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Die "angeschnittenen" Knöpfe vermitteln für mich die Assoziation des Tötens; der Kontrapunkt, das Herz mit seiner geschmeidigen Oberfläche, sehe ich als Zeichen der Hoffnung.
LG
@gar
"Der Zug rollte langsam, ganz langsam in den Bahnhof von Weimar ein.
Und der Bahnhof war auch noch der gleiche wie damals vor neun Jahren, als er hier zu den Schiller-Festspielen mit seinem Gymnasium war. (...)
Auch sah er eine Inschrift über dem Tor des Hauses. Er las: Recht oder Unrecht, mein Vaterland. Ja, dachte er, das ist doch das bekannte englische „Wright or Wrong, My Country“. Und in dem Tor war ein eisernes Gitter, in das eingearbeitet war „Jedem das Seine“. Hm, dachte er, das hatte doch der erste preußische König im Jahre 1701 bei seiner Krönung als Wahlspruch erkoren. Was das nur hier zu bedeuten hatte? (...)"
Peter Prosna „Wege zwischen Dornen und Schlingen“ Kapitel: Transport und Ankunft im Buchenwald
Liebe Kerstin,
ich habe mir jetzt mal in Ruhe Deine Sicht auf das Grauen in Buchenwald angesehen. Ein Ort, in dem ich schon sehr häufig war. Dein Blick darauf berührt erneut. Wobei für mich eins der eindrücklichsten Erlebnisse vor zwei Jahren war, als ich mit meiner 10.Klasse in Weimar war und wir uns dem Thema: "Nationalsozialismus in Weimar" gewidmet hatte.
Bis dahin war mir immer das Bild vermittelt worden: Weimar = die Stadt der großen Dichter und Denker
Buchenwald = ein bedauerlicher schwarzer Nebenpfad.
Auf der Fahrt habe ich erfahren, wie begeistert die Weimarer in der NS Zeit für das Regime war. Das hat diese merkwürdige Zweiteilung für mich ein wenig zurechtgerückt.
Danke für den Anstoss, darüber nochmal nachzudenken mit deinem feinfühligen Foto.
Das geht ans Herz! Bei dem ganzen Trubel um den 20.Jahrestag des Mauerfalls vergisst man, dass der 9. 11. den Deutschen nicht nur Positives gebracht hat. Gut, dass Du daran erinnerst! LG, Stefan
Liebe Kerstin,
Ein Bild, das mich sehr berührt....an einem Tag, der mich hauptsächlich nachdenklich gemacht hat....in vielerlei Hinsicht !
Lieben Gruß
Andrea
eine beeindruckende Serie, in diesem Zusammenhang spricht dieses Bild die Gefühle auf ganz besondere Weise an.
In welchem Zusammenhang diese Gegenstände gestanden haben ist aus dem Bild nicht ersichtlich, aber sie könnten so etwas sein wie ein Talisman, der auch in auswegloser Situation Kraft gibt.
LG Birgitt
Liebe Kerstin,
das Bild ohne Titel und Erklärung zu
betrachten, macht einen im thumb
zunächst mal froh.
Ein leuchtendes Herz.
Dann beim Ankicken
denkt man angesichts der rostigen Knöpfe
an eine alte, vergangene Liebe.
Dann liest man , was ich zunächst ausließ:
und das zuvor fröhlich stimmende Bild verliert
mit einem Schlag das "Harmlose", die Leichtigkeit,
Das Herz wird zum blutenden Herz und
zum brennenden, und auch der Knopf wirkt
nun hohl wie ausgedörrtes Gebein..., und schmerzlich erinnert man
die Geschichte.
Nun mag das eine sehr menschliche Eigenschaft sein, liebe Kerstin, die uns davor bewahrt, in ständigen bösen Erinnerungen zu leben und Angst vor der Zukunft zu haben, denn sonst würden wir Gegenwart wohl kaum ertragen können.
