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Bei vielen Neulingen der Stereofotografie passiert folgendes: Sie probieren es einfach mal aus; fotografieren ein Motiv leicht seitlich versetzt ein zweites mal, montieren die Halbbilder zusammen in Kreuz- oder Parallelmontage, schauen es sich an und sind erstaunt über das gute Ergebnis. Das Motiv erscheint tatsächlich plastisch! Sie setzten das Bildpaar in die fc und bekommen dann, nach zunächst wohlwollenden Eingangsworten, untergeschoben, dass trotz guter Räumlichkeit bei den Bildern ein Fehler vorliege. Kein gravierender, aber doch einer, der das Bild und seinen Raumeffekt um den letzten Schliff und Sehgenuss bringt. Der Neuling bekommt gesagt, dass es besser sei, den Nahpunkt auf oder hinter die Scheinfensterebene zu legen. Beeindruckt von solch einem Wortgebilde schaut sich der Neuling noch mal sein Werk an und stellt fest, dass da tatsächlich irgendetwas nicht so ganz richtig ist. Es will keine rechte Ruhe ins Betrachten kommen, insbesondere an den Bildrändern. Wurde bei der Aufnahme ein Fehler gemacht???
Nein, es geht hier um das richtige Montieren, oder Rahmen des Raumbildes.
DIE SCHEINFENSTEREBENE
Betrachtet man ein Stereobildpaar mit Kreuz- oder Parallelblick, so gewinnt man den Eindruck, man schaut durch eine Glasscheibe in eine Szene. Diese imaginäre Glasscheibe liegt genau auf dem Monitor oder dem Papier (bei Printouts). Erstellt man Rahmen um die Halbbilder, so entsteht sogar noch deutlicher der Eindruck durch ein farbiges Fenster in die Szene zu blicken. Durch die Einzelbildbegrenzungen wird also die sog. Scheinfensterebene festgelegt. Sie sind sozusagen die Referenzwerte für alle Objekte die sich auf den Halbbildern befinden. Die zusammengehörenden (analogen)Objekte/Motive der beiden Halbbilder stehen in ganz bestimmten Abständen zu ihren jeweiligen Bildbegrenzungen. Die Abstände zur oberen und unteren Bildbegrenzung müssen in den Halbbildern immer exakt identisch sein - wir sprechen sonst von Höhenfehlern. Raffiniert verhält es sich nun mit den Abständen zur rechten und linken Bildbegrenzung.
(Vorab noch eine kleine Begriffsdefinition: Mit rechtem Halbbild meine ich das Bild, welches vom rechten Auge gesehen wird - bei Kreuzmontage also das linke. Und natürlich umgekehrt)
Befindet sich ein Objekt auf dem rechten Halbbild näher an seinem linken Rand, als sein Äquivalent auf dem linken Halbbild, so erscheint das Objekt vor der Scheinfensterebene.
Anders ausgedrückt: Würde man beide Halbbilder übereinander projizieren, und das Objekt auf dem rechten Halbbild befindet sich links des gleichen Objektes des linken Halbbildes, so erscheint das Objekt vor der Scheinfensterebene.
(siehe unteres Bildpaar bei Kreuzblick und oberes bei Parallelblick)
Entsprechend taucht ein Objekt in den Raum hinter der Scheinfensterebene, wenn es auf dem rechten Halbbild weiter rechts liegt als auf dem linken Halbbild.
(Siehe oberes Bildpaar für Kreuzblick und unteres für Parallelblick)
Nur die Objekte, welche auf beiden Halbbildern an exakt der gleichen Stelle liegen befinden sich genau in der Scheinfensterebene.
(siehe mittleres Bildpaar)
Diese Art der Montage ist ein Stilmittel und gehört zur dreidimensionalen Raumgestaltung von Stereobildern. Manche Objekte, oder auch Teilobjekte können willentlich vor das Fenster gestellt werden und vermitteln so den realistischen Eindruck, das Objekt rage aus dem Bildschirm (Papier) oder schwebe davor.
Beispiele:
In den meisten Fällen aber ist es von Vorteil für das Raumsehen, wenn sich der Nahpunkt (also das Objekt, welches dem Kameraobjektiv am nächsten steht) auf der Scheinfensterebene befindet.
Kleiner Exkurs
Betrachtet man die drei Bildpaare untereinander, so gewinnt man den Eindruck beim Kreuzblick, dass die untere Kugel wesentlich kleiner als die oberste ist. Das liegt daran, das beim unteren Bildpaar die Blickachsen stärker aufeinander zulaufen (konvergieren). Unser Gehirn aber schließt aus dem im Laufe seines Lebens erlernten, das die Blickachsen nur dann stark konvergieren müssen, wenn das zu betrachtende Objekt klein ist. Daher erscheinen auch Kreuzblickbilder kleiner als Parallelblickbilder.
