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Konstruktive Kritik

1. Die These:

Grundsätzlich geht man davon aus, dass eine gesunde Arbeitsatmosphäre der konstruktiven Kritik förderlich ist oder durch eine solche erzeugt wird. Mögen die Meinungen bezüglich einer solchen Arbeitsatmosphäre auseinandergehen, so besteht dennoch im groben Einigkeit darüber, was konstruktive Kritik ist oder sein kann. Am einfachsten klärt man den Rahmen über das Gegenteil. Das Gegenteil der konstruktiven Kritik sei die sogenannte "destruktive" Kritik, die dem Kritisierten nicht die Möglichkeit gibt, Fehler zu beheben bzw. schon im Einzelnen als solche zu erkennen. Konstruktive Kritik beinhaltet also Tipps zur Fehlerbeseitigung, befasst sich explizit und sehr genau mit der Thematik des kritischen Objekts, versucht darauf einzugehen, die Intention des - sagen wir hier mal - Fotografen, zu berücksichtigen. Im günstigen Fall erfährt der Fotograf etwas, das ihm weiterhilft sozusagen bessere Bilder zu machen.


2. Die Frage:

Allgegenwärtig ist innerhalb der FC die Frage, warum es sowenig "konstruktive Kritik" gibt. Dabei wird bemängelt, dass ein sehr großer Teil der Anmerkungen über eine geäußerte Begeisterung oder aber einer klaren Mißbilligung der Werke nicht hinausgehen. Vor allem von dem Voting zur Galerie wird oft erwartet, dass es durch die Anmerkungen zum Lernen beiträgt.


3. Die Situation:

Sobald die Frage nach der konstruktiven Kritik gestellt wird, und das passiert ca. 1-2 mal im Monat, werden die Diskussionen zu dem Thema sehr hitzig, sehr angespannt und sehr variantenreich geführt. Es kommt dabei zu differenten Aussagen bzgl. der konstruktiven Kritik, die zeigen, dass das Thema an sich wesentlich umfangreicher ist, als es sich so mancher Fragesteller vorstellen mag. Innerhalb dieser Diskussionen werden verschiedene Beispiele erörtert und auf ihren konstruktiven Ansatz abgeklopft. Aufgrund dieser Art der Diskussion lässt sich für den unbeteiligten (aber auch beteiligten) Beobachter sehr schnell darauf schließen, dass die Ansichten im Groben durchaus ähnlich, teilweise übereinstimmend sind, aber im Detail nicht zueinander passen wollen. Es kristallisiert sich als einfacher Faden heraus, dass bei der konstruktiven Kritik innerhalb der fotocommunity Parameter mitspielen, die eine objektive Betrachtung der konstruktiven Kritik und die Forderung danach erschweren, wenn nicht gar unmöglich machen.


4. Die Parameter zur konstruktiven Kritik innerhalb der FC:

Wenn man davon ausgeht, dass es so etwas wie eine konstruktive Kritik tatsächlich gibt, dann muss man vielleicht auch einfach mal die Frage nach der Herkunft dieser Kritikform und den Ansatz stellen.

Dazu ein einfaches Beispiel:

Wenn Handwerker in einem Team zusammenarbeiten und die nächste Vorgehensweise erörtern (z.B. beim Hausbau etc.), so wäre es destruktiv, wenn einer der Handwerker, der daran beteiligt ist, den anderen einen Idioten schimpft und sein Fundament "entsetzliche Scheiße" nennt. Es würde dem Team als solches nicht weiterhelfen, die Eskalation fördern und den Bau letztendlich auf diese Weise unmöglich machen.
Da jeder der Handwerker Kenntnis von dem Ziel, dem Vorhaben und dem aktuellen Stand hat, ist es also möglich hier eine konstruktive Kritik anzusetzen, die aussagt, wie man das Fundament besser machen könnte, ohne oben genannte Vokabeln zu benutzen. Damit wäre der Effektivität unter Umständen Genüge getan, der Bau hätte die Chance voranzukommen und die Eskalation wäre vermieden.

In der fotocommunity stellt sich die Situation etwas anders da, was schon daran liegt, dass in einer solch großen Gemeinschaft verschiedene Kommunikationsformen aufeinandertreffen, und sei es nur wegen den regionalen Unterschieden, Charakteren oder Ausdrucksweisen. So ist das erste Problem sicherlich unter anderem dadurch bedingt, das "herzhaft" und "beleidigend" zwischen Stuttgart und München, Hamburg und dem Ruhrpott einfach verschieden gedeutet wird und den Missverständnissen damit Tür und Tor geöffnet werden. So ist also einer der ersten Parameter für eine erfolgreiche (noch nicht kontruktive) Kritik: Sei nett!

