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Er selber nennt sich Mensch von Harald Köster

Er selber nennt sich Mensch


Von 

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5.10.2010 um 4:57 Uhr
, Lizenz: Alle Bilder unterliegen dem Urheberrecht der jeweiligen Sender. All pictures © by the senders.
BERICHT ÜBER IHN

Wenig bekannt vor allen anderen
ist ein Wesen besonderer Art: Überzogen
mit bläßlicher Haut, kaum behaart und gefüllt mit
Gedärm, Knochen und etwas Gehirn.
Aufrecht sein Gang, doch nicht sein Verhalten.

Kurz von Gedächtnis, denn bevor
an seinen Händen das Blut noch getrocknet,
weiß er schon nicht mehr, von wem her es stammt.

Seine Geschlechtsteile verbirgt er
vor seinesgleichen wie einen kostbaren Schatz;
aller Welt aber bietet er dar
die geheimsten Zuckungen seiner Seele
bis zum Überdruss.
Mündlich und schriftlich und bildlich.

In schwach erhellten Höhlen rechteckiger Form
haust er und häuft darin an
Gestühl und Geschränk und Gerät
zur Wiedergabe von Lärm, bei welchem
er Beine und Arme aufgeregt schwenkt.

Voller Schwächen, hat er eine Stärke, die
ihn unüberwindbar macht: Er passt sich an:
Wenn Regen fällt, spannt er seinen Schirm auf;
fallen Bomben, stülpt er einen Hut aus Metall
über den Kopf und begibt sich in den Keller.
Jeder Situation ist er gewachsen.

Sehr kurz ist seine Zeit, doch diese nützt er,
seinesgleichen die Zeit zu verkürzen.
Er hat sich gewöhnt, dass Tag um Tag, Jahr um Jahr
ihm durch die Hand rinnt und nichts hinterlässt
als Risse und Falten und Schwielen.

Vergangne Götter anzubeten
ist ihm lange Gewohnheit,
doch stellt er sich um auf gegenwärtige,
wenn sie Macht haben,
diese so zu mißbrauchen und ihn dazu.

An seinem Weg der erste Tote entsetzt ihn.
Nicht mehr der zehnte.
Den hundertsten übersieht er.

Er kennt alles Elend der Welt,
aber er hat sich an alles gewöhnt,
sofern es den Nachbarn betrifft.

Wahrlich, die Stärke, die ihn
überleben ließ die Jahrtausende,
sehet mit Verwunderung.

Er selber nennt sich Mensch.
Selten ist er es.
Es zu sein, danach strebt er
manchmal.
Dass er es werde:

Treibt ihn an.

(Günter Kunert)

Anmerkungen:

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Peter Ackermann, 5.10.2010 um 5:47 Uhr

Starker Text am frühen Morgen, Harald, aber so wahr!
Viele Grüße und schönen Tag!
Peter



Valdy, 5.10.2010 um 6:26 Uhr

ich hab ihn auch gelesen - ja, sehr wahr...

gvlg Valdy



Peter Mertz, 5.10.2010 um 7:06 Uhr

wie Peter :-)


Onkel Achim, 5.10.2010 um 7:44 Uhr

wie die Petermänner


B.K-K, 5.10.2010 um 7:53 Uhr

warum nur schaut keiner auf dem Bild etwas freundlicher drein? - alle scheinen so "sorgenbeladen" -
wieder ein sehr gutes street ...

LG Brigitte



Frizz U. Geli Burkard, 5.10.2010 um 8:10 Uhr

wunderbar die vielfalt der gattung mensch präsentiert
der text ist so was von klasse, hab ihn gleich in meine sammlung übernommen !
auch ich wünsch einen guten tag voller menschlichkeit

lg geli+frizz



Frederick Mann, 5.10.2010 um 8:22 Uhr


ja
wir sind Mensch
(manchmal
)



B.K-K, 5.10.2010 um 8:25 Uhr

stark, sehr stark das Gedicht von Kunert - die Menschwerdung muß wohl erst noch geschehen, nachdem er die äußere Form und Hülle bekam ...

LG Brigitte



Charly, 5.10.2010 um 9:10 Uhr

!!!


Rainer Beneke, 5.10.2010 um 10:31 Uhr

Und doch wie Du zeigst: jeder ein Individuum.
Sehr schöne "Komposition.
VG Rainer



sharie, 5.10.2010 um 13:17 Uhr

Ein ganz starker Text zum nachdenken und die dazu passende Aufnahme. Sehr gelungen.
Lg Maike



Heike T., 5.10.2010 um 17:19 Uhr

Oh weh, alles ist wahr. Aber wahr ist auch daß Menschen großartig sein können.
LG, Heike



Marion Schlak, 5.10.2010 um 18:26 Uhr

Genialer Text zu einem hervorragenden Street.Wie unterschiedlich Menschen doch sind.
Liebe Grüße Marion



Axel Sand, 5.10.2010 um 18:54 Uhr

Ganz stark!
Gruß
Axel



H. Endres, 5.10.2010 um 20:09 Uhr

Der Text ist wirklich Klasse, nur bei einer Zeile muss ich Kritik üben : "mit bläßlicher Haut" - dass ist so nicht korrekt. Du beweist dies auch mit Deinem Foto.
Ein schönes Street!!!
LG Harald



LauraFlorence, 5.10.2010 um 21:40 Uhr

Auch wenn sie nicht den Hut tauschen.. immerhin, sie haben ein gemeinsames Interesse.. das verbindet hoffentlich.
Zum Gedicht: nichts ist nur gut, nichts ist nur schlecht.. auch nicht der Mensch.
LG Laura



Harald Köster, 7.10.2010 um 20:23 Uhr


@DANKE FÜR DIE NETTEN KOMMENTARE!



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