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Mal wieder was Kaputtes von Michael Albat

Mal wieder was Kaputtes


Von 

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12.07.2004 um 8:24 Uhr
, Lizenz: Alle Bilder unterliegen dem Urheberrecht der jeweiligen Sender. All pictures © by the senders.
Namibia 2003

Scan vom Abzug.

Abzug, Scan und Präsentation : Tinu Glauser


http://home.tiscalinet.ch/fotografie/bildgestaltung/einfuehrung_v
on_ali.htm



Bildgestaltung und Bildwirkung


In Internet-Foren stösst man häufig auf den Begriff "Bildgestaltung".
Und dann geht es los ...
"Den ollen Feininger brauchen wir heute aber nicht mehr!"
"Ich mache meine Bilder aus dem Bauch heraus!" oder "Regeln sind zum Brechen da!".


Irgendwie entsteht immer der Eindruck, ein Fotograf könne sich an irgendwelche "Regeln der Bildgestaltung" halten - oder auch nicht.
Dieser Eindruck ist jedoch falsch - grundfalsch sogar.
Es geht bei der "Bildgestaltung" wesentlich gar nicht um den Fotografen, sondern es geht um den Betrachter des Endproduktes;
genauer: Um die Wirkung des Endproduktes auf den Betrachter, die "Bildwirkung".

Die sogenannte "Bildgestaltung" ist folglich sehr einfach.
Tatsächlich besteht sie nur aus einer Regel.
(Diese Regel kann man meinethalben auch gerne als "Gesetz" bezeichnen. Es handelt sich hierbei jedoch nicht um ein Gesetz, wie es
in einem Gesetzbuch steht, sondern um ein Naturgestz, also um eines aus dem Physik- oder Mathematik-Buch.
So etwas wie der Satz des Pythagoras, der Zweite Hauptsatz der Thermodynamik oder das Gravitations-Gesetz.)

Der Einzige Hauptsatz der Bildgestaltung heisst:
Wenn Du Dein Publikum erreichen willst,
dann musst Du die Bildwirkung beachten, die für Dein Publikum von Bedeutung sind.

Oder noch kürzer: Kenne Dein Publikum!

Das ist schon die ganze Bildgestaltung.
(Im Gegensatz dazu ist das Gebiet der Bildwirkung allerdings ziemlich schwer zu beackern.)


An ein menschen-gemachtes Gebot wie "Höchstgeschwindigkeit 120km" kann man sich halten - oder auch nicht - , aber kein noch so
fester und wohlüberlegter Entschluss führt zu einem Verstoss gegen das Gravitations-Gesetz. Da kann man jeden fragen, der das
einmal auf einer Brücke oder mit einem Sprung aus dem 12.Stock ausprobiert hat. Und wie die Naturgesetze ihre Wirkung einfach
ungefragt entfalten, so sind auch die Gesetze zur Bildwirkung dem Einfluss des Fotografen entzogen; sie basieren auf der Natur des
Menschen. (Freilich ist hier zu unterscheiden zwischen genetisch basierten Gesetzen - wie etwa die Bevorzugung von Ordnung und
Kontrast - zu kulturell überlieferten, "angelernten" Gesetzen. Für einige von uns mag das Bild einer jungen Frau in Hosen, die
einen kauernden Mann an einer Hundeleine führt, ein harmloser Schnappschuss des Typs "Meine schönste Zeit" sein. Man hat mir jedoch glaubwürdig versichert, dass
dies das Seelenleben eines Mannes seiner Kultur genauso gut tötet wie eine Kugel seinen Körper.)


Betrachten wir einmal die Aufgaben-Gebiete in der "fotografischen Kette"
Der Fotograf - drückt den Auslöser
Der Selektor - befördert den Grossteil der Arbeit des Fotografen in den Papierkorb
Der Laborator - holt "das Beste" aus einem allfällig verbleibenden Rest heraus
Der Präsentator - schafft das Ambiente, in dem das Beste dem Publikum dargeboten wird
Der Betrachter - schaut nicht hin
Diese Aufgaben werden bei uns Amateuren natürlich meist in Personalunion wahrgenommen. Was nichts daran ändert, dass es sich hierbei um
zeitlich hintereinander zu lösenden Aufgaben handelt.