Es ist daher sehr wichtig, dass man Orte des Gedenkens schafft und wenigstens hin und wieder Erinnerungen weckt, auf dass wir die Zukunft so gestalten, dass wir uns für das Vergangene nicht schämen müssen.
"O Deutschland, bleiche Mutter!
Wie haben deine Söhne dich zugerichtet
Daß du unter den Völkern sitzest
Ein Gespött oder eine Furcht!"
(Deutschland, B. Brecht, 1933)
Interessant scheint mir die Anmerkung weiter oben,
" Auf der Fahrt habe ich erfahren, wie begeistert die Weimarer in der NS Zeit für das Regime war. Das hat diese merkwürdige Zweiteilung für mich ein wenig zurechtgerückt. " Diese passt, auch wenn ich Renate hier natürlich weder etwas unterstellen, noch ihr zu nahe treten möchte, zu Deinem "Schriftbild", auf dem steht "wir haben ja von nichts gewusst".
Inwiefern dieses Nichtwissen, oder die Ignoranz, auf einzelne Menschen zutraf, ist für uns natürlich schwer zu beurteilen, und wer etwas wusste und versuchte, sich aufzulehnen .., nun, wir wissen, was mit jenen geschah.
Du wirst das Bild "Aus den Fugen geraten" natürlich nicht zufällig am 09.11.09 eingestellt haben, jedenfalls impliziert es, neben der Reichskristallnacht, auch einen Bruch in einer Mauer, so wie wir es 1989 erlebten und gestern feiern durften, denn gilt dieser Tag als einer, an dem es einem Teil der Deutschen gelang, eine Diktatur zu überwinden, was beim 3. Reich nicht gelang. Freilich auch nicht gelingen konnte, denn als Besiegte sorgten die Sieger für das Ende des Regimes. Ob es nicht auch uns eines Tages aus uns selbst heraus hätte gelingen können, kann man natürlich nicht sagen.
Es bleibt die Frage der Aufarbeitung.
Die des NS-Regimes fand ja auch in der BRD recht spät und schleppend statt, ich denke, in der DDR so gut wie gar nicht.
Heute bleibt uns wohl immer noch die Aufarbeitung des SED-Regimes, wie es Herr Platzeck ein wenig angestossen hat.
Und es ist tatsächlich die Frage, ob es auch und gerade eine Demokratie sich leisten kann, die Meinung eines nicht unerheblichen Teils ihrer Bürger zu ignorieren und Diskussionen und Zusammenarbeiten scheinbar zu verweigern, ohne dass das ganze System zur vielzitierten "Diktatur der Mehrheit" wird.
Neben den Mauerfeierlichkeiten gingen die Novemberprogrome fast ein wenig unter, es ist ganz gut, dass Du auch daran erinnerst.
Und irgendwie ist es schon ein Treppenwitz der Geschichte, dass wir nun eines schlimmen als auch eines fröhlichen Ereignis zur gleichen Zeit gedenken.
Dass jemand so ein Herzchen bei sich wohl verstecken konnte, war sicherlich eine Ausnahme. Ein Knopf oder Ähnliches musste schon reichen um ein Hauch von Menschlickeit, Nächstenliebe zumindest symbolisch zu bewahren. Diese Juwelen haben bestimmt vielen geholfen die Gehenna zu überleben.
Ein, für mich, im wahrsten Sinne warmherziges Bild.
Grüße , Adrian
@Manfred J.: Ja, ich glaube, dass die Menschlichkeit, Großherzigkeit und der besondere Mut einiger Gefangener trotz der permanenten Angst um das eigene Leben das Überleben anderer und vor allem auch vieler Kinder in dem Lager überhaupt erst ermöglicht hat.
@J-La: Lieber Jürgen, ich war bereits mehrmals dort und ich fror jedesmal nicht nur vor äußerer Kälte ganz fürchterlich. Das Museum und die übrigebliebenen Gebäude dokumentieren das Leid der Opfer sowie die Grausamkeiten und den Zynismus der SS-Leute sehr gut, so gut es eben geht ...
