Dies ist eine Bezahl-Funktion
Premium-Nutzer können schon ab 4 € im Monat alle Funktionen der fotocommunity nutzen.
  • In allen Foren lesen und schreiben
  • Aktbilder hochladen und anschauen
  • Am Galerie-Voting teilnehmen
  • Bis zu 30 Fotos pro Woche hochladen
> Jetzt Premium-Mitglied werden
 

Die Geschichte vom Fotografen der auszog um sich ein Eigentor zu schießen von Romana T.

Die Geschichte vom Fotografen der auszog um sich ein Eigentor zu schießen


Von 

Neue QuickMessage schreiben
22.08.2009 um 0:08 Uhr
, Lizenz: Alle Bilder unterliegen dem Urheberrecht der jeweiligen Sender. All pictures © by the senders.
Es war einmal ein Fotograf, der hieß Erwin (er hieß natürlich NICHT Erwin). Erwin nahm eine liebliche blonde Maid zur Frau. Sie lebten glücklich und zufrieden, am dritten Tag aber enthüllte Erwin seiner jungen Gemahlin, dass er zum nächsten Ausflug seinen treuen Begleiter, den Fotoapparat, mitzunehmen gedenke.
Und so geschah es.
Erwin fotografierte. Er fotografierte seine Gemahlin (die Bilder hängen heute in der Galerie „Die großen Meuchelfotos des 20. Jahrhunderts“), er fotografierte alle Gebäude, die folgende Bedingungen erfüllten: a) kein Schafkoben, b) kein Toilettenhäuschen der Wiener Stadtwerke. Und Berge. Diese mussten keine Bedingungen erfüllen, es genügte, dass sie sich aus dem Umfeld um einige Meter hervorhoben. Denn Erwin war begeistert von den Bergen.

Erwin besaß ein Kraftfahrzeug, in dem er seine junge Gemahlin, sich selbst und freilich auch seinen Fotoapparat durch die Lande führte. Auf der Suche nach dem schönsten Bergmotiv sah er hierhin und dorthin, naturgegeben vor allem auch nach oben hin in die Lüfte und Klüfte, dieweil seine junge Gemahlin vom Beifahrersitz aus das Lenkrad umklammerte, das Erwin zu umklammern vergessen hatte. Und so ward ihnen nichts geschehen und sie überlebten und Erwin trug viele, viele Lichtbilder von den Bergen heim und hortete seine Schätze.
Als der Sommer gekommen war, beschloss das junge Paar, eine Reise anzutreten. Und so geschah es.
Sie reisten in ferne Lande und sahen viele Schlösser, Burgen und Kirchen. Vor den Kirchen (oder Schlössern und Burgen) lud Erwin seine junge Gemahlin vor dem Portal ab und sagte: „Warte hier, mein Schatz, ich gehe hin und mache nur ganz schnell ein Foto. Ich bin in einer Minute zurück“.
Erwin war keiner, der sein Stativ in den Stativpunkten tausender Vorgänger einsetzte. Erwin machte Lichtbilder, von denen noch seine Enkel und Urenkel sagen sollten: „Seht nur, welch einmalige und außergewöhnliche Perspektive unser Urahn fand, wie sie noch kein Mensch je zuvor gefunden hat.“

Er duckte sich hinter Brunnenfiguren, ließ listig Fahnen bunt ins Bild wehen oder suchte gar nach Auslagenscheiben, in denen sich das Objekt seiner künftigen Lichtbildprojektion spiegelte. Befand sich hinter dieser Auslage ein Buchladen, konnte es geschehen, dass Erwin, der Bücherwurm, gefangengenommen war von Entzücken und in den Tiefen des Buchladens verschwand und nicht mehr wiederkehrte.

