Lost Places – Die Faszination verlassener Orte und Ruinen

Lost Places - Bild 10Ein Gastartikel von go2know – Geheime Orte entdecken

Oscarpreisträger tummeln sich im Berliner Speckgürtel. Die Stars der Musikszene durchstreifen die Brandenburgische Provinz und die besten Modelabels schicken ihre neuesten Kollektionen mitsamt Models in das ostdeutsche Nirgendwo.

Es sind Ruinen, die so genannten Lost Places. Verlassene Sanatorien, stillgelegte Fabriken und verfallene Kasernenanlagen sind heute weltweit geschätzte Drehorte und Shootingmotive. Einst tobte in ihnen das Leben. Inzwischen sind sie still und verwaist. Wer sie heute erkundet, der entdeckt verborgene Motive, die vergessenen Schätze früherer Zeiten.

Lost Places - Bild 35Relikte der Vergangenheit:

Gerade in den neuen Bundesländern finden sich unzählige dieser Relikte der Vergangenheit. Die Geschichte und ganz besonders die russische Besatzungszeit bringen das so mit sich. Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde Deutschland zu hohen Reparationsleistungen verpflichtet. Die Sowjets nahmen dieses Thema sehr ernst und begannen in ihrer Besatzungszone umgehend mit der Demontage ganzer Fabriken. Oftmals blieben nur die Grundmauern zurück.

Schon bald bemerkten sie jedoch, dass dies zu schwerwiegenden Problemen im Wiederaufbau Ostdeutschlands führte. So wurden viele der entkernten Industrieanlagen, nun ohne Maschinen, wieder in Betrieb genommen. Die Mangelwirtschaft in den Folgejahren sorgte jedoch dafür, dass viele der Gebäude zunehmend verfielen und der Umweltschutz keine wichtige Rolle spielte.

Weite Flächen der 1949 gegründeten DDR wurden außerdem von den Sowjets selbst genutzt. Neben den unzähligen Militäranlagen und Garnisonen benötigten sie Krankenhäuser, Schulen und kulturelle Einrichtungen. Zumeist nutzten sie dafür bestehende Objekte weiter. In das Stabsgebäude der Wehrmacht in Wünsdorf zog das Oberkommando der GSSD ein. Im ehemaligen Reichssportsanatorium Hohenlychen wurden erst ein Feldlazarett und später eine Mutter-Kind-Klinik untergebracht.

Lost Places - Bild 26Verfall der Gebäude:

Am Ende trugen alle von den Russen genutzten Objekte ein ähnliches Los. Sie wurden heruntergewirtschaftet und stark vernachlässigt. Mit dem Fall des eisernen Vorhangs und der darauf folgenden deutschen Wiedervereinigung wurden diese Missstände bekannt und ein echtes Problem. Viele Gebäude waren nicht mehr nutzbar, Böden verseucht und Fabriken nicht wettbewerbsfähig oder einfach unbrauchbar. Hinzu kamen massive, politische Fehler im Einigungsvertrag, Inkompetenz und Blindheit in der Treuhand und die teilweise unmenschliche Spekulationswut zumeist westdeutscher Investoren.

Noch heute finden Teilnehmer der go2know-Fototour im alten Konsum Fleisch- und Wurstwarenwerk Berlin Unterlagen über das Verhalten der ehemaligen Besitzerin, die das Werk kurz nach der Wende für eine symbolische Mark erwarb und sich nach nur drei Jahren aus dem Staub machte. Natürlich, nachdem das Inventar geldbringend verkauft wurde. Den Betrieb und die Belegschaft ließ sie zurück. Die alten Gründerzeitgebäude sind seit dem leer stehend. Die Folgen solcher Ereignisse beschäftigen uns bis heute. Massiver Leerstand, schlecht vermittelbare Objekte und ungeklärte Eigentumsverhältnisse.

Für kreative Köpfe bedeutet dieser Missstand heute allerdings auch ein kleines Paradies. Hollywoodfilme können an Originalschauplätzen gedreht werden. Werbeagenturen finden für jedes Lebensgefühl ein passendes Motiv und Fotografen entdecken Bildwelten für die ausgefallensten Fotoserien. Bei der Nutzung solcher verlassener Orte gibt es jedoch Vieles zu beachten. Das beginnt bei den Motivrechten und endet nicht zuletzt bei weit reichenden Sicherheitsaspekten.