@Edgar Barth: Danke! Ich war vor dem Einstellen lange im Zweifel, ob ich in diesem Kontext eine "ästhetische" Aufnahme, die eben auch solche Aspekte der Bildgestaltung enthält wie Du sie ansprichst, überhaupt einstellen dürfe oder ob sich das von vornherein verbietet. Aber dieser krasse Gegensatz war Teil der Geschichte, Teil des Lebens. Und für mich ist das Bild ein Stück gedanklicher und emotionaler Verarbeitung ... Ja, das Herz symbolisierte für mich auch Hoffnung und Weiterleben ... in unseren Gedanken.
Gruß. Kerstin
@werner weis: Lieber Werner, danke! Alles dort war eindringlich und intensiv. Die Aufnahmen sind keine Dokumentation; sie spiegeln vielleicht ein klein wenig das, was ich dort empfunden habe (soweit man das überhaupt ausdrücken kann). Grüße. Kerstin
@Adrian (1): Danke für das Zitat und dein Bild! Diese wenigen Zeilen beschäftigen mich sehr. Es erscheint einem ja eigentlich als ein völliger Irrsinn, wenn man sich versucht vorzustellen - und ich war in meiner Jugend auch bereits oft in Weimar - dass ein solcher Bahnhof, den man als "Tor" zu einer Stadt in Erinnerung hat, die man mit Geist, Humanität, Kultur verbindet, unter anderen Voraussetzungen plötzlich zur Kulisse für unvorstellbare Grausamkeiten, Menschenverachtung, Tod wird, sich in das völlige Gegenteil verwandelt, weil man "auf der anderen Seite" steht. Ich versuche mir das bereits seit Tagen vorzustellen ...
Danke, Adrian!
Grüße. Kerstin
Du hast das Foto oder vielmehr das Ensemble zum 71. Jahrestag der sogenannten Reichspogromnacht eingestellt. Die an diesem Tag organisierte Zerstörung von Eigentum, Verbrennung der Synagogen, Ermordung von Menschen bildete „bekanntlich“ den Auftakt zur organisierten Menschenvernichtung durch Erschießen, Verhungern, Krankheiten, Vergasen und Verbrennen. Sie war jahrelang propagandistisch vorbereitet worden, indem man den für den Menschen überhaupt nicht angängigen Begriff der Rasse im Sinne einer minderwertigen Rasse auf die Juden anwandte. Aber es gibt keine Menschenrassen. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie durch sprachliche Manipulation Scheintatsachen geschaffen werden, die es gar nicht gibt.
Ich nehme an, dass wir in Buchenwald im Großen und Ganzen die gleichen Dinge gesehen haben, so wie ich auch dieses Herz unter Knöpfen, Brillen und Kämmen, die man vermutlich in der Erde der ehemaligen Baracken gefunden hat. Wie so vieles Andere ist es in dem Museum aufbewahrt und präsentiert, das als eines der wenigen Gebäude dieses Lagers noch real steht. Aus dem Plan beziehungsweise dem topographischen Modell, der bzw. das einem bei der Führung gezeigt wird, geht hervor, dass das Meiste, was dieses Lager ausmachte, nicht mehr steht. Sei es, dass es vor der Befreiung des Lagers vernichtet wurde, sei es, dass es während der „Umnutzung“ durch die russische Besatzung nach dem Ende des Hitlerreichs geändert wurde, sei es, dass es nach Beendigung dieser Umnutzung in dem herrenlosen Interregnum, der Zeit, bevor es in der DDR auch zur Gedenkstätte wurde, abhanden kam. So ist es eigentlich fast erstaunlich, wie viel von den Zeugnissen der Mordanlage noch vorhanden ist oder nachgebaut wurde,
und man wird der Stiftung der Gedenkstätte dankbar sein, dass das Verbleibende so erhalten wird, dass man aus ihm geistig den Ort ohne Trost erwachsen lassen kann.