Untersuchen wir diese Aufgaben nun unter dem Blickwinkel "Bildgestaltung versus Bildwirkung":
In dem Moment, in dem der Fotograf den Ausloser drückt, hat er das Bild gestaltet.
Es ist völlig irrelevant, ob er das wissend oder unwissend, bewusst oder unbewusst, gut oder schlecht gemacht hat:
Gestaltet hat er, ob er das nun will oder nicht. Wenn man von der Brücke springt, ist es vergleichsweise belanglos, ob man die
Fallgesetze kennt.

Nun zur Aufgabe des Selektors.
Natürlich "kann" man sagen, dass dieser die "Bildgestaltung" überprüft.
(Schliesslich leben wir in einer Demokratie; da kann niemand dazu gezwungen werden, sich präzise auszudrücken.)
Zweckdienlicher sagen wir aber, dass er die Bildwirkung überprüft - an sich prüft.
Denn genau an diesem Punkt wird deutlich, dass eine Aussage wie "Bildgestaltung interessiert mich nicht" sinnlos ist:
Dem mag ja so sein, von Relevanz ist aber einzig, dass auch für eine Lomo-Aufnahme die Gesetze der Bildwirkung ihre Wirkung
uneingeschränkt entfalten. Es mag ja sein, dass sie "zufällig gestaltet" wurden, aber ausgewählt (und weiterbearbeitet und
präsentiert und wahrgenommen) werden sie wegen ihrer Bildwirkung - und wer will am Ende schon entscheiden, ob diese Bildwirkung
nun überlegt oder zufällig, im Bauch oder im Kopf entstand ...

Ein für mich wesentlicher Punkt, der hier aber nur angerissen werden soll, ist die Feststellung, dass alle Aufgaben der
Fotografischen Kette bestimmt sind einzig durch den Zweck, dem Betrachter zu gefallen. Das Publikum ist nun zeitbedingt und wechselt,
insofern wird auch eine spätere Selektion andere Ergebnisse zeitigen. Auch James Nachtwey schickt nicht all seine Bilder an alle
Redaktionen!

Und wie das mit Naturgesetzen nun einmal so ist: Man kann sie nicht brechen, aber man kann sie an ihren Extremwerten betrachten.
Die Singularität, das Schwarze Loch der Bildgestaltung ist der Fotograf, dessen Publikum nur aus sich selbst besteht.
Es gehen nur Bilder hinein, aber es kommen keine wieder hinaus. Es ist dies der Amateur reinsten Wassers.
Ein Berufs-Fotograf - als andere Seite des Extrems - kann sich das nicht leisten:
Wenn er einen Auftraggeber hat, dann muss er dessen Erwartungen befriedigen;
wenn er auf eigene Rechnung arbeitet, dann muss er ein Publikum finden, das ihm seine Arbeit abnimmt.


Der Begriff "Bildgestaltung" entstand aus dem verständlichem Wunsch, dem Fotografen einige Regeln an die Hand zu geben, wie
er "gute Bilder" machen kann. Und da der Mensch ein vernunftbegabtes Wesen ist - als Axiom mag das ja hingehen -, hat man sich
nicht darauf beschränkt, dem Schüler das Studium "guter Bilder" anzuempfehlen, sondern hat auch formuliert, worauf er dabei
achten sollte. Da hat dann wohl jemand was in den falschen Hals gekriegt.
Die "Regeln", wie sie etwa bei Feininger oder bei Andreas Hurni vorgestellt werden, haben ihren Namen
wohl daher, dass sie ungefähr so formuliert sind:
"In der Regel wirkt ein Bild dieser Art ... folgendermassen auf den Betrachter: ... "
*spässle*

Es handelt sich hier nicht um Regeln, sondern um Lehren:

Es heisst nicht "Das Bildwichtige muss im Goldenen Schnitt stehen!"
Es heisst "Wenn das Bildwichtige im Goldenen Schnitt steht, dann wirkt es ausgeglichen und harmonisch."
Und wenn uns dann jemand zuruft "Mein Bild soll aber nicht Harmonie und Ausgelichenheit zeigen!', dann können wir ihm in noch
grösserer Lautsträrke entgegenbrüllen "Dann darf das Bildwichtige NICHT im Goldenen Schnitt stehen!".

Es heisst ja auch nicht "Farben müssen so-und-so zusammengestellt werden"
Sondern eben: WENN Farben so-und-so zusammengestellt sind, DANN wirken sie ..."