Lost Places - Bild 6Die Motivrechte:

In Deutschland gibt es keine Liegenschaft die nicht im Besitz einer Person, einer Gesellschaft, eines Vereins oder einer Behörde ist. Somit gibt es für jedes Objekt auch einen Erlaubnisgeber, der seine Zustimmung zum Betreten und Ablichten des jeweiligen Ortes erteilen muss. In der Regel haben die Eigentümer wenig Motivation fremde Personen auf ihre Gelände zu lassen. Wer ein Gelände oder Gebäude jedoch unaufgefordert, also illegal betritt oder ablichtet macht sich nach §123 StGB und §823 BGB strafbar und riskiert bis zu einem Jahr Haft. Darüber hinaus kann jeder Fotograf zu Schadenersatz verpflichtet werden wenn ihm nachgewiesen wird, dass sich die entstandenen oder sogar veröffentlichten Bilder negativ auf z.B. die Vermarktung des jeweiligen Objektes auswirken. In der Folge würde das bedeuten, dass diese wunderschönen, historischen Schätze unserer Vergangenheit über die Zeit unbeachtet verschwinden würden.

Damit konnten wir uns nicht abfinden und gründeten aus diesem Grund die Firma go2know. Fotografen und Freizeitentdecker bekommen so die Möglichkeit die Perlen der verlassenen Orte völlig frei und legal zu erkunden, abzulichten oder für Shootings zu nutzen. Die Motivrechte werden zwischen den Eigentümern und go2know geregelt, sodass kein Teilnehmer selbst über lange Zeiten den Genehmigungen hinterher laufen muss.

Lost Places - Bild 38Sicherheitsaspekte:

Jeder Ort, der längere Zeit leer steht verfällt zunehmend. Der natürliche Verfall beginnt mit dem ersten ungenutzten Tag der Liegenschaft. Durch undichte Dächer dringt Feuchtigkeit in die Gebäude, Farben lösen sich von den Wänden und das Holz der Fensterrahmen quillt auf, wodurch irgendwann die Fensterscheiben zerdrückt werden . Wilde Tiere übernachten in den windgeschützten Bereichen. Durch Fugen wachsen erste Wurzeln und schon bald entstehen kleine Birken und Farn. Als zusätzlicher Katalysator für den Verfall wirkt meist der Mensch selbst. Schrottdiebe, Vandalen und Trophäenjäger geben den Gebäuden meist den ersten oder letzten Schlag.

Die Einen handeln aus wirtschaftlichen Gründen, die Anderen aus purer Lust an der Zerstörung. Während einer unserer Fototouren in einer verlassenen Heilstätte griffen wir mal eine Personengruppe auf, die gerade das historische Hauptportal eintrat. Als die von uns hinzu gerufene Polizei eintraf wollte diese Personengruppe uns anzeigen, weil wir ihr in ihrer Zerstörungswut keinen freien Lauf lassen wollten. Ihr Kommentar zur Polizei: „Wir haben gehört, dass hier eh schon alles kaputt ist. Da sind wir jetzt einfach mal 300km gefahren um noch etwas weiter zu machen. Ist doch völlig OK“.

Die Folgen des natürlichen Verfalls sind von den Fotografen zumeist erwünscht. Sorgen sie doch für den romantischen Kontrast und die geheimnisvolle Stimmung auf den Bildern. Wo früher Rinderhälften verarbeitet wurden oder FDJ-Kader lebten fotografieren wir heute eine marode Atmosphäre oder einen sinnlichen Akt. Die Folgen der Zerstörung durch Menschenhand sind für die Gebäude und uns Fotografen weitaus schlimmer. Sie reichen von zerstörten Motiven bis hin zu Gefahren für Leib und Leben. Da werden z.B. Fenster eingeworfen, Feuchtigkeit tritt ein, Schimmel entsteht und Holz verfault. Das Ende der Geschichte ist wieder ein Fotograf mehr, der durch einen vergammelten Dachstuhl gefallen ist.

Lost Places - Bild 3Die Top10 der häufigsten Gefahrenquellen an verlassenen Orten:

  1. Dunkelheit
  2. Bodenlöcher (manchmal verdeckt unter Laub, Schnee o.Ä.)
  3. Glasscherben
  4. nach oben oder in den Laufweg ragende, rostige Nägel
  5. Glätte am Boden (z.B. durch Moos, Laub oder Dreck)
  6. Decken- und/oder Wandvorsprünge
  7. morsche Holzkonstruktionen (Dachböden, Treppen, Geländer usw.)
  8. Stolperstellen (z.B. durch Unebenheiten oder Draht am Boden)
  9. herunter fallender Putz und von der Decke fallende Gegenstände
  10. Vandalen, Schrottdiebe und andere unerwünschte Personen

Im zweiten Teil (erscheint am 06.03.2014) beschäftigt sich go2know dann mit der passenden Fotoausrüstung für einen Ausflug in die verlassenen Ruinen. Weiterhin werden einige wichtige Regeln verraten, damit der Besuch von einem „Lost Place“ möglichst ungefährlich verläuft.