Dass man eine Phantasie aufbringen kann, die das Vergangene und das darin aufgehobene Geschehen wieder zum „Leben“ erweckt – man müsste ja eigentlich sagen: zum Sterben – hat natürlich auch damit zu tun, dass nach einer Periode des Verdrängens und Verschweigens in den späten vierziger, in den fünfziger und sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dieses Thema im Zuge des Aufstands der Achtundsechziger-Generation gegen ihre Väter wieder ins Bewusstsein rückte, übrigens das größte Verdienst dieser ansonsten an Verdiensten weniger reichen Generation, die der StaSi mit größtem Vergnügen manipuliert hat. Das Buch „Der SS-Staat“ von Eugen Kogon, das zum ersten Mal 1974 erschien, ist ein Meilenstein auf dem Weg der öffentlichen Aufarbeitung des Holocaust in der alten Bundesrepublik, die in diesen Jahren mit Macht begann und nicht mehr zu stoppen war. Wie breitenwirksam dann die spätere Fernsehserie „Holocaust“ war oder der Film „Schindlers Liste“, ist ja allgemein bekannt. Das fürchterlichste Buch ist für mich immer noch Claude Lanzmanns „Shoah“ von 1986, also eine Sammlung von Erlebnisberichten aus der Hölle. Wer dieses Buch ernsthaft gelesen hat, dem hat sich das Inferno ein für allemal eingebrannt, und er wird wissen, was er von bestimmten Parolen zu halten hat, die noch immer in einigen verirrten Köpfen herumspuken.
Seit diesen Jahren ist die Erforschung und Dokumentation des „SS-Staates“ noch weiter vorangekommen; davon hast Du dich sicherlich in der ausgezeichneten Buchhandlung von Buchenwald überzeugt. Wer das Grauen auch sehen will, kann sich mit Videos die Dinge auf den Bildschirm holen, etwa den Auschwitz-Prozess, den Eichmann-Prozess, die Nürnberger Prozesse und vieles mehr.
Das alles kann man lesen, hören, sehen und daraus lernen. Eventuell auch das Gelesene, Gehörte und Gesehene weitergeben, sei es in der Erziehung oder im Unterricht. Unsere Generation tritt diesen Vorgängen aus dem Deutschland der dreißiger und vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts mehr oder weniger genauso entsetzt als Geschehnissen der Vergangenheit gegenüber wie die übrige Welt, nur mit dem Unterschied, dass es eben in dem Land geschah, in dem wir leben, und dass die Verantwortung dafür bei Einigen oder Vielen aus der Generation unserer Großeltern lag.
Seitdem hat es auf der Welt anderswo Massenmorde gegeben, deren Namen jeder als Schibboleth kennt. Auch Stalin soll ja zehn Millionen Menschen umgebracht haben. Gegeneinander aufrechnen lässt sich natürlich nicht, sondern es muss addiert werden. Für mich stellt sich bei allen diesen Dingen immer wieder die Frage, wie Angehörige einer eigentlich intelligenten und auch akkulturierungsfähigen Spezies, wie es der Mensch doch ist, was er ansonsten vielfach beweist, soweit gebracht werden können, dass nicht nur Einzelne jede Mitmenschlichkeit über Bord werfen, wie wir es bereits einmal besprochen haben,
Eigentlich ist das grausigste Foto in diesem Zusammenhang gar keine Hinterlassenschaft aus der Hölle der Häftlinge, sondern ein Foto, das den Lagerkommandanten mit seinem Sohn zeigt. Darunter steht: „Papi macht Witzchen“.
Wie das in Buchenwald und anderswo, wovon Vergleichbares berichtet wird, gehen konnte, dass die Bewacher ein „normales“ Leben mit Liederabenden, Zoo und Tannenbaum zu Weihnachten führen konnten, während wenige Meter weiter ihre Mitmenschen verhungerten, erfroren, an Krankheiten starben, erschossen oder vergast und durch den Schornstein gejagt wurden, hat die Psychologie intensiv beschäftigt. Dir sind sicher die einschlägigen, auch verfilmten Experimente (Elektroschock-Experimente Stanley Milgrams) bekannt, bei denen man Versuchspersonen dazu brachte, anderen Leuten (fingierte) Stromstöße immer größerer Stärke zu geben.
