Das war die Editors‘ Choice
im Mai 2020

Foto: retrospektiva von Paulina Streinz

In Editors‘ Choice wird jede Woche ein Foto präsentiert, das aus unserer Sicht eine Herausstellung verdient hat. Die Arbeiten sind uns aufgrund ihrer Bildwirkung besonders im Gedächtnis geblieben, sie haben uns emotional berührt oder sie zeichnen sich durch ihr besonderes kreatives bzw. gestalterisches Potenzial aus.

Die „Editors‘ Choice“ im Mai 2020 war:

 

run !

Ein besonderes Street – direkt aus dem Leben – eine Szene, wie sie eindrücklicher kaum sein kann. Als Betrachter gewinnt man den Eindruck, dass das Leben an diesem Ort kein einfaches ist. Das Geschehen spiegelt die Trostlosigkeit der Umgebung wider. Man könnte meinen, dieses Foto stammt aus einer vergangenen Zeit. Das dem nicht so ist, erfahren wir vom Autor in einem der Kommentare und darüber hinaus auch noch eine interessante Geschichte zum Hintergrund des Bildes.

Gestaltung und technische Umsetzung betonen die Wirkung der Szenerie. Das in der Unschärfe liegende davonrennende Kind im Zentrum des Vordergrundes lenkt auch durch den abgewandten Blick die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die offenbar gewalttätige Gruppe Jugendlicher. Die von Häusern gesäumte, sich in den Hintergrund verjüngende Straße, verleiht dem Bild eine besondere Tiefe und Räumlichkeit – und sie betont die Monotonie und Ausweglosigkeit der Szene. Die Ausarbeitung der Kontraste in Verbindung mit dem groben Korn geben dem Foto den Charme des Vergangenen, wohl wissend, dass es sich hier um die Realität der Gegenwart handelt.

run ! von Conquest

 

Eine fotografische Beobachtung

Eine alltägliche Szene, wie sie uns gut bekannt ist. Und dennoch wirkt dieses Foto auf besondere Weise. Der enge Schnitt reißt das Trio aus dem Kontext, lässt den Betrachter im Ungewissen, wo oder wann dieses Gespräch stattgefunden haben mag. Nichts gibt Aufschluss darüber, ob sich die Handlung jetzt oder vor langer Zeit abspielte. Das weiche Licht umspielt die Personen sanft und verleiht dem Foto gemeinsam mit den in die Unschärfe laufenden Säulen Plastizität.

Drei Personen im Gespräch – oder doch nur zwei? Damit stellt sich die nächste Frage. Interessant, was wohl der Inhalt des Gedankenaustauschs sein könnte oder in welchem Verhältnis die Personen stehen. Ist die Frau nur stille Zuhörerin? Nimmt sie aktiv am Austausch teil oder lauscht sie andächtig der Diskussion der beiden Autoritäten?

Dem Betrachter stehen alle Interpretationsmöglichkeiten offen, seine Geschichte zum Foto zu finden.

Eine fotografische Beobachtung von Vladimir Rolov

 

Z E R R I S S E N H E I T

Ein aussagekräftiges Bild bedarf nicht unbedingt neuester Technik, wie uns die Autorin hier eindrucksvoll vermittelt. Ein Motiv, an dem die allermeisten wohl achtlos vorbeilaufen würden, das bei der Fotografin jedoch besondere Emotionen ausgelöst hat.

Dominant drängt sich die Farbe Orange ins Bild – in den Vordergrund. Die Person, teilnahmslos – fast schon überheblich und arrogant – im Hintergrund. Zerrissenheit – bildlich und im übertragenen Sinne.
Die Fotografin schreibt: „Zerrissenheit der Zwiespalt des Individuums, eine Bedrängnis der Seele, ein inneren Konflikt zwischen Wünschen und Wirklichkeit.“ Verkennt die Person im Hintergrund die aktuelle Situation? Wird sie von ihr überrascht oder überrannt?

Eine wunderbares Street, nicht ganz herkömmlich, das anregt und berührt. Vielleicht passt es gerade deswegen besonders gut in das aktuelle Zeitgeschehen. Grund genug für die Redaktion, dem Bild im EC einen Platz einzuräumen.

Z E R R I S S E N H E I T von Sichtweise CR

 

Ombrière

Die spiegelnde Decke des Pavillon am Vieux Port in Marseille ist ein Sinnbild für verzerrte Realität – auch oder gerade im Hinblick auf die aktuellen Ereignisse. Proportionen ändern sich je nach Betrachtungsweise; Unwichtiges wird wichtig, Kleines wird groß – verliert dabei aber an Details.

Der Fotograf hat dies in seiner Komposition perfekt zum Ausdruck gebracht. Im perfekten Moment ausgelöst, ergibt die Anordnung der Protagonisten ein ausgewogenes Bild. Der Eckenläufer führt den Betrachter ins Geschehen, die Blicklinien der Schattenrisse lassen seinen Blick wandern und halten ihn im Bild.

Die Aufmerksamkeit konzentriert sich dabei auf das Spannungsverhältnis zwischen der Taube und der Dreiergruppe. Die Linien und Personen links im Bild halten das Foto im Gleichgewicht. Das quadratische Format bringt Ruhe in das dynamische Geschehen, die Graustufenumsetzung reduziert das Bild auf das Wesentliche.

Ombrière von Gerhard Hucke

 

Mehr Editors‘ Choice findest Du hier.