Die Lehre "Zum Horizont" sagt nicht, dass der Horizont immer gerade oder gar in der Mitte plaziert sein muss.
Die Lehre "Zum Horizont" sagt etwas darüber aus, was in dem Betrachter passiert, wenn man den Horizont oben, unten oder mittig plaziert, wenn
er schräg oder gezackt ist. Eng mit der Lehre "Zum Horizont" verbunden ist etwa die Lehre zum Format, bzw. zum Verhältnis der
Seiten zueinander. Sie selbst ist Teil der Lehre "Zur Perspektive", und so weiter, und so weiter.

Das Problem mit der Bildwirkung ist, dass es eine Fülle von Themen gibt, über die Aussagen gemacht werden können. Allein schon
Platzgründe verhindern in diesem Kontext eine Aufzählung der Sachgebiete.
Festzustellen bleibt:
Es "überlagern" sich verschiedene Bildwirkungen - bis hin zur Resonanz-Katastrophe.


NUN ALSO:
Es verhält sich die Bildwirkung zur Beschreibung der Bildwirkung wie die Natur zur Physik.
Werfen wir einen Stein und eine Feder gleichzeitig vom Schiefen Turm in Pisa, so kommen sie eben nicht gleichzeitig unten an.
Nicht etwa, weil die Fall-Gesetze nicht gelten würden, sondern weil ihre Wirkungen überlagert werden von den Gesetzen der Aerodynamik.

Aus diesem Grunde ist der Versuch, allein aus der Kenntnis der Wirkungsprinzipien heraus ein Bild zu "konstruieren", auch von
Vornherein zum Scheitern verurteilt. Wenn eben nicht das Gefühl hinzukommt, wie alle Einflussgrössen im Sinne des ganzen
zueinander geführt werden können - mal ausgleichend, mal einander verstärkend. Allein das Auswendig-Lernen des Dudens - die Kenntnis
aller Worte sowie die Regeln ihrer Gruppierung zu Sätzen der deutschen Sprache - verhilft einem nicht dazu, auch nur einen
Groschenroman zu schreiben - sei es Lore oder sei es Jerry Cotton -, von grosser Literatur ganz zu schweigen.

Was hat man also nun zu halten von Aussagen wie "Ich mache meine Bilder aus dem Bauch heraus!" oder "Regeln sind zum Brechen da!"?
Nix.
Solche Aussagen sind ähnlich informativ wie "Ich trage gern schwarz" oder "Ich esse gern Leberwurst".
Wenn er eine "Regel" bricht, so gibt es tausend andere, die er einhält.


Abschliessend noch ein Wort zu "den Publikum" im Allgemeinen und "den Schulen" im Besonderen:
Natürlich gilt der Hauptsatz der Bildgestaltung auch dann, wenn man eine Herde von Jüngern um sich schafen möchte - ich meine
natürlich, ein Heer von Jüngern um sich scharen möchte. In diesem Falle geht man so vor, dass man sich (und die folgsamen
Jünger) als "das Publikum" definiert.
So legt man nicht nur die "interessanten Sujets" fest, sondern gleich auch die Art der Bearbeitung des Themas.
Wenn man nur schwarzweisse Studio-Fotografie betreibt, seinen es nun Akte oder Stillleben, dann kann man natürlich auf eine ganze
Reihe von Lehren verzichten, und die verbleibenden lassen sich dann tatsächlich auf Regeln reduzieren.

Musterbeispiel hierfür sind die Schutzheiligen der heutigen als "Digital-Fotografie" getarnten Elektronischen Bild Erfassung,
die Gruppe f/64. Der Name ist Programm: Von vorn bis hinten alles scharf. Wenn man das als "gut" oder "einzig richtig" definiert,
kann man natürlich sehr gut auf die Lehre von der Schärfentiefe verzichten.

Falls man also an Wettbewerben teilnehmen möchte, so empfiehlt es sich also, vorab zu schauen, welche Themen die Juroren wie
bearbeitet haben, und die Selektion (die Ausarbeitung, die Präsentation) seiner Bilder danach zu treffen. Es geht die Sage, dass fern im
österreichischen Waldviertel ein Juror lebt, der heiss ist auf neue Sachen. Aber ich halte das für ein Gerücht.

Anmerkungen:

d1w.gifBitte melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.





Jens von Graevemeyer, 12.07.2004 um 9:00 Uhr

Und die Moral von der Geschicht:
Gefällt dein Bild - springt der Hurni nicht! ;-)

Ich habs mir mal kopiert.