„Stromstoß-Experiment
So leicht werden Menschen zu Folterknechten
Von Christian Stöcker
Die Elektroschock-Experimente Stanley Milgrams sind legendär. Sie gelten bis heute als Beleg dafür, dass auch ganz normale Menschen schnell zu erbarmungslosen Folterknechten werden können. Nun wurde die historische Studie wiederholt - mit ernüchterndem Ergebnis.
Was Stanley Milgram seinen Versuchspersonen im Jahr 1961 antat, darf heute kein Forscher in der westlichen Welt mehr - und seien seine Absichten auch noch so lauter. Nun wurde die Studie über Gehorsam und Gnadenlosigkeit in einer Light-Version wiederholt. Und wieder zeigte sich, wie leicht Menschen dazu gebracht werden können, andere zu quälen. Wie in der Originalstudie ging es eigentlich nur darum, einen "Schüler" - der in Wahrheit ein Helfer des Forschers war - mit Bestrafung zum besseren Lernen von Wortpaaren zu bringen.
Milgrams legendäres Experiment veränderte das Selbstbild der Menschheit auf Dauer, weil er mit einer schlichten Methode vorführte, wie leicht normale Menschen zu Folterknechten gemacht werden können, zu gehorsamen Erfüllungsgehilfen einer zerstörerischen Autorität. Der Großteil seiner Versuchspersonen verteilte Elektroschocks, bis eine vermeintliche Versuchsperson im Nebenraum zunächst vor Schmerzen brüllte und dann plötzlich, aber dauerhaft verstummte.
"Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen", sagte der Herr im weißen Kittel, und die Versuchspersonen drückten noch einmal auf den Knopf. Wollte der Proband erneut abbrechen, sagte der Versuchsleiter: "Es ist unbedingt notwendig, dass Sie weitermachen." Und die Mehrheit tat das auch. Auch wenn der durch jeden Knopfdruck vermeintlich mit Elektroschocks traktierte "Schüler" im Nebenraum schon schrie, scheinbar vor Schmerzen.
Ist die Menschheit heute gnädiger als vor 50 Jahren?
Die Mehrheit der Versuchspersonen ging mit den Elektroschocks bis zum Ende der Skala, bis 450 Volt, in 15-Volt-Schritten. Diese Kombination aus ungewohnter Situation, nicht hinterfragter Autorität und Salamitaktik betrachtete Milgram als Kernfaktoren, die zum erbarmungslosen Verhalten seiner Testpersonen beitrugen. Gerade in den Jahren seit dem 11. September 2001, in denen Folter plötzlich wieder zum Mittel der Politik zu werden schien, wurden Milgrams Ergebnisse oft zitiert, um etwa die Greuel von Abu Ghureib zu erklären. In verschiedenen Varianten ist die Erkenntnis immer wieder erneuert worden - in (fast) jedem steckt ein Folterknecht.
Nun versuchte sich der Psychologe Jerry Burger erneut an Milgrams Versuchsaufbau. Seine implizite Kernfrage: Sind wir heute besser? Hat die Menschheit dazugelernt, lassen wir uns nicht mehr so einfach zu Folterern machen wie damals in den frühen Sechzigern? Das hat schon lange niemand mehr probiert - aus ethischen Gründen: Experimente wie das Original, in dem den Versuchspersonen suggeriert wurde, sie hätten einen Menschen gequält und womöglich dauerhaft geschädigt, gelten heute als nicht mehr vertretbar. In manchen Varianten der Originalexperimente verwies der "Schüler" im Nebenraum schreiend auf eine Herzerkrankung und verstummte dann. Probanden solchem Stress auszusetzen, widerspricht heutigen Ethik-Richtlinien für Experimente.
