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Otzenrath, Rheinisches Braunkohlenrevier, 13. Januar 2007.
Mein zweiter Besuch von Otzenrath, besser: Alt-Otzenrath, beziehungsweise dem, was die Bagger noch davon übrig ließen. Otzenrath ist wohl der einzige Ort, den es zweimal und zugleich keinmal gibt. Mein Navigationsgerät will mich immer nach Neu-Otzenrath schicken, diesem Otzenrath-Substitut für die Vertriebenen, in dem sich moderne und eintönige Häuser gleichförmig aneinanderreihen, ohne Ortskern, ohne Anzeichen einer gewachsenen Dorfgemeinschaft, scheinbar ohne Leben. Aber das ist ein anderes Thema. Wir wollen Fotos machen. Wir treffen uns jeden 1. Sonntag im Monat irgendwo, um gemeinsam Fotos zu machen. Diesen Sonntag treffen wir uns außerplanmäßig, weil wir die Schleifung dieses Ortes dokumentieren wollen und nicht wissen, wie lange das noch möglich ist. Die Anfahrt gestaltet sich etwas schwierig, die Autobahnausfahrt Otzenrath existiert nicht mehr, das gesamte Autobahnteilstück wurde abgebaggert. Dort verläuft jetzt die Abbruchkante des Tagebaugebietes Garzweiler II. Wir treffen uns vor der evangelischen Kirche, einem Jugendstilgebäude von 1910. Hier stand bis ins 20. Jahrhundert eine Barockirche von 1706, die Reformation hatte in Otzenrath schon 1550 Fuß gefaßt. Die Kirche ist mit Brettern vernagelt, davor steht eine schöne, alte Buche und wir schießen unsere ersten Fotos. Hinter uns gähnt eine leere Fläche, durchfurcht von Kettenfahrzeugen und LKWs und nur der Verlauf der weitgehend intakten Bürgersteige weist darauf hin, daß dieser Acker einst dicht besiedeltes Gebiet war. Am Horizont dräut, wie der Hals zweier Giraffen, ein großer Schaufelradbagger. Dort hinten beginnt das Riesenloch, eine Wüste von Menschenhand, der Braunkohle-Tagebau Garzweiler. Wir ziehen ein paar Meter weiter und stossen auf das Rittergut Leuffen, dessen Ursprünge bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen. Das schloßartige Hauptgebäude wird von einem ansehnlichen Erker mit Turmspitze geschmückt, hinter dem Gebäude erstrecken sich die Stall- und Hofanlagen. Die Fenster sind teilweise mit Brettern vernagelt, andere sind fensterlos. Links neben dem Hauptgebäude steht ein gelber Bagger in Ruhestellung. Ich ahne seine Bedeutung. Plötzlich kommt ein Mann um die Ecke und spricht uns an. Ein Otzenrather. Er erzählt aus seiner Kindheit. Wie er als Schüler mit seiner Klasse den Park des Anwesens besuchen durfte und man die Kinder beim Verlassen des Parks nach gestohlenen Eßkastanien abgetastet hatte. Daß die letzte Angehörige der Familie Leuffen, die in dem Gut noch gewohnt hatte, schon lange verstorben ist und zuletzt eine Textilfirma dort ihren Geschäftssitz hatte. Daß er die Fällung des großen Mammutbaumes im Park miterlebt und der gefällte Baum einen sehr intensiven Geruch verbreitet hatte. Wie das alte Gut Stück für Stück ausgeplündert worden war. Stuck, Öfen, alte Kacheln. Dann erzählt er von Neu-Otzenrath. Wie sich die Bewohner der Dorfgemeinschaft in den Jahren vor und nach der Umsiedlung veränderten, insbesondere diejenigen, die davon am meisten profitiert hatten. Daß man sich früher in Alt-Otzenrath wenig um behördliche Bestimmungen und Vorschriften geschert hatte. Das meiste war nach guter rheinischer Sitte stets unter den Dorfbewohnern ausgemacht worden. Heute steht um 22.00 Uhr die Polizei vor der Tür, wenn die Musik mal lauter gedreht wird. Früher hatte jeder hinter dem Haus einen Nutzgarten, in dem eigenes Obst und Gemüse angebaut und Kleintiere gehalten wurden. Heute geht das ja nicht mehr in den modernen Häusern mit dem bißchen Garten. Da auch an den neuen Häusern nichts mehr zu tun ist, sitzen viele, insbesondere ältere Leute, nutzlos herum und wissen mit ihrer Freizeit wenig anzufangen. Der Mann verabschiedet sich, er müsse noch was tun und setzt seinen Weg fort. Inzwischen bin ich alleine, die anderen sind schon weiter gezogen. Ich gehe weiter die Straße entlang zur katholischen Kirche.
Oh, dass ist ja Endzeitstimmung in der Wirklichkeit.
Danke für Deinen informativen Bericht.
Hier bei uns in der Nähe ( Krs. Helmstedt ) ist auch so ein gefräßiger Tagebau, da zählen die Menschen auch nichts, nur die Braunkohle.
Die Tonung bei Deinem Bild paßt sehr gut.
LG Ingrid
@Ingrid: Der Tagebau Garzweiler ist meines Wissens der größte in Europa, aber es gibt selbst innerhalb Deutschlands zahlreiche weitere Braunkohlevokommen, die im Tagebau ausgebeutet werden. Bei einem so dicht besiedelten Land wie der Bundesrepublik steht jeder dieser Tagebaue zwangsläufig für die Zerstörung von Ortschaften und die (Zwangs-)Umsiedlung von Menschen. Allein für Garzweiler II müssen 18 Ortschaten geschleift und knapp 8000 Menschen umgesiedelt werden.
Feine Serie ... ich konnte mich am letzten Wochenende auch vom Zustand von Otzenrath noch mal überzeugen...trauriger Ort bzw. was noch von ihm steht.
vG Gabi
Leider gibt es seit heute das Rittersgut bzw. Das Haus Leuffen nicht mehr, heute ist der Turm gefallen, der Älteste Teil des "Schlösschen".
Ich habe alles aufgenommen, und es ist sehr Traurig ein Gebäude aus dem 13 Jahrhundert so sterben zu sehen. Bin die ganze Zeit dabei ein Bild rauszusuchen was das Ende Zeigt, aber irgendwie fällt es mir sehr Schwer. Ich habe selber niemals in Otzenrath gewohnt oder Verwandte, Bekannte gehabt. Ich bin durch Zufall auf einer Foto tour einmal auf den Ort getroffen. Seit dem bin ich fast alle 2 Monate einmal dort. Ich habe heute alte Anwohner dort am Rittergut gesehen, alte Bewohner von Otzenrath. Es war eine sehr schlimme Atmosphäre. Eine Dame die dort stand und sich das angesehen hat stand mit Tränen in den Augen dort. Viele waren auch einfach verbittert. Für den Fall das ich mich für ein Bild entscheiden kann, setze ich es hier rein.
Da es bei Dir nun ja ein paar Bilder mehr zum Thema sind, noch dazu so ausdrucksstarke, hab ich Deinen Serienauftakt im Artikel Braunkohletagebau ergänzt.
Die Schilderungen der Betroffenen gehen immer wieder noch mehr unter die Haut als das was man bereits um einen herum sieht. Danke Dir für Deine ausführlichen Texte.