Seine junge Gemahlin ward inzwischen älter, dort vor dem Kirchenportal, wo er sie zurückgelassen hatte. Sie las den Reiseführer von vorn nach hinten, von hinten nach vorn, lernte die Kapitel 3 bis 6 auswendig und just, als ihr die Zeit lang zu werden drohte – denn zu jener Zeit gab es noch keine Fernsprechgeräte, mit denen man einen verlorengegangenen Ehegemahl herbeirufen hätte können - fiel ihr ein, dass sie zum siebenten Mal die Kirche umrunden könnte und hernach zum achten Mal.
Ihr zarter Fuß ward wund, und so ließ sie sich wieder auf jenem Stein vor dem grottenlangweiligen Kirchportal nieder und sann über Fragen der griechischen Mythologie nach. U.a. entwickelte sie hierbei die Theorie, dass die Geschichtsschreiber hinsichtlich der Irrfahrten des Odysseus von völlig irrigen Annahmen ausgegangen waren. Gleich ihr wartete Penelope 20 Jahre lang vergeblich nicht auf einen die Meere erforschenden Odysseus, sondern auf einen Odysseus, der auf der Suche nach dem einen, dem einzigen und einzigartigen Motiv war, um ein pottlangweiliges Kirchenportal so zu fotografieren, dass es einmalig und spannend aussah. Kurzum: Odysseus war der erste Fotograf und Erwin sein Epigone.

Schließlich – sie zupfte sich vor ihrem Kirchenportal bereits die inzwischen entstandenen Silberfäden aus ihrem prachtvollen Haar, während die ersten Einwohner sich nicht mehr an jene Zeit erinnern konnten, wo sie nicht vor dem Portal auf ihrem Stein gesessen war – tauchte Erwin wieder auf, beladen mit vielen Büchern und einem neuen Lichtbild im Kasten und die Reise konnte fortgesetzt werden.

Mit den Jahren ward die Gemahlin es müde, ständig vor Kirchenportalen, Türmen und Schlössern wartend abgeladen zu werden, zumal Probenasenbohrungen keine weiteren Funde mehr zutage förderten, und sie ward unzufrieden. Sehr unzufrieden. SEHR, SEHR unzufrieden.


Und so begab es sich, dass Erwin eines Tages hinging und auf einen Krämer traf, der digitale Fotoapparate feilbot. „Mit diesem Ding kann jeder Trottel schöne Bilder machen“, versicherte der Händler und Erwin dachte: So sei es, erwarb das Gerät und legte es seiner Gemahlin unter den Weihnachtsbaum.
Die Gemahlin hatte allerlei hübschen Tand erwartet, nicht jedoch einen Fotoapparat, und das Wehklagen war groß, doch Erwin versicherte ihr, dass diesem Fotoapparat Zauberkräfte innewohnten und er die Bilder praktisch im Alleingang herstellen würde.

Die Gemahlin legte das Ding in ihre Truhe und vergaß es, doch als ein weißer Terrier in ihr Heim einzog, den sie innig liebte, besann sie sich eines Tages und holte den geheimnisvollen Apparat hervor.
Und so geschah es, dass sie fortan Bilder von ihrem Hund anfertigte.
Sie begann mit dem Motiv „Hund von vorn“ und „Hund von oben“, doch weil sie geschickt und einfallsreich war, entstanden gar bald auch Bilder vom „Hund von links“. Eines Tages, als sie gar auf den verwegenen Gedanken kam, „Hund von rechts“ abzulichten, ward ihre Freude groß.
Und die Rache gehörte ihr, denn ihr Gemahl und ihr noch mehr fotografierender Ahnherr mussten sich – wie sie selbst sich zuvor all deren Millionen Lichtbilder von Vögeln, Bäumen, Sonnenuntergängen, gespiegelten Kirchtürmen und Pusteblumen – alle diese Hundebilder ansehen, jedes einzelne.
Und so geschah es, dass der Vater mit dem Schwiegersohn Tacheles redete. „Eidam, so kann’s nicht weitergehen. Wenn ich auch noch ein unscharfes überbelichtetes Foto von einem Hund von vorn, oben, rechts oder links ansehen muss, sterbe ich eines gewaltsamen Todes oder von eigener Hand. Also gehe hin und tue desgleichen. Hier reiche ich dir meinen schwersten Vorschlaghammer.“
Doch der Schwiegersohn, Erwin, - der Hergang erinnerte an die Geschichte von Schneewittchen, die ja ebenfalls auf Geheiß der bösen Stiefmutter vom Leben zum Tode befördert werden sollte - hatte ein mildes Herz und so ward der Fotoapparat gerettet.
Erwin suchte den Krämer auf, der Digitalfotoapparate feilbot und sprach: „Höre, Händler, hast du nicht einen digitalen Fotoapparat, der bessere als grottenschlechte Bilder macht?“
Und der Händler kramte tief in seiner Truhe und holte ein Silberkästchen hervor.