Weiterdrücken, auch wenn das Opfer nicht mehr reagiert
Also setzte Burger einen niedrigeren Abbruchpunkt an: Bei 150 Volt, im Original wie in der neuen Studie, schrie der "Schüler" zum ersten Mal vor Schmerzen auf. Bei Milgram zögerten die Versuchspersonen hier und wurden zum ersten Mal wirklich unsicher. Wer jenseits von 150 Volt weitermachte, tat das meist bis ganz ans Ende. Mehr als 80 Prozent der Probanden, die 150 Volt verabreicht hatten, drückten bis 450 Volt weiter auf die Knöpfe - auch wenn der Proband irgendwann weder auf die Fragen noch auf die Elektroschocks reagierte.
Burger ließ deshalb nur virtuelle Stromstöße bis 150 Volt austeilen. Wenn Probanden danach weitermachen wollten, hielt der Versuchsleiter sie davon ab. Es handele sich um "Gehorsam light", schreibt Alan Elms, der in den Sechzigern mit Milgram zusammenarbeitete, in einem Kommentar zu Burgers Studie. "Wenn man den Mann schreien hört 'lasst mich raus, ich halte es nicht mehr aus', ist das der Punkt, an dem der Stress, für den man Milgram kritisiert hat, einsetzt", sagt Burger über seine Studie, die nun im "American Psychologist" erscheint.
In der "Light"-Version waren nicht ganz so viele Versuchspersonen bereit, nach dem Schmerzensschrei noch weiterzumachen - 70 Prozent hätten auch den Knopf für 165 Volt noch gedrückt. Die Abweichung zum Original ist jedoch nicht einmal statistisch bedeutsam.
Um zu überprüfen, ob der mäßigende Einfluss einer zweiten Person daran etwas ändern würde, schleuste Burger in einem zweiten Experiment eine vermeintliche Co-Versuchsperson ein. Sie weigerte sich ab einer Spannung von 90 Volt, weitere Schocks zu verteilen. Doch trotz des guten Beispiels übernahmen die meisten der Versuchspersonen an dieser Stelle freiwillig die Aufgabe des Knöpfedrückens - und 65 Prozent der Teilnehmer hätten auch unter diesen Bedingungen nach dem Hilferuf noch weitergemacht. Ein "überraschendes und enttäuschendes" Ergebnis sei das, sagt Burger.
"Ernstzunehmende Lücke"
Eins mache seine Studie jedoch deutlich: Die "Vorstellung, dass die Menschen in den frühen sechziger Jahren irgendwie einfacher zu Gehorsam zu bewegen waren", sei nicht haltbar.
Milgrams früherer Mitarbeiter Elms zeigte sich einerseits schockiert von Burgers Ergebnissen. Er habe in Interviews immer wieder der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass die Ergebnisse aus den Sechzigern heute nicht mehr replizierbar wären, schreibt Elms in einem Kommentar. "Da gehen meine hoffnungsvollen Erwartungen über deutlich geringeren Gehorsam dahin!"
Er verweist jedoch auf Vorsichtsmaßnahmen, die Burger getroffen hat und die in seinen Augen das Ergebnis schwächen: Burger akzeptierte nur Versuchspersonen, die das Milgram-Experiment eigenen Angaben zufolge nicht kannten. Und er ließ von Psychiatern Interviews durchführen, um Menschen auszuschließen, denen die Stresssituation des Experimentes hätte Schaden zufügen können. Die nach dieser Doppelauswahl übriggebliebenen Probanden könnten möglicherweise "beträchtlich gehorsamer sein" als Durchschnittsmenschen, spekuliert Elms.