Um bei dem Beispiel mit den Handwerkern zu bleiben, so liegen den Handwerkern in der Regel alle diesselben Pläne vor. Der Architekt hat sie ihnen ausgehändigt, damit sie gemeinsam das Ziel sehen und erarbeiten können, also die Vorgehensweise daran ausrichten.

In der fotocommunity geraten wir damit an das zweite, und wahrscheinlich wichtigste Problem und haben damit den zweiten Parameter. "Fotos machen" ist zumeist, wenn sie nicht in einem Workshop, einem Rudelshooting oder einer gemeinsamen Session gemacht wurden, eine ähnlich einsame Angelegeheit wie das Schreiben von Büchern, Malen von Bildern oder Bildhauern. Man gerät damit in einen subjektiven, künstlerischen Bereich, der alleine ausgeführt wird und in seinen Auswirkungen stark von der Selbsteinschätzung und Reflektion des Ausführenden abhängig ist. Man mag davon ausgehen, dass derjenige, der sich mit Fotos beschäftigt, letztendlich auch zu den Betrachtern von Bildern gehört, man kann sich aber auch darin täuschen und feststellen, dass auch Menschen Bilder machen, die sich bewusst keine Bilder ansehen, keine Bildbände betrachten, keine Ausstellungen besuchen und ihr visuelles Sehen bzgl. der Fotografie aus der Tageszeitung und dem Fernsehen gewinnen.

Wie auch immer, treffen diese diversen Typen der Fotografen, die es gibt (dokumentarisch ambitionierte, künstlerisch ambitionierte und die darin enthaltenen Auffächerungen und Schnittmengen) aufeinander, so wird sie zwar das Medium verbinden und die Technik ähnlich sein, doch die Zielsetzung unterscheidet sich von Fall zu Fall so stark, dass man - um beim obigen Beispiel zu bleiben - nicht von einem gemeinsamen Plan des Architekten ausgehen kann.

Ginge man von der Möglichkeit der konstruktiven Kritik aus, so müsste es möglich sein, mit dem Bild die Zielsetzung des Fotografen zu erkennen, sein Wissen zu berücksichtigen oder mit einfließen zu lassen und eine Sprache zu sprechen, die deskalierend, beiderseitig verständlich ist.

Zu den Parametern der konstruktiven Kritik gibt es verschiedene Aussagen, die das Problem noch mal verdeutlichen:

"Wenn mein Buddy sagt, das Bild ist schön oder Schrott, so ist mir diese Aussage mehr wert, als wenn Fotograf XY die Unschärfe bemängelt."
"Der hat gesagt, mein Bild sei Schrott. Das ist doch keine konstruktive Kritik!"
"Ich habe konstruktive Kritik an seinem Bild geübt, schön sachlich und nun bin ich auf Ignore!"

In diesen drei Aussagen wird deutlich wie tief verankert die Probleme um die konstruktive Kritik sind. Im ersten Fall wird deutlich, dass es durchaus möglich ist, eine "herzhafte" Kritik zu üben, die den Kritisierten nachdenklich werden lässt und ihn unter Umständen weiterhilft. Unter Buddies versteht man nicht nur Menschen, die einem sympathisch sind, sondern auch allzuoft Leute, die fotografisch auf einer Wellenlänge liegen und das eigene Thema erkennen und ebenfalls verarbeiten.

Im Fall der ersten Aussage ist es also so, das sich die Peergroup des Fotografen, die sich gegenseitig kennt, auf eine höchst einfache Formel verständigen konnte, die sich aus dem gegenseitigen, langen Zusammenspiel ergibt, weil man die Bilder des Anderen (Kritikers) kennt und schätzt und vielleicht sogar ein Vorbild in ihm/ihr sieht. Es muss dabei niemals zu technischen Hilfestellungen kommen, denn die Tatsache, dass der Gegenüber das Bild zu schätzen weiß und eine ähnliche Bildsprache favorisiert, reicht aus.

Handelt es sich hier also für die Betroffenen um konstruktive Kritik?

