recht! ("Och nö!") ;-)))



Kerstin Stolzenburg, 13.04.2009 um 21:13 Uhr

@Es-Er & Willy: Eure Unterhaltung zum Wunder möchte ich an dieser Stelle einmal so stehenlassen; sie ist sehr schön.
Kerstin



Nora F., 17.04.2009 um 20:36 Uhr

eine fantastische, beeindruckende arbeit !!!
es grüßt dich herzlich
nora



Tassos Kitsakis, 2.05.2009 um 18:55 Uhr

«Zieht Euch warm an» Oskar Lafontaine


erich w., 3.05.2009 um 12:48 Uhr

die bögen im bild...
überbrücken die vordergründig sichtbaren eindrücke, dieser arbeit
mit einer lastigkeit nach beiden seiten..
nach innen und außen
lg.e



Doris H, 7.06.2009 um 7:44 Uhr

Dieses Foto samt dem Gedicht der Bachmann, das mich auch durch ein halbes Leben begleitet hat passt gut zur Aussage von meines heutigen Bildes, das du ja auch so verstanden hast.

Da hier ja so lange Anmerkungen sind, für die ich mir heute mal bewusst Zeit nehme, werde ich mal ein Gedicht zu dem Thema ZEIT einmsetzen, das m.E. gut dazu passt, auch wenn es augenscheinlich profan wirkt. (Es wurde übrigens Anfang 1900 geschrieben. Die Probleme sind immer die Gleichen :-) )


Mit der Uhr in der Hand

Wir leben in ´ner eiligen, hastigen Zeit,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
der eine, der schiebt heut den andern beiseite,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir drängen alle vorwärts, ob Hinz oder Kunz,
sind stets außer uns, und wir kommen nie zu uns,
denn wir werden mit uns ja nur flüchtig bekannt,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Der Tag beginnt schon in eiligem Lauf,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
der Wecker, der weckt uns, wir stehen schon auf
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Schnell ziehen wir uns an, und wir schlingen unseren Schmaus,
der ist noch nicht runter, da treten wir aus
und sitzen selbst dort an der hinteren Wand
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir turnen, wir trainieren, zum Masseur gehen wir hin,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
mal sind wir zu dick, mal sind wir zu dünn,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir gehn nie, sind auf dem Laufenden stets,
wenn wir mal wen treffen, dann fragen wir: Wie gehts?
Und eh der es uns sagt, sind wir weiter gerannt,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir fahren in die Ferien und sitzen am Strand,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
erwarten die Post, den geschäftlichen Stand,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Ein Buch mal zu lesen, das wär ein Genuß-
wir lesen den Anfang und schauen nach dem Schluß,
durchblättern den Goethe, druchfliegen den Kant,
mit er Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Wir machen eine Reise im Automobil,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
wir reisen nicht mehr, wir rasen zum Ziel,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Fragt man uns; die Gegend, die war wohl sehr schön.
Dann sagen wir ja und wir haben nichts gesehen,
denn wir fuhren bloß vorbei ohne Sinn und Verstand,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Die Liebe, die Ehe betreiben wir als Sport,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
wir finden uns, verbinden uns und -pflanzen uns fort,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Will sie ihn mal küssen, dann stellt er sich froh-
und denkt sich: Nun mach schon, ich muß ins Büro-
Und er drückt sie ans Herz und küßt sie galant,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

So eilen wir durchs Leben ohne Freud und Pläsier,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand,
da, plötzlich steht einer, ist mächtiger als wir,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Der sagt: Du brauchst nicht auf die Uhr mehr zu sehn,
denn meine geht weiter und deine bleibt stehn
und er winkt uns hinüber ins andere Land,
mit der Uhr in der Hand, mit der Uhr in der Hand.

Otto Reutter

Das Foto kommt auf meine Favoriten!

LG Doris



Arnd U. B., 3.09.2010 um 12:31 Uhr

Es wär schön, wenn man tatsächlich Zeit stunden könnte...manchmal wünschte man freilich ebenso, dass sie rascher abläuft...LG Arnd


d1w.gifBitte melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.


 
Informationen zum Foto
  • 1.731 Klicks
  • 85 Kommentare
  • 2 mal als Favorit gespeichert
Schlagworte
Verlinken/Einbetten



vorheriges (800/799)