Erwin erwarb es und legte es seiner Gemahlin unter den Baum, die ziemlich verdutzt darüber war, dass schon wieder kein eitler Tand, ja nicht mal ein silberner Schuh von Manolo Blahnik, sondern abermals ein Fotoapparat dazu auserkoren war, zum Weihnachtsfest ihr Herz zu erfreuen. Diesmal machte sie es nicht zu einer Mördergrube, sondern griff zu und las sogar die ersten 3 Zeilen der Gebrauchsanweisung.

Fortan waren ihre Bilder ein wenig schärfer und ein wenig weniger schrecklich belichtet, und eines Tages machte sie sogar ein paar Hundebilder, die den jüngsten Magengeschwüren ihres Vaters nicht zum Durchbruch verhalfen.
Ermuntert begab sie sich in die Felder und Auen, und begann – erst mehr aus Versehen, weil der Hund aus dem Bild gerannt war dieweil sie abdrückte, später mit etwas Absicht – auch Bäume, Blumen und Landschaften abzulichten.

Mild und freundlich, wie Erwin war, beschloss er, zum nächsten Weihnachtsfeste seine Truhe weit zu öffnen und seine Gemahlin mit dem dritten und letzten Silberkästchen zu erfreuen, denn aller guten Dinge sind im Märchen wie im echten Leben drei.

Als die Gemahlin abermals einen digitalen Fotoapparat unter dem Weihnachtsbaum vorfand, begann ihr zu dämmern, dass ihr Gatte ein herzensguter war, wenngleich auch stark in einmal gefundenen Traditionen verhaftet.
Sie nahm also das Silberkästchen und tat es in die Truhe.
Doch Winterabende sind lang, und als es einmal nichts mehr zu weben, zu flechten und zu spinnen gab, zog sie das Silberkästchen aus der Truhe und begann, wahllos an den Rädchen zu drehen. Weil es deren viele gab, entdeckte sie zufällig das Digitalmakro und machte ein formatfüllendes Bild von der Nase ihres Hundes, das so wohl und scharf geriet, dass sie darob entzückt war.

Sie ging hinaus und tat desgleichen. Sie fotografierte die Bäume, die Vögel, die Sonne und den Mond, just alles, was ihr vor die Augen geriet. Und es geriet manchmal so scharf, dass ihr Vorfahr (der vielfotografierende) keine Pfefferoni mehr brauchte, um ihre Bilder scharf zu betrachten. Mehr noch, erfreut rief er eins ums andere Mal, wenn er ihrer hundefreien Motive gewahr wurde: „Das hat sie von mir! Das habe ich auch schon fotografiert!“

Und die Bilder sammelten sich auf der Festplatte und wurden mehr und mehr. Doch, welch seltsames Geschick: Erwin ward das alles zu viel, er vermeinte, eckige Augen vom vielen Bilderbetrachten zu bekommen. Er verweigerte weitere Betrachtungen. Mehr noch: wenn sie reisten, und er, auf der Suche nach dem überragenden Motiv, sich hinter Fahnen, Büsche und spiegelnde Auslagenscheiben duckte, stieß er dort immer öfter auf seine Gemahlin, die alles vor ihm entdeckt und abgelichtet hatte.
Fürderhin stand nun ER vor den langweiligen Kirchenportalen und lernte die Reiseführer auswendig. Sein Fotoapparat ward weniger und weniger gebraucht, denn all die Arbeit des Bildersammelns für die Nachwelt tat nun seine Gemahlin mit dem neuen Silberkästchen.
Nur selten noch holte er seinen Fotoapparat hervor, und eines Tages wusste er nicht mehr, wo er sein Objektiv noch hin richten sollte, ohne dass seine Gemahlin es dort noch nicht hingehalten hatte. (Das Bild beschreibt diesen Tag) Also richtete er es – sehr zur Enttäuschung der Taube, die sich bereits fotogen in Pose geworfen hatte – gen Himmel. Doch da ward nichts außer Bläue, wolkenlose, endlos weite langweilige Bläue, das Ende aller Motive.
Und so ging Erwin hin und kaufte sich einen i-pod.

