Die Faszination des Vergessenen

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Heute ist der Blogger Holger Bär zu Besuch im fotocommunity Blog und mitgebracht hat er einen spannenden Artikel zur Faszination von “verlassenen Orten”. Natürlich gibt es bei uns auch eine Sektion zum Thema – schaut doch mal rein.


Holger Bär schreibt:
Vielerorts trifft man auf alte verlassene Gebäude. Oft von außen unscheinbar oder in völlig verwahrlostem Zustand. Die Mehrzahl der Menschen machen um solche Plätze einen großen Bogen. Manches liegt sogar verborgen und viele wissen nichts von deren Existenz. Was für Beweggründe sollte es also geben, diese manchmal nicht ganz ungefährlichen Orte zu besuchen?
Ein Teil meiner Bekannten schüttelt schon ab und an den Kopf und fragt mich, was ich denn an solchen heruntergekommenen Buden finde. In meinem Fall ist es so, daß ich schon seit meiner Kindheit von alten verlassenen Gebäuden fasziniert bin. Um ehrlich zu sein, bin ich auch unheimlich neugierig und will nur allzu gerne erfahren, was sich hinter den Türen und Mauern befindet. Hier kommen dann die Entdeckerlust und der Reiz des Verborgenen und Geheimnisvollen dazu. In Kombination mit meinem liebsten Hobby der Fotografie, für mich die beste Symbiose.

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Der marode Charme, der von diesen vergessenen Orten ausgeht, zieht mich immer wieder in seinen Bann. Zu beobachten, wie diese menschenverlassenen Orte von der Natur und Tierwelt zurückerobert werden, oder durch den Zerfall sozusagen eine “Neugestaltung” stattfindet hat für mich einen unbestreitbaren Reiz. Viele Gebäude verlieren selbst durch den Verfall kaum etwas von ihrer einstigen Ausstrahlung. Oft erreichen sie durch das Wechselspiel von Licht und Schatten eine neue Art facettenreicher Schönheit. Architekturfinessen, versteckt hinter Staub und Spinnweben, hinterlassene Alltagsgegenstände und Kleidung, aber auch Bauten die eine gewisse Machtstellung vermuten lassen, all das weiss zu faszinieren.
Die Art der Fotografie, welcher ich hier nachgehe, ist meist unter dem Begriff “Urban Exploration” eingeordnet. Frei übersetzt “Stadterkundung” – wobei für mich die verlassenen Gebäude und Fotomotive klar im Vordergrund stehen. Ich halte das Gesehene in Bildern fest, bei denen mir persönlich der künstlerische Aspekt klar vor dem dokumentarischen steht. Somit könnte man auch sagen, daß ich den Urgedanken, nämlich das Erkunden, nicht an erste Stelle setze. Bei mir dominiert ganz klar die Suche nach den für mich reizvollen Motiven.
Ich möchte mit meinen Fotos die Faszination dieser Orte möglichst ästhetisch wiedergeben. Das Spiel mit Licht und Schatten, das Gebäude auch mal von einer anderen Perspektive zu betrachten und seine Details festzuhalten, gehört bei meinen Fototouren zum Hauptbestandteil. Außerdem gefällt mir der Gedanke, diesen Locations auf meine Weise noch einmal Respekt zu zollen. Viele von ihnen werden nicht mehr lange existieren und so bleiben, wenn auch nur durch Bilddokumente, kleine Stücke davon erhalten.
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Viele die Urban Exploring nachgehen befassen sich vor dem eigentlichen Betreten der Objekte mit deren Geschichte, ich wähle meist den umgedrehten Weg. Hat mir die Location gut gefallen oder bleiben nach dem Besuch für mich Fragen offen, recherchiere ich, um noch mehr darüber zu erfahren. Meist haucht die Geschichte diesen Orten nochmals Leben ein.
Zum Schutz dieser Locations wird man auf meiner Webseite Visual-Dreams.de wenig zur Geschichte finden, genauso sucht man dort nach Ortsangaben vergebens. Dies sollte jeder im Hinterkopf behalten, der solche Fotos veröffentlicht. Unbedachtes preisgeben von Informationen kann sehr schnell zu “Endzeittourismus” führen. Jedem sollte zudem bewusst sein, daß verlassene Gebäude noch lange nicht ohne Besitzer sind. Wenn man ohne Erlaubnis in ein Gebäude geht, macht man sich unter Umständen des Hausfriedensbruchs strafbar. Dieser Artikel soll dazu keinesfalls ermutigen.
Bei meinen Touren sehe ich leider häufig nicht nur schöne Dinge, sondern auch sehr viele Arten der Zerstörung und des Vandalismus. Oftmals wird ohne jeden Respekt mit den Objekten umgegangen.
Deswegen halte ich mich bei meinen Touren an folgenden Grundsatz:
“TAKE NOTHING BUT PICTURES, LEAVE NOTHING BUT FOOTPRINTS.”
Dies ist ein Satz, den man immer wieder im Zusammenhang mit Urban Exploring lesen wird. So abgedroschen dieser vielleicht auch klingen mag, sagt er fast alles aus was an “Verhaltensregeln” (manche sagen auch gesunden Menschenverstand dazu) zu beachten ist.
• Es wird keine Gewalt angewendet, um in Gebäude zu gelangen. Wenn Türen und Fenster verschlossen sind und man keinen anderen offenen Zugang findet, dann ist es zu. Es kam schon öfters vor, dass ich unverrichteter Dinge wieder abreise.
• Gehe sorgsam mit der Einrichtung um. Hinterlasse alles so, wie du es vorgefunden hast. Nichts verbleibt an dem Ort, was dort nicht war, besonders kein Abfall.
• Nichts wird mitgenommen oder gar zerstört.
• Schriftdokumente oder Einrichtungsgegenstände geben einem Gebäude erst seinen Charakter, sie zu zerstören oder zu entfernen raubt ihm seine Seele. Ich selbst distanziere mich von jeder Art von Vandalismus und möchte an dieser Stelle auf die Kampagne Urbexers against Vandalismus (http://www.urbexersagainstvandalism.com) hinweisen.
Ich mache mir immer wieder bewusst, daß ich mich meist in ziemlich baufälligen Locations befinde. Unbedachte Aktionen können aus diesem Grund sehr schlimme Folgen haben. Die Gesundheit meiner Begleiter und meine eigene hat bei meinen Touren die höchste Priorität. Alles andere steht an zweiter Stelle. Marode Böden, die durchbrechen, zersplitterte Fensterscheiben, Decken und Wände, die einstürzen können, aber auch unsichtbare Gefahren wie Gas, Gift, Schimmelsporen, etc. könnten vorhanden sein. Bei einer Tour stand ich vor einem Tisch, auf dem eine Styroporplatte lag … dachte ich zumindest. Nach näherer Betrachtung war es dann doch eine ca. 4 cm dicke Schimmelschicht.
Aus den oben genannten Gründen gehe ich nicht alleine auf solche Entdeckungstouren. Um wenigstens manche Gefahren etwas zu minimieren, sind je nach Tour Helm, Handschuhe, robuste Kleidung, Taschenlampen und Atemschutz Grundausrüstung. Natürlich ergänze ich diese Auflistung je nach Begebenheiten. Zu meinem Fotoequipment gehören immer ein Stativ, diverse Objektive, Fernauslöser und selten externe Blitze. Meist versuche ich eher mit Taschenlampen oder, wenn irgendwie möglich, unter Einsatz des verfügbaren natürlichen Lichts eine ausgewogene Stimmung zu erzeugen. Manchmal bin ich aber auch an Orten unterwegs, die kein Sonnenstrahl erreichen kann.
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Die Faszination hat mich gepackt und so begebe ich mich immer wieder auf Erkundungstouren, um weitere alte Plätze zu entdecken. Egal ob ehemalige Industrieanlagen, verlassene Villen, Sanatorien oder unterirdische Keller- oder Bunkeranlagen. Oft überkommt mich das Gefühl einer Zeitreise. Ich stelle mir gerne vor wie Menschen hier gelebt und gearbeitet haben, wo ich jetzt mit der Kamera umherstreife. Des Öfteren versuche ich mich in die Zeit hinein zu versetzen, als die Räume mit Leben gefüllt waren. Die Ruhe, die meist an diesen Orten vorherrscht, kann die verschiedensten Gefühle auslösen, von entspannend bis beunruhigend.
All dies versuche ich auf meinen Fotos festzuhalten, um den Betrachtern das Gefühl zu geben, mit mir diese Orte zu besuchen und zu erkunden. Ich hoffe das mir dies mit der ein oder anderen Aufnahme gelingt und dieser kleine Artikel meine Faszination für das Vergessene euch etwas näher gebracht hat.
Weitere Aufnahmen findet man auf meiner Webseite http://www.visual-dreams.de.