Ein zweiter Kommentator, der Psychologe Arthur Miller, spricht in der gleichen Ausgabe des "American Psychologist" sogar von "ethischem Overkill" in Burgers Studie. Man könne die Arbeit mit den Originalexperimenten nicht sinnvoll vergleichen. Dennoch seien Studien wie die Burgers gerade heute wieder dringend nötig, sie "füllen eine ernstzunehmende Lücke". Miller: "Die Bedingungen und Gründe zu verstehen, die Menschen dazu bringen, physischen Schmerz zu verursachen und Strafen bis hin zu Mord zu verteilen, insbesondere auf Befehl innerhalb einer Organisationshierarchie, ist heute vielleicht wichtiger als je zuvor."“
Der psychologische Mechanismus ist ganz einfach. Der Mensch ist unter geeigneten Bedingungen dahingehend manipulierbar, dass er seine Verantwortung an eine scheinbar kompetente Autoritätsperson delegiert, so dass er selbst von Verantwortung frei ist. Die Nationalsozialisten haben sich diese Einsicht in Verbindung mit den Erkenntnissen der bereits in den dreißiger Jahren bekannten Psychologie der Masse zunutze gemacht, um ein ganzes Volk durch jahrelange gezielte Propaganda so weit zu bringen, dass es Juden nicht mehr als vollwertige Menschen ansah. Die Konsequenzen sind bekannt.
„Le Bon wurde neben Scipio Sighele (1891) mit seinem berühmtesten Buch Psychologie der Massen (Psychologie des foules, 1895) zum Begründer der Massenpsychologie und für die Soziologie bedeutsam.
Er vertritt die Auffassung, dass der einzelne, auch der Angehörige einer Hochkultur, in der Masse seine Kritikfähigkeit verliert und sich affektiv, zum Teil primitiv-barbarisch, verhält. In der Massensituation ist der Einzelne leichtgläubiger und unterliegt der psychischen Ansteckung. Somit ist die Masse von Führern leicht zu lenken.
In der Psychologie der Massen vertritt Le Bon die Thesen, dass
• die Masse im Gegensatz zum dazugehörigen Individuum ihre Kritikfähigkeit einbüße
• die Masse nicht durch Argumente überzeugt werden könne
• die Masse uneigennützig, gegebenenfalls auch tugendhaft oder heroisch handle
• die Masse gegen Veränderungen sei
• sich die Grundüberzeugungen der Masse nur sehr langsam veränderten
• die Masse leicht erregbar sei
• die moralischen Urteile einer Masse unabhängig von der Herkunft oder dem Intellekt ihrer Mitglieder sei
•
Le Bon begründet seine Thesen mit vielerlei historischen Fallbeispielen, vor allem aus der Zeit der Französischen Revolution.“
Es gehört zu den widerlichsten Episoden aus der Kulturgeschichte der Menschheit, dass eine Bewegung, die die Freiheit des Dritten Standes zum Ziel hatte, in Mord und Totschlag endete. Und dass ausgerechnet Anhänger des absolut Bösen wie die Nationalsozialisten daraus lernen konnten. Eckhard
ein kleines leuchtendes herz, abgerissene knöpfe..
wer kann das je begreifen. was menschen menschen antuen können..
man wird wütend.-
und schweigend vor trauer..
lg.e.
Ja, es ist unbegreiflich.
Und trotzdem ist Vergessen und Verdrängen nicht der richtige Weg.
Aber es ist ein harter Weg.
Gut, dass du diesen Weg unterstützt.
LG Sabine
Dein Bild kommt scheinbar so harmlos daher, wenn man es für sich alleine gestellt sieht, aber wenn man den Ort weiß, wo du es aufgenommen hast, dann...
Gruß Andreas
Man stellt sich vor, daß ein lebendiger Mensch dieses Herz als Schmuck um den Hals trug. Sicher eine Frau, die zu Recht auf ein Leben in Frieden und Glück hoffte.
Eines schlimmen Morgens wummert es an der Türe und gestiefelte Uniformträger stehen draußen, zerren sie in einen Wagen...
Menschen sind wie die Geschichte lehrt (leider) zu allem fähig.
Eindringlich, Dein Foto.
Gruß
Peter