Anmerkungen:

d1w.gifBitte melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.





Michael Feistel, 22.08.2009 um 0:24 Uhr

Mit viel Entzücken habe ich dieses Stück Kurzweil in mich aufgenommen. Sehr verschmitzt und gut charakterisiert.


Andi L., 22.08.2009 um 0:40 Uhr

Mit begeistern hab auch ich diesen Text gelesen.......

du scheinst mehrere TAlente zu haben ....nicht nur knipsen :-))

deinem Mann und deinem Vater mein Mittleid deswegen :-))



Harald Walter Pöschel, 22.08.2009 um 1:33 Uhr

nix gegen oma erwin ...

.... den linsentopf hast du ohnehin gewonnen ...


wenn du versprichst, mit herrn hund und schwesterlein familiär zu teilen und mir einen rätselspruch auf wienerisch bietest, den ich auf mittelmoselfränkisch (althethitogermainsch) übersetzt mit begleitendem bilde zur allgemeinen verwirrung der fc darzupreisen ich beabsichtige, so es denn nach eurem geschmacke seie ...



stephan........, 22.08.2009 um 2:12 Uhr

.....der Heissblütige freut sich auf den Gaumenschmaus....*Lach*.....weil,längeren Text gefunden....!!!

......aber was du hier abgeliefert hast....ist schon der Hammer....Respekt,Mylady...!!!



Romana T., 22.08.2009 um 2:26 Uhr

Oha!! Also was sagt man dazu! Es gibt also tatsächlich noch gesprächigere Zeitgenossen, die sich ebenfalls an Knipsedingern zu schaffen machen!!! :-ooo

Da musstest du aber schon sehr tief in prähistorische Zeiten graben! Als das Foto hchgeladen wurde, war ja noch nicht mal der allesauslösende weiße Terrier geboren! (Erst 5 Tage später erblickte er das Licht der Welt!) :-o))))

Hm, also gut, wann gedenkst du anzureisen? Oder muss ich virtuell liefern? Den doppelt brennenden Ingwereintopf?
Übrigens sollst du nicht Respekt haben sondern dich kringeln und schnauben und prusten dass es eine Art hat (und Erwin verdutzt das Objektiv zu dir hinüberrichtet, abdrückt, und somit der Fotografenwelt vielleicht doch noch erhalten bleibt).

(Falls hier auch andere Leser eintrudeln (oder sind wir nunmehr schon alle in der fc fertig beisammen und können es uns gemütlich machen?) natürlich schnell noch der link zum Verständnis:

Fix, wie macht mn hinter einem Foto die Klammer zu sodass es auffällt? Also: Hier Klammer zu! )



miraculix.xx, 22.08.2009 um 10:10 Uhr

Aus dem richtigen Leben! :-)))))))))))
LG miraculix.xx



Jopi, 22.08.2009 um 11:21 Uhr

:))))
Nichts ist unmöglich von Jopi
Nichts ist unmöglich
Von
8.10.08, 5:09
13 Anmerkungen



Romana T., 22.08.2009 um 12:31 Uhr

Auch du Brutus --- äh, Miraculix!!! :-ooo(((


Wilhelm Wirnitzer, 22.08.2009 um 13:49 Uhr

Sind wir nicht alle - ein bisschen Erwin ...
lg vom Willi



Klacky, 22.08.2009 um 17:29 Uhr

Jetzt weiß ich wirklich, was rofl heißt.
Ich habe es getan und mir dabei den Bauch gehalten.
Hat man der ewig Wartenden wenigstens ein kleines Denkmal gesetzt, eine Plakette angebracht oder ihr Profil in die Tür geritzt?
Gruß,
Klacky



Romana T., 22.08.2009 um 18:18 Uhr

NICHTS dergleichen geschah, Klacky, nicht mal ein nebbiches R in einer Wienerwaldbuche, (es sei denn, dergleichen wäre mir aus Gründen, die nichts näher zur Sache tun, entfallen) - nur die Beiträge für die Galerie der Meuchelfotos.
Deswegen setzt sich ja die langjährig Fotografiegeschädigte hier selbst ein Denkmal, das auch noch künftigen Generationen den Weg weisen und mahnen soll....