Ich hoffe einige noch offene Fragen beantwortet zu haben.
Da hast Du Dir viel Mühe gemacht und ein zunächst schwieriges Gebiet der Stereomontage gut erklärt.
Die Bildbeispiele unterstützen das wirksam.
Hoffen wir, dass auch die Noch-Nicht-Stereofotografen Deinen Beitrag finden und nutzen.
Grüße von Ralf
Ich schneide bzw. rahme die Bilder zum Schluß immer dynamisch, indem ich mir die Wirkung beim Verschieben des Rahmens direkt im Kreuzblick ansehe. Je nach Programm kann man das auf verschiedene Weise machen. Probieren.
Noch eine Kleinigkeit:
Der Rahmen ist meist perfekt, wenn die gesamte Umrandung in einer Ebene liegend erscheint.
Dann ist dann nicht selbstverständlich, wenn der Gegenstand den Rand berührt, bzw. größer als das (Schein)Fenster ist
In besonderen Fällen kann/muss man davon abweichen.
*ploing*
Dies ist das Geräusch eines fallenden Groschens ...
Jetzt weiß ich endlich, warum manche meiner Bilder "irgendwie komísch" aussehen, auch wenn der Raumeffekt sehr deutlich ist.
Das Beispielfoto mit der Windmühle (es ist übrigens grandios!) hat mir endlich die Augen geöffnet: Gegenstände die man VOR die Scheinfensterebene stellt sollten nicht mit dem echten Bildrahmen angeschnitten sein, weil sonst Teile entweder fürs rechte oder linke Auge fehlen ...
Ich werde in Zukunft beim Montieren genau darauf achten ... :-)
Vielen Dank für diese hilfreichen Zeilen/Bilder ...
Gruß,
Roland
(den die Stereofotografie noch voll packen wird ... )
Vielen Dank für die, auch teils konketisierenden, Anmerkungen.
@ Ralf
Dynamisches Rahmen....klingt sehr interessant. Heißt das, du hast deinen freibeweglichen Rahmen, den du über die Halbbilder schiebst? Danke für deine Ergänzungen.
@ Ute
:-))
@ Roland
Du hast es exakt begriffen und einen ganz wichtgen Punkt erwähnt, der bei Ralf auch schon anklingt: Den Rahmenkonflikt. Ich wollte ihn noch in die Erläuterungen mit unterbringen, hab's aber letztlich vergessen. Auch dir Dank für die Ergänzung.
@ Andreas
Nein, es ist einzig und allein die Bildbegrenzung, die Objekte ins oder aus dem Bild treten lässt. Würde man einzelne Objekte im Bild verschieben, so würde das auf fatale Weise die Beziehung der Einzelobjekte eines Bildes zueinander verändern. (Ist im übrigen auch viel zu umständlich ;-))
@ Steffen
Na, dann wird's ja auch blad mal wieder Zeit für ein Raumbild von dir .... viellicht ein Portrait???
Hallo, Hubert, ja ich mache mir einen beweglichen Rahmen, den ich beim Kreuzblicken über das sonst fertige Stereo verschiebe.
Das klappt meistens gut. Manchmal ist dann noch ganz wenig nachzuarbeiten.
Danke Hubert für die Arbeit, die du dir hier mit Worten und Beispielen gemacht hast.
Ich bin absolut kein Fachmann - kann also auch keine der Fehler erkennen, die andere Kenner der Materie erwähnen - aber ich freue mich über diese Bilder und das MEHR, das man bei ihnen erkennen kann.
lg Irene
Hallo Hubert.....als *Parallelfuzzi* habe ich meine Schwierigkeiten mit diesem Demo"Bild". Theoretisch müsste es ja auch im Parallelblick funktiononieren, nur umgekehrt. Aber irgenwie klappt das nicht so richtig.
Ich habs also in DepthCharge umgewandelt und siehe da, es geht besser. Obwohl es bei der unteren Kugel
etwas dauerert bis sie deutlich hervortritt. Auf jedenfall
find ich es Spitze, das du dir die Mühe gemacht hast
das Problem der Scheinfensterebene so anschaulich zu erläutern.
Hey deine Kugeln sin Phantastisch!
Eine stand so weit vor, dass sie fast zum Bilsschirm rausgekugelt ist.
Ich mache auch hie und da 3D Fotos, einfach indem ich ein Foto mache, und mich dann mehr oder wenifer seitlich bewege.
Im 3D Viewer sieht das gut aus. Ich brauche keien, habe Gummiaugen, die ich entsprechend einstellen kann.
Gruss Reinhold
Es war genau diese Montage, die mir vor einigen Wochen die Augen öffnete.
Es ist schon komisch, wie ein einziges Bild, die ganze Anschauungsweise (positiv) beeinflussen kann :-)
In diesem Sinne:
VIELEN, VIELEN DANK :-))))))
Schönen Gruss
Andreas