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Ein Gärtner erzählte dem Mädchen Luise folgende Geschichte vom „Gelehrigen Efeu“
„Ein Efeu wächst mit langen Trieben an einem dicken Baumstamm hinauf, immer der Sonne entgegen. Wenn er oben angekommen ist, gibt er das Klettern auf. Er bildet jetzt nur noch ganz kurze Triebe mit rundlichen Blättern, und er fängt an zu blühen. Und bildet Beeren, welche die Vögel aufnehmen, und somit seine Samen verbreiten. Denn wie jede Pflanze, möchte auch der Efeu sich vermehren, sich ausbreiten und neue Standorte erobern.
Wenn ein Vogel nun die unverdauten Samen aus den Früchten des Efeus ausscheidet, wird er hierbei wahrscheinlich auf dem Ast eines Baumes sitzen. Und wenn das auf den Boden gefallene Samenkorn dann auskeimt, und sich ein kleines Pflänzchen entwickelt, wird dieses wiederum den nahen Baum erklettern wollen, wie es seine Elternpflanze getan hatte. Um dort später wiederum zu blühen, und sich damit weiter vermehren zu können.
Würde nun das junge Pflänzchen, wie jede normale Pflanze dieses tut, zur Sonne hin wachsen, käme es nie oben in dem Baum an. Denn der Weg zur Sonne führte ihn ja vom Baumstamm weg, und nicht dort hin. Also wächst die Pflanze erst mal ins Dunkle hinein, um den Baumstamm zu erreichen. Erst dann wächst der Efeu mit langen Trieben den Baumstamm hinauf, der Sonne entgegen ... “
Luise fragt sich nun: Woher weiß das Pflänzchen, dass es sich so verhalten muss, um sein Ziel zu erreichen? Warum wächst es nicht, wie jede normale Pflanze, direkt zum Licht? Der Gärtner erklärt ihr, dass die Pflanze diese Information von ihren Eltern und Ureltern, sozusagen als Erbteil, mitbekommen hat. - Weil nämlich alle diejenigen Efeupflanzen, welche sich nicht so verhalten haben, viel schlechtere Bedingungen hatten: Weil die Vögel sie nicht verbreitet haben, konnten sie sich nicht gut weiter vermehren.
„Aha“, denkt Luise laut, „also ist der Efeu eigentlich gar nicht gelehrig, sondern nur einfach folgsam: Er folgt den Gesetzen der Natur.“ – „Stimmt genau“, sagt der Gärtner, „darauf bin ich noch gar nicht gekommen!“
Luise fragt: „Aber was hat dies nun mit dem seltsamen Strauch zu tun, der dort in der Gartenecke steht, und der ein wenig wie ein Efeu aussieht?“
„Nun, die Gärtner kamen auf die Idee, dass diese ‚Altersform’ des Efeus - du weißt, wenn er oben ist, und kurze Triebe, rundliche Blätter und Blüten entwickelt - vielleicht einen interessanten Strauch abgeben könnte. Also schnitten sie Teile davon ab und ließen hieran im Gewächshaus Wurzeln wachsen. Und tatsächlich, es klappte. Der Efeu merkte dieses nicht sogleich und wuchs als kleines Sträuchlein weiter.“
Luise schaut sich ihren ‚Strauch-Efeu’ nun ein wenig genauer an: Und was entdeckt sie? Da ist doch tatsächlich ein einzelner langer Trieb an diesem Strauch. Eine Ranke, die wieder ganz normale Efeu-Blätter hat. Eine Ranke, welche nun versucht, den nahen Baum zu erreichen. Diese Efeu-Pflanze hat also doch gemerkt, was die Gärtner mit ihr gemacht haben. Und sie versucht nun, dies zu korrigieren...