Klacky, 22.08.2009 um 18:57 Uhr

Undank ist der Welten Lohn.
Wo die ewig Wartende bestimmt schon zu einer lokalen oder regionalen Attraktion geworden war.
Zeitungen, Bücher und Reiseführer wiesen auf sie hin.
Bei Stadtführung wurde sie erwähnt, wahrscheinlich gab es extra Führungen mit ihr als Thema, "The Forlorne Lady of Tinseltown".
Aber wir haben den Stab übernommen, werden die Stafette fortsetzen, Dein Fanal in die Welt hinaus- und in die Zukunft hineintragen.
Versprochen ist versprochen!
Gruß,
Klacky



Romana T., 22.08.2009 um 19:08 Uhr

Völlig richtig!!! In den Geschichtsbüchern wirst du dereinst als Klacky, der Versteher Einzug halten! Moos wucherte schon auf ihren Ohren und die Schwalben bauten Nester in ihren Kniekehlen!!!


Aber jetzt - jetzt kommt Bewegung in die Sache! Sie hebt den Arm, um zum Fotoapparat zu greifen und zurückzuschießen, prasselnd birst der Dreck der Zeitläufte von ihrem Rücken, aus dem Moos purzeln verstört die kleinen Käfer und Ameisen, Spinnen fliehen aus ihren zerreissenden Netzen und 8 junge Schwalben verlieren ihre Heimstatt. :-oo



Klacky, 22.08.2009 um 19:26 Uhr

Schade, aber Duck-Hedy wird sie uns samt ihren Nestern fein zubereiten. Sie sollen nicht umsonst gestorben sein:


Romana T., 23.08.2009 um 0:36 Uhr

Ach, Freund Klacky - es sei hier noch ausdrücklich erwähnt, welch Balsam dein im rofl-Modus gehaltener Bauch für die empfindsame schreibende Seele war!
Ebendiese (die Seele, schreibend) unterscheidet sich ganz erheblich von der brutalen Seele des Fotografen, die sich empfindsam wähnt, es aber nicht ist.
Erstens hat jeder Fotograf jederzeit die vortrefflichsten Ausreden bereit: Das Licht stimmte nicht (aber das einmalige Motiv MUSSTE trotzdem festgehalten werden), die Sonne blendete, der Wind wehte Sand ins Objektiv oder rüttelte gar als Sturm an des Fotografen Hand (dem leider eben sein Stativ geklaut worden war), es war ein Kratzer in der Linse, jemand hat an den Einstellungen geschräubelt, der Fotograf hatte leiderleider die falsche Kamera dabei, überhaupt ist diese Kamera ein Dreck und mit der Richtigen wären das Weltmeisterfotos geworden uswusw.--

Was aber soll der Schriftsteller zu seinen Gunsten anführen, wenn er Mist schreibt? Die Tastatur hat gestreikt?!

Zweitens ist die Kunst des Autors eine einsame. Still sitzt er (oder sie) im Kämmerlein, grübelt und schreibt, still liefert er sein Manuskript ab oder sendet seinen Text, und still wartet er auf die Reaktion, die sich in der Regel in äußerst minimalistischen Bahnen bewegt. Honoar am Konto: der Text war gut oder/aber es stand für den vorgesehenen Platz kein anderer zur Verfügung.
Kein Honorar am Konto: kann alles mögliche heißen.