Andreas Hurni, 12.07.2004 um 9:02 Uhr

jupp
bilder sollte man planen ...




... weil planung "zufall durch irrtum ersetzen" bedeutet.



Ralf Littger, 12.07.2004 um 13:34 Uhr

Auch klasse !
Dadurch, daß das Wrack auf der Seite liegt und durch das Gestrüpp wirkt das ganze noch fertiger. Den Text zur Bildgestaltung werd ich mir mal in Ruhe durchlesen :-)
vg Ralf



Andreas Hurni, 12.07.2004 um 13:45 Uhr

<< Es geht die Sage, dass fern im
österreichischen Waldviertel ein Juror lebt, der heiss ist auf neue Sachen. Aber ich halte das für ein Gerücht. >>

auch wenn's ein gerücht sein mag, von österreich wird also am ehesten neues erwartet ...



Tinu Glauser, 12.07.2004 um 18:41 Uhr

hoppla, da gibts was zu lesen.. auf jeden fall hast du genau das richtige bild dazu ausgewählt um über regeln, gefühle, intuitionen zu sinnieren ..


Günter Auzinger, 21.10.2005 um 15:25 Uhr

Durch die gediegene Komik und die erstaunlichen Vergleiche war ich gezwungen, bis zum Ende zu lesen. Glücklicherweise, denn der Text ist äußerst lehrreich!


Michael Albat, 21.10.2005 um 15:27 Uhr

Besser leserlich ist der Text hier:
http://home.tiscalinet.ch/fotografie/bildgestaltung/einfuehrung_v
on_ali.htm



Günter Auzinger, 21.10.2005 um 16:20 Uhr

Da gibt's ja viel zu schmökern ... ich werd' wieder mal zuviel im Internet rumhängen, befürchte ich. Jedenfalls danke!


Andreas Hurni, 22.02.2006 um 12:10 Uhr

ein literatenforum - ja wo sind wir den hier?


Dr. Käspi, 21.08.2006 um 13:36 Uhr

Hallo Andreas.

Hab dich, nach deinen beiträgen im Thread "Monochrome Fine Art ???" erst für einen "Löu" gehalten.

Aber vor diesem Text kann ich nur den Hut ziehen.

gruss Kaspar



Michael Albat, 21.08.2006 um 14:02 Uhr

Ich heisse zwar nicht Andreas, aber ...

> für einen "Löu" gehalten.
Was ist denn ein "Löu"?
Vielleicht stimmts ja?



Dr. Käspi, 21.08.2006 um 14:11 Uhr

Oh Sorry.

Ein Löu ist berndeutsch für "Depp"



Michael Albat, 21.08.2006 um 14:16 Uhr

Ahh ja. Märci.

Nun, das eben ist der Unterschied: Ich sehe aus wie einer, bin aber keiner.



Christian G. Blanke, 7.03.2007 um 8:59 Uhr

Du sprichst mir aus der Seele. Auch deine Homepage finde ich sehr interessant.

Den Feininger krame ich immer wieder mal hervor und schmökere darin rum. Wirklich interessant sind seine Aussagen zum Thema "Gestaltungslehre", die sich quasi von engen Konventionen völlig frei spricht. Hauptsache dem Puplikum gefällt das Bild, wie du es trefflich formuliert hast.

Was hätte Feininger wohl zum Thema "DRI" geschrieben? Wenn eine Straßenlampe, die 0,1% der Bildfläche ausmacht, heute etwas überstrahlt, werden doch schon die Rufe laut: "Warum hast du kein DRI genommen..." Obwohl ich die Technik nicht uninteressant finde und auch damit experimentiere. Nur nicht um jeden Preis, in jedem Bild. Schließlich haben wir früher ja auch Teile abgewedelt oder nachbelichtet, quasi das "DRI" bis zur Jahrtausendwende.

In diesem Sinne, bleib wie du bist ...
Christian



Trude S., 11.05.2008 um 11:41 Uhr

wenn ich das hier so lese und versuche, es mir einzuverleiben, glaube ich nicht, dass aus mir jemals ein Fotograf wird :-(
Je mehr ich mir Feininger, Newton oder andere Grössen betrachte oder erlese, umso variabler wird mein Denken :-)
Aber ich bemühe mich nach Kräften !!
Außerdem mag ich Fotos und fotografieren ....



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