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Schwarz auf Schwarz - oder die Geschichte der Uhrenfotografie von Joerg Genius

Schwarz auf Schwarz - oder die Geschichte der Uhrenfotografie


Von 

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31.03.2004 um 10:06 Uhr
, Lizenz: Alle Bilder unterliegen dem Urheberrecht der jeweiligen Sender. All pictures  by the senders.
Dieses Bild ist aus heißen Diskussionen an einigen FC-Stammtisch-Terminen entstanden. Aufgabe: Fotografiere eine schwarze Uhr vor schwarzem Hintergrund so, dass die Uhr noch Zeichnung hat, aber der Hintergrund absolut schwarz ist. Benutze dazu kein Dauerlicht sondern blitze und banne das ganze auf Film mit Mindestformat 6x6cm.

Großmäulig habe ich behauptet: "Kein Problem".

So, da stand ich jetzt und musste das beweisen. Man nehme:

1. Uhr aus dem Bestand der Ehefrau :o)

2. Eine handliche, kleine Kamera: Mamiya RB67 ProS mit Secor C 250mm und Zwischenring 2 (82mm), montiert auf einem Manfrotto 475 Dreibein mit 3D-Kopf. Dazu als Filmmaterial je einen Farb-, SW- und Diafilm sowie einen Polaroid Sofortbildfilm. Alle so um die 100 ASA.

3. Zwei kleine Blitzlämpchen vom Typ Nikon SB80E, Leitzahl 45 (zur Verniedlichung unten mehr...), eines mit einer LumiQuest BigBounce Softbox bestückt.

4. Einen Sack voller Kleinteile die da waren: ein Polaris Blitzbelichtungsmesser, ein Schweißdraht, 50g Muffenkit, ein Schraubstock, 1/2 Quadratmeter schwarzer Fotokarton, ein paar Meter schwarzer Samt, ein schwarzer Edding Permanentstift, doppelseitiger Klebefilm, eine Taschenlampe und eine Karthäuserkatze. Letztere heisst Nena und spielt eigentlich keine besondere Rolle in dem Drama, war aber immer dabei und ist auf den Setfotos erkennbar. Darum soll sie nicht unerwähnt bleiben.

5. Einen guten Freund, der mithilft, die Blitze zählt und die Frustration im Zaum hält.

6. Seeehr viel Zeit.



Ablauf:
Erstes Problem: das Armband der Uhr soll plastisch gebogen sein, damit die Uhr nicht flach und unplastisch aussieht. Hängen war also nix. Lösung: Uhr mit Muffenkit an Schweißdraht befestigen und Schweißdraht in Schraubstock spannen. Schweißdraht in Form biegen. Neues Problem: der kupferfarbene Draht scheint durch die Lücke zwischen Uhr und Armband hindurch. Also Draht wieder weg und ein Stück schwarzer Karton mit doppelseitigem Klebeband von hinten gegen die Uhr geklebt, Muffenkit und Draht wieder befestigt und Uhr gebogen & ausgerichtet. Fertig. Neues Problem: dieser sch... Muffenkit wird durch die Löcher im Armband nach außen gequetscht. Ein schwarzer Edding behebt das Problem rationell und effizient, aber unnötig: die Löcher sind im Bild später eigentlich garnicht zu sehen...

Uhr in Position. Stuhl hinter Schreibtisch geschoben und Stuhl, Schraubstock und Schreibtisch mit schwarzem Samt abgedeckt. Katzenhaare vom Samt entfernt und Katze ermahnt. Überlegt, grauen Samt anzuschaffen oder schwarze Katze.

Kamera aufgebaut und Uhr erneut ausgerichtet. Uhr will nicht so wie der Fotograf. Also Kamera gekippt. (Ha, da zeigt sich, dass die Investition in einen schweren 3D-Kopf goldrichtig war!). Ausrichtung ist perfekt. Schärfe einstellen und alles fixieren.

Blitze auf zwei Stative montiert und grob ausgerichtet. Blitz mit Softbox auf volle Leistung (von links auf Höhe der Uhr) und den zweiten auf 1/32stel Leistung von rechts oben. Belichtung gemessen. Aaaauuutsch... Für ein Foto von einem Neger im Tunnel bräuchte man auch nicht mehr Licht. Grande Katastrophe: die beiden Blitzchen liefern VIEL zu wenig Licht. Der BeLi erzählt irgendwas von Blende 16 und 12 (!!!) mal blitzen. Na super. Hält so'n kleiner Blitz das eigentlich aus? Wie steuert man das eigentlich? Und eigentlich sollte es ja Blende 32 sein! Ich kann's nicht glauben und mache ein Polaroid: der BeLi hat recht. Ein paar Blitze mehr können aber auch nicht schaden. Na gut.