Wie anders das Verhalten, das der Fotograf an den Tag legt, so er ein Foto geschossen hat, das er nicht sofort dezent in den Papierkorb verschiebt: gleich einem Huhn, das sein erstes Ei gelegt hat, hebt er ein großes Gackern und Flattern an. Es wird bearbeitet, komprimiert, in Foren gestellt, an alle Freunde und Bekannten sowie alle, die in den letzten3 Jahren eine mail geschickt haben (inklusive aller Hoaxe) versendet, wer nicht eine Stunde später mit einer Lobeshymne antwortet,wird angerufen und gefragt, ob sein PC in der Reparatur ist.
Papierausdrucke werden gemacht und alle Bekannten, Familienmitglieder und sonstigen Personen, die man vom Hörensagen kennt, werden auf offener Straße, im Büro, im Geschäft usw am Revers oder sonst einem geeigneten Griff festgehalten und erst wieder in die Freiheit entlassen, wenn der Unglückliche sämtliche Bilder sorgfältig ("nicht so schnell!") durchgesehen und in epischer Breite kommentiert hat.

Schließlich wird eine Dia- oder Bilderschau komponiert. Harmlose Gäste, die in Erwartung eines Abendessens, einer Flasche Wein und dem neuesten Klatsch zu Besuch kommen, werden arglistig getäuscht, indem verdächtige Utensilien wie Leinwand, Diaprojektor, Beamer usw zunächst unverdächtig verborgen werden, hinter Türen, Vorhängen, Schränken usw. Bis zum Dessert dürfen sich die Opfer in Sicherheit wiegen, danach wird ihnen ohne Umschweife mitgeteilt, dass sie sich jetzt auf ein paar schöne Dias vom letzten Italienurlaub freuen dürfen. Da helfen auch entgeisterte Mienen und Hinweise auf die daheim wartende einsame Katze/Großmutter usw nicht, auch faule Ausreden wie vergessene Sehbehelfe usw. fruchten wenig, denn der vorausschauende Gastgeber hat Brillen in allen gängigen Dioptriestärken lagernd. Gnadenlos werden die paar Bilder gezeigt und die Begeisterungsstürme eingefordert und wenn aus den Reihen der Gäste ab dem 520. Dia diskretes Schnarchen zu vernehmen ist......

Aber was erzähle ich - Hardcore-Fotografen wissen ja, wie das allles läuft und wer es nicht weiß, soll hier nicht verdorben werden.


Jenen Bedauernswerten, die ihre schöpferische Kraft auf das Verfassen von Texten konzentriert haben, stehen alle diese Mittel, sich das wohlverdiente Lob für ihre kreativen Leistungen zu verschaffen, nicht zur Verfügung. Denn nur selten erklären sich Gäste bereit, nach der Birne Helene noch 87 Seiten Text in 8-Punkt-Schrift zu konsumieren, obwphl sie dafür auch nicht mehr Zeit benötigten als für 420 Dias. Generationen von Fotografen haben das Feld vorbereitet, die Schreiberlinge beschränkten sich auf das Verfassen von Ansichtskarten - und das haben sie jetzt davon.

Die Welt ist nicht fair, aber Klacky hat essentiell dazu beigetragen, dass sie doch ein Stück fairer wird.


;-)))))))))))))))))



Klacky, 23.08.2009 um 9:06 Uhr

Nicht das "Oh!", Schöööön!", "Geniaaaal!" der Fotobewunderer, nicht der aufbrandende Applaus der Konzertbesucher, nicht die stehenden Ovationen samt der Rufe "Da capo al fine!" sind unser Dank.
Nein, schon die Tatsache, daß ein uns unbekannter Mensch unser Werk ein zweites Mal in der Stadtbibliothek ausleiht, ist uns Lob und Ansporn.

Das stille Leiden ist Zeichen unserer Zunft, die Wehmut und Demut und das scheu gesenkte Haupt.