Im zweiten Fall treffen zwei unbekannte Fotografen aufeinander, sehen sich ihre Bilder an und stellen wenig bis gar keine Gemeinsamkeiten fest. Naheliegend ist, dass der eine die Bilder des anderen ablehnt. Unter Umständen hat der Kritiker mit seiner Kritik möglicherweise sogar recht, Tatsache jedoch ist: diese Kritik wird nicht ankommen. Was unterscheidet sie jedoch von der scheinbar konstruktiven Kritik der erstern Aussage?

Doch allein nur die Tatsache der persönlichen Bekanntheit und Wertschätzung. Insofern ist einer der wichtigen Parameter innerhalb der fotocommunity also auch die gegenseitige Vertrautheit.

Im dritten und letzten Fall handelt es sich um ein ähnliches, aber durchaus nachvollziehbares Missverständnis, das in verschiedenen Ursachen wurzeln kann. Erstens: der Parameter der persönlichen Vertrautheit wurde nicht getroffen. Dem Kritiker erschloss sich das Bild auf einer vollkommen anderen Ebene, die dem Fotografen nicht lag, die er nicht beabsichtigte, oder vielleicht sogar bewußt vermied.
Mag sein, dass er Unschärfe bevorzugt hat und der Kritiker sachlich die Möglichkeiten der Photoshop-Nachschärfung nannte. Mag sein, dass das Bild ein Regelverstoß war, obwohl der Fotograf die Regeln kannte, und der Kritiker bemängelt genau diesen Regelverstoß. Mag sein, dass also der Kritiker durchaus Recht hat, trotzdem wird sich rausstellen, dass wir es hier mit vergebener Liebesmüh zu tun haben, denn man trifft sich nicht einmal in der Mitte geschweige denn irgendwo anders. Es ging schlicht schief. Offiziell hat der Kritiker eine konstruktive Kritik vielleicht abgegeben, tatsächlich hat sich ihm das Werk vielleicht nicht erschlossen und damit einen Fehlschuss gelandet, der bedauerlicherweise zum Ignore führte.


5. Fazit

Die konstruktive Kritik mag grundsätzlich möglich sein, aber nur dann, wenn die genannten Parameter erfüllt sind. Konstruktive Kritik muss nicht wie konstruktive Kritik aussehen, denn es gibt kein stimmiges Bild derselben. Konstruktive Kritik hat auch nichts mit Objektivität zu tun, denn die Natur der Kritik ist grundsätzlich subjektiv.
Tatsächlich ist es innerhalb der FC durchaus möglich zu lernen. Dieses ist ja der Wunsch derjenigen, die von konstruktiver Kritik als Lerninstrument reden. Lernen in der FC ergibt sich durch Sehen und Fotografieren. Schreibt User A unter ein Bild "Das ist aber schön!", so kann es für den Kritisierten (hier User B.) durchaus hilfreich sein, wenn er sich die Bilder des Kritikers einmal ansieht, die Tipps und Vorgehensweisen darunter liest, und einfach mal selbstkritisch frägt, ob er froh über dieses Kompliment ist oder ob er einen anderen Fankreis ansprechen möchte.

Der kritische Umgang mit der Begeisterung, die einem entgegengebracht wird, ist der erste Schritt in die Reflektion und die Deutung der Kritik. Es ist jederzeit möglich in der FC durch Kommunikation und Nachfragen zu lernen. Lernen ist z.B. dadurch möglich, dass man Tricks erfrägt, und nicht darauf hofft, dass sie einem quasi per Kritik vor die Haustür gelegt werden. Die fotocommunity hat einen Schwerpunkt in der Userkommunikation, die verbindende Wirkung hat und zum Ausstausch taugt.

Grundsätzlich gilt: Eine jede Kritik geschieht in einem Kontext, denn man selbst erschließen kann und der auch sehr deutlich wird, wenn man die Bilder und das Umfeld betrachtet, aus dem sie kommt. Konstruktiv muss sie eigentlich nur insofern sein, dass sie eindeutig und nicht mehrdeutig ist.

Siehe auch

Weblinks

  • Ah-Bah! (http://www.voegtli.net/gallery/docs/ahbah/index.html) Die interaktive Anleitung zur konstruktiven Bildbetrachtung, für Anfänger und Fortgeschrittene - von Roland Vögtli.



  Letzte Änderung: 10:11, 17. Jul 2006 von Sven Karpuschewski . Basiert auf dem Text von Lars Ihring und Franz-Josef Wirtz und anderen. - Aufrufe: 15226
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