Was ist auf dem Polaroid zu sehen: Uhr, korrekt belichtet, Hintergrund schwarz, keine Reflexe auf dem Uhrenglas (!!!). Garnicht schlecht, wenn da nicht ein starker Reflex auf dem Hintergrund an einer Stelle wäre. Rechten Blitz mit Fotokarton etwas mehr Richtung aufgezwungen. Polaroid. Reflex. Grrr. Linken Blitz neu ausgerichtet. Polaroid. Reflex. Grrrrrrrrr. Fotokarton an Wasserflasche befestigt (mit Muffenkit) und links neben der Uhr positioniert. Knickt oben ein bisserl ab, macht aber nix. Polaroid. Reflex. Grrrrrrrrrrrrrrrrr...Kreuzdeiwelaberauch...! OK, der Reflex wird kleiner, also immerhin der richtige Weg. Abgeknickten Fotokarton manuell aufgerichtet. Polaroid. KEIN REFLEX! Juhu! Wasserflasche durch Fotokoffer ersetzt. Karton steht wie in Viagra getränkt. Durst mit arbeitsloser Wasserflasche gelöscht. Polaroid. Perfekt. Thema erledigt.

Akkus im Blitz getauscht. Ich wusste nicht, dass ein Blitz so warm werden kann.

Wo ist das Rollfilmmagazin? Sch... - natürlich im Koffer. Koffer mit schwarzem Fotokarton vorsichtig geöffnet und besser gleich beide Magazine rausgenommen. Koffer steht wieder - verzichte aufs Polaroid!!!

Mittlerweile schaut's in meinem Büro aus, wie auf einem Schlachtfeld und die Uhr zeigt Mitternacht. Nena (die Karthäuserkatze) schläft immer noch. Neid.

Film einfädeln und los geht's. Verschluss auf, 12 Blitze gezählt, Verschluss zu, Film transportieren, Verschluss auf, 9 Blitze gezählt, Verschluss zu, Film transportieren, Verschluss auf, 15 Blitze gezählt (oups - oder waren's 16?), Verschluss zu. Das ist Bracketing der besonderen Art. Farbfilm raus, Diafilm rein. Da Capo. Zum Schluss nochmal die ganze Prozedur mit einem Schwarzweissfilm. Der arme Nikon SB80 steht kurz vorm Kollaps und droht, vom Stativ zu tropfen. Aber die Akkus haben brav durchgehalten! (Verkauft jemand seine Studioblitzanlage? Bitte bei mir melden!)

Fotos im Kasten - ich werde bestimmt der neue Starfotograf der gesamten Werbebranche.

Chaos im Büro noch beseitigen. Johannes hilft mit, obwohl er noch nach hause fahren muss. Dank! Nena schläft immer noch und knurrt, als ich ihren Stuhl auf die Seite schiebe. 01:30 Uhr - Ende der Aktion nach 5 Stunden. Jetzt heisst's warten auf die Entwicklung.

Ein paar Tage später: die Filme sind entwickelt!!! Hurra! Sieht klasse aus auf'm Leuchtpult. Ab in den Scanner.

Ernüchterung macht sich breit. Die Belichtung ist zwar gut gelungen. Uhr hat Zeichnung und der Hintergrund ist Rabenschwarz. Aber wo sind die Zeiger? Bei aller Achtsamkeit auf Belichtung und schwarzen Hintergrund haben wir glatt vergessen, auf die Zeiger zu achten. Die sind sowas von ausgefranst - kannste vergessen.

Was kam noch dabei raus:
1. Die Leuchtfarben waren auf dem Polaroid fast weiß, aber auf den Filmen - Dia wie Farbfilm - gut reproduzierbar.
2. Sowohl Dia- als auch Farbfilm haben aus dem schwarz der Uhr ein dunkles blau gemacht.
3. Der S/W-Film erzeugt absolut scharfe, deutlich konturierte Zeichnung. Perfekt bis auf die leichte Überstrahlung auf dem Armband.
4. Mit der Lichtleistung einer Blitzanlage verhält es sich wie mit dem Hubraum beim Auto: man kann nicht genug haben.
5. Mit der Blitzkarriere war's dann doch nix. Machen wir halt weiter Netzwerkmanagement und IT-Consulting.

So - und jetzt seid Ihr dran: Wer hat Tips und Tricks auf Lager. Insbesondere würde mich interessieren, wie man die Zeiger darstellen kann, ohne gleichzeitig Reflexe auf em Uhrenglas zu ernten.

Ach ja - das Foto zum Beitrag ist natürlich getürkt. Es basiert auf dem S/W Bild. Die Belichtung habe ich nicht verändert. Aber die farbigen Kreise sind made by Photoshop. Gleiches gilt für die Zeiger, die nachträglich coloriert und vervollständigt wurden. So sieht das Farbfoto - unverändert - aus. Der Ausschnitt zeigt das Auflösevermögen des S/W Films im Maßstab 1:1.