Romana T., 23.08.2009 um 11:09 Uhr

Jaaaaaaaa!! Und mit jedem Tag, wo der Buchentlehner seine Entlehnfrist überschreitet (wir raffen allen Mut zusammen und erkundigen uns täglich vor Ort) hebt sich unser demutsvoll gesenktes Haupt eine Zehntel Bogenminute höher, gestärkt von der Annahme, dass sich der überziehende Entlehner nicht von unserem Geisteskind trennen kann, bloß wenn wir dann eines Tages erfahren, dass es der ist, der schon seinerzeit dne Konsalik einfach nicht zurückgebracht hat, verschwinden wir in unserem Kämmerlein und die Tränenbäche sprudeln über unsere Backen gleich den Viktoriafällen zur Regenzeit.


miraculix.xx, 23.08.2009 um 16:04 Uhr

:-))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))))


Klacky, 23.08.2009 um 19:04 Uhr

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.
Doch da ist er schon wieder, dieser Stich, diese Selbstzerstörung des Dichters, der sich hier vergleicht in einem Atemzug mit den Schaffenden der schnöden Ansichtssache.
Wie werden wir enden?



PicMic, 24.08.2009 um 11:38 Uhr

Gute Frau, ich muss sagen, Hut ab vor diesem Meisterwerk der Tippselkunst. Wäre da nicht schon der äusserst originelle Text neben Deinem Profilbild würd ich ja empfehlen, diesen umgehend durch diese zum Schmunzeln und auch ein bisschen zum Nachdenken anregende Geschichte zu ersetzen.
Habe die Zeilen mit wachsender Begeisterung genossen und auch schon bald die ersten autobiografischen Elemente zu erkennen vermeint.
Auch das Bild mit den nebeneinander in ihrer Welt versunkenen Protagonisten, getrennt nicht nur durch Deine Hervorhebung, find ich sehr passend.
Meine Hochachtung für das Gesamtwerk ist Dir sicher.
L.Gr. Michi



Klacky, 24.08.2009 um 16:30 Uhr

Hier noch ein Nachgedanke zu Deiner Geschichte:



Andreas Schlitzkus, 27.08.2009 um 22:16 Uhr

*grins*
AZ



Romana T., 28.08.2009 um 15:18 Uhr

Klacky - kannst du bitte den Versand übernehmen und das ab 20.12. (früher ist nicht nötig ;-p ) in allen Fotoabteilungen, Fotogeschäften usw aushängen?!


Holm Pajung, 6.06.2010 um 9:55 Uhr

wahrhaft meisterliches gesamtkunstwerk aus bild und text
lg HP 8-)



Romana T., 8.06.2010 um 19:51 Uhr

Oh, danke! :-)) Ich hatte echt schon vergessen dass das Textbegleitbild überhaupt noch in der Diskussion ist! :-))

LG Romana



KaPri, 14.06.2010 um 9:33 Uhr

:-))))))))


Der Könich, 28.06.2010 um 17:00 Uhr

"textbegleitbild" ist etwas, was ich mir urheberrechtlich schützen lassen würde . . . ;O))

. . . und es hub an ein lautes wehklagen unter den söhnen (und ein paar wenigen als söhne verkleideter töchter) des volkes der kastenbildzauberer, als die reine lehre, die sie noch von ihren vätern und deren väter väter gelehrt bekommen hatten, nicht mehr geachtet wurde. es verdorrten die vergrösserungsapparate, nicht länger mühten sich die jünger in dunklen kammern um mit geheimnisvollen ritualen ihre bilder auf wertvolles papier zu zaubern, nicht mehr nahmen sie die merkwürdigen und heiligen geräte in betrieb, die doch alleine seligmachende bilder zu schaffen vermochten . . .

. . . und als der letzte abgelaufene film verbraucht, das letzte entwicklerbad im gesegneten boden vor dem heiligtum der kastenbildzauberer versickert war, verwehten sie im wind, wie ein seufzer des universums . . .

tja, so böse sind wir ja nicht. aber du hast die spezies der photographen mehr als treffend ccharakterisiert, und in deiner geschichte findet sich der grund, aus dem ich grundsätzlich immer alleine photographiere . . . ;O)))

ein wunderbares lesevergnügen, romana, danke . . .

lg heinz



AKXI42, 17.10.2010 um 21:40 Uhr

irgendwie verwirrend - erst giesst du ätzenden hohn über die fanatischen knipser aus, und dann tust du es ihnen gleich, was dann aber voll o.k. und sopannend und für dein leben bereichernd ist. ? aber die geschichte als solche wie sie erzählt ist: grosse klasse - genau den scheiss wie dein vater und mann hab ich auch jahrzehntelang gemacht und schäme mich ganz furchtbar dafür - vor allem weil ich es immer noch mache!