5 thoughts on “Die Faszination des Vergessenen


  1. Finde ich klasse. hast du irgendwo etwas, was man sich mal anhören kann?

  2. Mein Kommentar zu “schaut doch mal rein” an dieser Stelle wäre:
    “hört doch mal rein”
    Zeit meines Lebens bin ich ein Mensch geblieben, der sich trotz Fotohobby von optischen Eindrücken nie hat überwältigen lassen.

  3. Hallo,
    Obwohl ich Bilder dieses Genres hier nicht zeige, habe ich mich in der Vergangenheit auch etwas intensiver mit maroden Locations beschäftigt.
    Bereits am Anfang nahm ich mir vor, stets auch nach oben – nach den maroden Dingen, die irgendwo marode hingen und einen fallend hätten erschlagen können, zu schauen.
    Als ich das erste Mal so ein altes Gebäude betrat, beeindruckte es mich vor allem akustisch; das Gebäude war windoffen und hoch oben auf Trägern lebten Tauben – Tiere, die ich sehr mag. An jenem windigen Tag mischte sich das Gurren der Tauber und das Singen des Windes mit dem Hall im Gebäude.
    Nach diesem so unglaublich schönen akustischen Erlebnis kaufte ich mir einen Soundrecorder, um solch eine akustische Stimmung in Zukunft mal festhalten zu können.
    Auch ich – geprägt von tausend Vorurteilen – hatte anfangs Angst vor dem Kot, der sich dort – in solchen maroden Locations – und auch in meinem akustisch so beeindruckendem Gebäude angesammelt hatte.
    Aber ich fand bald zu einem umsichtigen Verhalten, wenn ich solche Locations betrat.
    Trotz des Taubenkots wurde meine Liebe zu Tauben kein bisserl kleiner.

    Grüße
    Ich hoffe, den Holger haben meine kleinen Schilderungen hier nicht allzu sehr gestört.

  4. Sehr venünftige Einstellung zum Verhalten auf Fototouren in solchen Locations :-) Ich habe selbst viele solche besucht und war immer wieder entsetzt über den sinnlosen Vandalismus, der keinerlei Respekt vor historischen Orten und Baukunst zeigt…

  5. Wirklich feine Bilder und eine aufklärende und nette Geschichte gibt es dazu! Top!