Schwarz auf Schwarz - in Farbe von Joerg Genius
Schwarz auf Schwarz - in Farbe
Von
31.3.04, 17:33
2 Anmerkungen

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P. Sterken, 31.03.2004 um 10:19 Uhr

Einfach nur Danke sagend :-)

Ich verstehe zwar leider nix vom Fotografieren, aber Dein Beitrag ist sowas von spannend und toll lebendig geschrieben, dass man (Frau *smile*) direkt Lust zum Selberexpermintieren bekommt (Wo bekomme ich jetzt nur die Katze her? Geht's zur Not auch mit einem Hund? *g*)

Ich glaube, heute Nachmittag wird die Kamera rausgekramt und nach einem geeigneten Objekt gesucht... :-)))

Viele Grüße,
Petra



Thomas P., 31.03.2004 um 15:42 Uhr

SUPER !!!!


Peter Krammer, 31.03.2004 um 19:05 Uhr

Hallo Joerg, alleine für Deine Schreibleistung würde ich Dir einen "Oskar" verleihen, für das Uhrenbild übrigens auch. Ich bin jetzt keiner, der für Digital und gegen Analog oder umgekehrt plädiert, aber eine Digitale Kamera wäre in diesem Fall schon erheblich experimentierfreudiger gewesen !? Und Du hättest Dir sehr warscheinlich einige Mühe erspart. Aber vielleicht liebst Du ja die Herausforderung. Das wäre auch akzeptiert und anerkennenswert.
Tolles Resultat, trotzdem !
Grüsse von Peter



Joerg Genius, 31.03.2004 um 19:15 Uhr

@Petra: Lieben Dank! Hund geht auch, bleibt aber selten 5 Stunden auf einem Fleck liegen. Ich hoffe, Deine Experimente waren erfolgreich!

@Thomas: Dankeschön!

@Peter: Naja, wie Du siehst, existiert bei mir beides nebeneinander. Vielleicht geht's nicht klar genug aus dem Text hervor: Die Aufgabe hatte mit einer analogen Kamera, am besten Großbild zu erfolgen. Der Grund ist kompliziert und die Erklärung würde den Rahmen sprengen. Aber ich gebe Dir recht: mit der D100 wäre es viel leichter gewesen, aber ich hätte viel weniger gelernt. Das ist wohl auch mein Hang zum Masochismus, der sich da breit macht.



Cyrill Harnischmacher, 31.03.2004 um 22:07 Uhr

Unglaublich!
Unglaublich spannend geschrieben und unheimlich gut fotografiert. Das reizt wirklich zum selbst ausprobieren.
Grüße
Cyrill



Sandra Löhe, 1.04.2004 um 13:51 Uhr

Schmunzel ;-)
Ich freue mich schon auf meinen Fototisch, den ich diese Woche bei ebay ersteigert habe!
Du solltest statt IT-Consultant lieber als Schriftsteller arbeiten ;-)
Liebe Grüße
Sandra



Joerg Genius, 1.04.2004 um 14:34 Uhr

@Sandra: Ja *lol* Schreiben klappt besser, als Fotografieren...


Johann Belle, 2.04.2004 um 2:46 Uhr

Riesig, ich dachte immer, ich würde ganz nett schreiben, aber dieser Text ist der Hammer. Dafür landet das ganze in den Favoriten.

Grinsende Grüße, Hans
P.S.: Ich bin durch das 90x90x90-Projekt mit der Beschreibung der Komprimierung hierher gekommen.



Joerg Genius, 2.04.2004 um 8:46 Uhr

@Johann: *freu* Wenn Sie zufrieden waren, sagen Sie es weiter...!

;-))))



P. Sterken, 8.04.2004 um 15:39 Uhr

Hallo Jörg,

so sieht mein "Experiment" nun aus :


Vielen Dank für die nette Anregung ;-)))

Viele Grüße,
Petra



Thomas Reinfelder, 21.02.2006 um 11:30 Uhr

it's a hard life..


CreAKTiv Fotoatellier, 10.03.2006 um 8:28 Uhr

Da hast Du dir ja echt Mühe gegeben!
Klasse Arbeit!
LG Stefan



Frank Pohle, 16.03.2006 um 23:37 Uhr

Klasse ! Ich habe selten in der fc so geschmunzelt. Beides ist klasse. Das Bild wie der Text.

lg Frank



Andy Pomplun, 1.04.2006 um 23:16 Uhr

Die Story ist mehr als gut, das Thema mehr als schwierig, könnt ich auch nicht schwarz auf schwarz, ich kann nur "schwarz vor weißer Wand so dass diese schwarz wird", kein photoshop allerdings ;-)))

MISSING von Model Jule B.
MISSING
Von
1.4.06, 22:48
5 Anmerkungen


LG, Andy



Nicole Findeisen, 29.04.2006 um 21:53 Uhr

*sich bieg vor Lachen*
Wie schön, dass du uns allen so anschaulich deinen Lernprozess erläuterst. Danke, hab mich königliczh amüsiert.



Thomas A., 22.01.2007 um 1:50 Uhr

DIESE Geschichte ist einfach genial :-D
Herrlich.........

Vielen Dank für dafür - ein Kleingeist hätte das alles brav verschwiegen ;-)

viele Grüße vom Thomas



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