Heinz-Dieter Steinbrecher, 18.02.2011 um 21:03 Uhr

*LachtränenausdenAugenwisch* Herrliche Geschichte, super geschrieben! Manches kommt mir bekannt vor, ich habe vorab auch dein Profil gelesen - und musste an die Rolleiflex und Exakta meines Vaters denken, die ich letztendlich geerbt habe und nun in meinem Schrank liegen - zusammen mit zahlreichen anderen Kameras...
LG Heinz-Dieter



Jänkyboy, 29.04.2011 um 12:35 Uhr

was für eine story, aber soooooooo wahr !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Und außerdem eine kurzweilige, mochte selten so lange Anmerkungen lesen, Gratulation zu diesem Kunstwerk, das unter welcher ISBN-Nummer im Buchhandel zu erstehen ist ? Schon die aufreibende Lebensgeschichte, die Dich wie ein Fluch verfolgte, in deinem Profil war Lesegenuss pur, aber diese Geschichte um Erwin, der nicht Erwin heisst, hat das Alles noch einmal getoppt. Ach, und nochwas: Da war ja noch ein Bild...
Das ist mit der Untermalung durch diese Mär zu einem wichtigen Beweismittel in beachtenswerter Bearbeitung avanciert. Ich möchte Dir im Namen der meisten fc-ler danken, alle Deine Talente für diesen Augenblick des Genießens angestrengt zu haben. (Man verfällt ja automatisch in diese hochtrabende Sprache :-))) )
Es ist ein wahrer Augenschmaus für jeden Betrachter bzw. Leser, daran teilhaben zu dürfen. Danke.
Schöne Grüße aus Nienburg, Mathias



Bruno Wansing, 10.05.2011 um 9:00 Uhr

klasse, einfach klasse! Eine wunderschöne Geschichte. LG Bruno


Anja Hölzel, 8.03.2012 um 9:53 Uhr

@Jänkyboy
wie wahr ich kann es nicht besser ausdrücken.

Danke Romana für den Leseschmaus!
Sind diese Zeilen als Buch schon erschienen. Ich kann mir vorstellen, dass deine Zeilen mit dem passenden Foto verknüpft zu einem sehr interessanten Buch werden könnten!
Also ich würde es kaufen!
danke auch an die Anderen die so treffend ihre Anmerkungen geschrieben haben !

Hut ab und Respekt gezollt.
herzlichst Anja



N. Nescio, 19.03.2012 um 19:27 Uhr

tja, was man nicht alles erlebt ...
lg gusti



Frank Dpunkt, 19.03.2012 um 19:35 Uhr

hach...


bees, 24.04.2012 um 8:36 Uhr

tausend Dank für diese Zeilen, ich hab mich an meine Kindheit erinnert gefühlt!! Ganz so aufreibend war es bei mir nicht, aber es kommt nah dran... heute kann ich ohne Knipse nicht mehr aus dem Haus gehen, ein Drama für meine Familie.... aber ich bin glücklich!!
Auch die Fotos sprechen mich sehr an, herzlichen Gruß!!



torsten.r, 26.09.2012 um 0:48 Uhr

Sehr schön geschrieben. Man erkennt die reflektierende Beobachterin. Milde Zwischentöne geben dem Erlebten Farbe.
HG
Torsten



Jens Zieglowski, 30.03.2013 um 10:07 Uhr

Eine interessante und witzige Geschichte!
Danke für den Einblick und die Antwort auf meine Frage ;-)
LG...Jens



paultutgut, 13.07.2013 um 8:10 Uhr

es ist schon ein Weilchen her, das mich ein Text so amüsiert hat ...

Danke!

LG paultutgut




d1w.gifBitte melde Dich an, um einen Kommentar zu schreiben.


 
Informationen zum Foto
  • 4.467 Klicks
  • 38 Kommentare
  • 6 mal als Favorit gespeichert
Schlagworte
Verlinken/Einbetten

Bei folgenden Diensten verlinken:




vorheriges (1921/1920)